Goethe wuchs in einem streng religiösen Elternhaus auf und Kirchgang, sowie die alltägliche Benutzung von Gesangbuch und Bibel, prägten seine Kindheit. Er genoss regelmäßigen Religionsunterricht.
Dieser naive Kinderglaube wurde zum ersten Mal im Jahre 1755 erschüttert, als das Erdbeben von Lissabon 4 , welches mehr als 30.000 Opfer nach sich zog, wütete. Noch dazu geschah dieses Erdbeben an Allerheiligen, wo sich fast alle Menschen in den besonders einsturzgefährdeten Kirchen befanden. Die Theodizee des Optimisten Leibniz wurde stark in Frage gestellt, außerdem wurde aus diesem Ereignis für Goethe deutlich, dass die Natur durch den Menschen nicht zu beherrschen war, nein, dass im Gegenteil die Natur den Menschen beherrschen kann, wenn er sich seiner Überlegenheit zu sicher ist und, wie in diesem Fall als Beispiel, keinerlei Vorkehrungen trifft.
Wie oben schon erwähnt, erhält Goethe zwar sprachlichen und geistlichen Unterricht, „ von dem hingegen, was eigentlich äußere Natur heißt“, hatte er „ gar keinen Begriff und von ihren so genannten drei Reichen nicht die geringste Kenntnis.“ Er war nur daran gewöhnt, „ in wohleingerichteten Ziergärten den Flor der Tulpen, Ranunkeln und Nelken bewundert zu sehen.“ 5
Goethe konnte seine Wissbegier aber doch stillen, denn immerhin gab es in seinem Elternhaus eine reichbestückte Bibliothek mit über 1600 Büchern. Erste eigene Initiativen unternahm Goethe mit einer kleinen Marmor- und Naturaliensammlung, die ihm der Vater von einer Italienreise mitgebracht hatte. Aus diesen Mineralien baute sich Goethe mit Hilfe eines Notenpultes und Räucherkerzen einen eigenen Altar für seinen „eigentlichen Gott“. Die Räucherkerzen wurden durch ein Brennglas von der aufgehenden Sonne entzündet, leider wurde der Altar dann auch durch einen Brand zerstört, „hierüber kam der junge Priester in die äußerste Verlegenheit…“. 6
Studienzeit Leipzig 1765-1768
Während seines Studiums in Leipzig erfolgte für Goethe eine Loslösung von den starren religiösen Vorschriften seiner Eltern. Da er ihrer Kontrolle ja nun nicht mehr unterlag, blieb auch der allsonntagliche Kirchenbesuch aus. Goethe sollte in Leipzig Jura studieren, will aber sofort nach seinem Eintreffen heimlich in einen philologischen Studiengang wechseln.
4 Siehe dazu Gedicht von Voltaire im Anhang. Voltaire behandelt diesen gedanklichen Konflikt in seinem „Candide“. Zum Nachlesen: Voltaire: Candide ou l´optimisme. Hrsg. v. Heribert Walter. Berlin: Cornelsen 2001, S. 20-22.
5 Goethe. Werke. Im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen (Weimarer Ausgabe). VI Abteilungen. 133 Bände in 143 Teilen. Weimar 1887-1919, Band 26, S. 34.
6 ebenda, S. 65.
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Auch Goethe war in seinen Leipziger Jahren auf der Suche nach Orientierung und der zu ihm passenden Wissenschaft, eine Sache die sicher in den Urfaust eingeflossen ist. Wenn Faustus sich zu Anfang des Stückes in einem Monolog darüber beklagt, er habe sich zwar in nahezu allen Wissenschaften umgetan, jedoch könne er die Befriedigung seines Lebens nicht finden, so können wir feststellen, dass es auch Goethe in Leipzig ähnlich ging: So hörte er Vorlesungen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten, zum Beispiel aus der Philosophie und Theologie, den Sprachen, aber auch den Naturwissenschaften wie Chemie, Physik und Anatomie und er stellte fest: „Zuwachs an Kenntnis ist Zuwachs an Unruhe.“ 7 Schon in Leipzig dürften, wenn auch nicht in schriftlicher Form, einige Grundsteine für den Urfaust gelegt worden sein. Denn die Erfahrungen, die Goethe in dieser, damals „Klein-Paris“ genannten, Stadt sammelte, flossen mit Sicherheit in die Studentenszenen ein. Sie bildeten, so könnte man es sich vorstellen, das Fundament. So zum Beispiel Auerbachs Keller als Lokalität, die ja auch schon vor Goethes Faust bekannt war durch das Zauberkunststück des Ritts auf dem Weinfass, welches der historische Faust dort vollbracht haben soll. Da es damals üblich war, dass Studenten in gastfreien Privathäusern einen Mittagstisch abonnierten, traf Goethe mittags mit zahlreichen Naturwissenschaftlern zusammen und konnte seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse vertiefen. Der Gastgeber bildete dabei mit seinen studentischen Kostgängern eine wissenschaftliche Gemeinschaft, in Goethes Fall war dies Hofrat Ludwig, ein Arzt und Botaniker. Die übrige Gesellschaft bestand „ in lauter angehenden Ärzten“. Er habe, so Goethe, „ in diesen Stunden gar kein andrer Gespräch als von Medizin und Naturhistorie“ 8 gehört.
Ein Zwischenfall soll jedoch seiner Studien- und Forscherzeit in Leipzig, Goethe erkrankt schwer und ist gezwungen ohne irgendeinen Abschluss nach Frankfurt zurückzukehren, ein jähes Ende bereiten.
Rekonvaleszenzphase
Nach der Rückkehr ins Elternhaus wird Goethe anderthalb Jahre lang mit stark pietistischen Einflüssen konfrontiert, wofür er natürlich in seiner physischen und psychischen Verfassung besonders empfänglich ist. Der Pietismus als protestantische Laienbewegung hatte die in der Bibel enthaltenen Lebensideale gegen die ethische und dogmatische Konvention der Kirche wieder zu Geltung gebracht. Das heißt: Frömmigkeit ist bei den Pietisten ganz Sache des persönlichen Gefühls, Liebe und Brüderlichkeit treten an die Stelle von strengem Gehorsam
7 Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden (HA). Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Erich Trunz. Hamburg: Christian Wegener 1948 ff., Zweiter Teil, Siebtes Buch, S. 516.
8 Weimarer Ausgabe, Band 27, S.67.
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und Pflichten. Man trifft sich bei so genannten Konventikeln im privaten Rahmen, also nicht mehr innerhalb eines recht anonymen, großen Umfeldes wie der Kirche. Goethes behandelnder Arzt, Herr Dr. Metz, war Pietist und den Lehren des Paracelsus verbunden. Er behandelte Goethe während seiner schweren Krankheit und empfahl ihm zahlreiche hermetische Schriften zur Lektüre, doch dazu später mehr. Als es Goethe besonders schlecht ging und sein Krankheitszustand lebensbedrohliche Dimensionen annahm, verabreichte ihm der Arzt ein „heimliches“ Salz, das prompt zur Rettung führte. Heute nimmt man stark an, dass es sich dabei um einfaches Glaubersalz handelte, doch Goethe musste in seiner damaligen Situation an ein Wunder geglaubt haben. Aber nicht nur das führte zu seiner Begeisterung für alles Alchemistische und die Sekte der Pietisten: Eine Freundin der Mutter, Susanna Catharina Klettenberg, trug noch mehr dazu bei. Sie entstammte einer angesehenen und wohlhabenden Frankfurter Familie und war gekennzeichnet durch eine tiefe Frömmigkeit. Sie war es letztendlich auch, die ihm die Vorstellungswelt des Pietismus näher brachte und seine Interessen für hermetische Schriften und alchemistische Experimente weitgehend teilte. Ihr Großonkel war einer der berühmtesten Betrugsalchemisten jener Zeit, Johann Hector von Klettenberg. Er wurde 1720 enthauptet. Für ein besseres Verständnis soll hier kurz erläutert werden, worauf sich alle diese Personen stützten. Nach ihrer Weltanschauung, gespeist aus hermetischen Quellen, gehören Leib und Seele ebenso zusammen wie Mikrokosmos und Makrokosmos; es sind Polaritäten, die auf eine höhere Einheit zustreben. Die Seele eines jeden ist also wiederum Abbild der gesamten Welt, aber natürlich besitzt sie nicht die Kraft dieser Welt, sie ist eine portio divinitatis. Das bedeutet, dass sich jeder „Individualgeist“ aus dem Makrokosmos nur noch die Teile heraussucht, die in seinen Mikrokosmos passen. Daraufhin ist seine „erkennende Kraft“ gerichtet. Die „wirkende Kraft“ wird bei „Existenzsichernden Maßnahmen“, wie Nahrungsaufnahme, geweckt. Zusammengefasst bedeutet dies alles, dass ein Erkennen der ganzen Welt nicht notwendig ist, da das Erkennen ja nur der individuellen Selbstverwirklichung dienen soll. Das Verhalten von Faust im Urfaust ist konträr dazu zu sehen: er strebt nach „selbstloser“ Wahrheit, nach universeller Erkenntnis. Nach Goethe ist jedoch nur das Verhältnis der Dinge zu mir selbst wichtig, nicht aber das Verhältnis derselben untereinander. Ebenso wird das Erkannte bei Faust nicht in sein eigenes mikrokosmisches All „verschlungen“, in eine individuelle wissenschaftliche Konzeption, sondern er häuft vielmehr persönlich beziehungsloses Wissen an, zum Streben nach Erkenntnis von Leben und Gottheit selber. Wie oben schon einmal erwähnt, empfahl Goethes Hausarzt dem Kranken zahlreiche Werke zur Literatur, die Goethe, an sein Bett gefesselt, regelrecht „verschlang“. Besonderen
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Eindruck hat auf ihn ein Werk Gottfried Arnolds gemacht: „Die Unpartheyische Kirchen- und Ketzerhistorie“ 9 . Dieses Werk entstand zwischen 1696 und 1699 und beschäftigt sich mit dem schon seit dem dritten Jahrhundert bemerkten Zerfall zwischen dem christlichen Lebenswandel, wie er eigentlich sein sollte, und dem institutionalisierten, äußerlichen Christentum der verschiedenen Kirchen. Er stellt fest, dass es keine Übereinstimmung zwischen Geist und Welt; Innen und Außen und Gott und Mensch gibt. Man könnte also sagen, es handelt sich bei der Kirchen- und Ketzer Historie um „eine messianischspiritualistische Utopie eines mit Gott und dem Heiligen Geist versöhnten Lebens erleuchteter Christen.“ 10 Die wichtigste Folgerung, die man aus Arnolds Werk schließen konnte war, dass richtig und gerecht demnach nur der „Erleuchtete“ urteilen kann, dieser ist von jeder Selbstheit befreit. Diese „Erleuchteten“ wurden damals hingegen oft als Ketzer angesehen, so dass die wahren von Gott Gesandten also die „Ketzer“ sind. Dieser ist gesandt um Gottes Wirken zu bezeugen und so die unsichtbare, also wahre, Kirche am Leben zu halten. Hinzu studierte Goethe dann auch wirklich die „Ketzer“ der damaligen Aufklärer- Wissenschaft wie Franciscus Mercurius van Helmont oder Emanuel Swedenborg. Goethe kannte also die ganze Reihe der geheimwissenschaftlichen Werke, jedoch verstand sich diese Magie keineswegs als Zauberei, sondern als wirkliche Naturwissenschaft (magia naturalis), die bewirkt, dass der magus „dinge durch seinen Befehl verändern“, und, „in der Natur stehend, bisweilen über die Natur herrschen kann.“ 11 Wichtig ist, schon ihm Rahmen dieser Vorstellungen, auch immer die praktische Seite: Die Verdichtung beziehungsweise Speicherung solcher Kräfte in Form von Medikamenten, chemischen Substanzen, und psychologisch hochwirksamen Mitteln. Der Magus kann dabei zwei Wege beschreiten: den der spirituellen oder den der dämonischen Magie. Bestreitet er den zweiten Weg, so geht er davon aus, dass alle lebenden Wesen von Geistern bewohnt sind. Gelingt es ihm diese Geister zu rufen und zu erwecken und sich ihnen damit dienstbar zu machen, so kann er wiederum deren Leistungen benutzen, um Erkenntnisse und übernatürliche Kräfte zu erlangen.
Als es Goethe bereits besser ging, begab er sich auf diesen Pfad und unternahm selbst alchemistische Experimente, mit dem Ziel eine schöpferische Ursubstanz herzustellen. Diese Ursubstanz nennt sich „prima materia“, mit ihr konnte es dem Alchemisten gelingen, die
9 Arnold: Gottfried: Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie vom Anfang des Neuen Testaments bis auf das Jahr 1688. Berlin: G.Olms 1967.
10 Killy Literaturlexikon, Digitale Bibliothek Band 9.
11 Agrippa von Nettersheim, Heinrich C.: Heinrich Cornelius Agrippas von Nettersheim Magische Werke: samt den geheimnisvollen Schriften des Petrus von Abano, Pictorius von Villingen, Gerhard von Cremona, Abt Tritheim von Sponheim, dem Buche Arbatel, 5 Bücher in 2 Bänden. Schwarzenburg : Ansata-Verl.1979, Teil 1, S.69.
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Arbeit zitieren:
Nadine Merten, 2003, Biografische Bezüge zu Goethes Urfaust und Grundzüge von Goethes Weltbild, München, GRIN Verlag GmbH
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