Inhalt
1. Einleitung
2. Struktur- und Feinprotokoll
3. Analyse des Filmbeitrags
3.1 Sequenzanalyse
3.2 Sprachliche Gestaltung
3.3 Visualisierungsgrad
3.4 Einstellungslänge
3.5 Kamera- und Objektbewegungen
3.6 Einstellungsgröße
3.7 Einstellungsprofil
3.8 Kameraperspektive
3.9 Bild-Text-Bezug
4. Resümee
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Das Medium Fernsehen existiert seit circa siebzig Jahren in Deutschland, doch erst seit Beginn der 60er Jahre gibt es regelmäßige Verbraucherberatung und -aufklärung im Programmangebot. Durch die Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens stand mehr Sendezeit zur Verfügung, so dass Fachredaktionen entstanden, die sich speziellen Gebieten widmen konnten.
Vorreiter der verbraucherorientierten Sendungen war das ‚Gesundheitsmagazin Praxis‘ des ZDF, das in kurzer Zeit über ein interessiertes Stammpublikum verfügte. 1971 folgte die ARD diesem Sendekonzept mit der Einführung der ‚ARD-Ratgeber-Reihe‘, die sich auf verschiedene Themengebiete wie beispielsweise Gesundheit, Geld und Technik
spezialisierte. 1 Das Sendeangebot mit Verbraucherinformationen ist aufgrund der zunehmenden Programmvielfalt seitdem stark gewachsen. Ungeachtet dessen konzentrierte sich die Wissenschaft in der Vergangenheit vorwiegend auf die Untersuchung von
Nachrichtensendungen 2 , „denen nicht nur wegen des elaborierten Codes der Nachrichtensprache, sondern auch aufgrund der visuellen Gestaltung ungenügende
Verständlichkeit für weite Kreise der Fernsehzuschauer attestiert wurde.“ 3 Doch gerade die Verständlichkeit ist, neben der Klarheit, „die am häufigsten artikulierte Forderung an die
Sprach- und Bildgestaltung in den Medien“. 4 Beim audiovisuellen Medium Fernsehen wird das Verständnis des Filmgeschehens vor allem dann gefördert, wenn „sich Sprache und Bild auf dasselbe Referenzobjekt beziehen und im Idealfall die ‚semantischen Lücken’ des jeweils
anderen Zeichensystems ausfüllen “ 5 , wie es im analysierten Beitrag ‚Teilimplantiertes Hörgerät‘ der Fall ist. Allerdings entscheidet nicht allein die Art und Weise der Wort-Bild-Verknüpfung darüber, wie verständlich ein Filmbeitrag ist. Aus diesem Grund sollen nach
einer exakten Protokollierung des Beitrags und einer anschließenden Sequenzanalyse 6 die sprachliche Gestaltung, sowie einzelne Faktoren der Film- und Bildsprache einer genaueren Analyse unterzogen werden.
Hierzu zählen der Visualisierungsgrad der Thematik, die Einstellungsdauer bzw. -größe, die Kamera- und Objektbewegungen und die Kameraperspektive. Da aufgrund der engen
1 Vgl. Ingrid Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, Der Einfluss thematischer Aspekte auf die Gestaltung von Verbrauchersendungen des Fernsehens, Nürnberg 1985, S. 5.
2 Z.B. die Untersuchung von Bernward Wember 1976.
3 Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S.2.
4 Tilo Prase, Das Gebrauchte Bild, Bausteine einer Semiotik des Fernsehbildes, Berlin 1997, S. 143.
5 Ingrid Hamm, Sehen und Verstehen, Verbraucherinformation und ihre Resonanz im Fernsehpublikum, Mainz 1989, S.117.
6 Hier soll die Gliederung des Beitrags und dessen inhaltlicher Aufbau aufgezeigt werden.
1
Verbindung von Bild und Text keine Bild-Text-Scheren zu erwarten sind, werden Filmpassagen mit auffälligen Bild-Text-Bezügen näher betrachtet.
2. Struktur- und Feinprotokoll
Mittels des folgenden Struktur- und Feinprotokolls der Sendung ‚Einfach genial‘ 7 bzw. des ausgewählten Filmbeitrags ‚Teilimplantiertes Hörgerät‘ soll der detaillierte Verlauf der Sendung bzw. des Beitrags aufgezeigt werden, so dass die anschließende Analyse besser nachvollzogen werden kann. Überdies hält Werner Faulstich die Protokollierung eines Films für notwendig, weil ohne Analyse mit Protokoll eine Interpretation „nicht werkbezogen rational begründet werden“ kann; weil sich ohne sie „keine systematischen Detailuntersuchungen anstellen“ lassen, weil „ohne die Gesamtstruktur nur eingeschränkt fundiert werden“ kann und damit „der einfachsten Verpflichtung wissenschaftlichen
Arbeitens“‚„exakt zu dokumentieren und zitieren“, nicht nachgekommen werden kann. 8
Struktur-Protokoll
Sendung: '' Einfach genial'' am 24.02.04
Länge: 24'10
1 0'00 Vorspann
2 0'08 Moderation: Begrüßung, Thema der Sendung: ''Lärm und seine Folgen''
3 0'23 Themenübersicht
4 0'39 Anmoderation des ersten Filmbeitrags
5 0'55 1. Filmbeitrag: Schalldämpfer für lauten Heizkessel
6 5'04 Gespräch: Lärmpegel an Kreuzung und
7 6'00 Anmoderation zum Filmbeitrag 2
8 6'04 2. Filmbeitrag: Sonor- venti (Schallschutztür)
9 10'00 Gespräch: Funktion Radarmessgerät
10 10'29 3. Filmbeitrag: Guter Rat, ,Pocket Ear' Gerät
7 Diese Sendung wurde am 24.02.04 im Rahmen des Magazins ‘Einfach Genial’ im MDR ausgestrahlt.
8 Knut Hickethier, Film- und Fernsehanalyse, Stuttgart/Weimar 1996, S. 37.
2
11 13'50 Moderation: Hinweise auf Expertentelefon am Ende der Sendung
12 14'04 Gespräch: Datenauswertung Radarmessgerät und
15 19'09 Gespräch : Nutzen ''Radarmessgerät''
16 19'27 Anmoderation zum Filmbeitrag 5
17 19'34 5.Filmbeitrag: Lärmschutzwall aus Weidenruten
18 22'25 Anmoderation zum Filmbeitrag 6
6. Filmbeitrag: Zuschaueridee, Fahrbahngulli 19 22'38
20 23'36 Moderation: Abschied, Hinweise zur nächsten Sendung
21 24'10 Abspann
Fein-Protokoll
Sendung: ‚Einfach genial‘ am
24.02.2004 Beitrag: Neues Hörgerät Länge: 4'24
1 0'00 G>HN>G: Schwenk vom Küchen- Musik: Popsong
2 0'09 D>G>D: Steding gießt sich ein hören, kommen bei Wilfried Steding kaum an.
3 0'14 G>HN>G: Schwenk von Kaffe-Er ist einer von 14 Mio Deutschen mit einer Hörmaschine zurück zum Frühstückstisch und Zoom auf Steding minderung. Ursache bei ihm: Lärm am Arbeitsplatz.
4 0'23 D: Wecker klingelt, Kinderxylo-Das Problem bei Herrn Steding und vielen Anderen:
Vor allem die hohen Tonfrequenzen werden dabei
3
gewissermaßen abgeschnitten.
Gerade bei der Sprache aber ist das sehr
verhängnisvoll. Weil Laute wie p,f oder s genau in
diesen Hochtonbereich fallen, kommen viele Wörter
nur bruchstückhaft an.
0'50 G: Wolfgang Steding (Titelperson) O-Ton: „Wenn Einer in 2, 3 Meter Entfernung was 5 in seiner Wohnung
erzählte und sprach 'n bisschen leiser, hab ich
natürlich nicht mitgekriegt, und ich musste immer
horchen, äh. Das ist unangenehm, man kriegt auch
nicht immer alles mit.'“
1'01 N: Steding geht zur Kommode und Kommentar: Zwar hat Herr Steding schon lange ein 6 zieht Schublade auf.
Hörgerät, trägt es aber ungern, denn es verstopft den 7 1'03 D: Steding holt sein altes Hörgerät aus dem Schubfach Gehörgang. Wärme und Feuchtigkeit stauen sich an,
8 1'09 G: Steding setzt vorm Spiegel ein Druckgefühl entsteht. Viele lassen ihr Hörgerät sein Hörgerät ins Ohr
deshalb in der Schublade und sind bei Gesprächen 9 1'11 D: Großaufnahme Hörgerät im Ohr isoliert. Der 62 jährige aber will zurück in die Welt der 10 1'14 N: Steding nimmt Hörgerät vorm Spiegel wieder aus dem Ohr Töne und Geräusche, und wir begleiten ihn dabei.
11 1'18 D: Steding legt sein Hörgerät ins
Kästchen zurück
12 1'22 N: Steding läuft eine Strasse ent-Auch jetzt auf dem Weg zum HNO- Arzt allerdings
13 1' 25 T>HN: Schwenk vom
14 1'27 N: Steding versucht sich zu orien-
tieren
15 1'30 D: Steding drückt Fussgängerknopf
im Hintergrund: Autogeräusche
16 1'32 G: Steding dreht Kopf hin und her Weil nur sein rechtes Ohr geschädigt ist, fällt
4
17 1'33 G: Ampel schaltet von rot auf grün Herrn Steding das Richtungshören schwer.
18 1'34 N: Steding überquert die Strasse Woher zum Beispiel das Geräusch eines Autos im Hintergrund: Autogeräusche kommt, erkennt er erst sehr spät. 19 1'36 G: Steding blickt hin und her All das soll sich nun ändern mit einem ganz 20 1'39 T: Ansicht der Straße besonderen Hörgerät. 21 1'41 G: Steding erneut eingeblendet
22 1'43 HT: vorbeifahrende Autos
23 1'45 N: Frontscheibe eines vorbeifah-
24 1'46 HN: Steding beim HNO-Arzt Und dafür trägt Herr Steding seit Wochen ein
25 1'50 G: Großaufnahme von Stedings Ein Röhrchen aus Titan hinter dem Ohr. Für
26 1'53 D: Detailaufnahme, Metallröhrchen die Metallröhre führt von aussen nach innen und endet
27 1'56 G: HNO-Arzt blickt mittels Appera- im normalen Gehörgang.
tur in Stedings Ohr Was es wohl damit auf sich hat? 28 2'00 D: Blick durch Metallrohr in Stedings Ohr
29 2'05 G: Hans Dieter Borowski mit Hans Dieter Borowski zeigt es uns. Er hat zusammen Ohrmodell in der Hand mit dem Arzt Theo Wesendahl ein völlig anderes 30 2'11 D: Ohrmodell mit Retro X Hörsystem entwickelt. Hier am Ohrmodell sieht man, 31 2'19 D: Ohrmodell, daneben Bestandteile des Hörgerätes das Retro X steckt nicht im Ohr sondern dahinter
32 2'24 G: Per Trick wird veranschaulicht im besagten Metallröhrchen, eine Art künstlicher wie die Operation abläuft zweiter Gehörgang. Diese Umleitung für den Schall
wird mit einem Spezialwerkzeug in einem kurzen
ambulanten Eingriff eingesetzt, also implantiert.
Dafür reicht örtliche Betäubung. Keine Angst,
Knochen oder Knorpel müssen deswegen nicht
durchbohrt werden.
O-Ton: „Im Prinzip ist es ein Durchstossen der Haut 33 2'42 G: HNO-Arzt Prof Dr. Thomas
5
Lenarz in seiner Praxis von hinter dem Ohr in den Gehörgang, also
vergleichbar einem Piercing.''
Kommentar: Das eigentliche Hörgerät, der Hör-34 2'49 D: Hörprozessor wird in die Hand genommen
prozessor, wird jetzt nach dem Einheilen 35 2'52 G: Hörprozessor wird von Dr. Lenarz an Stedings Ohr angebracht auf das Röhrchen aufgesteckt. Hinter der Ohr-36 2'54 D: Stedings Ohr von hinten, Detail- muschel versteckt, ist das Retro X später kaum
Herr Steding hört jetzt sozusagen auf zwei Wegen.
Tiefe Töne, die er noch recht gut wahrnimmt, kommen
nach wie vor durch den natürlichen Gehörgang ins Ohr.
Sein Hörgerät ist so eingestellt, dass es nur die hohen
Töne verstärkt. Es ergänzt also das, was ihm fehlt.
Im Ohr mischen sich die hohen mit den tiefen Tönen.
Es entsteht ein ganz natürlicher Höreindruck.
Atmo: Tanja kauft acht nasse Messer. 37 3'29 N: Steding im Tonstudio, er
38 3'33 G: Tonstudioassistentin
mit Blick auf Monitor
39 3'35 G>D: Lautsprecher des Ton-Kommentar: Beim Hörtest muss sich jetzt zeigen, ob studios, Schwenk zu Steding
sich für Herrn Steding wirklich etwas verbessert hat.
Wir lauschen gespannt mit.
40 3'41 G: Steding spricht Sätze nach, O-Ton: „Thomas nahm 12 nasse Sessel.'' die über Lautsprecher kommen Kommentar: Was jetzt aus dem Lautsprecher kommt 41 3'46 D: Stedings Ohr mit Hörgerät (Ansicht Hinterkopf) im Tonstudio ist so leise, dass schon Normalhörende Probleme
42 3'49 G: Tonstudioassistentin am haben. Anders Herr Steding. Für ihn steht schnell fest, Monitor
nie mehr ohne sein neues Hörgerät! 43 3'51 D: Stedings Ohr von hinten mit
44 3'54 D: Steding spricht Sätze im Tonstudio nach
45 3' 55 G: Steding in seinem Wohnzimmer O-Ton: „Ich hab mich wirklich gewundert, wie schnell
ich mich daran gewöhnt habe, und ich trage es
eigentlich von morgens bis abends. Ohne, nur beim
Duschen eben nicht, da muss man's abnehmen.
46 4'04 D: Kuchen, Kaffeetisch bei Steding
z u H a u s e
Kommentar: Die Welt klingt jetzt anders für Wilfried 47 4'06 HN: Steding sitzt mit Freunden gemütlich am Kaffeetisch
Steding. Er kann wieder voll an Gesprächen teilnehmen 48 4'11 D: Stedings Ohr von hinten mit seinem neuen Hörgerät und versteht dabei nicht nur jedes Wort, sondern auch
49 4'14 N: Steding mit Freunden am woher der Schall kommt, also wer gerade spricht. Kaffeetisch (lachend) Und das alles, ohne das jemandem das Hörgerät 50 4'18 G: Freund Stedings setzt Kaffeetasse zum trinken an überhaupt auffällt.
51 4'20 N: Blick über die Schulter der
Gäste zu Steding am Kaffeetisch
3. Analyse des Filmbeitrags
3.1 Sequenzanalyse
Im Feinprotokoll wurde die kleinste „filmtechnische Einheit“ 9 , die Einstellung, dargestellt. Unter einer Einstellung versteht man die Bildabfolge, welche „von der Kamera zwischen
Öffnen und Schließen des Verschlusses aufgenommen wird.“ 10 Die „nächstgrößere filmische Einheit“ bilden die Sequenzen, welche nach Ingrid Hamm „zusammenhängende Folgen von Einstellungen, die durch die Filmmontage verknüpft inhaltlich abgrenzbare Aussagekomplexe
darstellen.“ 11 Ähnlich äußert sich Hickethier, der die Sequenz als Handlungseinheit versteht, „die zumeist mehrere Einstellungen umfasst und sich durch ein Handlungskontinuum von
9 Hamm, Inhalt und Audiovisuelle Gestaltung, S. 137.
10 Ebenda.
11 Ebenda.
7
Arbeit zitieren:
Daniela Pieper, 2004, Das unmissverständliche Bild, Analyse eines Filmbeitrags, München, GRIN Verlag GmbH
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