1. Einleitung
Nicht nur durch das herkömmliche Märchenbuch, sondern auch durch die modernen Medien wie Hörspielkassetten, Radio, Fernsehen, Kinoverfilmungen und sogar Computersoftware finden Märchen gerade heutzutage eine noch nie da gewesene Verbreitungsvielfalt. Kinder brauchen Märchen und lieben es, sich mit ihnen zu beschäftigen. So ergibt sich die Bedeutung der Gattung einerseits aus der Funktion des Märchens für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung und andererseits aus ihrer Rolle im Prozess der literarischen Sozialisation. Glaubt man der Entwicklungspsychologie, dann ist der Wert des Märchens für die kindliche Entwicklung auch am Ende des 20. Jahrhunderts ungebrochen. Daher möchte ich in dieser Arbeit zunächst den Begriff des Märchens definieren und anschließend die Wesenszüge des europäischen Volksmärchens und des Kunstmärchens darstellen.
Schließlich gehe ich auf die Geschichte des Märchens ein. Den Hauptteil der Arbeit bildet allerdings der Vergleich des Kunstmärchens „Die kleine Seejungfrau“ von Hans Christian Andersen mit der Verfilmung des Märchens „Arielle, die Meerjungfrau“ von Walt Disney. Schließlich zeige ich, dass Märchen auch heute noch für Kinder eine große Bedeutung haben, auch wenn diese nicht mehr ausschließlich erzählt und vorgelesen werden, sondern auch in Filmen gezeigt werden.
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2. Name und Begriff
Mär bezeichnete ursprünglich eine kurze Erzählung. Die Verkleinerungsform Märchen unterlag früh einer Bedeutungsverschlechterung und wurde auf erfundene Geschichten angewendet.
Eine Gegenbewegung setzte im 18. Jahrhundert ein, als unter französischem Einfluss Feenmärchen und Geschichten aus „TausendundeinerNacht“ in Mode kamen. Zu der Zeit glaubten Herder und andere Träger des Sturm und Drang in einer „Volksdichtung“ Poesie zu entdecken.
Die Sammlungen der Brüder Grimm und Bechstein und die Dichtungen der deutschen Romantiker und Andersens verstärkten den Erfolg des Märchens im 19. Jahrhundert. Heute bezeichnen die Ausdrücke „Volksmärchen“ und „Kunstmärchen“ wertungsfrei bestimmte Erzählgattungen. In der Schriftsprache hat sich das mitteldeutsche Wort „Märchen“ durchgesetzt.
Allerdings ist dieses Wort auch heute noch mit einem stark positivem oder negativem Akzent versehen. Zum einen bezeichnet es eine Geschichte, die eine Welt erschafft, in der etwas wunderbares geschieht, zum anderen wird etwas Erzähltes mit dem Ausruf „Erzähl mir doch keine Märchen!“ als Lüge bezeichnet.
Im Deutschen hat sich der Ausdruck „Märchen“ auf eine besondere Art der Erzählung spezialisiert. In anderen Sprachen behält die Gattung „Märchen“ eine allgemeinere Bedeutung oder gilt auch für benachbarte Gattungen.
Die deutsche Märchenforschung hat die Begriffe „Märchen im eigentlichen Sinn“ und „eigentliche Zaubermärchen“ geprägt.
Einige formale und inhaltliche Kriterien können den Begriff „Märchen“ umschreiben. Für das „eigentliche Zaubermärchen“ werden folgende Merkmale genannt:
• Ausgliederung in mehrere Episoden
• klarer Bau (dieses Merkmal hebt es von der „unbeschränkten Freiheit“ des Kunstmärchens ab)
• Charakter des Künstlich-Fiktiven, der das Märchen von Berichten über Gesehenes, Gehörtes, Erlebtes und Geglaubtes trennt)
• Leichtigkeit
• eine unbedeutende Rolle des belehrenden Elements (im Vergleich zu Fabeln)
• Miteinander von Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit (Vgl. LÜTHI: Märchen,1996, S. 1-3)
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2. 1 Wesenszüge des europäischen Volksmärchen
Obwohl jedes Volk und jede Epoche ihre Eigenarten haben, hat sich über die nationalen, zeitlichen und individuellen Verschiedenheiten hinweg der Idealtyp des europäischen Volksmärchens herausgebildet.
Es kennzeichnet sich in der Hauptsache durch die Neigung zu einem bestimmten Personal, Requisitenbestand und Handlungsablauf und durch die Neigung zu einer bestimmten Darstellungsart.
Handlungsverlauf
Schwierigkeiten und ihre Bewältigung (Kampf/Sieg, Aufgabe/Lösung) ist das allgemeinste Schema, das dem europäischen Volksmärchen zugrunde liegt und als die Kernvorgänge des Märchengeschehens zu bezeichnen.
In diesem Schema ist der gute Ausgang, der als ein Charakteristikum des Märchens genannt wird, zu nennen. Die Ausgangslage zu Beginn ist gekennzeichnet durch einen Mangel oder eine Notlage, durch eine Aufgabe, ein Bedürfnis oder andere Schwierigkeiten, deren Bewältigung dargestellt wird.
Märchenhandlungen falten sich in Zweier- und Dreierrhythmen aus. Viele Märchen sind zweiteilig: Nach der Lösung der Aufgabe, dem Bestehen des Kampfes, dem Gewinn von Braut oder Bräutigam werden Helden oder Heldin des Preises beraubt oder geraten in eine neue Notlage, die sie bewältigen oder aus der sie gerettet werden müssen. Neben der Zweiteiligkeit neigt das Märchen zur Darstellung des Geschehens in drei Abläufen.
Inhaltlich kommen zwar nicht in jedem einzelnen Märchen, aber doch in kleineren Gruppen von Märchen, die wesentlichen menschlichen Verhaltensweisen und Unternehmungen zur Darstellung: Kampf, Stellen und Lösen von Aufgaben, Intrige und Hilfe, Schädigung und Heilung, Mord, Gefangensetzung, Vergewaltigung und Erlösung, Befreiung, Rettung, schließlich Werbung und Vermählung sowie Berührung mit einer den profanen Alltag überschreitenden Welt, mit zauberischen „jenseitigen“ Mächten.
Personal und Requisiten
Held oder Heldin sind die Hauptträger der Handlung und der menschlich-diesseitigen Welt zugehörig. An die Seite des Helden treten für das Märchen charakteristische Figuren wie z. B. Auftraggeber, Helfer des Helden, Kontrastgestalten und befreite oder erlöste Personen.
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Die wichtigen Figuren des Märchens sind also auf den Helden bezogen als dessen Partner, Schädiger, Helfer oder als Kontrastfigur zu ihm; Gegner und Helfer gehören häufig der außermenschlichen Welt an.
An die Stelle oder an die Seite der zu gewinnenden Person kann ein Ding treten: das Hauptrequisit ist die Gabe, die den Helden zur Lösung seiner Aufgabe verhilft. Dies können neben Gegenständen auch wunderhafte, profane oder nichtdinghafte Gaben wie ein Rat oder eine Dienstleistung sein.
Personen und Dinge des Märchens sind im Allgemeinen nicht individuell gezeichnet; der Held des Märchens ist keine Persönlichkeit, kein Typus sondern eine allgemeine Figur, die, wenn sie einen Namen hat mit einem typischen „Allerweltsnamen“ wie im Deutschen z. B. Hans, bezeichnet ist.
Die meisten Personen bleiben aber unbenannt. Sie sind einfach Königin, Stiefmutter, Schwester oder Schmied, etc. Die Figuren teilen sich in gut und böse, schön und hässlich. Die Kontraste zeigen, dass die wesentlichen Erscheinungen der menschlichen Welt umspannt werden.
Zu den Figuren der diesseitigen Welt gehören die einer Über- oder Unterwelt angehörigen Figuren, die als Hexen, Feen, Zauberer, Riesen, Zwerge, Tiere oder als nicht weiter benannte alte Frauen oder Männchen auftreten.
Auch die Dinge unterscheiden sich in Zauberdinge und Alltagsdinge, wobei wiederum allgemeine Repräsentanten der Dingwelt erscheinen.
Nicht nur in den Handlungen sondern auch in den Gestalten und Dingen spiegelt sich die Welt des Märchens.
Darstellungsart
Das europäische Märchen ist handlungsfreudig. Die Beschreibund der Umwelt oder Innenwelt der Figuren und Requisiten ist selten, die Figuren werden nur knapp benannt. Auch schreitet es in seiner Handlung dargestellt durch parataktische Sätze schnell voran. Die einsträngig geführte Handlung gibt dem Märchen Bestimmtheit und Klarheit. Dies wird auch in seiner Vorliebe für reine Farben und Linien, für klar Ausgeprägtes überhaupt, für Metalle, Mineralien, Extreme und Kontraste, Formeln der verschiedensten Art, für Gaben und Aufgaben, Verbote, Bedingungen und Tests, für Lohn und Strafe sichtbar. Zu den Formeln im Märchen gehören nicht nur die festgeprägten Anfänge und Schlüsse („Es war einmal...“, „Sie lebten glücklich und zufrieden....“), sondern auch Verse, wörtlich wiederholte direkte Reden im Innern der Erzählungen.
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Auch die Formel der Dreizahl (der Held hat drei Aufgaben zu erfüllen, es gibt drei Schwestern) und das Gesetz der Steigerung ( die Aufgaben werden immer schwerer, die Schwestern werden immer schöner), die sich häufig miteinander verbinden, sind typische Merkmale des Märchens. Die Dreizahl wirkt dabei handlungsbildend. Statt einer Steigerung kann der dritte Ablauf auch einen Kontrast wie eine Umkehrung oder Wende bringen.
Die aufgeführten Merkmale geben dem Märchen in ihrer Gesamtheit sein eigenes Gesicht. Sie gelten nicht nur für das Zaubermärchen, sondern ebenso für die legenden- und novellenartigen Märchen und dürfen in diesem Sinne als das eigentlich Märchenhafte angesehen werden. (Vgl. LÜTHI: Märchen,1996, S. 25-31)
2. 2 Wesenszüge des europäischen Kunstmärchen
Heute wird das Kunstmärchen zur Individualliteratur gerechnet, geschaffen von einzelnen Dichtern und genau fixiert. In früheren Kulturen wurde die aus dem Volksmärchen hervorgegangene aber zunächst nicht eigenständige Gattung durch Auswendiglernen überliefert.
Das Wort Kunstmärchen ist kein Wertbegriff.
Zum einen bezeichnet es künstlerische Leistungen von hohem Rang, auf der anderen Seite aber auch einfältige Erfindungen einer Phantasie. Der Schöpfer eines Kunstmärchens kann sich eng an ein vom Volksmärchen vertrautes Schema halten (siehe S. 2) oder völlig frei phantastische Wundergeschichten fabulieren. (Vgl. LÜTHI: Märchen, 1996, S.5) Alles in allem setzen die Kunstmärchenautoren als individuelle Verfasser literarischer Märchen das anonyme, mündlich erzählte Volksmärchen voraus.
Die Autoren verarbeiten Geschichten aus der populären Gattung im Ganzen oder in Teilen, indem sie sie „ausdeuten, umgewichten oder gar planvoll verkehren“. Die unterschiedlichen Ergebnisse von Basile, Hoffmann, Goethe oder Dickens sind auf den jeweiligen gesellschaftlichen Erfahrungsstand des jeweiligen Autors, auf sein poetisches Ziel und auf sein Verständnis vom Volksmärchen zurückzuführen.
Allerdings bleibt die Vorstellung des Übernatürlich-Wunderbaren oder zumindest des Unwirklichen mit dem Märchen verbunden. (Vgl. KLOTZ: Das europäische Kunstmärchen. 1985, S. 9)
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Die Geschichte des Volksmärchens, die eng mit der Geschichte des Kunstmärchens verbunden ist, verdeutlicht die Wesenszüge des europäischen Volks- und Kunstmärchens.
3. Die Geschichte des Märchens
Die Frage, ob es Märchen schon in vorgeschichtlicher Zeit gab, lässt nur Vermutungen zu, die zur Theorie des Märchens gehören.
Spuren aus dem alten Ägypten, aus Griechenland und Rom lassen Vermutungen zu, dass es märchenähnliche Geschichten schon damals gegeben hat.
Aus dem alten Ägypten haben sich Papyri mit Erzählungen erhalten, deren Motive wir im Märchen finden und deren Ablauf man auch zum Teil als märchenähnlich beschreiben könnte. Diese Anklänge sind allerdings kein Beweis, dass es Volksmärchen im engeren Sinne im alten Ägypten gegeben hat. Die auf Papyrus aufgezeichneten Geschichten waren für die Schicht der Gebildeten bestimmt.
Noch spärlicher sind märchennahe Züge in Texten des alten Babylon zu finden. Motive, die in einigen Erzählungen zu finden sind, müssen nicht aus dem Volksmärchen stammen, sie können auch umgekehrt aus Mythen, Epen, Romanen und anderen Dichtungen ins spätere Volksmärchen gelangt sein.
Es lässt sich aber wohl sagen, dass Märchen im Altertum offenbar nicht für würdig befunden wurden unverändert aufgeschrieben zu werden.
In der Literatur des alten Griechenlands und von Rom findet man Hinweise auf Kinder- und Ammenmärchen und Altweibergeschichten. In einigen griechischen Sagen und Erzählungen gibt es Elemente, die wir heute zu den Märchenmotiven zählen. Allerdings können Mythen ein dem des Märchens sehr ähnliches Handlungsschema besitzen.
Auch die aus dem Mittelalter überlieferte Literatur lässt nur den Schluss zu, dass es märchenhafte Elemente in dieser Zeit gegeben hat, diese aber nicht unbedingt ein Hinweis auf die Existenz des Volksmärchens sein müssen.
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Arbeit zitieren:
Monja Wessel, 2004, Märchen - Definition und Geschichte des Märchens mit Fokus auf die Märchen von Hans Christian Andersen, München, GRIN Verlag GmbH
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