Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Nathans Weisheit
2.1 Toleranz, Menschenkenntnis und Wohltätigkeit Nathans Seite 4
2.2 Judentum und Vorsehungsglaube Seite 5
2.2.1 Der Name „Nathan“ Seite 6
3. Nathans Überlegenheit in Humanität und Dialog Seite 6
3.1 Der Patriarch Seite 7
3.2 Daja und Recha Seite 8
3.3 Al-Hafi und der Klosterbruder Seite 9
3.4 Der Tempelherr Seite 10
3.5 Sittah Seite 12
3.6 Saladin Seite 12
4. Schluß Seite 14
5. Literaturverzeichnis Seite 16
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
2
1. Einleitung
„...der rechte Ring besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen. Vor Gott und den Menschen angenehm.“
So heißt es in der Ringparabel, die Nathan dem Sultan Saladin erzählt. Nathan selbst besitzt zwar nicht diesen Ring, aber seine Weisheit verleiht ihm die Kraft, vor Gott und den Menschen angenehm zu sein. Denn er tritt seinen Mitmenschen vollkommen vorurteilsfrei gegenüber.
Seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1779 gilt somit Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ als Plädoyer für Toleranz und Humanität. Der Anlaß dazu war der Fragmentenstreit mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze, der sich schließlich so zuspitzte, daß Mitte1778 Lessing die Zensurfreiheit entzogen wurde. Um weiterhin seine aufklärerischen Gedanken überzeugend transportieren zu können, schuf Lessing mit „Nathan dem Weisen“ einen erzieherischen Charakter, welcher hier näher betrachtet werden soll.
Nathan ist ein jüdischer Kaufmann, der mit seiner Adoptivtochter Recha und deren christlicher Gesellschafterin Daja im Jerusalem des 12. Jahrhunderts lebt. Es ist also das Zeitalter der Kreuzzüge, welche von der Intoleranz der Religionen gegeneinander zeugen. In Jerusalem, wo die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam aufein-andertreffen, schafft Nathan es durch seine Weisheit, Vertreter der Religionen zu Menschen zu erziehen.
Hier soll zunächst dargestellt werden, welche besonderen Eigenschaften diese Weisheit ausmachen, die dem Stück seinen heiteren und optimistischen Grundton verleiht und ein tragisches Ende der Verwicklungen verhindert.
Gegenstand einer näheren Untersuchung soll aber vor allem eine bestimmte Fähigkeit Nathans sein. Als Erzieher wendet Nathan nämlich eine besondere Technik an. In Dialogen gibt er seinen Gesprächspartnern Denkanstöße, die zu vernünftiger Einsicht führen - sofern eine Bereitschaft oder Fähigkeit zum Dialog besteht. Diese geht dann einher mit der Bereitschaft zu menschlichem Handeln. In Gegenüberstellung zu den anderen Figuren des Dramas soll dabei mit Hilfe einer Rangordnung auch Nathans innere Überlegenheit verdeutlicht werden, denn er steht in der Fähigkeit zum Dialog und in Humanität allen als Vorbild voran.
Besonders interessant wird es sein zu sehen, wie genau er erreicht, zwei ihm eher feindlich gesinnte Personen, Saladin und den Tempelherrn, zu seinen Freunden zu machen. Dies wird anhand der Analyse der Szenen II,5 und III,7 dargelegt werden. Das Augenmerk soll dabei in erster Linie auf Nathans Taktik und argumentatives Vorgehen liegen.
3
2. Nathans Weisheit
2.1 Toleranz, Menschenkenntnis und Wohltätigkeit Nathans
Nathan ist ein Kaufmann, der es durch seinen Beruf zu beträchtlichem Reichtum gebracht hat. Bereits zu Anfang des Stückes wird dies von Lessing hervorgehoben. Der von einer langen Geschäftsreise heimkehrende Nathan erzählt Daja, daß er „Schulden einkassieren“ 1 mußte, aber auch schöne Stoffe und Schmuck gekauft hat. Seine zwanzig Kamele sind hochbeladen mit „allem, was an edlen Spezereien, an Steinen und Stoffen, Indien und Persien, gar Sina, Kostbares nur gewähren“ (L 232). Daja wundert sich angesichts des ganzen Reichtums, daß sein Volk ihn dennoch nicht „den Reichen“, sondern „den Weisen Nathan“ nennt (L 232). Doch deuten gerade die oben zitierten Zeilen an, daß Nathan nicht nur auf materielle Weise von seinem Beruf profitiert. Lessing setzt nämlich Nathans Weisheit mit dem Beruf des Kaufmanns in Zusammenhang.
Für seine Geschäfte ist Nathan oft unterwegs und hat schon viele Reisen in ferne Länder („Indien und Persien, gar Sina“) gemacht. So hat er verschiedene Kulturen und Völker kennengelernt. Daraus wiederum resultiert „seine vorurteilsfreie Welt- und Menschenkenntnis“ 2 , Weitsicht und Verständnis für andere.
Zudem zeigt sein Erfolg als Kaufmann, daß er Gewinne und Verluste gut kalkulieren kann. 3 Mit seiner Menschenkenntnis kann er einschätzen, wie die Reaktionen seiner (Handels)partner ausfallen werden.
Doch Nathans Weisheit zeigt sich auch in der Art und Weise, wie er mit seinem ganzen Reichtum umgeht. Anders als Saladin, der „das leidige verwünschte Geld“ (L 239) als „der Kleinigkeiten kleinste“ (L 270) ansieht und nicht damit umgehen kann, weiß Nathan sehr wohl den Wert des Geldes zu schätzen. Allerdings nicht in dem Sinne, daß er Geld anhäufen würde, nur um reich zu sein und luxuriös leben zu können. Im Gegenteil: Nathan ist genügsam und hält an einer maßvollen Lebensführung fest. 4 So besitzt er z.B. kein großes Haus und wenn sein altes abgebrannt wäre, hätte er sich ein bequemeres, kein prunkvolleres gebaut.
Dennoch schätzt Nathan den Wert des Geldes sehr, weil er damit wohltätig sein kann. Er scheut sich nicht, viel Geld zu verdienen, denn nur auf diese Weise kann er geben. 5
1 Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise, in: Werke, hrsg. v. Herbert G. Göpfert, München
1971ff., Bd. 2, S. 207. Im weiteren zitiert als Sigel (L plus Seitenzahl).
2 Paul Hernadi: Nathan der Bürger: Lessings Mythos vom aufgeklärten Kaufmann, in: Klaus Bohnen [Hg.]: Lessings ‚Nathan der Weise’, Darmstadt 1984 (WdF 587), S. 344.
3 Vgl. Chaninah Maschler: On the Wisdom of Nathan, in: Interpretation - A Journal of Political Philosophy 15, 1997, S. 350.
4 Vgl. Hernadi, S. 346.
5 Ebd., S. 343.
4
So will er z.B. den Tempelherrn für Rechas Rettung großzügig belohnen und dem Klosterbruder das Gebetbuch, welches Rechas Verwandtschaftsverhältnisse klären soll, mit Gold aufwiegen. Und Daja wird von ihm bestochen, um Rechas Adoption geheimzuhalten.
Schließlich ist Nathan auch in der Lage, von sich aus dem Sultan ein Darlehen mit den Worten „Fast hab' ich des baren Geldes zuviel [...] und ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.“ (L 281) anzubieten und ihn aus seiner finanziellen Notlage zu befreien. Lessing setzt also Nathans Weisheit und seine Tätigkeit in einen engen Zusammenhang, da sie sich gegenseitig bedingen. 6 Denn Nathans Menschenkenntnis ermöglicht ihm Erfolg als Kaufmann, und diesen setzt er wiederum ein, um auch als Mensch gut zu handeln.
2.2 Judentum und Vorsehungsglaube
Folgende Aspekte sind im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen der Religion und der Weisheit Nathans von Bedeutung:
Als erstes ist es ganz im Sinne des Toleranzgedanken des Dramas, wenn Lessing dem Publikum einen Juden präsentiert, auf den die damals gängigen, christlichen Vorurteile nicht zutreffen. Der Autor stellt sich gegen die Tradition des Rollenfaches und präsentiert keinen lasterhaften, sondern einen edlen Juden, welcher eine Vorbildfunktion einnimmt. 7
Den eigentlichen Grund für Lessings Entscheidung, einen Juden zum Titelhelden zu machen, sieht Chaninah Maschler jedoch vor allem in der Tatsache der Pogrome, denen Juden zur Zeit der Kreuzzüge häufig ausgesetzt waren. Denn Lessing betrachtet Leiden als eine wichtige Bedingung zum Erlangen von Weisheit. 8 In IV,7 erfährt man im Gespräch zwischen Nathan und dem Klosterbruder, wie Nathan seine ganze Familie verlor. Im Zuge einer Judenverfolgung durch Christen brannte nämlich auch das Haus seines Bruders nieder, zu dem er seine Frau und seine sieben Söhne gebracht hatte. Nathans Schmerz um diesen Verlust war so groß, daß er drei Tage und drei Nächte lang weinte, mit Gott rechtete, sich und die Welt verwünschte. Und doch hörte er am Ende auf die Stimme der Vernunft und unterwarf sich mit den Worten „ich will! Willst du nur, daß ich will!“ (L 316f.) wieder dem Willen Gottes. Es zeugt von ungeheurer Stärke, daß Nathan nach einem so großen Unglück weiterhin an Gott und am Vorsehungsglauben festhält. Er ist davon überzeugt, daß der Verlauf der menschlichen Geschichte von Gott gesteuert wird, aber ohne strafende oder rächende
6 Ebd., S. 347.
7 Vgl. Wilfried Barner, Gunter E. Grimm, Helmuth Kiesel, Martin Kramer: Lessing. Epoche -Werk -Wirkung, 5. Aufl., München 1987, S. 317.
8 Vgl. Maschler, S. 363.
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Quote paper:
Eleni Stefanidou, 1998, G.E. Lessings "Nathan der Weise", Munich, GRIN Publishing GmbH
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