Inhaltsverzeichnis:
Einf ührung 2
Der Begriff des Erinnerungsmotivs und dessen Funktion 2
Zur Geschichte des Erinnerungsmotivs 5
Zur Terminologiegeschichte des Erinnerungsmotivs 6
Wiederkehrende musikalische Motive in La Traviata 8
Weitere musikalische Motive in La Traviata 21
Schlussbemerkung 24
Literaturnachweis 26
Einführung
Zielsetzung dieser Arbeit ist, Verdis Umgang mit musikalischen Motiven innerhalb der Oper La Traviata zu untersuchen.
Giuseppe Verdi benutzt mehrfach wiederkehrende Motive, am meisten in den Opern Rigoletto, Aida und Otello. Die Benutzung eines Erinnerungsmotivs kann einen dramatischen Focuspunkt im Werk anzeigen oder als Identifikations-Motiv fungieren, das für die Charakterisierung einer Person gebraucht wird. Gelegentlich wird außerdem die gleiche harmonische Wendung verwendet. Der Begriff des Leitmotivs wird im Zusammenhang mit Giuseppe Verdi vom Verfasser bewusst vermieden, da der Begriff in der heutigen Zeit eindeutig mit Richard Wagner in Verbindung gebracht wird. Bei Wagner ist wiederum die Technik wiederkehrender Motive eine ganz andere und wesentlich umfangreichere. In seinem Opernwerk treten innerhalb einer Oper deutlich mehr Motive auf als bei Verdi, außerdem werden diese Motive bei Wagner in höherer Anzahl wiederholt. Bei Verdi ist es meist nur eine Melodie, die sich wenige Male in der Oper wiederholt. So z. B. die Erinnerung an eine Liebesszene in La Traviata, La Forza del destino oder in Aida, die von der gleichen Melodie begleitet wird, vereinzelt auch von einem harmonischen Wechsel von Moll nach Dur.
Der Begriff des Erinnerungsmotivs und dessen Funktion
Der Begriff des Erinnerungsmotivs bekam durch Richard Wagner eine neue Bedeutung. Unter einem Erinnerungsmotiv versteht man „eine prägnante musikalische Gestalt, die in wortgebundener oder programmatischer Musik einem bestimmten dichterischen Moment (einer Idee, Sache, Person u. ä.)
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zugeordnet ist und im musikalischen Text immer dann erscheint, wenn dieses dramatisch-poetische Moment gemeint ist“ 1 .
Das Erinnerungsmotiv kann unterschiedliche Funktionen einnehmen, so z. B. eine in Erscheinung tretende Figur ankündigen oder charakterisieren, es kann einen dramatischen Inhalt verschiedenster Art und Weise repräsentieren: Personen, Gegenstände, Situationen, Orte, Ideen, Übersinnliches oder geistige Zustände. In der Hauptsache weist es als Reminiszenz auf etwas Vergangenes hin, kann aber auch als Ahnung vorausweisend sein. In dieser Funktion kann es der Zuhörer noch nicht deuten, da ihm die späteren Zusammenhänge unbekannt sind. Als Beispiel sei das Vorspiel von La Traviata aufgeführt. Die Musik des Beginns wird erst durch ihr Erklingen im letzten Teil der Oper verständlich.
Thomas Mann (1875-1955) bezeichnet das Erinnerungsmotiv in dieser vor- und zurückweisenden Kraft als „magische Formel“, welche die Zeit suspendiert, ein Mittel, der inneren Gesamtheit in jedem Augenblick Präsenz zu verleihen. 2
Die Bedeutung eines Erinnerungsmotivs wird durch den Komponisten beliebig festgelegt. Eine bestimmte Tonfolge, ein Motiv, ist ausschließlich den in das Werk eingeweihten Hörern bekannt und beruht folglich auf einer willkürlichen Festlegung durch den Komponisten. Das Auftreten eines Erinnerungsmotivs ist immer in seinem musikalischen Zusammenhang zu sehen. Auch Tempo, Tonart und Instrumentation spielen eine wichtige Rolle. Deshalb sind sich wiederholende Erinnerungsmotive Ausdruck und Zeichen des Bezeichneten zugleich.
Der Sinn des Erinnerungsmotivs ergibt sich in erster Linie aus seinem ersten Auftreten in einer bestimmten Situation. Für die Auslegung und das Verständnis des Erinnerungsmotivs ist es wichtig, alle Erscheinungsweisen in Beziehung zu
1 Brockhaus Riemann, Musiklexikon. 3. Auflage, Mainz 2001, S. 27.
2 Thomas Mann, Einführung in den Zauberberg. Vorwort zu Der Zauberberg, Frankfurt am Main, S. 8.
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setzen. Die Ausdruckskraft eines Motivs ist beim ersten Auftreten am größten und nimmt mit der Anzahl der Wiederholungen innerhalb einer Oper ab. Dies kann der Komponist vermeiden, indem er die Motive verändert und sie in neue Zusammenhänge stellt. So entstehen nie wörtliche Wiederholungen. Auch können Instrumentation und Tempo geändert werden und somit auftretende „Abnutzungserscheinungen“ verhindern.
Erinnerungsmotive können in unterschiedlicher Beziehung zur Szene und zum Text stehen. Sie weisen direkt auf ein Geschehen hin, wenn ihre Bedeutung mit der des Textes bzw. eines einzelnes Wortes oder mit dem Erscheinen einer Person korrespondiert. Darüber hinaus können Motive kommentierte Standpunkte zur Handlung einnehmen. Ein Erinnerungsmotiv hat einen semantischen Wert, da es eine außermusikalische Bedeutung vermittelt. Die Bedeutung zeigt an, womit das Motiv bei seinem ersten Auftreten verbunden wird und was bei seinem weiteren Vorkommen identisch bleibt, also eine Grundbedeutung, die unabhängig von wechselnden Kontexten ist. Der Sinn eines Motivs hingegen besteht in dem, was ein Erinnerungsmotiv an einer bestimmten Stelle der Handlung dem Zuhörer mitteilt bzw. welche Funktion es dort erfüllt. Die Bedeutung kann gleich bleiben, der Sinn aber kann sich verändern.
Häufig erfüllen Erinnerungsmotive lediglich eine verdoppelnde Funktion. Sie folgen ohne eine semantisch relevante Gestaltveränderung bestimmter Worte, in denen von der Sache, die sie bezeichnen, die Rede ist. Da zur ursprünglichen Bedeutung in diesen Beispielen nichts hinzukommt, fallen Sinn und Bedeutung zusammen.
Die Anlehnung an die Begriffe Sinn und Bedeutung geht zurück auf den Philosophen Gottlob Frege 3 (1848-1925).
3 Gottlob Frege, Über Sinn und Bedeutung. In: Funktion, Begriff, Bedeutung, hrsg. v. Günter Patzig, Göttingen 1986,
S. 40-65.
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Zur Geschichte des Erinnerungsmotivs
Die Technik, musikalische Themen innerhalb einer Oper zu wiederholen und ihnen somit eine besondere Bedeutung zukommen zu lassen, geht zurück bis in die Opern des späten 18. Jahrhunderts und frühen 19. Jahrhunderts. An Komponisten sind hier zu nennen: A.-E.-N. Gretry, Ch.-S. Catel, E. N. Mehul, G. Benda und G. J. Vogler, sowie in der deutschen romantischen Oper bei E. T. A. Hoffmann, H. Marschner und C. M. von Weber. Für die Themenwiederkehr existieren verschiedene Möglichkeiten. Ein Thema kann als bloße Wiederholung einer Favorite-Melodie am Ende einer Oper wieder erscheinen, als mehrmaliges Anklingen eines Liedes wie in Gretrys Richard Löwenherz oder als Begleitung von Traumszenen oder Pantomimen. Carl Maria von Weber verwandte wiederkehrende Motive, z. B. im Freischütz, zur Symbolisierung des Geisterhaften und Übersinnlichen. Auch Richard Wagner gebrauchte dies in seinen Opern der 1840er Jahre. Bei Weber finden sich solche an wichtige Handlungsmomente erinnernde Motive im Freischütz, Oberon und im Besonderen in Euryanthe. Er selbst hob diese Technik in seinen eigenen Opernbesprechungen hervor. Dies zum Teil mit Begriffen, die an Richard Wagners Ausführungen zum Thema erinnern. Weber wählte den auch von Wagner verwendeten Ausdruck „Gewebe“. Von der verschiedene Male wiederholten Romanzenmelodie in Nicolas Dalyracs Oper Makdonald berichtete Weber im Jahre 1811: „Solche Stücke sind die zarten Fäden im Gewebe einer Oper, die von einem wahren dramatischen Komponisten … unwiderstehlich die Herzen der Zuhörer gewinnen müssen.“ 4 Ebenso findet sich der für Wagner wichtige Begriff Ahnung bei Weber. Hieraus lässt sich allerdings kein Einfluss Webers auf Wagner herleiten, da ungewiss ist, ob Wagner die Schriften Webers gekannt hat.
4 Carl Maria von Weber, Sämtliche Schriften. Kritische Ausgabe von Georg Kaiser, Berlin und Leipzig 1908, S. 114.
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Richard Wagner selbst gebrauchte den Begriff des Leitmotivs nicht, wie noch weiter unten ausgeführt wird.
In den frühen Opern Richard Wagners benutze er die wiederkehrenden Motive wie andere Komponisten seiner Zeit. Die für den Fortgang der Handlung wichtigen Momente werden mit einem Motiv kombiniert, das an entscheidenden Stellen als musikalische Motivierung die Handlung unterstützt. Als Beispiele für diese Technik seien angeführt: Der „Samiel-Akkord“ in Webers Freischütz, die Melodie der Eglantine in Euryanthe und der Luther-Choral in Meyerbeers Les Hugenots; ebenso das sich wiederholende Romanzenmotiv Gernots in Wagners Feen, das Motiv des Liebesverbots in Wagners zweiter Oper und das Rachemotiv im Rienzi.
In der Nachfolge Wagners wird die Erinnerungsmotivtechnik ganz allgemein angewandt, so z. B. bei Cornelius, Humperdinck, Delius, Pfitzner, Richard Strauss, Janáček, Debussy, Berg, Schönberg und Henze 5 . In der Filmmusik
spielt sie eine besonders große Rolle.
Zur Terminologiegeschichte des Erinnerungsmotivs
Bevor sich um 1870 das bis heute gebräuchliche Wort Leitmotiv einbürgerte, wurden wie teilweise bereits erwähnt eine Fülle verschiedener Ausdrücke für das Gemeinte verwandt. Es kommen Begriffe wie Figur, Motiv, Melodie, Phrase oder Thema vor. Häufig erscheint der Begriff des Hauptmotivs, um wiederkehrende Themen zu benennen.
Hector Berlioz bezeichnete das in allen Sätzen seiner Symphonie fantastique (1830) zu hörende Thema als „idée fixe“. Unübersehbar ist die Konnotation
5 Aufstellung nach: Brockhaus Riemann, Musiklexikon. 3. Auflage, Mainz 2001, S. 28.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Kapellmeister, Dipl.-Konzertsolist, Dipl.-A-Kirchenmusiker Thomas Frank, 2004, Die Wiederkehr musikalischer Motive in der Oper "La Traviata", München, GRIN Verlag GmbH
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