1
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. 2
2. Wirklichkeitskonstruktion im soziologisch-wissenschaftlichen Sinn. 3
2.1 Der Begriff Konstruktion 3
2.2 Beobachten und Wirklichkeit 4
2.3 Wirklichkeitskonstruktion in den Massenmedien 5
2.4 Wirklichkeitserzeugung - ein langwieriger Prozess 6
3. Soziale Wirklichkeitskonstruktion durch das Internet 8
3.1 Das Internet - Ein personalisiertes Massenmedium? 8
3.2 Konkrete Wirklichkeitskonstruktionen im Internet 10
3.2.1 Soziale Kognition 11
3.2.2 Soziale Emotion 15
3.2.3 Soziale Motivation 18
3.2.4 Einstellungen 19
3.2.5 Soziale Repräsentationen 20
4. Ausblick 20
5. Literaturverzeichnis S 22
2
1. Einleitung
Das 21. Jahrhundert ist, wie kein anderes Jahrhundert zuvor, geprägt von Medien, Information und Kommunikation. Was Menschen früher noch mit körperlicher Arbeit leisten mussten, wird zunehmend durch Maschinen bewerkstelligt. Die Beschäftigungsfelder sind heute, zumindest in den Industriestaaten, mehr und mehr im so genannten Dienstleistungssektor zu finden. Eine der wichtigsten Dienstleistungen ist die Beschaffung, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen. Diese werden allgemein durch Prozesse der Kommunikation transportiert und vermittelt. Die entscheidende technische Errungenschaft, die diese Entwicklung sozusagen einleitete und erst möglich machte wird allgemein in der Erfindung des Buchdrucks gesehen - also mit dem Druck Gutenbergs berühmter Bibel von 1452 bis 1455 in Mainz. Mit der Möglichkeit Bücher in Massen zu (re)produzieren und zu publizieren, war der Startschuss der massenmedialen Kommunikation gefallen. Als sich dann im 20. Jahrhundert noch Radio, Film und schließlich Fernsehen als Massenmedien etablierten, war der Sprung von der landwirtschaftlich und industriell geprägten Arbeitergesellschaft hin zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft geschafft. Der Buchdruck markiert deshalb den entscheidenden Meilenstein dieses Reformationsprozesses, welcher sich analog auch im Modell des demographischen Übergangs der Industriestaaten widerspiegelt. Ein vergleichbares Phänomen könnte nun ebenfalls die Etablierung des Internets bewirken. Mit Hilfe dieses Mediums, kann in der Kommunikation nicht nur die Zeitlichkeit, sondern erstmals auch die räumliche Determiniertheit des Menschen überwunden werden.
[…] „Dabei findet neben der virtuellen Realität, […] die erweiterte Realität (auf Neudeutsch "Augmented Reality") zunehmend Aufmerksamkeit. Das Ziel: Der Nutzer soll neben der natürlichen Umgebung auch bestimmte extra in sein Gesichtsfeld projizierte Informationen sehen […] - am besten über das Internet.“ […]
(Marsiske Hans-Arthur: Die Geister, die ich rief, Der Spiegel, Juni 2001)
Mobilität - aber auch Individualisierung lauten in der heutigen Gesellschaft die neuen Stichwörter. Man kann mittlerweile schon unterwegs seine Mails abrufen. Filme schaut man einfach zwischendurch auf seinem Notebook. Online-Shopping ohne Bank ist auch schon längst Realität.
In der folgenden Arbeit soll in einem kurzen Abriss versucht werden, die Art und Weise darzustellen, welche Auswirkungen das Internet auf die Realitätswahrnehmung des Menschen hat, wie sich diese Wahrnehmung verändert, bzw. wie das Internet Wirklichkeit(en) konstruiert.
3
2. Wirklichkeitskonstruktion im soziologisch-wissenschaftlichen Sinn
2.1 Der Begriff Konstruktion
Wenn Wirklichkeitskonstruktionen im Allgemeinen analysiert und dargestellt werden soll, gilt es erst einmal zu klären, was denn in der Wissenschaft überhaupt unter Konstruktion, bzw. unter Konstruktivismus verstanden wird.
Zunächst einmal gilt es ein Missverständnis auszuräumen, dass im Zusammenhang mit dem Begriff Konstruktion wieder und wieder entsteht. Unter Konstruktion im wissenschaftlichen Sinne ist nicht die umgangssprachliche Bedeutung gemeint, also eben nicht eine planvolle oder intentionale Herstellung von Objekten. Vielmehr benutzen Konstruktivisten dieses Wort,
„um Prozesse zu bezeichnen, in deren Verlauf Wirklichkeitsentwürfe sich herausbilden, und zwar keineswegs willkürlich, sondern gemäß den biologischen, kognitiven uns soziokulturellen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen und natürlichen Umwelt unterworfen sind.“ (Merten, Klaus: Die Wirklichkeit der Medien, S. 5)
Es handelt bei Konstruktionen im wissenschaftlichen Sinn also vielmehr um unterbewusste Prozesse, die das Individuum selbst oft nicht realisiert. Teilweise werden diese Prozesse quasi anerzogen, was bedeutet man übernimmt Verhaltensmuster und Anschauungen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld und teilweise resultieren Handlungs- und Wahrnehmungsmuster - es sind genau diese, die einem unterbewussten Prozess konstruiert werden - aus bereits selbst gemachten Erfahrungen. Daraus erscheint es auch logisch, dass alle Konstruktionen - und eben auch die Konstruktion unserer Wirklichkeit - überhaupt erst dann bemerkt und beschrieben werden können, wenn sie von einer zweiten Beobachtungsebene betrachtet werden. Wenn wir also beobachten, „wie wir beobachten, handeln und kommunizieren.“ (ebenda, S.5) Der Konstruktivismus wird daher auch als Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet.
4
2.2 Beobachten und Wirklichkeit
„[…] dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen […] und als Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existieren können.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 59. In: Merten, S. 6)
Die entscheidende Grundlage um überhaupt Konstruktionen und damit auch Wirklichkeit im abstrakten Sinn beschreiben und analysieren zu können, liegt in der Wahrnehmung, bzw. im Beobachten dieser Prozesse. Beobachtungen können allerdings immer nur bedingt objektiv sein, da der Beobachtende ja genauso Mensch ist, wie gegebenenfalls der Beobachtete. Er ist genauso seiner biologischen Situation unterworfen und kann im Augenblick des Wahrnehmens nicht sein Wahrnehmen selbst beobachten. Man spricht in der Wissenschaft diesbezüglich auch vom blinden Fleck des Systems, in dem es sich eben nicht selbst beobachten kann. In Anlehnung an Spencer Browns Konzept der Wahrnehmung und des Erkennens „als die Einführung und
Weiterbearbeitung von Unterscheidungen“ (ebenda, S.6), entwickelt Niklas Luhmann seine Theorie des operativen Konstruktivismus. Sie basiert darauf, dass Beobachtungen Operationen sind. Um zu entscheiden, welche Operation durchgeführt, also was genau beobachtet werden soll, muss man Unterscheidungen treffen, an die sich dann immer weitere Unterscheidungen anschließen. Wenn man diesen Prozess genau betrachtet, wird klar, dass es eine unendlich große Anzahl an Möglichkeiten gibt für welche „Unterscheidungsreihe“ man sich entscheidet. Dazu kommt, dass vermutlich jedes Individuum eine andere wählt, weil es eben der Subjektivität unterworfen ist. Dabei ist zu betonen, dass die Unterscheidungen nicht willkürlich getroffen werden,
„denn im Wahrnehmen, Erkennen und Handeln sind beobachtende Systeme „eingebunden“ in ihre Artgeschichte sowie in bisher gemachte Erfahrungen, in Wissen, Kommunikation, Normen, Konsens. […] Damit setzt er als Ausgangspunkt […] eine Differenz (System/Umwelt), die nicht ontologisch interpretiert wird als Zerlegung einer Gesamtrealität in Teile, sondern die gesehen wird als eine stets systemrelative Unterscheidungsleistung: „Es gibt danach keine systemfrei objektivierbare, keine ontologische Welt. Erreichbar ist nur, dass ein System beobachtet, was ein anderes System beobachtet.“ (ebenda, S.7)
Mit System meint Luhmann immer das einzelne Individuum, welches im Gegensatz zur Gesellschaft steht (mit Umwelt bezeichnet), bzw. gleichzeitig auch Teil von ihr ist. Es wird folglich gezeigt, dass es keine systemunabhängige, ontologische Wirklichkeit gibt, sondern es gibt demnach so viele Wirklichkeiten, wie es Systeme gibt, die beobachten. (ebenda, S. 8) Allerdings ist dieser Standpunkt ein radikal konstruktivistischer. In der Praxis verhält es sich wohl eher so, dass die von unserem
5
Gehirn konstruierte Wirklichkeit eine mehr oder weniger soziale Wirklichkeit ist. Damit versucht man dem Umstand Rechnung zu tragen, „dass wir im täglichen Leben […] intuitiv den Eindruck habe, wir lebten doch mehr oder weniger alle in ein und derselben Wirklichkeit.“ (ebenda, S. 10)
2.3 Wirklichkeitskonstruktion in den Massenmedien
Bei Wirklichkeitsempfinden spielen Emotionen eine wichtige Rolle. (vgl. auch 3.2.2) Im streng konstruktivistischen Sinne „erscheinen Gefühle keineswegs als etwas besonders Privates, sondern als Resultat wie als unentbehrlicher Komponente sozialer Interaktion“. (ebenda, S. 11) Sie gelten als kulturelles bzw. gesellschaftlich geteiltes, und generalisiertes Wissen. Unter dem Begriff Kultur wird dabei „der Zusammenhang gesellschaftlich relevanter kommunikativer Thematisierungsmöglichkeiten und ihrer grundlegenden Differenzen“ (ebenda S. 13) verstanden. Solche Differenzen sind zum Beispiel real/fiktiv, gut/böse oder wahr/falsch. In unserer Gesellschaft werden Kultur, Sprache, soziale Rollen, Kleidung, usw. eingesetzt, um das Einordnen und das Verstehen anderer Individuen - was streng genommen objektiv unmöglich ist - partiell zu erleichtern und so ganz pragmatisch Interaktion und Kommunikation zu erleichtern. Darauf basierend ist es auch möglich, dass massenmediale Kommunikation überhaupt in dem allumfassenden Rahmen möglich, wie es heute der Fall ist.
Mit dem Beginn der visuellen Kommunikationsmöglichkeiten - im Besonderen des Fernsehens - tritt das intersubjektive Vermitteln von Wirklichkeiten im Kommunikationsprozess in eine neue Phase. Getreu dem alten Gesetz, dass alles was man sieht auch wahr sei, fällt in den visuellen Medien zunehmend „Anschaulichkeit und Sichtbarkeit mit Wirklichkeit zusammen.“ (Spangenberg 1992: 3f. In: Merten, S. 15)
Hinzu kommt, dass Bilder eine stärkere emotionale Wirkung auslösen, als es vergleichsweise Texte ohne Bilder tun. „Emotional aber […] unterscheidet der Mensch weit weniger zwischen Fiktion und Nichtfiktion: Auch vor dem Fernseher fließen Tränen der Rührung und Wut.“ (ebenda, S. 15)
„Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden.“ (Arnhold, Katja: Digital Divide - Zugangs- oder Wissenskluft? S. 30)
Arbeit zitieren:
Oliver Schill, 2005, Soziale Wirklichkeitskonstruktion - die Auswirkungen des Internets auf die Realitätswahrnehmung des Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Information, Mitteilung, Verstehen
Das Kommunikationsmodell Nikla...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 18 Seiten
Systemtheoretischer Begriff der Öffentlichkeit: Öffentlichkeit und öff...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Anwendung des Öffentlichkeitsbegriff Luhmanns auf ein aktuelles Öffent...
Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Einsatz für eine strategische und operative Planung in Bäckereiunterne...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit, 48 Seiten
Eignung von PR-Kodizes als Bewertungsmaßstab für die Einhaltung einer ...
Medien / Kommunikation - Medienethik
Hausarbeit, 22 Seiten
Jugendamt/ASD - Praxissemester II in einem Frauenhaus
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Praktikumsbericht / -arbeit, 28 Seiten
Konzeptionen von politischer Öffentlichkeit - Die systemtheoretische P...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 15 Seiten
Ein interdisziplinäres Gespräc...
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Fachbuch, 285 Seiten
Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer Bestim...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Referat (Ausarbeitung), 16 Seiten
Direkte Demokratie in Deutschland auf Bundes- und Landesebene nach 199...
Stand 2005
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Zwischenprüfungsarbeit, 25 Seiten
Neorealismus - Institutionalismus - Liberalismus
Theoretischer Vergleich und pr...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 28 Seiten
Über Benjamin Barbers "Starke Demokratie. Politik als Lebensform&...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 26 Seiten
Kommunikation im Internet- Möglichkeiten und Nutzungsgruppen mit Aspek...
Hausarbeit, 27 Seiten
Normative Öffentlichkeit nach Jürgen Habermas - Utopie oder Maßstab st...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 31 Seiten
Oliver Schill's Text Soziale Wirklichkeitskonstruktion - die Auswirkungen des Internets auf die Realitätswahrnehmung des Menschen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Oliver Schill hat den Text Soziale Wirklichkeitskonstruktion - die Auswirkungen des Internets auf die Realitätswahrnehmung des Menschen veröffentlicht
Oliver Schill hat einen neuen Text hochgeladen
Der Einfluss des Internets auf Intermediäre im Tourismus
Entwicklung einer Analysemetho...
Dirk Tietz
Mehr Sicherheit im Internet durch elektronischen Identitätsnachweis?
Der neue Personalausweis im eu...
Herbert Kubicek, Torsten Noack
0 Kommentare