INHALT SEITE
1) Einleitung 1
2) Die Jugendphase im menschlichen Lebenslauf 2
2.1 die (Erlebnis-)Welt des Jugendlichen aus psychologischer Sicht
2
2.2 die (Erlebnis-)Welt des Jugendlichen aus soziologischer Sicht
6
3) Kulturelle und politische Partizipation des Jugendlichen 10
4) „Subkultur“ 15
5) Subkulturelle Merkmale in der rechtsradikalen Jugendszene 16
6) Die rechtsradikale Subkultur in der Jugendszene 18
6.1 vom Kind zum rechtsradikalen Jugendlichen aus psychologischer Sicht
18
6.2 vom Kind zum rechtsradikalen Jugendlichen aus politisch-
21
soziologischer Sicht
7) Möglichkeiten der Jugendarbeit 27
8) Literaturverzeichnis 38
1)Einleitung
Auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen, von der Unmündigkeit in die Mündigkeit, bedeutet die Jugendphase als Entwicklungsphase im Leben eines Menschen mehr als bloßes „Reifen“. Sie wirkt, von außen betrachtet, oftmals wie eine Art „Zwischenstopp“ aber auch wie eine Grauzone, in der es dem jungen Menschen gewährt ist, das Leben im wahrsten Sinne des Wortes auszuprobieren und zu testen. Ein eigener Standpunkt für das künftige Leben soll gefunden, Grenzen ausgetestet sowie Prioritäten gesetzt und wieder revidiert werden können. Dass der Jugendliche in dieser Zeit vielerlei physischen, psychischen, schulischen, interfamiliären, außerfamiliären und weiteren Schwankungen unterworfen ist, wissen die meisten nicht nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen, sondern vor allen Dingen auch aus dem eigenen Leben. Folgendes werden viele jedoch nur aus Zeitungsartikeln oder Fernsehbeiträgen kennen: Fremdenfeindliche Übergriffe Jugendlicher in Form von Drohungen, Gewalt und Anschlägen sowie eine generelle rechtsradikale Gesinnung. Rechtsradikalismus und rechtsradikale Gewalt, besonders im Jugendalter, ist ein in den letzten Jahren, besonders in den neuen Bundesländern, wieder vermehrt auftretendes Phänomen.
In unserer Hausarbeit möchte ich jedoch nicht die Gründe für das Anwachsen der rechtsradikalen Gewalt und des rechtsradikalen Gedankengutes bei Jugendlichen beleuchten, sondern die Frage verfolgen, warum die Subkultur der rechtsradikalen Szene besonders auf Jugendliche überhaupt eine so starke Anziehungskraft ausübt. Das Phänomen der Gewalt in diesen Kreisen wird von uns nur kurz behandelt. Vielmehr wollen wir die Fragen verfolgen: Was bedeutet den Jugendlichen die Struktur dieser Organisationen? Warum scheinen sie dort etwas zu finden, dass sie in ihrer jugendlichen Gemütsverfassung so zu bestätigen, sie auf- und anzunehmen scheint? Ist die Antwort auf diese Fragen vielleicht in der Psyche des Jugendlichen zu suchen?
Die Idee zu dieser Hausarbeit bekam ich durch die jüngsten Zahlen aus dem Hamburger Verfassungsschutzbericht von 2002. Diese weisen darauf hin, dass die Attraktivität der rechtsradikalen Jugendorganisationen nicht gerade an Einfluss verliert. So haben die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), die Jugendorganisation der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD), im Jahr 2002 einen
1
Zuwachs von etwa 100 jungen Menschen in Hamburg verzeichnen können. Ihre Mitgliederzahl stieg von 350 auf 450. 1
Um den eingangs gestellten Fragen auf den Grund zu gehen, muss jedoch zuallererst der Ablauf der Jugendphase an sich erläutert und beleuchtet werden. Ich werde daher zu Beginn auf die Jugendphase aus psychologischer und soziologischer Sicht eingehen und mich dann, von dieser Grundlage aus, mit der Wichtigkeit der kulturellen und politischen Partizipation des Jugendlichen beschäftigen. Nachfolgend werde ich den Begriff der „Subkultur“ kurz erläutern und danach im Speziellen die rechtsradikale Szene als Subkultur betrachten. Danach möchte ich beleuchten, wie ein Kind zu einem rechtsradikalen Jugendlichen aus psychologischer und soziologischer Sicht „heranwachsen“ kann und welche Rolle die Androhung und Anwendung von Gewalt in diesem Zusammenhang spielt. Abschließend werde ich Möglichkeiten der Jugendarbeit in diesem Bereich benennen und versuchen, einen Ausblick zu geben.
2) Die Jugendphase im menschlichen Lebenslauf
2.1 die (Erlebnis-)Welt des Jugendlichen aus psychologischer Sicht
In diesem Kapitel beziehe ich mich ausschließlich auf das Buch „Lebensphase Jugend - Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung“ (Juventa 1999) von Klaus Hurrelmann. Zwischen der Phase des Kindseins und des Erwachsenenalters stehe heute ohne Zweifel die Phase der Jugend, so Hurrelmann. Bezeichnend für diese Phase sei der Eintritt der Pubertät. Sie markiere insofern einen wirklich tief greifenden Einschnitt in der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen, als dass eine völlig neue, qualitativ gegenüber der Kindheit andersartig gestaltete Form der Verarbeitung von Entwicklungsanforderungen vorliege. 2 Durch die eintretende Geschlechtsreife komme es zu einem abrupten Ungleichgewicht in der psycho-physischen Struktur der Persönlichkeit. 3 Der gesamte Körper und auch die Seele verändere sich und der junge Mensch müsse sich auf diese geänderten Umstände einstellen. Seine
1 vgl. „Verfassungsschutzbericht der Freien und Hansestadt Hansestadt Hamburg 2002“, Kapitel
„Rechtsextremismus“, S. 40
2 vgl. Hurrelmann, Klaus, 1999: „Lebensphase Jugend - Eine Einführung in die sozialwissen-
schaftliche Jugendforschung“, 6. Auflage, Juventa Verlag Weinheim und München, S. 31
3 vgl. ebd. S. 31
2
physiologischen, psychologischen und sozialen Systeme müssten neu „programmiert“ werden. 4 Dies erfordere eine Menge Energie und sei mit vielerlei Problemen verbunden. Hurrelmann benennt in diesem Zusammenhang eine völlig andere körperliche, physiologische und seelische „innere Realität“, als wie sie in der Kindheit vorgeherrscht habe. Diese „innere Realität“ treffe auf eine veränderte soziale „äußere Realität“ (soziale und ökologische Umwelt), die jedoch auch durch die „innere Realität“ beeinflusst werde. Ich verstehe das so, dass sich nicht nur der junge Mensch in seinem Verhalten und Auftreten ändert, sondern auch die Erwartungen, die die Außenwelt an ihn stellt. Eltern, Verwandte, Freunde und Fremde behandeln den Jugendlichen anders, als wie er es in der Kindheit gewohnt war. Das Verhalten des jungen Menschen (vielleicht geprägt durch ein trotziges, reiferes, altkluges, verschlosseneres aber auf jeden Fall in irgendeiner Art und Weise verändertes Verhalten) beeinflusst auf der anderen Seite wiederum die Erwartungen die an ihn gestellt werden. Ich würde jedoch weitergehend behaupten, dass auch die „äußere Realität“ die „innere Realität“ des Jugendlichen beeinflusst. Ich würde behaupten, dass auch die veränderte Erwartungshaltung der Außenwelt sich auf die neue Sicht des Jugendlichen auswirkt und er es mit in sein neues Weltbild einbezieht, wenn er beispielsweise beim Einkaufen erfährt, dass die Verkäuferin an der Kasse, jetzt da er nicht mehr „klein“ ist, ihm ganz anders (vielleicht eher „sachlich“ als „herzlich“ oder gar „mütterlich“) begegnet. Insofern sei die Jugendphase durch das Aufeinandertreffen von psycho-physischen und psycho-sozialen Veränderungsprozessen gekennzeichnet. 5 Im Gegensatz zur Kindheit würden diese Veränderungsprozesse jedoch nur dadurch bewältigt, dass sich der Jugendliche von seinen primären Bezugspersonen, meist Mutter und Vater, abgrenzt und sie allein angeht. Im Gegensatz dazu stehe die Kindheit, in der Veränderungsprozesse meist mit Hilfe des Vaters oder der Mutter gelöst werden konnten oder das Kind durch Imitation und Identifikation mit den Eltern diese Anforderungen bewältigte. In der Jugendphase würden eigenständig entwickelte Bewältigungsmechanismen eingesetzt, die Eltern treten immer mehr in den Hintergrund. 6 Hurrelmann verweist an dieser Stelle auf den Erziehungspsychologen Havighurst, der darauf hingewiesen habe, dass es in allen Abschnitten des menschlichen Lebens Entwicklungsaufgaben gäbe, die es zu
4 vgl. ebd. S. 31
5 vgl. ebd. S. 32
6 vgl. ebd. S. 32
3
bewältigen gelte. Im Jugendalter sei solch eine Entwicklungsaufgabe beispielsweise die psychosoziale Ablösung von den Eltern. Die Bewältigung solcher Entwicklungsaufgaben würde bedingen, wie andere, verwandte Entwicklungsaufgaben in der Zukunft verlaufen werden. Die
Entwicklungsaufgaben würden demnach aufeinander aufbauen und deren Lösungen einander beeinflussen. 7 Ich verstehe das so, dass beispielsweise die psychosoziale Ablösung des Jugendlichen von den Eltern die Art und Weise beeinflussen wird, wie der Aufbau einer Partnerschaft ablaufen wird. Das Gegenüber kann als eigenständiges Individuum angesehen werden, weil eben diese Erfahrung bereits bei der psychosozialen Ablösung von den Eltern eine große Rolle spielte. Mein Gegenüber denkt anders, handelt anders und hat eine andere Realität als ich. Trotzdem kann ich mit ihm kooperieren. Für die späte Kindheit seien folgende Entwicklungsaufgaben charakteristisch: Wissen, Moral und Wertorientierungen würden entwickelt, Konzepte und Denkschemata aufgebaut, grundlegende Fertigkeiten in den Kulturtechniken erlangt und erste Schritte zur sozialen Kooperation mit Altersgleichen begangen. 8 Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase sieht Hurrelmann als in vier große Entwicklungsbereiche eingeteilt. Zum einen sei da die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, des Weiteren die Entwicklung der eigenen Geschlechterrolle und des sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen sowie die Entwicklung eigener Handlungsmuster und zu guter letzt die Entwicklung eines Werte- und Normsystems und eines ethnischen und politischen Bewusstseins. Ich denke, dass der letzte Punkt für unsere Arbeit eine wichtige Rolle spielen wird. Hurrelmann betont, dass es in dieser Phase des Lebens zum ersten Mal zu einer bewussten oder zumindest bewusstseinsfähigen Entwicklung eines Bildes vom eigenen Selbst und einer Ich-Empfindung komme. 9 Sind diese vier Entwicklungsfelder abgeschlossen (intellektuelle und soziale Kompetenz sowie Selbstständigkeit wurden erreicht, eine geeignete Arbeitsstelle wurde gefunden, eine Partnerschaft wurde geschlossen, die Möglichkeit zur familialen Bindung wurde gegeben, das Wert- und Normensystem ist entfaltet ist vorläufig stabil usw.) komme es, so Hurrelmann, zu einem Übergang ins Erwachsenenalter. Der Übergang sei dadurch geprägt, dass ein hoher Grad an Selbstständigkeit und
7 vgl. ebd. S. 33
8 vgl. ebd. S. 33
9 vgl. ebd. S. 34
4
Selbstbestimmung erreicht werde. Die unruhige Phase des Suchens und Tastens, die im Jugendalter charakteristisch sei, komme zu einem vorläufigen Ende. Dieser Reifungsprozess könne als Austritt aus der Jugendphase gesehen werden. Hurrelmann betont in diesem Zusammenhang erneut die Beziehung des jungen Menschen zu den Eltern. Nur wenn die psychische und soziale Ablösung von den eigenen Eltern erfolgt sei, könne eine stabile Partnerbeziehung zu Gleichaltrigen aufgebaut werden. Die Neuorganisation dieser Affekte und Bindungen werde als Maßstab für das „Erwachsensein“ herangezogen. 10 Jedoch seien die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsenenalter schwierig festzulegen, weil sie fließend seien. Zwischen Kindheit und Jugend ließe sich hingegen einfacher unterscheiden, da die Grenzen eindeutiger seien.
Zusammenfassend könne gesagt werden, dass sich die Jugendphase aus psychologischer Sicht dadurch charakterisiere, dass eine selbstständige und bewusste Individuation stattfinde und vorläufig zu einem Abschluss komme. Der Jugendliche befinde sich, so Hurrelmann, in einer Phase des Suchens und Tastens in der er seine eigene Persönlichkeitsstruktur aufbaue. Das Individuum lerne, sich durch selbstständiges, autonomes Verhalten in seinem sozialen Umfeld zu behaupten. 11 In dieser Phase werde eine eigene Identität entwickelt. Von Identität könne gesprochen werden, wenn ein junger Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche
Einzelschritte der Entwicklung hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens wahre. Identität sei das Erleben des Sich-Selbst-Gleichseins. Ich verstehe das so, dass man nur, wenn man in seinem Handeln, Denken und Tun eine klare Linie aufweist, wirklich handeln kann. Man muss sich selbst auch so erleben, quasi als handelnde Entität. Die Struktur muss vorhanden bleiben und man muss sich dessen bewusst sein. Erst dann kann man sich, meiner Meinung nach, als Individuum mit eigener Identität abgrenzen und selbst anerkennen. Hurrelmann meint dazu, dass die Voraussetzung für den Aufbau der Identität die Koordinierung und Strukturierung von Motiven, Bedürfnissen und Interessen sei, die eine Balance zwischen den verschiedenen Anforderungen von innen und außen herstelle. 12 Der Jugendliche sei in dieser Phase in einer ständigen Krise, da eine rasche körperliche Entwicklung mit der psychischen Umstrukturierung der
10 vgl. ebd. S. 35
11 vgl. ebd. S. 36
12 vgl. ebd. S. 36
5
Persönlichkeit einhergehe. Die reflexive Beziehung eines Menschen zu seinen existentiellen Lebensbedingungen und seinem eigenen Körper und der inneren Struktur von Bedürfnissen, Motiven und Interessen werde in dieser Phase differenzierter und komplexer. Im Gegensatz zum Kindesalter werde eine ganz andere Entwicklungsstufe erreicht. 13 Die Verarbeitung der Veränderung der inneren und äußeren Realität spiele demnach für Jugendliche in dieser Phase ihrer Entwicklung eine große Rolle. Erst in dieser Phase entwickle der junge Mensch genug Bewusstheit und Reflektiertheit, um die eigene Person als „mit sich selbst identisch“ zu erleben. 14 Im Großen und Ganzen sei die Suche nach Orientierung und Sinngebung für die Jugendphase sehr charakteristisch. Das gebotene Weltbild werde kritisch beäugt, wobei kleine „Fehler“ schnell zu Orientierungs- und Selbstwertkrisen führen können. 15 Eine „krisenreiche Suche nach der eigenen Identität“ wäre wohl der Begriff, der am besten auf die Jugendphase passen würde.
2.2 die (Erlebnis-)Welt des Jugendlichen aus soziologischer Sicht
Auch in Bezug auf die soziologische Sicht der Erlebniswelt des Jugendlichen greift Hurrelmann das Prinzip der Entwicklungsaufgaben auf und verfolgt die Frage, in welchem Maße der junge Mensch in dieser Phase seines Lebens in eine verantwortliche gesellschaftliche Mitgliedsrolle schlüpft. Bereits in der Kindheit erworbene individuelle Fähigkeiten würden in der Jugendphase weiterentwickelt und entfaltet. Für die spätere Erwachsenenrolle würden wichtige Kompetenzen erworben. 16
Beim Übergang von der Kindheit in die Jugendphase sei es relativ schwierig, einen klaren Positions- oder Statusübergang zu erkennen, da dieser nicht eindeutig definiert oder zeitlich fixiert sei. Dennoch habe der Jugendliche eindeutig andere Rechte und Pflichten als das Kind. Da es jedoch an eindeutigen Riten oder Zeremonien fehle, sei dieser Übergang sehr schwer auszumachen. Gleiches gelte für den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. 17 Ich persönlich kann diesen Punkt nicht genau nachvollziehen, da ich denke, dass es wenigstens einige
13 vgl. ebd. S. 37
14 vgl. ebd. S. 37
15 vgl. ebd. S. 37
16 vgl. ebd. S. 38
17 vgl. ebd. S. 39
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Arbeit zitieren:
Isabel Chowanietz, 2004, Die Subkulturaffinität als Phänomen des Jugendalters am Beispiel der rechtsradikalen Jugendszene in Deutschland anhand ausgewählter Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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