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Gewidmet meiner Familie, insbesondere meinen Kindern, die mich für einen Freak halten.
Zu Dank verpflichtet bin ich ao. Univ.-Prof. Dr. Josef Mitterer für wertvolle stilistische und strukturelle Anregungen und ebenso ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Berger für die kompetente Betreuung sowie essentielle Hinweise bezüglich Literatur und Aufbau der Arbeit.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 6
Einleitung 8
Teil I: Glück und Arbeit
Wozu das Ganze? 12
Immer flexibel bleiben 13
Sch öne neue Arbeitswelt 15
W i r s i n d d a s V o l k 1 6
Allzeit bereit im Zeichen neuer Zumutbarkeit 17
Wir vermarkten uns(er) selbst 18
Get a life 19
Trautes Heim, Glück allein 20
Das philosophische Glück 21
Die glückliche Gesellschaft 23
Das Glück der Neuzeit 25
Der Traum nach vorwärts 26
Und unser Glück? 28
Konsum und Aneignung 29
Arbeit als Berufung 30
Das System der Bedürfnisse 33
Der Herr und der Knecht 35
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Teil II: Denker der Moderne
Die Entzauberung 38
Hegel: Die Philosophie der Vernunft 39 Die Philosophie des Staates 42 Hegels Grenzen 44 Geist und Kapital 45
Was die Welt im Innersten zusammenhält 49 D a s A b s o l u t e 5 0
Nietzsche: das andere der Vernunft 53
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte 55
Heidegger: bereit sein ist alles 61
Gianni Vattimo: das schwache Denken 65
Teil III: Die neue Gesellschaft
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch 71 I n n e h a l t e n 7 3 D e r C o n s u m e r 7 6 Moderner Hedonismus 79
Die freie Gemeinschaft errichten 82 Der Staat denkt nicht 85
Die Politik als Wahrheitsprozedur 87
Literaturliste 8 9 Internetliste 9 2
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Vorwort
Wir opfern - so heißt es - unsere Muße, um Muße zu haben, so wie wir Krieg um des Friedens willen führen. So dachte Aristoteles. Nach dem Krieg sollte Frieden sein, zumindest für einige Zeit. Kommt aber nach der Arbeit die Muße und hat der arbeitende Mensch noch die Muße im Blick? Begriffe wie Informations-, Arbeits-, Konsum-und
Multioptionsgesellschaft lassen erahnen, dass dem Hinweis auf Muße-und Auszeiten im Arbeits- und Produktionsprozess eher mit Unverständnis begegnet wird.
Rekordgewinne der global agierenden Konzerne, dem gegenüberstehend steigende Arbeitslosigkeit, nicht mehr leistbarer Sozialstaat, zunehmende Verarmung auch in westlichen Industrieländern, Phänomene neuer Zumutbarkeiten wie Ich-AG, Selbstvermarkter und „flexible Menschen“ liefern meinen Überlegungen Stichworte für eine gegenwärtige Situation, in welcher sich bei mir ein Unbehagen eingestellt hat angesichts eines ökonomischen Diktats, dem sich offensichtlich alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens zu unterwerfen haben. Umbrüche, Krisen und Revolutionen sind historisch betrachtet nichts Ungewöhnliches. Ausgangspunkt meiner Betrachtung soll daher eine Epoche sein, die sich erstmals selbst als Moderne erkennt. Ich möchte anhand der Arbeiten von G.W.F. Hegel, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und dessen „Verwinder“ Gianni Vattimo Denkmodelle aufzeigen, wie sie philosophisch auf ihre jeweiligen Lebenswelten Bezug nahmen und Hinweise dafür geben, inwiefern ihre Diagnosen für heutige Phänomene heranzuziehen sind.
Die Aufgabe der Philosophie ist es, wie Hegel sagt, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen. Mir ist es ein Anliegen, die genannten gesellschaftlichen Phänomene und Zumutungen nicht als normal und gegeben hinzunehmen, sondern philosophisch zu hinterfragen.
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In der vorliegenden Arbeit versuche ich den Mechanismen von Kapitalismus und Konsum nachzuspüren, was es mit dem Glück auf sich hat, ob alternative gesellschaftliche Formen jenseits eines globalökonomischen Systems denkbar sind und wie diese gegebenenfalls politisch zu fassen seien.
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Einleitung
Würde es nicht genügen, einfach ein stilles Glück zu genießen, ohne große Ansprüche zu stellen? Doch gewisse materielle Voraussetzungen und Sicherheiten scheinen unabdingbar. Seit dem Beginn der Industrialisierung stellt eben die Lohnarbeit zum größten Teil die Quelle von Einkommen und materieller Absicherung dar. Nun sind im Bereich der Arbeitswelt die Dinge stark in Fluss geraten. Soziale Absicherung und lebenslange Berufsausübung passen nicht mehr in eine ökonomische Sphäre, in welcher Dynamik, Flexibilität und Multitasking die erforderten Qualitäten darstellen. Zweifellos boomt die Wirtschaft in weiten Bereichen, Konzerne machen Rekordgewinne; doch gleichzeitig sehen Soziologen und Philosophen das Ende der Lohnarbeit heraufdämmern. Autoren wie Richard Sennet orten einen durch ständige Flexibilitätszumutung hervorgerufenen Charakterverlust der Individuen und stellen einen funktionierenden sozialen Zusammenhalt in Frage. Slavoj Žižek plädiert für eine neue Intoleranz gegenüber der ökonomischen Sphäre und eine Repolitisierung derselben. Die Möglichkeit in der gegenwärtigen Arbeits- und Produktionsgesellschaft so etwas wie persönliches Glück zu erlangen, scheint zunehmend schwieriger zu werden.
Die Frage nach dem individuellen wie auch dem gesellschaftlichen Glück ist jedoch eine der Kernfragen der Philosophie, eine Frage der Ethik und des guten Lebens. Prominente antike Glücks - Sucher wie Epikur und Seneca fragen nach dem individuellen Glück; mit dem neuzeitlichen Aufkommen der Industrialisierung wird das Problem des kollektiven Glücks virulent. Der Industrielle Robert Owen als Vordenker des Sozialismus scheitert jedoch mit seiner Kolonie der Glücklichen. Ernst Bloch sieht den Sozialismus als Praxis einer konkreten Utopie; er soll den Menschen befähigen, das Seine in realer Demokratie zu verwirklichen.
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Im Gegensatz dazu scheint für pessimistische Denker wie Sigmund Freud das Glück im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen zu sein. Das gegenwärtige globalkapitalistische System ist fundiert auf dem Zyklus von Produktion und Konsumation in zunehmend verkürzten Intervallen. Konsum wird zum Erlebnis, die Konsumgesellschaft zur Erlebnisgesellschaft. Breidenbach/Zukrigl gehen der Frage nach, ob Konsum Glück versprechen oder Identitätsstiftend wirken kann. Mit Max Weber soll untersucht werden, warum allein in der westlichen Gesellschaft sich ein kapitalistisches System entwickelt hat und welche gesellschaftlichen Mechanismen dem „Abendländischen Kapitalismus“ innewohnen und zu einer ökonomischen Sphäre geführt haben, von der schon Hegel als „System der Bedürfnisse“ spricht. Hier wird der Mensch nicht mehr von bloßer Naturnotwendigkeit geleitet, sondern sein Handeln ist letztlich bestimmt durch die Meinung der anderen. In der Herr-Knecht Dialektik kommt der bildende und befreiende Aspekt der Arbeit zum Ausdruck. Der Arbeiter erlangt Selbstbewusstsein, welches für Hegel als Subjektivität und subjektzentrierte Vernunft das philosophische Prinzip und konstituierende Element der Moderne bedeutet.
Die Neuzeit und beginnende Moderne muss nach einem Prozess, den Weber Entzauberung nennt, auf vorgegebene tradierte und religiöse Werte verzichten. Hegel versteht dieses Bedürfnis nach
Selbstvergewisserung als philosophisches und setzt die subjektive Vernunft unter Voraussetzung eines Absoluten als Identität stiftenden Faktor in einer „vorbildlosen Moderne“ ein. Doch die Hegelsche Vernunft erklärt plötzlich alles und schwingt sich selbst zur unangreifbaren Macht empor. Politische Kräfte beispielsweise, welche von Hegels
Staatsphilosophie abweichen, verstoßen somit gegen die Vernunft selbst. Die letztlich absolute Vergeistigung des Menschen lassen seine irdischen Bedürfnisse bedeutungslos werden. In einer materialistischen Wende stellt Karl Marx nun das idealistische System Hegels „vom Kopf auf die Füße“.
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Im Dialektischen Materialismus findet eine Verschiebung vom Denken zum Handeln statt, nicht mehr die Vernunft ist das Prinzip der Moderne, sondern die Arbeit. Der Geist wird zum Kapital, das Absolute zum Geldder Stoff, der die Welt im Innersten zusammenhält. Die Frage ob und wie man damit glücklich wird, bleibt vorerst dahingestellt und soll uns später noch beschäftigen. Für Marx bestand ja nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus das Glück der Menschheit in der klassenlosen Gesellschaft von in „freier Assoziation“ handelnder und sich bestimmender Individuen.
Einen anderen Ansatz wählt Friedrich Nietzsche. Nicht die Vernunft, sondern das Andere der Vernunft, der Mythos soll konstituierend wirken; und die Kunst ist für ihn das Medium der Verbindung der Moderne mit dem Archaischen, Dionysos der kommende Gott. Auch Nietzsche sieht in der Moderne eine fundamentale Erfahrung der Veränderung und des Wandels. Doch das Prinzip des Werdens - dieses Auflösungsprozesses traditioneller Werte - selbst als konstituierendes Prinzip der Moderne anzusetzen, scheitert ebenso wie der Hegelsche Vernunftansatz. Nietzsche beschreibt diese Erfahrung als Nihilismus. Die Geschichte des Nihilismus beginnt früh - mit dem Heraustreten der Menschheit aus der vorsokratischen schönen Einheit von Denken und Leben - und endet mit dessen Überwindung im Ja des Zarathustra, der Bejahung im Willen zur Macht. Doch noch herrscht dessen pervertierte Form des Macht-wollens, des verfügen-wollens über Geld, Ehre und Vermögen - ein Glück für einige Privilegierte. Nietzsches Übermensch-Phantasien erfuhren - wenn auch in pervertierter Form - ihre Realisierung; Martin Heidegger, Philosoph dieser Epoche, begegnet dem Problem der Verunsicherung und Exponiertheit der Individuen mit einer Vereinigung derselben zu einem Volk.
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Das Glück bei Heidegger bedeutet ein Leben in der Eigentlichkeit, dem Ergreifen seiner Existenz. Das kollektive Glück des deutschen Volkes dauerte jedoch nicht lange und verursachte das größte Unglück des Zwanzigsten Jahrhunderts. Gegen derart starke Ideologien wendet sich Gianni Vattimo mit seinem „schwachen Denken“ und einem Konzept der Kontaminierung; seine Überlegungen zu einem konstruktiven Chaos der Informationstechnologie und Medien müssen sich aber den Vorwurf der Beliebigkeit gefallen lassen, da ein schwaches Denken gegenüber Gewalt, Machtausübung, Repression, ökonomische Zwänge und politische Willkür kaum ein geeignetes Konzept darstellen kann. Die Themen Glück und Arbeit sind nach wie vor zu überdenken. André Gorz sieht das Ende der Lohnarbeit und mit dem Heraufkommen des Wissenskapitalismus das Ende des Kapitalismus überhaupt gekommen. Andere, soziale Formen des Zusammenlebens und ein ausreichendes Existenzgeld sollen insgesamt eine Alternative zum gegenwärtigen Produktivismus darstellen. Peter Heintel erkennt mit Hegel zwar Subjektmöglichkeit in den Prozessen der Produktion als Selbstentäußerung und der Identitätsfindung durch Konsum als Wiederaneignung; aber eine Gesamtvermittlung, ein Allgemeingültiges, das nicht Produktion oder Ware heißt, ist dennoch nicht möglich. Das Projekt Glück durch Konsum ist ein nie abgeschlossenes und funktioniert nur im ökonomischen Kontext, der global gesehen andererseits auch Ausgeschlossene produziert und somit Phänomenen wie Terrorismus, Radikalismus und Fundamentalismus Vorschub leistet. So stellt sich die Frage nach einer Politik, die den Menschen Räume und Zeiten für eine mögliche nicht-ökonomische Gesellschaft bereitstellt und wie diese Gemeinschaft zu fassen sei, die selbst nicht wiederum Machtstrukturen hervorbringt. Philosophische Konzepte von Jean-Luc Nancy und metapolitische Überlegungen Alain Badious weisen hier den Weg.
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Teil I: Glück und Arbeit
Wozu das Ganze? Build me a cabin in Utah
Marry me a wife, catch rainbow trout Have a bunch of kids who call me “Pa” That must be what it’s all about That must be what it’s all about (1)
Das muss es sein, worum es geht. Aber die Hütte baut sich nicht selbst. Ein Rudel Kinder kostet auch einen Menge. Das Geld will erst einmal verdient sein. Doch das ist heute nicht mehr so einfach. Flexibel muss man sein, ständig weiter- und umlernen. Möglichst Berufserfahrung mitbringen, aber nicht zuviel Lebenserfahrung; auch nicht zuviel Lebensalter. Ist man schon jenseits der Vierzig, besteht nämlich die Gefahr, nicht mehr flexibel genug zu sein. Außerdem empfiehlt es sich, die Fähigkeit des Multitasking zu besitzen. Galt in hergebrachter Erziehung noch der Grundsatz: Eins nach dem anderen, so heißt es nun: Mehrere Dinge gleichzeitig! Der Simultant beherrscht die neue Disziplin perfekt. Er surft während des Staus auf der Autobahn im Internet, erledigt während der Hausarbeit seine Bankgeschäfte bzw. betreut während der Arbeit, die er zu Hause am PC vollbringt, die Kinder. Nachdem man nicht außerhalb der Gesellschaft leben kann, muss man die neuen Disziplinen eben lernen.
Die gegenwärtige Gesellschaft wird nicht zufällig als „Arbeitsgesellschaft“ bezeichnet, in der die Arbeit besonderen Wert besitzt. Dies verdanken wir einer Entwicklung, die man als „Modell Neuzeit“ bezeichnen könnte. Wurden die Sehnsüchte, Wünsche und Träume der Menschen früher in Sagen, Märchen und Mythen kompensiert, so gilt jetzt: jedes Bedürfnis, jeder Bedürfniswiderspruch bekommt ein Produkt. Aber erfüllte Wünsche bewirken Enttäuschung, so müssen neue Produkte her.
____________________ (1) Dylan, B. Texte und Zeichnungen. Frankfurt am Main 1975. S.864
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Dies lässt natürlich einer gesteigerten Produktivität einen besonderen Wert zukommen - die Wachstumsideologie ist Grundbedingung des Ökonomischen Systems.
Wie wird Wachstum erreicht? Entweder es wird gleich viel in kürzerer Zeit hergestellt, oder man erstellt in der gleichen Zeit mehr; arbeitet also schneller. Nun leben wir aber im Zeitalter der Informationstechnologie, in welchem Prozesse in Lichtgeschwindigkeit ablaufen. Eine höhere Geschwindigkeit ist also nicht mehr möglich. Wachstum kann also nicht mehr über Beschleunigung erreicht werden, sondern durch „Vergleichzeitigung“.
Immer flexibel bleiben
Die Formen, wie heute Arbeitszeit organisiert wird, sind stark im Wandel. Bis etwa 1980, dem Beginn der digitalen Revolution, waren die Bereiche von Arbeit und Freizeit, von öffentlich und privat sehr klar abgegrenzt und definiert. Im Namen der neuen Flexibilität sind die Dinge in Fluß geraten, verschwimmen diese Grenzen zusehends. Das Prinzip des „Eins nach dem anderen“ ist heutzutage kontraproduktiv, man muss versuchen, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuüben, Multitasking - fähig zu werden. Simultanarbeit ist das Gebot der Stunde, den dazugehörigen Sozialcharakter nennt man demgemäß Simultant.
Der Druck für die Betroffenen ist offensichtlich und es stellt sich die Frage, ob hier ein Entrinnen möglich wäre. Nein, lautet die Antwort der Experten und Sozialforscher, die Vergleichzeitigung sei ein Phänomen, welches die Gesellschaft im allgemeinen betrifft, nicht nur im Bereich der Arbeit, auch in der Freizeit mit zunehmender Erlebnisdichte, im Verkehr, im Transport wird alles pausenloser und porenloser. Man könne keinen Standpunkt außerhalb der Gesellschaft einnehmen - aber man kann diese neuen Fähigkeiten lernen. Den Druck spüren nur jene, die es nicht gelernt haben. Kinder und Jugendliche, die mit den neuen Technologien
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bereits aufwachsen, seien hier wesentlich im Vorteil, sie würden sozusagen hineinsozialisiert in die neue Welt der Vergleichzeitigung und des Multitasking.
Wer dennoch seine Probleme hat mit der neuen Flexibilität und Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, dem werden flankierende Maßnahmen angeboten. Firmen veranstalten Work-Life-Balance
Seminare für ihre Mitarbeiter, in denen sie lernen, eine neue Balance zu finden in der zunehmenden Überlappung von Beruflichem und Privatem, Arbeit und Freizeit. So wird man fit für die Zukunft und fähig, in zunehmendem Maße den gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen und am ökonomischen Wachstumsprozess teilzunehmen. Als eine mögliche Phase der Entschleunigung in dieser durch Vergleichzeitigung beschleunigten Welt, sieht Karlheinz Geissler -Professor für Wirtschaftspädagogik in München - immer wiederkehrende Phasen der Arbeitslosigkeit und auch Staus, sei es auf der wirklichen Autobahn oder auch am Datenhighway. Wobei dazugesagt werden muss, dass auch Arbeitslosigkeit sehr viel Arbeit machen kann - durch Umschulung und Weiterbildung, Internetrecherche und Aufsuchen des Arbeitsamts, Lesen der Stellenanzeigen und Schreiben von
Bewerbungen. So wird auch die „Pause“ im Arbeitsprozess aktiv genutzt, ebenso wie die Staus am Datenhighway bzw. Computerabstürze und ähnliches, die wieder neue Programme und Technologien zur Folge haben, was sich wiederum produktiv auf die Wirtschaft auswirkt, sodass auch Staus produktiv werden.
Um nun einer drohenden Massenarbeitslosigkeit entgegenzuwirken - so Karlheinz Geissler - gilt es, neue Lebensarbeitszeitmodelle zu entwickeln. Die hergebrachte Form der Berufstätigkeit war so strukturiert, dass man für einen bestimmten Beruf ausgebildet wurde, dann in den Beruf eintrat und schließlich mit Sechzig oder Fünfundsechzig in Pension ging. Dieser „Lebensberuf“ ist heute ein Auslaufmodell; nur mehr zu finden bei
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Lehrern, Pfarrern und Hochschullehrern oder Ähnlichem. Es gilt also im Berufsleben sich einzustellen auf Phasen der Arbeitslosigkeit, der Umschulung, der Kurzarbeit, Projektarbeit; drauf, sich selbst die Arbeit zu organisieren.
So hetzt man von einem Projekt zum nächsten, das ganze Leben wird letztlich zum Dauerworkshop. (2)
Schöne neue Arbeitswelt bei VW Wolfsburg: Die Arbeiter sind dafür verantwortlich, ihr Arbeitskontingent selbst zu planen und zu organisieren. Für Kollegen, die in Urlaub gehen wollen, müssen andere einspringen und ihre Arbeit übernehmen. Werden die für das jeweilige Team erstellten Vorgaben nicht erfüllt, sind die Arbeiter selbst daran schuld - es muss eben nachgearbeitet werden (ohne zusätzliche Entlohnung, versteht sich). So kreiert man den engagierten Arbeiter, einen „Arbeitskraftunternehmer“. Der Betrieb wälzt auf diese Weise seine Produktions- und Gewinnziele auf die Arbeitnehmer ab, diese sind selbst dafür verantwortlich, das Soll zu erfüllen. Wenn nicht, muss eben länger gearbeitet werden. Länger arbeiten … auch dieses Gespenst geistert neuerdings durch die Arbeitswelt: die 35-Stunden-Woche ist längst vom Tisch, 48 Stunden pro Woche seien den Arbeitnehmern durchaus zumutbar (natürlich bei gleichem Lohn); sonst wird eben im Ausland produziert!
Die „Sachzwänge“ der globalen kapitalistischen Marktkonkurrenz machen vierzig Jahre Gewerkschaftsarbeit und deren Errungenschaften zunichte. Es wird dort produziert, wo die Arbeit am billigsten ist. Westeuropäische Computerspezialisten werden von billigeren indischen Fachleuten unterboten, die ihrerseits von russischen Ingenieuren abgelöst werden. Schon drängen chinesische Spezialisten auf diesen Markt. Was in bisherigen Entwicklungsländern der dritten Welt durchaus zu positiven Effekten wie boomende Branchen und partiell
____________________ (2) vgl. Dokureihe „Die Hartz-Reise“ 3sat, 2004
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höhere Lebensstandards führt, bedeutet für bisherige Industriestandorte Auslagerung der Arbeitsplätze und höhere Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wird auch technologisch aufgerüstet, automatisierte Fertigungsprozesse benötigen keine Arbeitskräfte. Es wird also eng auf dem Arbeitsmarkt, denn die Menschen wollen ihren Lebensstandard halten. Ein Überangebot von Arbeitskräften steht so einem immer begrenzter werdenden Kontingent von Arbeitsplätzen gegenüber. Arbeitskraft wird inflationär, Arbeit wird billig wie Dreck.
Wir sind das Volk
Was passiert aber mit den Verlierern beim Spiel des globalen Glücksrades? Für diese müssen eben andere Maßnahmen getroffen werden. Aber was heißt „Andere Maßnahmen“? Wenn wie heute alles der Markt regelt, gibt es auf Dauer keine durchhaltbaren Maßnahmen. Dass die freie Marktwirtschaft letztlich zum Wohlstand aller führt, hat sich als Mythos aus der Frühzeit des Kapitalismus entpuppt. Seit den Siebziger Jahren nimmt die Arbeitslosigkeit zu, der Nettolohn hat sichinflationsbereinigt - seither nicht wesentlich verändert. Gleichzeitig wuchs die Produktivität: das Bruttosozialprodukt hat sich verdoppelt, die Gewinne aus Unternehmen und Vermögen haben sich verdreifacht. Konzerne und Banken machen Rekordgewinne. Aber anstatt neue Arbeitsplätze zu schaffen, werden diese wegrationalisiert. Vielen Menschen in den eigentlich „reichen“ westlichen Ländern droht also der Abstieg in würdelose Armut, egal wie arbeitswillig und -fähig sie sind. Die existenzielle Situation wird immer riskanter, vor allem mit Familie. Soziale Errungenschaften aus jahrzehntelanger Gewerkschaftsarbeit werden unisono von Wirtschaftsbossen und
Politikern nur mehr als „Standortnachteil“ bewertet. Die Politik kommt auf jede erdenkliche Weise der Wirtschaft entgegen, die Steuerlast wird hingegen den Arbeitnehmern und Erwerbstätigen aufgehalst.
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In einem Demokratischen Staat geht verfassungsgemäß die Staatsgewalt vom Volk aus. Wenn aber der Staat den Gesetzen des Marktes gehorchen muss, ist nicht mehr das Volk der Träger der Staatsgewalt, sondern der Markt. Der Sozialstaat zerbricht, die Lohnabhängigen müssen außer der Unsicherheit auch noch die Kosten tragen. Ist dies das Ende der Demokratie?
Allzeit bereit im Zeichen neuer Zumutbarkeit
Die Politiker sind sich einig: Es gibt genug Arbeit! Sie wird nur von den Arbeitsämtern - pardon: Job-Centern und Agenturen - nicht ordentlich verteilt. Wer arbeiten will, findet auch Arbeit. Wo aber befinden sich die benötigten Arbeitsplätze? Am ehesten im Dienstleistungsgewerbe, im Sozialbereich und beim Spargelstechen am Acker. Vor allem Frauen sind die großen Verlierer dieser Entwicklung, sie werden zunehmend in stupide Jobs gedrängt, für die es noch keine Automaten gibt. Den Beschäftigungslosen soll also Dampf gemacht werden: Es gilt die totale Mobilmachung am Arbeitsmarkt durch schärfere Auflagen, mehr Überwachung, erhöhte Zumutbarkeit und massive Leistungskürzungen. Wer wirklich sucht, der findet auch. Es wird so getan, als gäbe es auch in Zukunft noch Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosen werden selbst dafür verantwortlich dafür gemacht, dass sie keine Arbeit haben. Sie müssen sich eben anstrengen, Initiative zeigen, gleichzeitig jeden Mist annehmen und mitmachen - wenn sie es nicht tun, werden sie dafür finanziell bestraft.
Je weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, desto mehr sollen Kurse und Schulungen seitens privater Anbieter - zu denen die Arbeitssuchenden vom Arbeitsamt aus geschickt werden - eine Lösung bringen. Diese Maßnahmen dienen jedoch oft genug nur der Beschönigung: Die Kursteilnehmer fallen nun aus der
Arbeitslosenstatistik heraus und senken somit die Quote. Aufgrund unsinniger Kursinhalte wie dem Ausschneiden von Zeitungsannoncen
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fühlen sich die Teilnehmer verschaukelt. Die aktuellen Proteste und Demonstrationen sind also gerechtfertigt, da wird es auch nichts nützen, wenn seitens der Politik gesagt wird, man müsse den Menschen die neuen Gesetze nur „besser erklären“.
Wir vermarkten uns(er) selbst
Das ist die Lösung! Will niemand uns anstellen, vermarkten wir uns selber! Am Markt des Humankapitals triumphiert die Ich-AG. „Ich schaffe es!“ steht im Mittelpunkt des Denken und Handelns. Selbstzweifel sind ausgeschlossen. Wer nicht bereit ist, alles zu bringen, wird es zu nichts bringen! Motivationsevents liefern die nötige Dosis Höhenrausch, um die Einzelkämpfer in Selbstausbeutungslaune zu halten. Die eigene Persönlichkeit wird zur Ressource, aus der hemmungslos alles herausgeholt werden muss. Es gilt, das eigene Humankapital ins Spiel zu bringen. Man versteht darunter im allgemeinen Kenntnisse und Fähigkeiten einer Person, die man verwerten kann, um damit Geld zu verdienen. Nicht nur im Management, auch im Bereich der Dienstleistungen - im Dienst am Kunden - wird voller persönlicher Einsatz verlangt. Einsatzfreude,
Kommunikationsbereitschaft, Flexibilität, Führungsqualitäten stellen wertvolles Humankapital dar. Die Selbstvermarkter sind die neuen Helden der Arbeit in einem Ökonomisierungsprozess des Menschen als Menschen. Dabei gilt es, ständig am Puls des Geschehens zu bleiben, denn das Humankapital duldet keine stillen Reserven! Die Konkurrenz schläft nicht, ständig droht Selbstwertverlust. Autodidaktische Übungsrituale sollen helfen sich einzuhämmern der Beste zu sein, sonst ist man schon verloren. Und: was man wirklich wert ist, bestimmt der Markt. Doch kann dieser Prozess ziemlich problematisch werden, da die Selbstvermarkter am Ende oft nicht mehr wissen, ob sie noch arbeiten oder schon leben.
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Get a life
Die von Richard Sennet geprägte Redewendung „get a life“ veranschaulicht das Problem. In einer durch globale Ökonomie und einer alles beherrschenden Informationstechnologie geprägten Arbeits- und Lebenswelt ist das Individuum in Gefahr, dem anheim zu fallen, was Sennet mit „Drift“ bezeichnet. Die Einzelteile einer Patchwork-Existenz stehen einer kohärenten Erzählung einer Lebensgeschichte entgegen. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert war der Beruf das Rückgrat des Lebens. Die klassische Berufsarbeit stellte sozusagen ein Korsett für Selbstbewusstsein und Identität dar. Driftet man nun von einem Job zum Nächsten, ist das Leben nicht mehr durch Arbeit definierbar. Der moderne globale Kapitalismus ist nur auf kurzfristige Transaktionen ausgelegt und vorzugsweise an flexiblen Existenzen interessiert. Der individuelle Aufbau einer erzählbaren Lebensgeschichte muss deshalb auf der Möglichkeit insistieren, Erfahrungen verknüpfen zu können und Zeit zum Lernen von Fähigkeiten zu haben, die nicht gleich wieder obsolet geworden sind.
Dies meldet einen Machtanspruch an gegenüber einem System der Entmächtigung, das nur auf Kurzfristigkeit und Flexibilität setzt. (3) Slavoj Žižek sieht in den gesellschaftlichen Bedingungen des globalen Kapitalismus die automatische Erzeugung ausgeschlossener und entbehrlicher Individuen. Dies wird hervorgerufen durch eine „Post-Politik“ welche nur auf gute Ideen setzt, nämlich jene, die auch funktionieren. Das bedeutet eine Politik, die im Voraus eine globale kapitalistische Konstellation akzeptiert, welche festlegt, was überhaupt funktionieren kann. Soziale Vorsorge z.B. funktioniert dann eben nicht, weil es mit dem kapitalistischen Profitgedanken in Konflikt gerät. Žižek schlägt daher eine „Politik des Unmöglichen“ vor, welche die Parameter dessen verschieben soll, was gegenwärtig als möglich erachtet wird. Dies läuft schließlich auf eine Re-Politisierung der Ökonomie hinaus, durch
____________________ (3) Vgl. Sennet, R. Der flexible Mensch. Berlin 2000
Arbeit zitieren:
Karl Gietler, 2005, Auf der Suche nach dem guten Leben - Philosophische Konzepte in einer brüchigen Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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