Geschwisterbeziehungen:
Nichtbehinderte mit behinderten Geschwistern -Schicksal und Chancen der Geschwister
behinderter Menschen
Vorwort ................................................................................. 3
1. Einleitung ........................................................................... 5
1.I Ein Blick auf die Familie heute ............................... 5 1.II Begriffsdefinitionen ................................................. 8
2. Geschwisterbeziehung im Allgemeinen ............................. 10
2.I Die längste Beziehung des Lebens ........................ 10
2.II Geschwisterreihe .................................................... 12 2.III Rivalität ................................................................... 14
3. Menschen mit behinderten Geschwistern .......................... 16
3.I Erwartungen, die an die Geschwister behinderter Menschen gestellt werden
- aus Sicht der Kinder ............................................. 16
3.II Risikofaktoren und was heißt
eigentlich "gut entwickelt"? ..................................... 18
3.II.a Die Geschwisterreihe: Alter, Geschlecht und Position in der Geschwisterfolge ......... 20 3.II.b Familiengröße, Familienumfeld und sozioökonomischer Status .................. 25
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3.II.c Art und Schwere der Behinderung ............. 28 3.II.d Einstellung der Eltern ................................. 30 3.II.e Betreuung, Pflege und Hausarbeit
- Eine Übersicht über die Studien .............. 34 3.II.f Elterliche Aufmerksamkeit -
3.III Qualität der Beziehung von behinderten und nichtbehinderten Geschwistern:
Rollenbeziehung und Spielverhalten ...................... 49 3.IV Behinderte Geschwister: Auch eine
Bereicherung? ........................................................ 55 3.V Verantwortung versus Selbstkonzept ..................... 59
4. Aussichten ......................................................................... 61
4.I Zukünftige Forschung ............................................. 61 4.II Praxiskonzepte und die Aufgabe
der Heilpädagogik .................................................. 63 Anhang .................................................................................. 68 Literaturliste ........................................................................... 73
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Vorwort
In der vorliegenden Diplomarbeit habe ich ein Thema gewählt, mit dem sich in Deutschland noch nicht viele Autoren beschäftigt haben. Ich selber habe keine Geschwister, die eine Behinderung haben, jedoch einen Bruder, der zehn Jahre jünger ist als ich und eine jüngere Schwester mit einem Altersabstand von zweieinhalb Jahren. Die auftretenden Phänomene innerhalb unserer Geschwisterbeziehung sind auch heute noch interessant zu beobachten. Sie decken sich teilweise mit dem klassischen Konkurrenzverhalten, den elterlichen Erziehungsunterschieden zwischen Mädchen und Jungen, der unterschiedlichen Behandlung des erst-, zweit- und drittgeborenen Kindes und der dennoch stark ausgeprägten Solidarität untereinander. Je tiefer ich theoretisch in diese Materie eingedrungen bin, umso interessanter wurde es, die auftretenden Auseinandersetzungen objektiv wiederzuspiegeln. Schwieriger ist die Situation sicherlich, wenn man einen Bruder oder eine Schwester hat, die eine körperliche und/oder geistige Behinderung haben. Dies konnte ich bereites den Erfahrungsberichten meiner Mutter entnehmen, die selber einen älteren Bruder hat, der unter einer Hörbehinderung leidet. Beeinflusst durch verschiedene Begleitfaktoren stellten sich hier auch besondere Begebenheiten und Problematiken dar, die für mich dennoch hier nur objektiv nachvollziehbar sind. Um mich jedoch möglichst tief in die Situation der Geschwister behinderter Kinder einzufühlen, habe ich versucht, möglichst viele Erfahrungsberichte zu lesen und mich mit den Geschwistern aus meinem Umkreis zu unterhalten. Dabei fällt schnell auf, dass es wohl nicht pauschalisierbar ist, ob die Behinderung eines Geschwisters Belastung oder Bereicherung ist. Aus den einzelnen Fällen ergeben sich beide Tendenzen. Dennoch sind in der Literatur meist die schädlichen Faktoren erläutert und die positiven Einflüsse eines behinderten Geschwisterkindes sind dort nur schwer zu finden.
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Trotzdem habe ich versucht, möglichst nahe herauszustellen, welche besondere Bedeutung das Aufwachsen mit einem behinderten Geschwisterkind für die nichtbehinderten Kinder hat und wie diese auf ihre Beziehung einwirkt. Dies bedurfte einer sehr behutsamen Annäherung und einer Gradwanderung zwischen den Vorurteilen, den Belastungen und förderlichen Einflüssen, die individuell mehr oder weniger vorhanden sind.
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1. Einleitung
1 I. Ein Blick auf die Familie
In den letzten Jahrzehnten hat ein unübersehbarer Wandel innerhalb der Familien in Deutschland stattgefunden. Während es einerseits eine größere Vielfalt an Familienbildungsprozessen gibt, das heißt, Stieffamilien, ehelose Paare mit Kindern, allein erziehende Elternteile, Patchworkfamilien, Pflegefamilien, und viele mehr, wird die Familiengröße andererseits immer homogener. Das bedeutet die Anzahl der Familienmitglieder, insbesondere der Kinder findet zunehmend einen Trend: Anfang des 20. Jahrhunderts bestand der Familiendurchschnitt aus 5-6 Kindern, bei Beginn des ersten Weltkrieges waren es nur noch 3-4 Kinder, Mitte des letzten Jahrhunderts nur noch 2 und 1980 gerade mal 1,5 Kinder. (vgl. Quelle 9, S.13) Die meisten Kinder wachsen demnach heute in Ein-oder Zweikinder-Familien auf. Die Anzahl von Familien mit mehreren Kindern ist dementsprechend stark gesunken. Durch den hohen Geburtenrückgang, haben wir in der Zukunft mit einigen Problemen und Veränderungen zu rechnen. Dabei sind Gedanken über Rentenversicherung oder Altenpflege nahe liegend und wichtig. Aber das sind nicht die einzigen Konsequenzen die sich ergeben. Es finden auch qualitative Veränderungen innerhalb der Familien statt. Zum Beispiel werden Gruppenprozesse von der Gruppengröße bestimmt und bei gleichen Familiengrößen finden ähnliche Gruppendynamiken und Interaktionsstiele unter den Familienmitgliedern statt. Es ändern sich auch die Sozialisationsbedingungen der Kinder durch zunehmend weniger oder fehlende Geschwister. Die Erwartungshaltungen der Eltern an ihre Kinder sind auch andere geworden. Diese konstituieren sich nicht zuletzt aus den Ergebnissen verschiedener Untersuchungen über die Nutzungserwartungen an die Kinder, welche maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung haben Kinder in die Welt zu setzen. Es differenzieren sich drei Dimensionen:
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Der sozial-normative Nutzen, bei dem es um sozialen Statusgewinn oder das Produzieren von Namens-Stammhalter geht, sowie der materielle Nutzen, wie Familieneinkommen, Weitergabe von Familienvermögen, Schaffen von Altersversicherung, Mithilfe im Haushalt oder Geschwisterbetreuung.
Diese Werte finden in Gesellschaften mit niedriger technischer Industrialisierung schichtabhängig eine größere Bedeutung als in Ländern, die industriell besser gestellt sind. Bei uns und in anderen Industrienationen werden Kinder vermehrt mit emotionaler Bedürfnisbefriedigung verbunden und haben somit einen höheren psychologischen Nutzen. (vgl. Quelle 12) Diese Befunde können somit auch den Wandel der Geburtenrate seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestätigen. Der emotionale Nutzen ist oft bereits schon mit ein oder zwei Kindern befriedigt. Zudem kommt auch noch, dass Kinder in unserer Gesellschaft mit hohen finanziellen Kosten verbunden sind. Durch die häufige Berufstätigkeit beider Elternteile bleibt außerdem weniger Zeit sich um seine Kinder zu kümmern. Aufgrund dieser Doppelbelastung muss häufig auf Fremdbetreuung zurückgegriffen werden, welche meist sehr kostenintensiv ist. Ein weiterer Punkt ist, dass Kindheit und pädagogisch qualifizierte Betreuung in unserer Gesellschaft groß geschrieben wird. Somit werden Kinder ihrer Selbst willen gezeugt und man muss viel Arbeit in sie investieren ohne das Bestreben zu haben, einen sozialen oder materiellen Nutzen von ihnen zu haben. Aber nun zurück zu der Geschwisterproblematik, bedingt durch zunehmend fehlende Geschwister. Die Einzelkinder, deren Anzahl stetig zunimmt, sind sicherlich interessant zu betrachten, insbesondere da sie unter vielen Vorurteilen und Klischees, wie sie seien egoistisch, altklug, verzogen, verwöhnt, frühreif, kontaktarm, uvm., zu leiden haben. (Quelle 9) Dennoch möchte ich mich hier mit dem Thema der Geschwister auseinandersetzen, insbesondere der Geschwister von behinderten Kindern, denen man auch bestimmte Eigenschaften zuweist. Denn trotz des Geburtenrückganges gibt es nach wie vor Familien mit zwei oder mehr Kindern und unter ihnen auch solche, die behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam in
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einem Haushalt leben haben. Sie sollten nicht vergessen werden, auch wenn diese Dynamik zunehmend tendenziell aus einem behinderten Kind mit nur einem Bruder oder einer Schwester besteht. Diese nichtbehinderten Geschwister von behinderten Menschen wachsen unter besonderen Umständen auf, die sich meist sehr von den Strukturen von Familien mit nichtbehinderten Kindern unterscheiden. Mit diesen Besonderheiten möchte ich mich beschäftigen.
Bevor ich mich den Menschen widme, die behinderte Geschwister haben und dadurch mehr oder weniger durch besondere Umstände geprägt werden, möchte ich im nächsten Kapitel einen Überblick über die ebenfalls interessanten allgemeinen Geschwisterbeziehungen geben, damit die Besonderheiten und Unterschiede zwischen nichtbehinderten Geschwistern und Kindern mit behinderten Geschwistern deutlich werden.
Zunächst folgen jedoch ein paar grundlegende Definitionen.
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1.II Begriffsdefinitionen
Um sich mit dem Thema "Geschwister behinderter Kinder" zu beschäftigen gilt es erst einmal, die Begriffe zu definieren, um Missverständnissen vorzubeugen. Die wichtigsten Begriffe dieses Themas sind zum ersten 'Behinderung' und zum zweiten 'Geschwister'. Behinderung:
Der Begriff "Behinderung" wird von verschiedenen Institutionen und Organisationen ähnlich definiert:
1. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) unterscheidet drei Begriffe:
(vgl. Quelle 3, S.10; Quelle 24)
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2. Behinderung nach § 2 I SGB IX: Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt ist. (vgl. Quelle 24)
3. Behinderung nach BSHG § 124 Abs.4:
• Eine nicht nur vorübergehende, erhebliche Beeinträchtigung
der Bewegungsfähigkeit, die auf dem Fehlen oder auf Funktionsstörungen von Gliedmaßen oder auch auf anderen Ursachen beruht
• Missbildungen, Entstellungen und Rückgratverkrümmungen,
wenn die Behinderung erblich ist
• Eine nicht nur vorübergehende, erhebliche Beeinträchtigung
der Seh-, Hör- und Sprachfähigkeit
• Eine erhebliche Beeinträchtigung der geistigen oder
seelischen Kräfte oder drohende Behinderungen dieser Art (vgl. Quelle 3, S.11)
Demnach definiert sich eine Behinderung immer in einer Beeinträchtigung in verschiedenen körperlichen, seelischen oder geistigen Bereichen. Diese geht mit einer Einschränkung der Handlungsfähigkeit in lebenspraktischen und gesellschaftlichen Situationen einher.
Ob und wie diese Einschränkungen der Menschen mit Behinderung ihre Geschwister beeinflussen, möchte ich im weiteren Verlauf versuchen zu klären, auch wenn die Ergebnisse nicht immer eindeutig sein werden. Geschwister
'Geschwister' leitet sich aus dem Wort 'Schwestern' ab, übernommen aus dem Althochdeutschen. Geschwister sind in den meisten
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Kulturen, wie auch bei uns, männliche und weibliche Individuen, die dieselbe Mutter, denselben Vater oder dieselben Eltern haben. Sie definieren also eine Verwandtschaftsbeziehung. Aber nicht nur gleiche genetische Grundvoraussetzungen konstituieren Geschwister. Auch soziale und rechtliche Zusammenschließungen, wie Adoptionen und Stieffamilien, sind an Familienbildungsprozessen, und somit auch an Geschwisterbildungen, beteiligt. Zudem haben Geschwisterbeziehungen etwas Schicksalhaftes, da man sich seine Geschwister (in der Regel) nicht aussuchen kann. Man kann sie auch nicht einfach beenden, sie bleiben bestehen, auch wenn der Kontakt abbricht. Keine gesellschaftlichen oder religiösen Rituale oder Ereignisse (Heirat, Taufe, Scheidung,…) können auf die Tatsache ein Geschwister zu sein oder zu haben Einfluss nehmen.
2. Geschwisterbeziehungen im Allgemeinen 2.I Die längste Beziehung des Lebens Unter Geschwistern besteht oft eine ganz besondere Beziehung, deren Anfänge schon bereits im Mutterleib liegen oder bei manchen sogar schon in dem Wunsch ein Geschwisterchen zu bekommen. (vgl. Quelle 14, S.15) Das erstgeborene Kind fühlt das Wachsen des Fötus mit, ähnlich wie der Vater. Es wird daran beteiligt, die Familie bereitet sich auf das bevorstehende Naturereignis vor. Das Strampeln im Bauch der Mutter, welches das Kind fühlen kann, baut eine Objektbeziehung zum Ungeborenen auf. Diese Beziehung ist bereits ein Vorläufer der Geschwisterliebe. Das Kind identifiziert sich zudem mit der Liebe der Mutter zu dem ungeborenen Kind und empfindet ähnlich.
Ist das Baby da, beobachtet man häufig ein regressives Verhalten bei dem Erstgeborenen, wie einnässen, Flasche nehmen u.a., welches meist als pathologischer Rückfall in eine frühere Entwicklungsphase gesehen wird, bei dem es um die Zuneigung der Eltern geht. Laut Horst Petri (1994) könnte dieses Rückversetzen in eine frühere
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Lebensphase aber auch das Einzige sein, was die Kinder in der Nachgeburtsphase des jüngeren Kindes verbindet: die Primäre Naturverbundenheit. Sozusagen eine erste Kommunikation zwischen den Kindern.
Es stellt sich nach und nach eine "Liebe im Sinne nazistischer Verschmelzungswünsche" (Quelle 14, S.19) ein, aus der, gekoppelt mit dem Vorläufer der Objektliebe, sich die spätere, reifere und ausdifferenzierte Geschwisterliebe entwickelt. Dies passiert dann, wenn die Kinder sich Stück für Stück aus der Verschmelzung lösen, sich zunehmend vom Anderen abgrenzen und ihr eigenes Ich differenzieren. Somit wird der Andere immer stärker als Gegenüber wahrgenommen. Die Kinder unternehmen dann viel miteinander und die Eltern kommen nur schwer zwischen diese Gemeinschaft.
Bank und Kahn (1994) sind auf drei Bedingungen gestoßen, unter denen sich eine starke Geschwisterbindung entwickeln kann: Zum Ersten, wenn ein hoher Zugang zwischen den Geschwistern besteht. Das heißt ein guter Kontakt muss vorhanden sein. Zum Zweiten das Bedürfnis nach persönlicher Identität, welches Kinder natürlicherweise besitzen und zum Dritten bei unzureichendem Einfluss der Eltern (Quelle 2, S.24). Es entwickelt sich eine lebenslange Bindung aufgrund der gemeinsam verbrachten Kindheit, gleicher Erziehung und ähnlichen Wertvorstellungen. So kommt es nicht selten vor, dass Geschwister, auch wenn sie sich Jahrzehnte lang nicht gesehen haben, immer noch das unsichtbare Band spüren, was sie verbindet und bei einem Wiedertreffen sich schnell die alte Vertrautheit einstellt. Die oben benannte längste Beziehung unseres Lebens ergibt sich einerseits durch dieses Band und andererseits dadurch, dass Geschwister der gleichen Generation angehören und sich von der Geburt bis in den Tod erleben. Eltern sterben eine Generation vorher und Lebenspartner und eigene Kinder spielen erst ab etwa dem zweiten Drittel des Lebens eine Rolle.
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2 II. Geschwisterreihe
Man sagt die Position in der Geschwisterfolge, oder ob man Geschwister hat, sei mitunter entscheidend über den Charakter eines Menschen. Alfred Adler, Individualpsychologe, denkt diesbezüglich auch sehr klassisch über die einzelnen Rollen in der Geschwisterfolge.
So ist bei ihm der erstgeborene Sohn ein sehr konservativer Mensch, der nicht an Veränderung interessiert ist, da er ja schon mit der Situation des Geschwisterlosseins zufrieden war. Er hat schon früh Verantwortung übernommen, weiß alles besser und wurde darin ständig bestätigt.
Der zweite Sohn ist typischer "Gegen-die-Wand-Mensch". Er ist stets unzufrieden mit der Situation, da er schon früh erfahren musste immer jemanden vor sich zu haben der in allem besser und stärker war. Er ist ein absoluter Neider.
Der jüngste Sohn hat die Nesthäkchenrolle. Er kann überhaupt nichts und ist immer zu klein obwohl er stets versucht besser zu sein. Einzelkinder sind nach Adler typische Problemkinder, die sich in die Gesellschaft nicht einordnen können. Sie sind unsozial und wollen immer Aufmerksamkeit bekommen.
Adler bezieht sich auf Söhne, da er sagt, Mädchen seien nicht so anerkannt wie Jungen. So könne auch bei einem erstgeborenen Mädchen das zweitgeborene Kind, wenn es ein Sohn ist, die Rolle des Erstgeborenen übernehmen. Wenn nur Mädchen da sind, übernehme eines von ihnen die Rolle des Sohnes. (vgl. Quelle 23; Quelle 8, S.19) Heute ist es in unserer Kultur nicht mehr so stark ausgeprägt, dass Mädchen weniger anerkannt sind, da der ökonomische Nutzen von Kindern dem emotionalen Nutzen gewichen ist. Zu Adlers Zeiten (um 1900) waren Jungen jedoch noch mehr gewünscht. Demnach lassen sich seine Theorien auch nicht auf heute übertragen.
Auch mit der Geschwisterfolge wird das heute nicht mehr so einfach und allgemein gesehen.
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Ilse Achilles (2002) bezieht sich auf Francine Klagsburn, die aus einer Studie von Cécile Ernst und Jules Angst zitiert, dass sie festgestellt haben, dass es keinerlei Beweise für solche groben Verallgemeinerungen gibt. Es müssten nach Hartmut Kasten auch andere Faktoren, wie zum Beispiel soziale Stellung der Eltern, Anzahl der Kinder und Altersabstand, mit einbezogen werden, da sich nach neuen Beobachtungsstudien die Geschwisterbeziehung als Prozess entwickelt und nicht, wie aus A. Adlers Sicht, ein Produkt durch Geburtenfolge ist. (Quelle 8, S.19; Quelle 1, S.23) "Fest steht (aber), dass jüngere Geschwister von älteren stärker beeinflusst werden als umgekehrt". (Quelle 1, S.23) Das ältere Kind lehrt dem jüngeren oft schon Dinge, die es selber in dem Alter noch nicht konnte und das jüngere Kind orientiert sich an dem älteren. Demnach sind die Machtkämpfe und Streitigkeiten zwischen den beiden Erstgeborenen auch meist die größten. Das mittlere Kind nimmt eine besondere Position, einerseits ist es älteres Geschwister und andererseits gleichzeitig jüngeres. Die Position als "Sandwich-Kind" wird von manchen Fachleuten gar nicht als so nachteilig gesehen, wie dessen Ruf oft ist, da es die Vorzüge des Älteren und die des Jüngeren genießt. Sie können den Druck von oben an die Jüngeren weitergeben, sind aber sensibler, denn sie wissen ja, wie man sich als jüngstes Kind fühlt. Sie erfahren sicherlich aber auch alle Nachteile, wie auch eine Art Enttrohnung bei der Geburt des dritten Kindes, da es seine Nesthäkchenrolle aufgeben muss und Verantwortung gegenüber dem Jüngsten zu tragen hat. Dieses jüngste Kind ist das Einzige, dessen Position sich nicht verändert. Es erfährt aber auch nur selten klüger oder besser zu sein als andere. Das jüngste Kind hat den Ruf verwöhnt zu sein, was diese Kinder meist aber rigoros abstreiten. Es gab für sie ja nie etwas Neues, sie haben immer nur das bekommen, was von den älteren Geschwistern übrig blieb, wie Kleidung und Spielzeug. Zudem beschreibt ein Mann in dem Buch von Francine Klagsburn: "Ich hatte andauernd dass Gefühl, ich würde mit meinen Brüdern und Schwestern verglichen und so meiner eigenen Identität beraubt.
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Ich vergleiche mich immer noch mit anderen Leuten und versuche, herauszufinden, wer ich eigentlich bin." (Quelle 1, S.25) Jüngste Kinder stecken häufig in der Zwickmühle einerseits das ältere Kind einholen zu wollen aber sollte dies gelingen, ist es auch ein großer Herd für Schuldgefühle, wie wir später noch bei den Geschwistern von behinderten Kindern feststellen werden.
2 III. Rivalität
Rivalität unter Geschwistern ist ein nicht unbekanntes Thema. Jeder, der Geschwister hat, hat diese erfahren und oft wird sie für einen wichtigen Bestandteil in der kindlichen Entwicklung gehalten. Meist geht es dabei um die Zuneigung der Eltern. Jeder will der Stärkere sein. Sie existiert gleichzeitig neben der Geschwisterliebe und dem Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, wenn sich Dritte zwischen sie drängen wollen. Aber wie entsteht diese Rivalität? Während Psychoanalytiker meinen, ihre Wurzeln liegen im "Enttrohnungstrauma" bei der Geburt des zweiten Kindes, führen empirisch orientierte Psychologen die Anfänge der Rivalität auf von den Kindern selbst angestrebte Vergleichsprozesse zurück. Das entscheidende daran ist, dass solche Vergleiche in unserer Leistungsgesellschaft allgegenwärtig sind und deshalb auch von den Eltern oft aufgegriffen oder sogar angezettelt werden. Diese rivalisierenden Vergleiche sind umso stärker ausgeprägt, je geringer der Altersabstand ist und wenn die Geschwister gleichgeschlechtlich sind. (vgl. Quelle 20)
Ein bekanntes Beispiel für Geschwisterrivalität ist das Petzen bei den Eltern. Dies kann einerseits ein Hinweis auf tatsächliche Regelverstöße sein, aber auch ein Kampf um die Zuneigung der Eltern und die Bestätigung der Bessere zu sein. Die Rivalität kann sich bis ins hohe Erwachsenenalter ziehen: Bei Kleinkindern geht es noch um das Spielzeug, dass der eine zuerst hatte, im Jugendalter um die Anerkennung in der Clique, besonders wenn die Geschwister einen geringen Altersabstand haben und gleichen Geschlechts sind.
Arbeit zitieren:
Stefanie Katzera, 2005, Geschwisterbeziehungen: Nichtbehinderte mit behinderten Geschwistern - Schicksal und Chancen der Geschwister behinderter Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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