Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Hauptteil
2.1 Reformagenda unter dem Vorzeichen der Vernunft:
Gottscheds Durchregelung des Theaters in der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 05
2.2 Zur Genese des Bürgerlichen Trauerspiels:
Die französische Comédie larmoyante und die
englische Sentimental Comedy als Vorläufer
einer neuen Gattungsbezeichnung 07
2.3 Der Kult der Träne: Mitleid als wirkungsästhetische
Zielkategorie in Lessings Sara 08
3. Schluss 12
4. Literaturverzeichnis 14
2
1. Einleitung
Ein bürgerliches Trauerspiel! Mein Gott! Findet man in Gottscheds critischer
Dichtkunst ein Wort von so einem Dinge? Der berühmte Lehrer hat nun länger als
zwanzig Jahre seinem lieben Deutschland die drey Einheiten vorgeprediget, und
1 dennoch wagt man es auch hier, die Einheit des Orts recht mit Willen zu übertreten. Keinem Gottsched-Anhänger, sondern Gotthold Ephraim Lessing selbst wird dieses prägnante Zitat aus der Berlinische n Privilegirten Zeitung vom 3. Mai 1755 zugeschrieben. Als leidenschaftlicher Polemiker ließ er es sich nicht nehmen, eine Rezension seines eigenen Dramas Miss Sara Sampson 2 zu veröffentlichen und die sichere Kritik der Gottschedianer im Vorfeld zu karikieren. Lessing markiert hier eine provokative Oppositionshaltung gegenüber dem gewichtigsten deutschen Theaterreformator, dessen dramentheoretische Agenda den literarischen Diskurs der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte. Das Erscheinen seiner Sara weist den Weg hin zu einem veränderten Aufklärungskonzept und zeitigt einen neuen Typus literarischer Produktion - das Bürgerliche Trauerspiel. Diesen vermeintlichen Paradigmenwechsel 3 gilt es, in dieser Hausarbeit nachzuvollziehen: Welche dramaturgischen Elemente prägten die Trauerspielproduktion des Frühaufklärers Gottsched? Welche ausländischen Vorbilder initiierten den Richtungswechsel? Und wie positioniert sich die Mitleidstheorie Lessings in diesem Faktorengeflecht?
Exemplarisch möchte ich diese drei Fragen anhand der beiden bereits erwä hnten Primärtexte - Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst 4 und Lessings Miss Sara Sampson - beantworten. Dabei soll den zentralen theoretischen Begrifflichkeiten „3-Einheite n-Lehre“, „Ständeklausel“,
„Katharsis“ und „Empfindsamkeit“ eine zentrale Rolle zukommen. Eine Darstellung der Reformbemühungen Gottscheds möchte ich an den Anfang stellen, seine Forderungen an das deutsche Theater charakterisieren
1 Gotthold Ephraim Lessing: Sämtliche Schriften. Hrsg. v. Karl Lachmann, 3. aufs neue durchges. u.
verm. Aufl., besorgt durch Franz Muncher, Stuttgart 1886-1924. Zitiert nach: Karl Eibl: Gotthold
Ephraim Lessing, Miss Sara Sampson. Ein bürgerliches Trauerspiel. Frankfurt/Main 1971. S.201
2 Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson. Stuttgart 2003.
3 Vgl. Brenner, Peter J.: Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart 2000. S. 215: Brenner geht noch einen
Schritt weiter und spricht nicht nur von einem dramaturgischen, sondern auch von einem
philosophischen und anthropologischen Paradigmenwechsel.
3
und die Rechtfertigung seiner ehrgeizigen Ziele nachvollziehen. Eine kurze Analyse seiner Poetik soll vor allen Dingen zeigen, in welcher Weise Moral, Affekt, Handlung und Vernunft im Denken Gottscheds miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Im Anschluss wird in einem kurzen Überblick auf konzeptuelle Impulse aus dem Ausland eingegangen. Als Vorläufer des Bürgerlichen Trauerspiels möchte ich die französische Comédie Larmoyante und die englische Sentimental Comedy in Abgrenzung zu Gottscheds Regelpoetik einerseits und als Wegbereiter der frühen Dramen Lessings andererseits kennzeichnen. Das Theaterkonzept des jungen Lessing steht im Mittelpunkt des dritten Teils meiner Ausführungen. Seine Sara sowie die dramaturgische
Auseinandersetzung mit Mendelssohn und Nicolai in den Briefen über das Trauerspiel 5 bilden hierzu den theoretischen wie praktischen Hintergrund meiner Analyse.
4 Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst. Vierte sehr vermehrte Auflage.
Leipzig 1754. Neuauflage Darmstadt 1962.
5 Lessing, Gotthold Ephraim/Moses Mendelssohn/Friedrich Nicolai: Briefwechsel über das
Trauerspiel. Hrsg. v. Jochen Schulte-Sasse. München 1972.
4
2.1 Reformagenda unter dem Vorzeichen der Vernunft: Gottscheds
Durchregelung des Theaters in der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts
Die Durchregelung des Theaters, der Umbau der Theaterverhältnisse und die Bildung einer neuen, homogenen Geschmacksgemeinschaft - die klassizistisch gedeutete Reformagenda des Johann Christoph Gottsched der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt sich ambitioniert und ehrgeizig. Die Schaubühne soll sich befreien vom Hanswurst des Pöbels, dem Schwulst der spätbarocken Oper und den volkstümlichen Stegreifspielen 6 . 1730 erscheint sein poetologisches Hauptwerk Versuch einer Critischen Dichtkunst, in dem die theoretische Stoßrichtung der deutschen Trauerspielproduktion normativ festgelegt werden soll. Die nötige Legitimation bezieht der Leipziger Professor über die Poetik des Aristoteles („der beste Kriticus“ 7 ) und fordert in jenem Traktat die drei Einheiten des antiken Philosophen ein: die Handlung solle auf zerstreuende Nebenepisoden verzichten, sich innerhalb eines Tages vollziehen und sich räumlich auf einen Schauplatz beschränken 8 . Gottscheds Forderung nach ‚hochsprachlichen’ Alexandrinern will dem dramatische n Text zudem auch in seiner äußeren Form die Funktion einer allgemeinen Vernunfts- und Geschmacksbildung verleihen. Weiterhin soll die Tragödie ihr Personal aus der Welt des Adels rekrutieren: Zur Anschauung eines tragischen Handlungsverlaufes sei ausschließlich eine Standesperson sinnfällig, deren Haupt- und Staatsaktionen in der Katastrophe am Ende des Dramas münden. Nur so könne dem Zuschauer die Lasterhaftigkeit des Helden vor Augen geführt und abgeschreckt werden - der einfache Mann sei zu dieser Tragik nicht fähig 9 .
„3-Einheiten-Lehre“, gehobener Vers-Stil, „Ständeklausel“ - für Gottsched verbindet sich mit dieser Programmatik die Möglichkeit, die Vorstellung vom sittlichen Nutzen der Schaubühne zurück in den Fokus der literarischen
6 Vgl.: Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Stuttgart 1985. S. 72-73.
7 Gottsched: Critische Dichtkunst, S. 97.
8 Vgl. Gottsched: Critische Dichtkunst, S. 613: („die Einheit der Handlung, der Zeit, und des Ortes“).
9 Vgl. Gottsched: Critische Dichtkunst, S. 606: („die schweren Fälle der Großen dieser Welt“).
5
Arbeit zitieren:
Michael Bee, 2005, Vernunft vs. Affekt. Zur dramentheoretischen Entwicklung von Gottsched zu Lessing, München, GRIN Verlag GmbH
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