Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung: Autonomie- und Dependenztheorie im
Widerstreit 03
2. Die Flüchtigkeit sprachlichen Handelns und ihre Überwindung
durch Vertextung 05
3. Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen 06
3.1 Die Dissoziierung von Produzenten und Rezipienten
als konstituierendes Merkmal schriftlicher Kommunikation 06
3.2 Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen 07
3.2.1 Expeditive Prozeduren 08
3.2.2 Deiktische Prozeduren 09
3.2.3 Nennende Prozeduren 10
3.2.4 Operative Prozeduren 11
3.2.5 Malende Prozeduren 11
4. Fazit und Ausblick: Die Expansion technisch gestützter
Schriftlichkeit als Relevanzverlust strukturaler Unterschiede
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5. Literaturverzeichnis 13
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1. Vorbemerkung: Autonomie- und Dependenztheorie im Widerstreit
„Mündliche Kommunikation ist sowohl ontogenetisch wie phylogenetisch als
auch in der alltäglichen Erfahrungswelt der meisten Menschen die grundlegen-
de Form des Sprachgebrauchs.“ (Schoenthal 2000: 460)
Diese Einschätzung von Gisela Schoenthal im Metzler Lexikon Sprache (2000) scheint auf den ersten Blick stichhaltig und einleuchtend: Gesprochene Sprache gilt als eine anthropologische Univeralie und mag als gattungskostituierendes Merkmal des Menschen gewertet werden. Die gesproche ne Sprache sei in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten das zentrale Mittel menschlicher Interaktion. Sie scheine nicht nur älter als die Schrift zu sein, auch in der individuellen menschlichen Entwicklung gehe der Spracherwerb dem Schriftspracherwerb i m Normalfall voraus 1 . Der Lexikoneintrag erweist sich allerdings problematisch, wenn man seine Kehrseite und die daraus resultierenden Implikationen betrachtet. Wenn gesprochene Sprache einen primären und unmittelbaren Stellenwert besitzt, wie ist dann geschriebene Sprache einzuschätzen? Besitzt sie eine - in Relation zur gesprochenen Sprache - sekundäre Bedeutung? Ist sie gar abhängig von gesprochener Sprache und somit von geringerem sprachwissenschaftlichem Interesse? Beschäftigt man sich mit Strukturen schriftlicher Kommunikation sind diese Fragen von fundamentaler Bedeutung, da sie den Forschungsgegenstand a priori perspektivieren und einen problemorientierten Blick erschweren. Daher erscheint es ratsam, zunächst einen Blick auf den Forschungsstreit zwischen Autonomie- und Dependenztheoretikern zu werfen. Erst im Anschluss daran ist es möglich, eine differenzierte Analyse der spezifischen Strukturen von Schriftlichkeit zu skizzieren.
Elisabeth Feldbusch stellt in ihrer Monographie „Geschriebene Sprache“ (1985) das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache aus einer forschungsgeschichtlichen Perspektive dar. So habe die Sprachwissenschaft bereits seit der Antike die Dominanz der gesprochenen Sprache gegenüber der geschriebenen Sprache betont. Die Schrift bilde die akusti- 1 Diesgilt für den Erwerb der Gebärdensprache nicht.
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schen Signale mündlicher Kommunikation lediglich ab („Abbilddogma“), sie habe keinen direkten Bezug zum Gemeinten und fungiere als Übertragungssystem zur Überwindung raum-zeitlicher Distanzen. Feldbusch setzt dem entgegen, man müsse „das Geschriebene wie auch das Gesprochene als jeweils eine in System und Funktion eigenständige Existenzform der Sprache“ (1985: 65) begreifen. Christa Dürscheid kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die neuere linguistische Forschung versuche, „beide Existenzformen von Sprache methodisch differenziert zu behandeln“ (2004: S. 43-44). Gerade die beiden jungen sprachwissenschaftlichen Disziplinen Gesprächsanalyse und Textlinguistik könnten durch unterschiedliches methodisches Werkzeug beide Sprachebenen in ihrer jeweiligen Eigenart betrachten, ohne eine theoretische Dominanz oder Isolation vorwegzunehmen. In der folgenden Darstellung der Strukturen und Funktionen schriftlicher Kommunikation möchte ich eine vermittelnde Position zwischen Dependenz-und Autonomiehypothese einnehmen. Bei der Überführung gesprochener Sprache in geschrieben Sprache gibt es weitreichende Konsequenzen für unterschiedliche strukturale Teilbereiche der Sprechhandlung. Um diese Konsequenzen angemessen darstellen und diskutieren zu könne, ist man darauf angewiesen, konstituierende Merkmale beider Sprachformen gegenüberzustellen. Es ist daher unvermeidbar, Argumente für und gegen die Eigenständigkeit bzw. Abhängigkeit zu beleuchten. Um die Analyse nicht bereits während der Argumentation unnötig zu überfrachten, konzentriere ich mich zunächst auf prototypische Merkmale gesprochener und geschriebener Sprache. In Einzelfällen gehe ich auf randständige, ‚nicht-prototypische’ kommunikative Mischformen ein.
2. Die Flüchtigkeit sprachlichen Handelns und ihre Überwindung
durch Vertextung
Das prototypische Merkmal mündlicher Kommunikation ist ihre Flüchtigkeit (Ehlich 1994: S. 18). Seit der Entwicklung technischer Möglichkeiten zur Konservierung gesprochener Sprache kann dieser Hinweis nur eingeschränkt gelten. Oftmals werden Tonband- oder Videoaufnahmen als Ge-
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Arbeit zitieren:
Michael Bee, 2005, Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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