1 Pessoa, Fernando, Das Buch der Unruhe, Fischer: Ffm., 1987, S. 100
2 Lévinas, S. 221, Das Wort ist auch im Originaltext hervorgehoben, diese wurde hier nur weiter verstärkt, um auf den besonderen Charakter des Horizonts aufmerksam zu machen: Er ist zugleich die Grenze der wahrnehmbaren Welt, dabei aber nie greifbar - wer je versucht hat, den Horizont zu erreichen, ist sicher heute noch unterwegs. Ähnlich ergeht es allen Versuchen die Grenze der Sprache auszuloten.
2
Inhalt
Anstelle einer Einleitung. 4
I. Mythos Medea. 8
I.1 Der Ursprung. 8
Erstes Intermezzo - der Mythos vom Mythos. 12
I.2 Euripides’ Medea. 17
Zweites Intermezzo - „imaginierte Weiblichkeit“ und
„Weiblichkeitswahn“................................................................. 23
II. Das Schweigen. 27
III. Die Andere in Vielen - Christa Wolfs Medea. 34
Literatur 44
3
An Stelle einer Einleitung
Es wird wohl nie jemand - gleich Borges’ Bibliothek von Babel 4 - eine Bibliothek eröffnen, in welcher sich in ihren heiligen Hallen auf hunderten Metern hoher Regale das gesammelte Schweigen der Menschheit drängt. Auch wüsste sicher niemand, wie diese Sammlung auszusehen hätte. Es wäre doch paradox zu glauben, man könne es in die Form eines Buches füllen. Vielmehr ist es denkbar, dass es, um das Schweigen aller Menschen räumlich zu ve rsammeln, nur eines Punktes bedürfte. Dafür wäre andererseits jedoch eine (unbekannt, da verschwiegen) gewaltige Menge an Zeit notwendig, denn eines ist gewiss: es haben bisher, mehr Menschen länger geschwiegen als gesprochen.
Unter Umständen würde jemand den Einspruch erheben, all dies Schweigen, auch in seiner überwältigenden Fülle, wäre diesen Aufwand nicht wert, da wert- und sinnlos. Immerhin habe doch Schweigen nur eine Form, nämlich die der Abwesenheit von Sprache - ergo Stille; und darüber hinaus wären doch die unzähligen Schweigen, nachdem einmal wie Wasser in einen Behälter gegossen, nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Welchen Sinn hätte es dann noch? Man könnte noch über verschiedene Gründe zu schweigen nachdenken, doch Beispiele ließen sich aus der riesigen Masse von Wort-und Lautlosigkeit nicht mehr herauslösen. Macht also schon die Idee einer solchen Bibliothek keinen Sinn?
Sicher zweifelt an dieser Stelle des Textes niemand am „Nein“ als Antwort, denn wenn dem so wäre, müsste meine Arbeit hier aufhören und das tut sie offensichtlich nicht. Das soll nicht heißen, dass ich das beschriebene Projekt der Bibliothek angegangen wäre, ich bin mir nicht einmal seiner Durchführbarkeit sicher, doch wollte ich die Idee nicht verschwiegen haben, da dies
3 Benjamin, Walter, Metaphysik der Jugend, in: Ders.: Gesammelte Werke II.1, Suhrkamp: Ffm., 1991, S. 96 4 In dieser Geschichte entwirft Borges eine Bibliothek, in der alle je möglichen Bücher beliebiger Buchstabenkombination - also auch die völliger Sinnlosigkeit - vorhanden sind. (Borges, Jorge Luis, Die Bibliothek von Babel, in: Ders: Die Bibliothek von Babel. Erzählungen, Reclam: Stuttgart, 1974)
4
dem Schweigen als Phänomen zweifellos oft genug widerfahren ist. So seltsam es auch klingen mag, hat doch das Schweigen eine rege (wenn auch weitgehend unbekannte) Geschichte des Verschweigens hinter sich. Und genau hier trifft es sich mit der Frau (als solche), denn auch sie kann nicht wirklich auf eine Geschichte zurückblicken, die einen Anspruch auf zweifelsfreie Wahrhaftigkeit erheben könnte.
Erstaunlich ist, dass beide, was vorhandene Spuren ihrer Vergangenheit angeht, sich auf Fremdzeugnisse stützen müssen. Für das Schweigen leuchtet das noch ein, denn es schiene fraglich, wie es für sich selbst sprechen könnte - ergibt sich doch aus dieser Vorstellung zwangsweise ein Paradox: das sprechende Schweigen würde sich selbst negieren und demnach sofort auflösen, sobald es von sich (oder etwas anderem) zu sprechen beginnen würde. Dennoch soll (natürlich) im weiteren Verlauf vom Schweigen die Rede sein und dabei auch die Frage nicht ve rschwiegen werden, ob und wie denn das Schweigen selbst zu Wort kommen könnte, ohne seine Existenz zu verneinen.
Die Frau muss sich beim Studium ihrer Geschichte (,wenn sie überhaupt singulär einsehbar wäre,) eines männlichen Blickes bedienen, da dieser, sicher nicht aus Uneigennutz, die Aufgabe und das Privileg der Geschichtsschreibung übernommen hat. 5
Es scheint, wir befinden uns an einer Kreuzung, denn wieder trifft jemand auf dieser Straße mit den beiden schon Anwesenden zusammen - Medea. Auch ihre Geschichte ist eine, die nahezu ausschließlich von Männern niedergelegt wurde. Das ist angesichts der Tatsache, dass eigentlich alle Geschichte und ein Großteil der gesamten Literatur aus männlicher F eder stammt, sicher nichts besonderes, doch ist das kein Grund, nicht darauf hinzuweisen. Denn es steht außer Frage, dass Männer auf andere Art und Weise und mit eigener Motivation diese Geschichte niedergelegt haben, als Frauen es getan hätten. Daher muss dieser Sachverhalt bei der Untersuchung von Medeas Reise durch die Jahrtausende immer mitreflektiert wer- 5 Dieseso lapidar hingeworfene Beschreibung soll den dargestellten Sachverhalt keineswegs in Zweifel ziehen oder seine Bedeutsamkeit herabsetzen, er wird im Weiteren noch ausführlicher und klarer dargelegt und untermauert werden.
5
den, denn er hat dazu geführt, dass bestimmte Dinge betont und andere ve rschwiegen wurden. Und warum Medea?
Weil sie eine Frau ist. Jedoch nicht irgendeine, obwohl im Sinne Walter Benjamins (und seiner Vorstellung vom beachtenswerte n Müll der Weltgeschichte) sicher jede Frau am Rande der Weltgeschichte einer eingehenden Betrachtung würdig wäre. Dennoch soll es um Medea gehen, denn sie ist einerseits eine Polarisationsfigur männlicher Weiblichkeitsprojektionen und zugleich in den letzten Jahren innerhalb der verstärkten Selbstbeschreibung durch Frauen eine Identifikationsfigur weiblichen Schreibens. 6 Und weil zu einer guten Kreuzung eigentlich immer vier Straßen gehören, kommt als letzter noch der Mythos in den Kreis der Besehenen. Seine Gemeinsamkeit mit den anderen, die sich über die besondere Verfasstheit ihrer Geschichte identifizieren, ist nicht unbedingt offensichtlich, geht man doch allgemein davon aus, dass der Mythos zeitlos ist. Doch bei einem zweiten Blick ist schnell klar, dass er „sehr wohl eine Geschichte hat: die seiner Interpretation.“ 7 Durch die lange Zeit von Geschichtsschreibung und Dichtung (immerhin waren diese im antiken Griechenland etwa nicht voneinander zu trennen) hindurch verändern sich Form, Inhalte und Bedeutung beträchtlich und meist bleibt nur ein geringer Kern identisch. So ist der antike Ödipus etwa nach seiner anstrengenden Reise durch die Dramenlandschaft aller Epochen und schließlich der Heißmangel der Psychoanalyse weit von seinem Ursprung entfernt.
Nun, wo sie schon alle vier - das Schweigen (als das prototypische Außen), die Frau (als prototypischer Schweiger), Medea (als prototypische Frau), und der Mythos (als erste Besitzergreifung aller drei) - hier auf einer Kreuzung versammelt stehen, sollen sie auch zu Wort kommen, oder wenigstens sollen die Worte miteinander ringen, die über sie auffindbar waren. Pate bei diesem Gespräch steht das Werk Christa Wolfs und vor allem ihr Buch „Medea.
6 Zu Beginn, vor allem jedoch der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich eine Vielzahl von Texten weiblicher Autoren zum Medeatops ausmachen, so etwa die von Gertrud Kolmar(1930), Marie Luise Kasch-nitz(1943), Anna Seghers(1948), Helga Novak(1977), Ursula Haas(1987), Dagmar Nick(1988), Christa Wolf(1996) und zuletzt Ljudmilla Ulitzkaja(1996) (dokumentiert in: Lütkehaus, Ludger[Hrsg.], Mythos Medea, Reclam: Leipzig, 2001)
7 Münkler, Herfried, in: Rosenkranz-Kaiser, Jutta, Feminismus und Mythos: Tendenzen in Literatur und Theorie der achtziger Jahre, Waxmann: Münster (u.a.), 1995, S. 25
6
Stimmen“, das sich des Quartetts - zumindest in meiner Lesart - behutsam annimmt. 8
8 Auch das frühere Werk „Kassandra“ soll dabei zu Wort kommen, da auch in ihm das Schweigen eine zentrale Rolle spielt. Vielleicht kann es ergänzend und/oder kontrastiv zu „Medea. Stimmen“ einen anderen Umgang mit Schweigen aufzeigen.
7
I. Mythos Medea
I.1 Der Ursprung
Als 431 v. Chr. in Athen die Medea von Euripides uraufgeführt wird, fällt sie beim Publikum durch. 11 Warum, lässt sich nicht wirklich rekonstruieren, konnte doch das Stück mit offensichtlicher Innovation aufwarten. Tatsächlich ist es die Darstellung der Medea, die sich am nachhaltigsten in die Reihe der Medeabilder einschreiben konnte. Nie zuvor hatte sie eine solche Prägung erfahren - und alle nachfolgenden lassen sich „wie Kommentare zu der großen Tragödie des Euripides lesen“. 12 Doch ich greife voraus. Euripides’ Drama ist bereits ein fortgeschrittener, wenn auch bedeutender Punkt in der Entwicklung dieses Frauenbildes.
Medea ist alt. Zur Zeit der Aufführung des euripideischen Dramas ist den Athenern die Figur der M edea bereits absolut fremd 13 - auch das ist ein Grund, warum sie als Flüchtling aus einer Welt des Außerhalb die athenische Bühne betritt. Sie ist die vollkommen wilde Frau, eine Barbarin aus dem Land jenseits des schwarzen Meeres.
9 Heinse, Wilhelm, Zitiert in: Luserke-Jaqui, Matthias, Medea: Studien zur Kulturgeschichte der Literatur, Francke: Tübingen(u.a.), 2002, S. V
10 Euripides, Medea, in: Lütkehaus, Ludger, Mythos Medea, a.a.O., S. 28-56, hier S. 38 11 Vgl. Euripides, Tragödien I, Akademie-Verlag: Berlin, 1972, Einführung, S. 45 oder Margot Schmidt, in. Hochgeschurz, Marianne, Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild, Gerhard Wolf Janus Press: Berlin, 1998, S. 34-36, hier S. 36 12 Dihle, Albrecht, Euripides’ Medea, Carl Winter: Heidelberg, 1977, S. 5
8
Die ersten Zeugnisse innerhalb der griechischen Literatur finden sich nicht in den frühesten Überlieferungen des Homer, sondern bei Hesiod in de r Theogonie (7. Jh. V.Chr.): „Bei Hesiod rangiert Medeas Geschichte in einer Reihe mit vergleichbaren Göttinnen.“ 14 In Kolchis wurde sie lange als Göttin geehrt. 15 Das überrascht nicht, denn ursprünglich ist Medea eine Gottheit, die sich in direkter Linie sowohl vom Sonnengott Helios, als auch von Oke anos ableitet. So ist ihr Vater Aietes Sohn des Helios und Bruder der Kirke. Ihre Mutter Idya ist eine Okeanidin, deren Schwester Perseis zugleich die Mutter von Aietes ist. Somit heiratet Idyia ihren Neffen, doch diese scheinbare Alterslosigkeit deutet Renate Schlesier als Bekräftigung der göttlichen A bstammung Medeas. 16 Medea vereint schon in ihrer Herkunft zwei widerstreitende Prinzipien - Feuer und Wasser - in sich, so ist das vereinende Wesen, von dem noch zu sprechen ist, in ihrer Herkunft angelegt. Bereits der Name ihrer Mutter bedeutet „die Wissende“, 17 ihr eigener wird mit „Rath“ 18 oder „die weisen Rat Wissende“ 19 übersetzt. Tatsächlich ist Medea eine „mit Zauberkünsten vertraute Königstochter“ 20 -ihre „charakteristische Zauberhandlung […] ist die Verjüngung“ 21 - so soll sie verschiedenen Überlieferungen Jasons Vater oder einmal gar Jason selbst zu neuer Jugend verholfen haben. 22 Im „Gründlichen mythologischen Lexicon“ von Benjamin Hederich aus dem Jahr 1770 heißt es, sie sei „in der Kenntnis der Kräuter und deren Wirkung sehr erfahren“ gewesen, „daher sie denn insgemein für eine der größten Zauberinnen gehalten wurde.“ 23 Dieser Einschub macht deutlich, welche Furcht vor unbekanntem Wissen sich unter den Menschen gemeinhin ausbreitet. So wird aus einem Wissen über die Heilkraft von
13 Vgl. Calabrese, Rita, Von der Stimmlosigkeit zum Wort. Medeas lange Reise aus der Antike in die deutsche Kultur, in: Hochgeschurz, Marianne, Christa Wolfs Medea, a.a.O., S. 75-93, hier S. 75 14 Schlesier, Renate, Medeas Verwandlungen, in: Kämmerer, Annette [Hrsg.], Medeas Wandlungen. Studien zu einem Mythos in Kunst und Wissenschaft, mattes: Heidelberg, 1998, S. 1-12, hier S. 3 15 Vgl. Hederich, Benjamin, Gründliches mythologisches Lexicon, Auszug in: Lütkehaus, Ludger, a.a.O., S. 140-145, S. 144
16 Vgl. Schlesier, Renate, Medeas Verwandlungen, a.a.O., S. 3; zur Frühgeschichte Medeas auch: Schmidt, Margot, a.a.O., S. 34-36 und Hederich, Benjamin, Gründliches mythologisches Lexicon, a.a.O., S. 140-145 17 Schlesier, Renate, Medeas Verwandlungen, a.a.O., S. 3 18 Hederich, Benjamin, Gründliches mythologisches Lexicon, a.a.O., S. 140 19 Schlesier, Renate, Medeas Verwandlungen, a.a.O., S. 10 20 Schmidt, Margot, a.a.O., S. 34
21 Kottaridou, Ankeliki, Kirke und Medeia. Die Zauberinnen der Griechen und die Verwandlung des Mythos, Diss., Köln, 1991, S. 296
22 Schlesier, Renate, Medeas Verwandlungen, a,a,O., S. 4 23 Hederich, Benjamin, Gründliches mythologisches Lexicon, a.a.O., S. 140
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Matthias Zimmermann, 2003, Zum Mythos der Medea, seinen Formen, Inhalten und Bedeutungen, München, GRIN Verlag GmbH
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