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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Merkmale der Gattung Novelle und Abgrenzung von anderen Formen
2.2. Storms Gattungsverständnis in Hinblick auf die Novelle Aquis Submersus
3. Zur Entstehung der Novelle Aquis Submersus
3.1. Hintergründe, Entwicklungsgeschichte und Quellen
4. Zum Verständnis der Novelle Aquis Submersus
4.1. Handlung und Positionen zur Interpretation
4.2. Der Sinn einer Schuldfrage
4.3. Zusammenfassende Bemerkungen
5. Schluss
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1. Einleitung
Das 19. Jahrhundert zeichnet sich in Bezug auf den Literaturbetrieb durch eigene gattungsspezifische Besonderheiten aus, wozu vor allem der Trend, in vermehrter Weise vo n der epischen Gattung Novelle Gebrauch zu machen, gehörte. Dies lag insbesondere daran, dass die pub lizistischen Interessen (welche darauf abzielten möglichst kurze Texte mit höchstens zwei bis drei Fortsetzungen zu veröffentlichen, um so die Leserschaft zu unterhalten und auch zu gewinnen), das individuelle Talent (aber auch die Notwendigkeit seitens der Dichter auf diese Weise Geld zu verdienen) und der allgemeine literarische Trend zusammentrafen. Einer der Vertreter, hauptsächlich der geistigen Strömung des Realismus, des 19. Jahrhunderts, ist Theodor Storm. Er hat neben seiner Lyrik ausschließlich Novellen geschaffen und war zu seiner Zeit der bedeutendste Novellist in Deutschland.
Nicht nur aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, aus der Masse an Dichtern und Novellen des 19. Jahrhunderts gerade Theodor Storm und seine Novelle Aquis Submersus für eine nähere Betrachtung zu wählen. Hauptsächlich die Tatsache, dass Storms Novellen mehr als nur eine „unerhörte Begebenheit“ beinhalten, sondern viel mehr Tragweite besitzen als auf den ersten Blick erkennbar, worauf ich später näher eingehen werde, und gerade Aquis Submersus die vollkommenste und reinste F orm der Stormschen Novelle par excellens darstellt, haben mich zu diesem Entschluss bewogen.
Ich werde im Folgenden darauf verzichten, auf die Biographie Storms einzugehen, da ich der Auffassung bin, dass sie im Wesentlichen nicht zum Textverständnis beiträgt. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass gewisse weltanschauliche Überzeugungen Storms in jedes Werk Eingang finden, doch entscheidend sind diesbezüglich nicht die einzelnen Etappen seines Lebens, sondern die Äußerungen, die sich auf seine Überzeugungen beziehen und unabhängig von den Lebensdaten betrachtet werden können 1 . Grundsätzlich bevorzuge ich vorwiegend die hermeneutische Interpretation, da nur so der Text individualisiert wird und „Texte [...] nicht als Lebensausdruck der Subjektivität des Verfassers verstanden werden [sollten].“ 2 Mein Versuch wird es sein, die doch komplexe Thematik des Inhalts der Novelle vo n dem Text selbst ausgehend zu beleuchten und vorhandene Positionen zur Interpretation zu verknüpfen und zu ergänzen, um so ein einheitliches Verständnis zu ermöglichen. Zunächst werde ich jedoch zuerst auf die spezifischen Merkmale der Gattung Novelle eingehen, um dann die Novelle Aquis Submersus selbst zu betrachten.
1 Für ausführliche Informationen zu der Biographie Storms verweise ich hauptsächlich auf: Goldammer, Peter: Theodor Storm. Eine Einführung in Leben und Werk. Leipzig 1990
2 H.-G. Gadamer: Sprache als Medium der hermeneutischen Erfahrung In: Dorothee Kimmich (u.a.) (Hrsg): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart. 2003 S. 31
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2. Theoretische Grundlagen
2.1. Merkmale der Gattung Novelle und Abgrenzung von anderen Formen
Um sich nun dem Verständnis des vorliegenden Textes nähern zu können, ist es zu Beginn hilfreich, sich klar zu machen, was genau man gattungstheoretisch, besonders in Hinblick auf das 19. Jahrhundert, unter dem Terminus ‚Novelle’ zu verstehen hat und inwieweit Storms Novellen in dieses Konzept passen. Dies ist gerade deshalb nicht einfach, weil diese Gattung im neunzehnten Jahrhundert nicht unbedingt ein einheitliches, bewusst gewolltes Formgebilde darstellt 3 und zum Beispiel auch das Verhältnis zum Roman nicht genau abgrenzbar ist. Dennoch mangelt es nicht an Literatur, die versucht, eine einheitliche Definition für die literarische Form ‚Novelle’ zu finden. 4 Hugo Aust 5 fasst genau und ausführlich die einzelnen Positionen zusammen, um so zu einer homogene n Begriffbestimmung zu gelangen. Es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprenge n, ausführlich auf alle Aspekte einzugehen, weshalb ich nur kurz die wichtigsten Merkmale der Novelle zusammenfassen werde. Entscheidend für einen Text als Novelle ist, dass die Textproduktion aus dem Gespräch hervor geht und somit die situativen Bedingungen des Gesprächs die Voraussetzungen für die Textgestaltung sind, was jedoch nicht gleichbedeutend damit ist, dass jede Novelle einen ‚Gesprächsrahmen’ haben muss. Entscheidend ist viel mehr die Dialogizität des Erzählens (selbst im Monolog sind noch Spuren der Wechselrede bewahrt, da sie in der literarischen Form das Publikum mit einbezieht), die den Effekt des spontanen Erzählens erzeugt. Ein weiteres Kriterium ist die Länge (die Novelle also als „Erzählung mittlerer Länge“ 6 ), die es ermöglichen sollte, das Werk „in einem Zug“ 7 lesen zu können und somit auch auf den Verwendungszweck (Abdruck in einer Zeitung) abgestimmt ist. Aber auch das Vorhandensein einer unerhörten oder neuen, wahren und einzelnen Begebenheit ist konstitutiv für eine Novelle. Das bedeutet vor allem, dass das Erzählte ein tatsächliches und reales Erlebnis ist, das jemandem zustößt, im Sinne eines Schicksals. Es muss also ein singuläres, wahres und schicksalhaftes Ereignis literarisch verarbeitet worden sein, das neu oder überraschend ist und in künstlerischer, aber schnörkelloser Knappheit verpackt wurde, damit dieses Produkt mit Recht als Novelle bezeichnet werden kann. Dabei dient besonders die Verwendung von Symbolen der Verdichtung des Erzählten, die ebenfalls das Wesen der Novelle ausmacht, und kann darüber hinaus dem Singulären und Einmaligen der Erzählung eine größere und
3 So sind unter anderem Unterschiede und Abweichungen im novellistischen Erzählen und Verständnis bei den einzelnen Dichtern erkennbar, z.B. im Vergleich der Novelle bei Goethe und Tieck
4 Vergleiche hierzu ausführlich u.a.: Aust, Hugo: Novelle. Stuttgart 1990.
5 Aust, Hugo: Novelle. Stuttgart 1990 (Sammlung Metzler Bd. 256)
6 Ebd., S. 9
7 Ebd., S. 9
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allgemeine Geltung verschaffen. Damit sind Kriterien gegeben, die es möglich machen, einen Text, als zur Gattung Novelle gehörend, zu klassifizieren und so von anderen Formen abzugrenzen, wie z.B. dem Märchen, mit der fiktiven, fast übernatürlichen Begebenheit; oder dem Roman, der nicht das Vorhandensein vo n Knappheit und wahrem Ereignis impliziert. Diese Forderungen können jedoch nicht pauschalisiert werden, zumal nicht alle Kriterien in einem Werk gegeben sein müssen, um dieses als Novelle bezeichnen zu können. Man muss schließlich auch beachten, dass jeder Dichter eine andere Vorstellung davon hatte, was als Novelle verstanden werden sollte und was nicht.
2.2. Storms Gattungsverständnis in Hinblick auf die Novelle Aquis Submersus
Dafür, dass das Gattungsverständnis im 19. Jahrhundert auch vom Dichter selbst abhängig war und sich von anderen Meinungen unterscheiden konnte, ist Theodor Storm ein gutes Beispiel. Er selbst war nicht der Meinung, dass man Richtlinien dafür benötigte, um einen Text als Novelle zu bestimmen, denn er gab in einem Vorwort zu bedenken, „ob es nicht [...] vornehmer oder würdiger sei, die Sache für sich sprechen zu lassen.“ 8 „Mit den klassischen Begriffsbestimmungen, von Goethes Forderung nach einer ‚unerhörten Begebenheit’ bis zu Paul Heyses ‚Falkentheorie’, wird man der Stormschen Novelle nicht gerecht, die nicht von einem normativen Gattungsbegriff her bestimmt werden kann, sondern allein vom Verhältnis des Dichters zur gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit.“ 9 Aber auch bei Betrachtung seiner Novellen wird deutlich, dass man diese nicht ohne weiteres in eine Schublade stecken kann. Zwar findet man bei Storm eine Tradition des mündlichen Erzählens, aber in seinen Novellen wird hauptsächlich nicht im herkömmlichen, kommunikativen Sinn erzählt, da es sich viel mehr um Erinnern handelt, das als Erzählung fixiert wurde. So finden wir es auch in der Novelle Aquis Submersus, wo sowohl der Rahmenals auch der Binnenerzähler sich monologisch an die Vergangenheit erinnert, wobei das aus der Erinnerung Erzählte nicht primär der Vermittlung der Ereignisse an einen Zuhörer dient. Des Weiteren weisen die meisten Novellen Storms eine Nähe zum Drama auf, da vermehrt Schicksalstragödien, das heißt die Niederlage des Protagonisten gegen seine Verhältnisse, geschildert werden. Davon zeugt eine Briefstelle ganz prägnant: „Die heutige Novelle ist die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung. Gleich dem Drama be-handelt sie die tiefsten Probleme des Menschenlebens [und] stellt die höchsten Forderungen [an] die Kunst“ 10 . Storms Novelle hat demnach Ähnlichkeiten mit dem Drama und weist immer noch lyrische Züge oder Elemente auf, denn nach eigenen Angaben ist „[s]eine
8 Aust, Hugo: Novelle. Stuttgart 1990 (Sammlung Metzler Bd. 256). S. 115
9 Goldammer, Peter: Theodor Storm. Eine Einführung in Leben und Werk. Leipzig 1990. S. 58
10 Aust, Hugo: Novelle. Stuttgart 1990 (Sammlung Metzler Bd. 256). S. 177
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Novellistik [...] aus [s]einer Lyrik erwachsen.“ 11 . Auch diese Eigenarten finden sich in Aquis Submersus wieder, sowohl in der Tragik der dramatischen Ereignisse, als auch in den lyrischen Sinnsprüchen, die den Te xt thematisch durchziehen und sogar strukturieren. Man kann nicht nur Storms gattungstheoretische Überzeugungen in Bezug auf die Novelle in dem Exemplar Aquis Submersus in konzentrierter Form wieder finden, sondern auch alle thematischen Inhalte, das heiß t, die Erfahrungsinhalte, -modi und Erlebnisräume, die in irgendeiner Form auch in allen seinen anderen Novellen wieder zu finden sind. So spiegelt diese einzelne Novelle das ganze Schaffen Storms wider und verknüpft auf einzigartige Weise alles das, was er davor und danach an Novellistik hervorgebracht hat 12 . Erfahrungsinhalte, wie das Schicksal, Isolation, Verlust; aber auch Erfahrungsmodi, wie die wehmütige Stimmung, Erinnerungen, Rahmenperspektive und die chronikhafte Rückwendung 13 sind typisch für Storms novellistisches Werk und im Konzentrat auch für die Novelle Aquis Submersus zutreffend. Diese Novelle wird zwar zu den Chroniknovellen Storms gerechnet 14 , womit durch diese Bezeichnung die tatsächliche Reichweite der Novelle eigentlich unterschätzt wird. Sie sind, so wie alle anderen Chroniknovellen Storms, jedoch nicht wirklich historische Erzählungen im strengen Sinn des Gattungsbegriffes, da die Historie nur den Hintergrund des gestalteten Geschehens bildet und nicht tatsächlich das Thema der Novelle. Das ist auch gerade der Grund, weshalb diese Novelle trotz ihrer Situierung im 17 Jahrhundert immer noch aktuelle Bedeutung und Gültigkeit besitzt, sowohl zu Storms Zeit, als auch in der Gegenwart. Inwieweit trotzdem behauptet werden kann, dass die Erzählungen Storms zu den Novellen zählen, muss am einzelnen Text geklärt werden. Entscheidend ist aber, dass Storm in jedem Fall versucht, die gesellschaftliche Wirklichkeit des bürgerlichen Menschen möglichst realistisch wiederzugeben, oft auch Fälle aus seiner Berufspraxis als Advokat thematisch für seine Erzählungen verwendet, und selten idyllische Ausblicke zulässt. Dies entspricht der Forderung nach einer wahren Begebenheit als Kriterium für die Novelle. In Zweifelsfällen kann aber auf jeden Fall die Länge des Werkes zu Rate gezogen werden oder der Gattungsbegriff auf das Gattungsverständnis (unter der Berücksichtigung seiner Äußerungen dazu) Storms reduziert werden (nur bei der Betrachtung eines Werks Storms).
11 Goldammer, Peter: Theodor Storm. Eine Einführung in Leben und Werk. Leipzig 1990. S. 57
12 Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es durchaus Unterschiede zwischen der frühen und der späten Novellistik Storms gibt, aber gerade Aquis Submersus stellt eine Übergangsform dar, in der Altes als auch neue Tendenzen des novellistischen Erzählens bei Storm anzutreffen sind.
13 Aust, Hugo: Novelle. Stuttgart 1990 (Sammlung Metzler Bd. 256)
14 Vergleiche hierzu u.a: Aust 1990, Goldammer 1990 uvm.
Arbeit zitieren:
Christine Porath, 2005, Theodor Storm - Aquis Submersus, München, GRIN Verlag GmbH
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