INHALTSVERZEICHNIS:
I. EINLEITUNG. 3
II. DAS „SELBST“ UND DIE „KULTUR“ 4
III. ERGEBNISSE DER KULTURVERGLEICHENDEN PSYCHOLOGIE 7
1. DER FUNDAMENTALE ATTRIBUTIONSFEHLER. 7
2. KOGNITIVE KONSISTENZ UND KOGNITIVE DISSONANZ. 9
3. SELBSTWERTDIENLICHE VERZERRUNGEN 11
IV. DAS INTERDEPENDENTE-SELF UND DAS INDEPENDENTE-SELF 15
V. SCHLUßWORT. 20
VI. ANHANG. 22
VII. LITERATURVERZEICHNIS 23
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I. Einleitung
Allgemein wird die Psychologie als die Wissenschaft bezeichnet, die sich mit der Beschreibung und Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens befaßt. Mit Hilfe von verschiedenen wissenschaftlichen Methoden werden Verhalten und Erleben einzelner Personen oder einer für statistische A nalysen ausreichend großen Zahl von Personen bzw. von Gruppen untersucht. Entdeckte Zusammenhänge zwischen d en definierten äußeren Reizkonstellationen einerseits und innerem Erleben bzw. Verhalten bilden die Erkenntnisgrundlage zur Formulierung psychologischer Theorien. Doch obwohl die überwiegende Mehrheit der psychologischen Studien in Nord-Amerika, die meisten anderen in West-Europa, durchgeführt werden, werden die an überwiegend westlich-kulturell geprägten Versuchspersonen gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert und daraus Gesetzte abgeleitet, die meist so behandelt werden, als seien sie für allen Menschen gültig. Die Psychologie läuft dabei Gefahr, die Auswirkungen kultureller Variablen zu vernachlässigen. Hier setzt nun die kulturvergleichende Psychologie an, die versucht zu prüfen, ob die gefundenen Gesetzmäßigkeiten psychischer Prozesse des Menschen universelle
(Generalisierungsstudien) oder nur kulturspezifische Gültigkeit (Differenzierungsstudien) besitzen. So gesehen definiert sich die kulturvergleichende Psychologie weniger durch einen Gegenstandsbereich als durch eine methodische Strategie (Thomas, 1993). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluß des Selbstkonzeptes auf die soziale Informationsverarbeitung und versucht zu überprüfen, ob einige recht konsistente Ergebnisse universelle oder nur kulturspezifischen Gültigkeit besitzen. Zunächst wird im zweiten Kapitel versucht, den Begriffe „Selbstkonzept“ und „Kultur“ zu definieren und zu klären, wie unterschiedliche Kultur zur Bildung unterschiedlicher Selbstkonzepte führen kann. Der dritte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit einigen bekannten und in zahlreichen Experimenten recht konsistent beobachteten Verzerrungen bei der Informationsverarbeitung. Anhand mehrerer kulturübergreifender Experimente soll überprüft werden, ob diese Ergebnisse unabhängig von kulturellen Variablen sind und ob die daraus entwickelten Theorien universelle oder nur kulturspezifischen Gültigkeit besitzen. Überprüft werden sollen erstes d er sogenannte fundamentale Attributionsfehler, dann das Prinzip der kognitiven Konsistenz sowie die Theorie der kognitiven Dissonanz und schließlich die Theorien der Selbstwertschutzes bzw. Selbstwerterhöhung und der Selbstwertüberschätzung. Letztlich soll im vierten Kapitel einen Modell vorgestellt werden, der von Markus und Kitayama entwickelt
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wurde. Anhand dieses soll versucht werden, im kulturellen Vergleich scheinbar inkonsistente Ergebnisse zu erklären.
II. Das „Selbst“ und die „Kultur“
Schon sehr früh begannen die Menschen damit, das Wesen ihrer eigenen Person zu ergründen. In der Religion und in der Philosophie wurden metaphysischen Begriffe wie „Seele“, „Wille“ oder „Geist“ geprägt, um das Verhalten und Erleben von Personen zu beschreiben und zu erklären. Auch in der psychologischen Forschung kann die Beschäftigung mit dem „Selbst“ auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits 1890 führte James die Unterscheidung zwischen dem Selbst als erkennendem Subjekt („I“) und dem Selbst als Objekt der Erkenntnis („me“) in der Psychologie ein. Dennoch liegt zum heutigen Zeitpunkt noch keine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition des Konstruktes „Selbst“ vor. Vielmehr führte diese lange Tradition in der Selbstkonzeptforschung dazu, daß das Konstrukt „Selbst“ auf der Grundlage unterschiedlicher Forschungsrichtungen definiert wurde und so zahlreiche Definitionen vorliegen. Ebenso zahlreich sind die sich teilweise überschneidenden Theorien und Modellen, die in der Selbstkonzeptforschung entwickelt wurden. Der übergeordnete Rahmen, der diese Theorien verbindet, ist bislang noch nicht gefunden. Das „Selbst“ ist ein abstraktes Konstrukt, das das Bewußtsein beschreibt, eine sich von anderen Personen unterscheidende, sich zwar kontinuierlich verändernde, in seiner Kernsubstanz jedoch identische Person zu sein. Das Selbstkonzept gilt als universell und die Entwicklung eines Selbstkonzeptes wird sogar oft als „typische“ menschliche Eigenschaft angesehen. Die Entwicklung des Selbstkonzeptes setzt bereits in den ersten Lebensmonaten des Menschen ein. Am Ende des ersten Lebensjahres treten erste Selbstkategorisierungen auf und zumindest in Bezug auf das eigene Aussehen scheint in diesem Alter bereits ein Selbstkonzept zu bestehen: Kinder erkennen dann ihren eigenen Spiegelbild (Lewis & Brooks-Gunn, 1979). Im zweiten Lebensjahr findet eine weitere Differenzierung und Verfestigung des Selbstkonzeptes statt, d ie auch in der Verwendung des Eigennamens und des Pronomens „ich” ausgedrückt wird. Doch a uch wenn die Entwicklung eines Selbstkonzeptes als universell gilt, kann sich das Selbstkonzept in seinem genauen Inhalt und Struktur wesentlich unterscheiden.
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In den letzten dreißig Jahren wurde die Selbstkonzeptforschung maßgeblich vom kognitionspsychologischen Ansatz beeinflußt. Die Vorstellung des Selbstkonzeptes als ein übergeordnetes, unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal wurde durch ein sich ständig veränderndes, dynamisches Selbstkonzept ersetzt: Das Individuum hat nicht ein Selbst, das sein Verhalten kontrolliert, sondern einen bestimmten Erfahrungsschatz, der durch das Selbst symbolisiert wird. Aus kognitionspsychologischer Perspektive wird das Selbstkonzept einer Person nämlich als die Gesamtheit selbstbezogenen Wissen aufgefaßt, das in kognitiven Strukturen organisiert ist. Bei der Verarbeitung selbstkonzeptrelevanter Informationen spielen diese kognitiven Strukturen eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen es der Person, Informationen in effizienter Weise aufzunehmen, zu verarbeiten, zu speichern und wieder abzurufen. Zunächst genießen s elbstkonzeptrelevante Informationen bei der Wahrnehmung eine sehr weitgehende Priorität. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür stellt das „Cocktail Party Phänomen“ dar: In einer Situation, in der eine größere Zahl von Personen in unterschiedlichen Gruppen Konversation betreiben, ist es der einzelnen Personen in der Regel nur möglich, dem Gespräch zu folgen, an dem sie beteiligt sind. Wird jedoch in einem anderen Gruppengespräch ihr Name erwähnt, so werden Personen augenblicklich auf dieses Gespräch aufmerksam und können den Gesprächsverlauf selektiv verfolgen. Die Experimente zum „self-reference memory enhancement effect“ zeigen, daß die Einbeziehung selbstbezogener Wissensstrukturen bei kognitiven Operationen zu besseren Gedächtnis-leistungen führt. Selbstkonzeptrelevante Informationen genießen also auch Priorität bei der kognitiven Verarbeitung. Diese sehr weitgehende Priorität bei Wahrnehmung und kognitive Verarbeitung legt nahe, d em Selbstkonzept eine zentrale Bedeutung bei der Informationsverarbeitung zuzusprechen. Der Einfluß des Selbstkonzeptes auf den Prozeß der Informationsverarbeitung konnte in verschiedenen Untersuchungen bestätigt werden. Aus der Akkumulation von Erfahrungen in einem bestimmten Bereich resultieren viele Informationen, die miteinander verknüpft sind. Bislang existiert allerdings kein einheitliches Modell darüber, wie die Komponenten des Selbstkonzeptes miteinander verbunden sind. Einige Autoren vermuten, daß das Selbstkonzept eine hierarchische Struktur mit verschiedenen Abstraktionsgraden hat (Rogers, 1961; Epstein, 1979). A ndere dagegen haben ein assoziatives Netzwerkmodell des Selbstkonzeptes vorgeschlagen (Bower & Gilligan, 1979). Eine häufig vorgenommene Kategorisierung unterscheidet Selbstkonzeptbereiche einer Person hinsichtlich ihrer Zentralität bzw. Wichtigkeit und hinsichtlich ihres Elaborationsgrades. Hazel Markus (1977)
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vertritt der Meinung, daß manche Bereiche des Selbstkonzeptes einer Person ihr wichtiger sind als andere und daß Personen in wichtigen Bereichen sehr ausdifferenzierte und sehr stabile, weil mit sehr vielen Beispielen belegbare, Selbstkonzepte entwickeln. Markus bezeichnet Selbstkonzeptbereiche, in denen eine Person umfangreiche, eindeutig definierte Selbstannahmen besitzt als „schematisch“ und Selbstkonzeptbereiche, in denen eine Person über keine oder nur undifferenzierte V orstellungen über sich verfügt als „aschematisch“. Schematische Bereiche sind schwer zu beeinflussen, da die vielen konsonanten Informationen in diesen Bereich der Person ermöglichen, inkonsistente Information aus diesen Bereich zu verweisen.
„K ultur“ zu definieren ist ein schwieriges Unterfang. Bereits 1952 konnten Kroeber und Kluckhohn 150 unterschiedliche Definitionen von Kultur miteinander vergleichen. Hier soll Kultur als ein universelles, jedoch für eine Gesellschaft, Organisation oder Gruppe typisches, als Orientierung fungierendes Wissen, definiert werden. Dieses Wissen wird durch Sozialisation erlernt und von allen Individuen geteilt, die sich dieser Kultur zugehörig fühlen, und wiederum durch Sozialisationsprozesse weitergegeben. Kultur strukturiert durch Normen, Werte, Gesetze, etc. ein für das Individuum spezifisches Handlungsfeld, das aber vom Individuum innerhalb der eigenen Kultur nicht bewußt erfahren wird. Wie können nun u nterschiedliche Kultur zur Bildung unterschiedlicher Selbstkonzepte führen? Die Informationen über die eigenen Person, auf Grundlage dessen das Selbstkonzept aufgebaut wird, stammen aus verschiedenen Quellen (Dauenheimer, 1996; Petersen, 1994). Die erste I nformationsquelle sind Beobachtungen des eigenen Verhaltens und eigener physiologischer und emotionaler Zustände (Selbstwahrnehmung). Eine zweite Quelle für selbstkonzeptrelevante Informationen sind direkte (verbale Zuschreibungen) und indirekte (Rückschlüsse aus der Interaktion mit anderen) Rückmeldungen über eigenes Verhalten oder eigene Eigenschaften aus der sozialen Umwelt. Informationen ergeben sich schließlich aus dem Vergleich mit relevanten Einzelpersonen oder Bezugsgruppen. (Festinger, 1954) Da ein bedeutender Teil der selbstkonzeptrelevanten Informationen aus der Rückmeldungen der sozialen Umwelt bezogen werden, könnten kulturelle U nterschiede sehr wohl zur Ausbildung strukturell und inhaltlich sehr unterschiedlicher Selbstkonzepten führen. Man könnte sogar annehmen, daß die Unterschiede im Selbstkonzept um so größer sind, desto größer die kulturellen Unterschiede sind. Bekanntlich sind die kulturellen Unterschiede zwischen der westlichen und östlichen Welt sehr groß und schon immer wurde über große
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Verhaltensunterschiede berichtet. Daher suchen die meisten kulturvergleichenden Studien nach Unterschieden oder Ähnlichkeiten zwischen beiden Kulturkreisen, da anhand dieser scheinbar am B esten überprüft werden kann, ob die gefundenen Gesetzmäßigkeiten universelle oder nur kulturspezifische Gültigkeit besitzen. Es soll jedoch nicht vergessen werden, daß nicht nur zwischen der westliche und der östliche Welt erhebliche kulturelle Unterschiede bestehen.
III. Ergebnisse der kulturvergleichende n Psychologie
1. Der fundamentale Attributionsfehler
In seinem klassischen Werk The Psychologiy of Interpersonal Relations skizzierte Fritz Heider (1958) den Alltagsmenschen als naiven Wissenschaftler, der beobachtbares Verhalten mit nicht beobachtbaren Ursachen in Zusammenhang bringt. Nach Heider besteht die Aufgabe des Beobachter dabei hauptsächlich darin zu entscheiden, ob eine bestimmte Handlung auf einer Ursache innerhalb der ausführenden Person ( z.B. Fähigkeit, Anstrengung, Absicht...) oder auf einem Faktor außerhalb der ausführenden Person (z.B. Schwierigkeit der Aufgabe oder Glück) beruht. Seit den Arbeiten von Heider wurde daher die Unterscheidung zwischen internen und externen Attributionen eine große Bedeutung beigemessen. In vielen Alltagssituationen fehlt es jedoch dem Beobachter für diese Entscheidung an Informationen, Zeit und Motivation, so daß oft nicht alle Faktoren berücksichtigt werden. Ein wichtiger Beitrag Heiders (1958) war seine Beobachtung, daß nicht alle potentiellen Ursachen mit der selben Wahrscheinlichkeit ausgewählt w erden. Statt dessen neigen die Wahrnehmenden eher dazu, den Kontext teilweise oder vollständig zu ignorieren und die Ursache einer bestimmten Handlung eher innerhalb der Person zu suchen. Diese Attributionsasymetrie wurde in einem klassischen Experiment von Ross, Amabile und Steinmetz (1977) demonstriert. Viele weitere Untersuchungen zeigen, daß Beobachter personale oder dispositionale Faktoren anscheinend überschätzen und situative Faktoren unterschätzen (z.B. Jones und Harris, 1967). Für diese Verzerrung der Informationsverarbeitung setzte sich die Bezeichnung „fundamentale Attributionsfehler“ durch. Eine für dieses Phänomens häufig gegebene Erklärung bezieht sich auf den Unterschied zwischen der Handelnden- und Beobachterperspektiv, e ine eher motivationale Erklärung dagegen auf die Tatsache, daß eine Attribution auf innere, stabile Dispositionen uns ein Gefühl von Kontrolle
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Arbeit zitieren:
Aurélie Cahen, 2002, Die Bedeutung der Kultur für die soziale Informationsverarbeitung, München, GRIN Verlag GmbH
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