Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Errungenschaften und Charakteristika der Postmoderne 3
2.1. Das Erbe der Moderne 3
2.2. Postmoderne und Dekonstruktion 4
2.3. Pluralität als Kennzeichen postmodernen Denkens 5
2.4. Ambivalenzen 6
2.5. Zusammenfassung 7
3. Bedürfnisse des postmodernen Menschen 7
3.1. Sinngebung und Identität 7
3.2. Stabilität 8
3.3. Werte 9
3.4. Ganzheitlichkeit 10
3.5. Zusammenfassung 11
4. Die Rolle der christlichen Tradition 12
4.1. „Steinzeit- Glaube“ 12
4.2. „Fähnchen im Wind“ 13
4.3. Krisen und Versäumnisse der Volkskirchen 14
4.4. Möglichkeiten und Chancen christlicher Gemeinschaften 15
4.5. Zusammenfassung 17
5. Der Supermarkt spiritueller Angebote 18
5.1. „Interpretativer Mehrwert von Religionen“ 18
5.2. Demokratisierung der Religionen 19
5.3. Die Attraktivität von New Age und Neuen Religionen 20
5.4. Rückzugstendenzen und Realitätsflucht 21
5.5. Zusammenfassung 22
6. Ergebnis 23
Bibliographie 25
1
„Das 21. Jahrhundert wird spirituell sein oder es wird nicht sein 1 .“ (André Malraux)
Verschiedene Prognosen, die über die Beschaffenheit und Ausrichtung des neu angebrochenen Jahrhunderts aufgestellt werden, legen nahe, dass mit einem Wiedererstarken der Spiritualität im Sinne von Neuen Religionen zu rechnen ist. 2 Ein Zeitalter, das durch die Radikalisierung der Gedanken der Moderne gekennzeichnet ist, samt der Fülle ihrer hieraus resultierenden Paradoxien, Ambivalenzen und Unübersichtlichkeiten, bringt neu die Sehnsucht nach Einbettung, Ganzheitlichkeit und verfügbaren Sinnstrukturen zum Tragen.
Dort, wo durch den modernen Säkularisierungsprozess an der Stelle der Religiosität ein Vakuum entstanden ist, stehen die religiös motivierten Kräfte freigesetzt zur Verfügung. Hier findet offensichtlich lediglich ein Umlenken dieses dem Menschen intrinsischen Potentials statt. Religiöse Gefühle werden neu gebündelt und kanalisiert und können ihren Ausdruck in „säkularisierten Religionen“ finden, wie im Nationalismus, der Technologisierung oder im Staat als gottähnlicher Versorger- und Orientierungsinstitution, 3 werden bei letzterem also „unter politischen Perspektiven organisiert“. 4 Andererseits zeichnet sich in der Gegenwart eine zunehmende „Sakralisierung des Profanen“ 5 (besonders in den Medien) ab, ein Hang zur Fetischisierung des Alltags, der dieselbe Kanalisationsfunktion und Sogwirkung belegt.
Jedoch soll es in dieser Arbeit nicht so sehr um die verschleierte Instrumentalisierung religiöser Energien gehen, als vorwiegend um die „Neuen Religionen“, eine Spiritualität, die offen als solche „gehandelt“ wird, und sich innerhalb dieses Prozesses - überraschend? - flächendeckend ausbreitet.
Diese „neue Spiritualität“ unterscheidet sich, wie zu zeigen sein wird, grundlegend von kirchlichen Traditionen, da sie die sozio- kulturellen Gegebenheiten, die internalisierten Denkvoraussetzungen des postmodernen Menschen widerspiegeln. Sie sind gewissermaßen zugeschnitten, passend
1 „Francoise Hardy über Gegenwart“. SZ, Sa/So 19./20.2.05. VIII.
2 z.B. Vgl. Glotz, Peter. „Rückblickend auf das 21.JH“ in: Renaissance der Utopie. Zukunftsfiguren des 21.JH.
Maresch/ Rötzer (Hrsg.). Frankfurt/ Main: 2004. 31.
3 Vgl. Veith., Gene Edward Jr. Postmodern Times. A Christian Guide to Contemporary Thought and Culture.
Wheaton: 1994. 207.
4 Schmidtchen, Gerhard. Was den Deutschen heilig ist. Religiöse und politische Strömungen in der BRD.
München: 1979. 16.
5 Dürr, Walter M. Christliche Gemeinschaft in der Spannung von Sammlung und Sendung. Fribourg: 2004. 146.
2
gemacht, um nicht zu sagen „konstruiert“, um das neue, autonome Menschsein zu komplettieren. Solche Ideologien haben also zur Bedingung, sich einer (hedonistischen) Individualisierung, dem Anspruch auf Autonomie, Demokratie und Freiheit und dem Paradigma der „heterogenen Erkenntnisansprüche“ 6 , also der Pluralität in Wahrheitsfragen anzuschmiegen. Im Folgenden werde ich vorab die Postmoderne ihrem Wesen nach und im Sinne einer Radikalisierung der Moderne charakterisieren und einschneidende Umbrüche und Paradigmenwechsel skizzieren, die dem Denken, Handeln und Fühlen des postmodern geprägten Menschen zugrunde liegen. Ich werde anschließend auf seine hieraus resultierenden Sehnsüchte und Bedürfnisse eingehen, und aufzeigen, dass diese notwendigerweise einen spirituellen Neuaufbruch zur Konsequenz haben und das nächste Jahrhundert, sowie bereits die Gegenwart, stark davon geprägt werden. Weiter werde ich herausarbeiten, worin hier die christliche Kirche einer Antwort schuldig bleibt und weshalb traditionelle Werte als generell ablehnenswert empfunden werden. Abschließend folgt ein Querschnitt durch den „Supermarkt der Sinnangebote“ 7 und deren zeitgemäßer Attraktivität, und ich werde die Frage nach der Problemlösungskompetenz solcher Praktiken hinsichtlich postmoderner Verunsicherungen aufwerfen und untersuchen.
2. Errungenschaften und Charakteristika der Postmoderne
2.1. Das Erbe der Moderne
Betrachtet man die Postmoderne als konsequente Fortführung der Paradigmen der Moderne, so muss das Hauptaugenmerk auf der Verabsolutierung der Vernunft und der daraus resultierenden Wissenschaftsgläubigkeit liegen, die das Denken der Moderne vorwiegend prägten. Wo Kritik als Methode Vormachtstellung erlangt, liegt nahe, dass diese reflexiv auf sich selbst zurück wirkt und das Vernunftdenken als neuerlicher Glauben entlarvt wird. Wie dann auch Adorno/ Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung feststellten, dass Aufklärung selbst notwendigerweise zirkulär in den Mythos zurückfällt 8 .
6 Giddens, Anthony. Konsequenzen der Moderne. Frankfurt/ Main: 1995. 10.
7 Michaels, Axel. „Wissenschaftsgläubigkeit“. In: Rusterholz, Peter (Hrsg.). Bewältigung und Verdrängung
spiritueller Krisen. Esoterik als Kompensation von Defiziten der Wissenschaft und der Kirchen. Bern: 1998. 29.
8 Adorno/ Horkheimer. Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/ Main: 2003. 6.
3
Vorerst allerdings zog dieses neue Rationalitätsprimat eine „anthropologische Wende“ 9 nach sich, eine Verschiebung hin zum Subjekt, zum Selbst. In Bezugnahme auf Nietzsches Aussage über den Tod Gottes, weiter also den Tod jeglicher Allgemeinbegriffe der abendländischen Metaphysik, stellt H. Hempelmann fest:
Wo Gott tot ist, da tritt an seine Stelle das Individuum; wo der allgemeine Horizont fehlt,
da triumphiert der individuelle. Da wird das Individuum, sein Selbstentwurf, sein Wille
zum Absoluten. (…) Wo es kein Gegenüber von Gott und Mensch, kein Verhältnis von
Allgemeinem und Individuellem mehr gibt, da wird der Mensch zu Gott; da wird das
Individuelle zur Verpflichtung, zur einzig möglichen, weil einzig bleibenden Zielsetzung 10 .
Der Mensch wird letztlich mit seiner Fähigkeit der rational- kritischen Erkenntnis zum Dreh- und Angelpunkt der Wirklichkeit. Das durch die Vernunft gewonnene Wissen übernimmt solch fundamentale Funktionen wie Orientierung in der Welt, ihre Erklärbarkeit und einer am Selbst ausgerichteten Realitätskonstruktion. 11
Festzuhalten ist also, dass grundlegende Paradigmenwechsel der Moderne im Säkularisierungsprozess bestehen, dem die Verabsolutierung der Vernunft als Grundlage vorausgeht und eine radikale Individualisierung der Lebenswelt nachfolgt.
2.2. Postmoderne und Dekonstruktion
Postmodern radikalisiertes Anwenden von Reflexivität und Kritik deckt dann allerdings so manche Inkonsistenz und unbewusste Denkvoraussetzung der Aufklärung auf. Sie blieb in ihren Grundannahmen, die Teleologie und das Vorhandensein von Absolutem betreffend, einer religiösen Weltordnung verhaftet 12 . Hier setzt die so genannte Dekonstruktion der Postmoderne an. Sie kritisiert u. a. den blinden teleologischen Fortschrittsglauben durch die Wissenschaft und fördert den Zerfall sämtlicher epistemologischer Systeme; insbesondere das der Möglichkeit einer rationalen Weltaneignung.
Die Ablehnung jeglicher absoluter Werte, jeglicher Fundamente wird zum neuen Paradigma erhoben. Auf dieses lassen sich sämtliche Charakteristika der postmodernen Lebens- und Gedankenwelt zurückführen.
9 Dürr. 160.
10 Dürr. 164f.
11 vgl. Mittelstraß, Jürgen. „Die Orientierungsfunktion von Wissenschaft und ihre Defizite“. In: Rusterholz. 13.
4
2.3. Pluralität als Kennzeichen postmodernen Denkens
Trotz der Vielzahl postmoderner Merkmale und Charakteristika lässt sich wohl Pluralität als der bezeichnende Schlüsselbegriff formieren - Pluralität als Folge der Fragmentierung und Destruktion von Einheit oder Vereinheitlichung in jeder Hinsicht. Dieser Verlust des Ganzen, das relativierende Offenhalten wird nicht bedauert, sondern als begrüßenswerter Freiheits- und Wahrheitsfortschritt befunden. 13 War Pluralität schon Thema der Moderne, so führt deren unerbittliche Radikalisierung zur Postmoderne: 14
Die Pluralität, die unter postmodernen Bedingungen entdeckt, favorisiert und verteidigt
wird, ist gerade die an die Wurzeln gehende, die radikale. Eben deshalb darf sie für
ununterlaufbar und unüberbietbar gelten. Sie ist nicht mehr durch den Boden einer
gemeinsamen Übereinstimmung getragen und entschärft, sondern tangiert die Definition
noch eines jeden solchen Bodens. 15
Auf einer solchen „Basis“ der Bodenlosigkeit ist die bereits erwähnte Legitimation heterogener Erkenntnisansprüche und Sozialisationsmuster und die aus ihnen resultierende „Neue Unübersichtlichkeit“ (vgl. Habermas) zu verstehen. Eine gemeinsame Mitte, ein verbindlicher, allumfassender Maßstab, woran Handlungen und soziales Miteinander ausgerichtet und gemessen werden können, gilt als nicht existent bzw. konstruiert. Nichts vermag mehr die Allgemeinheit zu bündeln oder einen übergeordneten Sinn zu vermitteln, der Halt und unumstößliche, vergewissernde Selbstverortung ermöglichen würde.
Wo das immunisierte Selbst zum Ziel und Zweck des Lebens wird, zum Maß aller Handlungen und Bewertungen, wird auch die Relativität der Wahrheit konstitutiv. Es ist nur allzu offensichtlich, dass die Offenheit eines radikal relativierenden Pluralismus große Herausforderungen für den einzelnen darstellt und schwer lebbar ist. Der postmoderne Mensch findet sich mit einer überwältigenden Fülle von Lebensentwürfen, Wahrheitsangeboten und gleichzeitigen Relativierungen derselben konfrontiert, was ihn alsbald einer hilflosen Orientierungslosigkeit überlässt. Kein verlässliches, zentrales Muster gibt ihm Richtung, keine von außen auferlegten Vorschriften schränken ihn (wohltuend- vergewissernd) ein, er ist nichts und niemandem Rechenschaft für seine
12 vgl. Giddens. 67.
13 Welsch, Wolfgang. Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne- Diskussion. Weinheim: 1988.
15.
14 Vgl. ebd. 14.
15 Welsch. 14.
5
Entscheidungen schuldig, außer sich selbst (und dem Gesetz). Er ist der Offenheit des indifferenten Kosmos ausgesetzt, steht nackt und allein vor dem ontologischen Dunkel seiner Selbst und der Welt und sieht sich aufgefordert, eine Wahl zu treffen - überspitzt gesagt: irgendeine, irgendwie, um dann vielleicht später alles relativiert zu sehen und wiederum im Meer des „anything goes“ nach einem neuen Konzept zu fischen.
So fällt jede Entscheidung und Sinnstiftung einzig dem säkularisierten Individuum und seinem Gutdünken zu.
Verschärfend allerdings kommt hinzu, dass auch das Selbst der reflexiven Fragmentierung zum Opfer gefallen ist, so z. B. in der Durchsetzung der Theorie der Psychoanalyse, die die Persönlichkeit als gespaltenes Konstrukt entlarvt sehen will. So wird auch hier die Sehnsucht nach Ganzheit, verankernder Wesentlichkeit und Sinngebung wieder groß.
Unter diesen Aspekten der elementaren Verunsicherung erklären sich meines Erachtens auch die vielfältigen Ambivalenzen und Paradoxien die dem postmodernen Denken erwachsen.
2.4. Ambivalenzen
In Anlehnung an Walter M. Dürr möchte ich einige Ambivalenzen moderner Trends, also die „Gleichzeitigkeit und Widerläufigkeit von gesellschaftlichen Prozessen“ 16 herausgreifen: - In einer Zeit der zunehmenden Komplexität und Kompliziertheit, stellt sich die Sehnsucht nach Einfachheit, Klarheit und Wahrheit ein.
- Wo Traditionen abgebrochen und Institutionen verabschiedet werden, bilden sich neue Regelpanzer und Fundamentalismen als Schutz und Orientierungsgerüst. - Der dem Pluralismus folgende globale Kulturaustausch zieht Rückzugstendenzen in Nationalismen nach sich.
- Fortschrittsdenken bringt Skepsis und Alternativbewegungen/ Aussteigertum hervor. - In einem fortschreitenden gesellschaftlichen Individualisierungsprozess zeichnen sich vermehrt kommunitaristische Bewegungen ab.
- Einer verstärkten Säkularisierung steht die Wiederkehr der Religiosität in Form neuer Religionen gegenüber.
16 Dürr. 147.
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Arbeit zitieren:
Andrea Heß, 2005, Supermarkt der spirituellen Angebote im säkularisierten Zeitalter der Postmoderne, München, GRIN Verlag GmbH
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