Gliederung
1. Einleitung 3
2. Inhaltsangabe 4
3. Die Erzählsituation 4
3.1. Der auktoriale Erzähler 4
3.1.1. Der personale Erzähler 5
3.1.2. Die Doppelperspektive S. 5 - 6
3.1.3. Die Auflösung der Doppelperspektive S. 6 - 7
4. Die Landschaft des Herrn Geiser 7
5. Sprachliche Mittel 8
5.1. Die Negation 8
5.2. Die Aufzählungen 8
5.3. Das Symbol der Pagode 8
6. Entfremdung 9
6.1. Versuch einer Flucht über den Pass S. 10 - 11
6.2. Die Erinnerung an die Matterhornbesteigung S. 11 - 12
6.2.1. Der resignierte Mensch 12
6.2.2. Der erfüllte Mensch 12
6.2.3. Die Einsicht 13
6.2.3.1. Romantische Einschübe S. 13 - 14
7. Humanismus und Hoffnung 14
7.1. Entfremdung aus Verweigerung 14
7.2. Entfremdung aus Hoffnung 15
8. Der Giacometti-Effekt S. 15 - 16
9. Schluss S. 17 - 18
Literatur
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1. Einleitung
Von allen im Seminar behandelten Werken Max Frischs scheint "Der Mensch erscheint im Holozän“ das am schwierigsten zu deutende zu sein. Es ist sein Alterswerk, in das er noch einmal alle, in seiner Vergangenheit als Autor entwickelten Stile gepackt hat. Die Kritik blieb sehr gespalten - wohl eben wegen diesem schwierigen Zugang und weil manch’ Kritiker darin wohl nur die Biographie Frischs selbst sah, der ja tatsächlich ein Haus in den Tessiner Bergen hatte. In dieser Arbeit will ich versuchen die Erzählung mit Hilfe der Rezensenten, die sich am ausführlichsten mit ihr befasst haben zu deuten und will dabei besonders auf die Haltung des Protagonisten eingehen und die Frage untersuchen inwiefern Frischs Erzählung ein Plädoyer für oder gegen den alternden Menschen ist. Geht er im Alter völlig in der Isolation auf oder gelangt er zu einer besonderen Erkenntnis, die man erst im Alter macht?
Da die Sekundärliteratur dafür verschiedene Ansätze liefert und auch das Buch selbst mehrdeutig ist, wird es mitunter nicht bei einer Theorie bleiben.
Natürlich ist es verwunderlich, dass ein Text so verschiedene Lesarten erlaubt, aber meiner Meinung nach hat es Max Frisch eben darauf angelegt. Er sagt möglichst wenig, schreibt in vielen Absätzen und deutet eigentlich nur an. Damit verüberantwortet er die Richtung des Geschehens völlig dem Leser. Es ist also kein Wunder, dass die Kritik teilweise so abweisend reagierte. Hier ist der Leser gefragt.
3 3
2. Inhaltsangabe
Herr Geiser, der in einem Tal der Tessiner Berge, in der Schweiz lebt findet sich selbst eines Tages allein sintflutartigen Regenfällen ausgesetzt. In seinem Haus beobachtet er das Unwetter, zieht seine Schlüsse über die Gefahr eines rutschenden Hanges aus Betrachtungen der übrigen Einwohner die er kurz trifft. Diese als eher objektiv einzuschätzenden Meinungen spielen aber keine Rolle mehr als Herr Geiser immer mehr zu Assoziationen gelangt, die er aus Lexikonartikeln gewinnt und ihn eher an eine gefährliche todbringende Sintflut als an einen gewöhnlichen Regenfall glauben lassen. Seiner eigenen Existenz, ja seines eigenen Fortbestehens immer ungewisser werdend, fängt er an dieses Lexikonwissen an einer Art riesigen Pinwand, die mal seine Wohnzimmerwand war, zu sammeln. Doch damit nicht genug, er muss der Angst vor der Bedeutungslosigkeit entfliehen, indem er eine waghalsige und für sein Alter viel zu beschwerliche Passbesteigung unternimmt, deren letztendliches Ziel - Basel zu erreichen und dem todbringenden Tal zu entkommen - scheitert. Seine Tochter Corinne findet ihren Vater letztendlich verwirrt und verletzt vor. Sein Schlaganfall bildet das Ende eines Kampfes, den er letzten Endes gegen sich selbst geführt hat.
3. Die Erzählsituation
3.1. Der auktoriale Erzähler
Die Er-Form „Herr Geiser hat Zeit“ 1 suggeriert einen auktorialen Erzähler. Er ist aber nicht allwissend. Er weiß nur das, was der Protagonist selbst weiß. Selbst über den Schlaganfall berichtet er nicht, sondern präsentiert nur, was Herrn Geiser nach und nach bewusst wird.
1 FRISCH 1979: S. 9
4 4
3.1.1. Der personale Erzähler
Der vermeintlich auktoriale Erzähler ist also nur ein getarnter Ich-Erzähler. Er wird eingesetzt um die Gedächtnisschwäche und persönliche Krise des Protagonisten glaubwürdig zu schildern. Dabei gewinnt er keinen individuellen Zug, sondern berichtet neutral feststellend. Wenn Wertungen ausgesprochen werden, dann solche, die Herrn Geisers Sichtweise entsprechen:
„Es ist ein malerisches Tal - sonst kämen nicht Deutsche und Holländer hierher Sommer für Sommer“. 2
Für die These eines rein personalen Erzählers spricht die Tatsache, dass der sich sozusagen selbst immer wieder verobjektiverende Herr Geiser damit einen Rettungsanker schaffen will.
Man kann diesen als Akt der Selbstvergewisserung als Angst vor der eigenen Unbedeutsamkeit lesen. Denn wenn Herr Geiser sich ständig des Fortschreitens der Zeit vergewissert 3 , vergewissert er sich auch gleichzeitig seines eigenen Fortbestehens.
So wie Herr Geiser sein Tal als ein ursprüngliches Tal betrachtet, mit Orten, denen man nicht ansehen kann, aus welchem Zeitalter sie stammen 4 , betrachtet er die Zeit als bedeutungslos. Dann muss auch der Mensch - und er sich selbst - bedeutungslos vorkommen, was ihm Angst macht.
3.1.2. Die Doppelperspektive
Als Gegenentwurf zur These eines rein personalen Erzählers dient die These der Doppelperspektive.
2 ebd.: S. 42
3 ebd.: S.85/86
4 ebd.: S. 70 5 5
Durch die ganze Erzählung hinweg zieht sich einerseits die Stimme Herrn Geisers in einem inneren Monolog und andererseits der Erzähler, der Gedachtes verallgemeinert und verobjektiviert:
“Hingegen kann Herr Geiser sich nicht erinnern, wie der Goldene Schnitt (...) herzustellen ist mit Zirkel und Winkel. Natürlich hat man das einmal gewußt -.“ 5 Michael Butler macht auf diese Doppelperspektive der Erzählung aufmerksam:
„Auf diese Weise führt Frisch die charakteristische Doppeltperspektive der Erzählung ein, wobei die Optik eines abstrakten “Erzählers“ die von Herrn Geiser humorvollironisch begleitet und ständig objektiviert.“ 6 .
3.1.3. Die Auflösung der Doppelperspektive
Dabei bleibt es wie so oft dem Leser überlassen zu entscheiden, ob es diesen objektiven Erzähler überhaupt gibt, oder ob er auch zur Gedankenwelt des Herrn Geisers gehört, der, einem Rettungsanker gleich, alles zu objektivieren versucht, um nicht an der eigenen Angst zu ersticken.
Gegen Ende der Erzählung scheinen beide Entwürfe ineinander zu verschwimmen, da es nun tatsächlich nur noch einen auktorialen Erzähler gibt, der sich erst ganz zum Schluss durchsetzt. Da heißt es: „Das Dorf steht unversehrt.“ 7 . Und als Widerholung:
„Bund und Kanton tun alles, damit das Tal nicht ausstirbt; Post-Bus drei Mal täglich.“ 8 .
Der auktoriale Erzähler ersetzt hier vollständig die Doppelperspektive der Erzählung und erweckt den Eindruck als wäre Herr Geiser überlebt worden. Aber er tut noch mehr. Denn wenn Herr Geiser so sang-, und klanglos untergeht, dann liegt eine Analogie zur Menschheit nahe. Denn
5 ebd.: S. 13/14
6 BUTLER S. 99
7 FRISCH 1979: S. 141
8 ebd. S. 142 6 6
Arbeit zitieren:
Nadine Ebert, 2005, Die Haltung des alternden Menschen in "Der Mensch erscheint im Holozän", München, GRIN Verlag GmbH
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