Inhaltsverzeichnis
I. Dichtung und Wahrheit. 1
II. Die Historiographie zur Zeit Otto des Großen. 2
1. Geschichtsschreibung als Auftragsarbeit. 2
2. Die Autoren und ihr Berichtshorizont. 3
A) Continuator Reginos. 4
B) Liutprand von Cremona. 5
)C Widukind von Corvey. 6
D) Hrotsvith von Gandersheim. 6
III. Die Schilderung der Aufstände. 7
1. Besonderheiten der ottonischen Geschichtsschreibung. 7
2. Die Auseinandersetzungen im Kontext der Adelsgesellschaft. 9
IV. Die Aufstände im Spiegel der Geschichtsschreibung. 11
1. Die Darstellung der Handlungsträger. 11
A) Otto. 11
B) Eberhard und Giselbert. 12
)C Thankmar. 13
D) Heinrich. 14
E) Friedrich. 14
2. Das Verhältnis von Tradition und Intention. 15
V. Der Sieger schreibt die Geschichte. 18
VI. Bibliographie. 20
II
I. Dichtung und Wahrheit
Die Floskel „Dichtung und Wahrheit“ wird oft in der Umgangssprache verwendet, wenn Zweifel an einer Aussage zum Ausdruck gebracht werden sollen. Die Historiker drücken eben diesen Tatbestand in ihrem wissenschaftlichen Sprachgebrauch mit den Worten „Überrest und Tradition“ aus, wobei ein Überrest in jedem Fall etwas Wahres kennzeichnet, während unter dem Oberbegriff „Tradition“ sowohl richtige als auch unwahre Aussagen zusammenfallen. Historiographische Darstellungen sind in jedem Falle als Tradition einzuordnen. Kompliziert wird die Bewertung ihres Wahrheitsgehaltes dann, wenn zu ihrer Überprüfung nur wenige Überreste zur Verfügung stehen, oder wenn unterschiedliche Darstellungen voneinander differieren, weil die Autoren entweder selbst nur schlecht informiert waren oder das Geschehene bewußt in ein anderes Licht rücken wollten.
Dies soll in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der ottonischen Geschichtsschreibung thematisiert werden. Nach dem Ende der Fuldaer Annalen (901) und der Chronik Reginos (908) schwieg die Historiographie im ostfränkischen Reich für länger als ein halbes Jahrhundert. Die erste Hälfte des 10. Jhdt.´s ist für das gewählte Thema deswegen interessant, weil uns aus dieser Zeit mit Ausnahme einiger Urkunden nur wenige Quellen vorliegen. Alles, was wir aus diesem wichtigen Zeitraum zu wissen glauben, entstammt den Federn einiger weniger Geschichtsschreiber, die das Geschehen rückwirkend aus der ottonischen Perspektive zusammenfaßten. Gerade in diesen Jahren vollzogen s ich aber fundamentale Veränderungen: Die karolingische Dynastie wurde nach einer langen Schwächeperiode von den Ottonen abgelöst, und das sogenannte Ostfränkische Reich emanzipierte sich langsam zum späteren Deutschen Reich. Dabei wurden die innen- und außenpolitischen Herausforderungen so gut gelöst, daß sich aus einem schwachen Königtum eine Macht entwickelte, die die Kaiserwürde für sich in Anspruch nehmen konnte, weil sie außenpolitisch die führende Stellung in Europa erlangt hatte.
Wie die Historiographen auf eine solche Erfolgsstory zurückblickten, soll anhand eines Beispiels untersucht werden. Gleich nach dem Herrschaftsantritt Ottos 936 kam es im ganzen Reich zu einer Serie von Aufständen des Hohen Adels gegen ihn. An ihnen soll aufgezeigt werden, wie die Autoren das Bild einer Epoche absichtlich oder unabsichtlich verändert haben.
Um dieses Ziel zu erreichen, werden in einem ersten Schritt die Besonderheiten der ottonischen Geschichtsschreibung im Hinblick auf die Aufstände dargelegt. Auf dieser Grundlage soll dann herausgearbeitet werden, was damals wirklich geschah. Abschließend kann am Vergleich der einzelnen
1
Schilderungen mit dem wirklich Geschehenen die Intention der Historiographen aufgezeigt werden. Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, wurden dabei nur die Autoren berücksichtigt, die die Aufstände ausführlich kommentierten. Dabei ließ die Breite ihrer Darstellungen eine Zitation nur bei auffälligen Textstellen zu. Auch auf eine linguistische Untersuchung der Historiographie mußte verzichtet werden.
Obwohl sich die jüngste Forschung intensiv mit der ottonischen Geschichtsschreibung befaßte, hat sie zur Erforschung der Autorenintentionen wenig beigetragen, und sich dabei meist auf die Person Ottos beschränkt. Ihr ging es in erster Linie um die Erforschung der tatsächlichen Verhältnisse der Ottonenzeit.
II. Die Historiographie zur Zeit Ottos des Großen
1. Geschichtsschreibung als Auftragsarbeit:
Die ottonische Geschichtsschreibung setzte um 960 schlaglichtartig ein. Dies wirft die Frage auf, warum die Geschichtsschreibung erst nach der Kaiserkrönung aufgenommen und in dem halben Jahrhundert vorher nicht praktiziert wurde. Dieser Befund läßt zunächst den Schluß zu, daß erst dann die Bedingungen für eine Geschichtsschreibung gegeben waren. Grundvorraussetzung für eine Literaturproduktion war zunächst ein wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung nach den katastrophalen Verhältnissen am Anfang des Jahrhunderts (Ungarn- und Normanneneinfälle). Desweiteren bildete natürlich der kometenhafte Aufstieg der ottonischen Herrscherdynastie einen reizvollen Anlaß zur Geschichtsschreibung. Dies ist jedoch nur die eine, die Autorenseite. 1
Zu ihr mußte sich noch das Interesse eines Adressaten, eines Geldgebers für die teuren Werke gesellen. Dieser fand sich in der Umgebung des Herrscherhauses, nachdem zwei Bedingungen eingetreten waren: Zum einen mußte die Herrscherfamilie ihre Geschichte für bedeutend genug halten, um sie in Geschichtswerken verwirklichen zu lassen, denn bis ins 12. Jhd. hinein wurde nie Privatgeschichte aufgezeichnet, sondern immer nur die Geschichte von Institutionen. 2 Desweiteren mußte als Grundvorraussetzung für den Bedarf an Literatur die Lese- und Schreibfähigkeit dazukommen. Dies schränkt den Adressatenkreis stark ein, denn die Alphabetisierungsrate war im Mittelalter sehr gering. Außer den litterati, den Klerikern und Mönchen, konnte fast niemand lesen und schreiben.
1 Karpf, Ernst, Von Widukinds Sachsengeschichte bis zu Thietmars Chronicon. Zu den Literarischen Folgen des Politischen Aufschwungs im ottonischen Sachsen, in: Angli e Sassoni al di qua e al di la del mare, herausgegeben von: Seltimande di studio del centro Italiano di studisull alto mediveno, 2. Bde., Bd. 2, Spolete, 1986, S. 547-581, S. 548f.
2
Dementsprechend hat auch die Geschichtsschreibung weder eine repräsentative Erinnerung des Volkes wiedergegeben noch hat sie dessen Erinnerung beeinflußt. 3 Man kann aber davon ausgehen, daß spätestens nach 950 die Lesefähigkeit am Königshof stark zunahm: Ottos Bruder Brun, sein Sohn Wilhelm sowie seine Nichte Geberga konnten es als Angehörige des geistlichen Standes. Auch Theophanu war umfassend gebildet und ließ Otto II ebenfalls eine solche Bildung anerziehen. 4 Selbst Otto der Große begann nach dem Tod der Edgitha lesen zu lernen 5 ,
Somit gaben Mitglieder des höchsten Adels Werke in Auftrag, die außer ihnen wohl nur wenige rezipierten. Dies wirft die Frage nach dem Sinn einer solchen verschriftlichten Erinnerung auf. Um ihn erhellen zu können, ist zunächst ein kurzer Exkurs über die Bedeutung von Geschichtsschreibung im Mittelalter nötig. Historiographie hatte vor allem einen Zweck: Die Vergangenheit sollte denjenigen vergegenwärtigt werden, die sie selbst nicht erlebt hatten, für die sie aber eine Bedeutung bekommen sollte. 6 So konnte durch die Geschichtsschreibung einer Gruppe ein kollektives Gedächtnis gegeben werden, durch das die Einordnung eines Einzelnen oder sogar die Neukonstitution einer Gemeinschaft wesentlich erleichtert wurde. 7 Bei der Gruppe handelte es sich im vorliegenden Fall um die sächsische Führungselite. Für die Zeitgeschichtschreibung, mit der wir es hier zu tun haben, bedeutet dies, daß sie einen Gegenwartszustand oder einen erst kürzlich vergangenen Zustand und dessen Bedeutung für die Zukunft festhalten wollte. Die schriftliche Fixierung hat dabei gegenüber der mündlichen Weitergabe den Vorteil, daß sie beständiger gegen mögliche Veränderungen ist. 8 Dabei ist zu beachten, daß man sich im Mittelalter nicht von der Vergangenheit distanzieren wollte, denn für die damaligen Menschen war die Geschichte nicht etwas Vorläufiges, sie hatte vielmehr einen Modellcharakter für die Zukunft, da durch die sie die Wahrheit der Offenbarung für alle Zukunft bewiesen werden konnte. 9
Somit konnten die Auftraggeber aus dem Herrscherhaus eine politisch- religiöse Deutung ihres erfolgreichen Handelns, gleichsam eine nachträgliche Legitimation des Geschehenen, erwarten. 10
2 Karpf, 1986, S. 566f.
3 Schmale, Franz-Josef, Form und Funktionen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung, Darmstadt, 1985, S. 141-154.
4 Karpf, 1986 S. 566f.
5 Widukind II, 36: „nam post mortem Edidis reginae, cum antea nescierit, litteras in tantum didicit, ut pleniter libros legere et intelligere novit.“, in: Bauer, Albert, Rau, Reinhold, Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, in: Buchner, Rudolf, Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd.8, Darmstadt, 1971.
6 Schmale, 1985, S. 17.
7 Schmale, 1985, S. 11f.
8 Schmale, 1985, S. 64.
9 Schmale, 1985, S. 60-64.
3
2. Die Autoren und ihr Berichtshorizont
Es ist schon auf den ersten Blick deutlich erkennbar, daß der Bezug von Autor, Werk und Adressat im vorliegenden Fall sehr eng ist. Alle Werke der ottonischen Historiographie wurden entweder Mitgliedern des Herrscherhauses gewidmet oder sie wurden von Menschen geschrieben, die allein aufgrund ihres Lebenslaufs zum engeren Umkreis des Königs gehörten. Somit sind tendenziell subjektive Berichte zu erwarten.
Der Wahrheitsgehalt der Berichte wurde aber noch durch den zeitlichen, geographischen oder inhaltlichen Abstand der Autoren zu ihrem Berichtsgegenstand beeinflußt, so daß die überlieferten Daten von Fall zu Fall kritisch überprüft werden müssen. Die zu untersuchenden Aufstände fanden etwa 20 Jahre vor dem Beginn der Historiographie im ostfränkischen Raum statt. Die Darstellungen fußten somit auf unterschiedlichen Informationsquellen: Entweder auf kursierenden Geschichten, auf Augenzeugenberichten oder im günstigsten Fall auf den Erinnerungen des Autors, falls dieser zu jener Zeit politisch involviert war. Die ehemalige Wirklichkeit wird aber noch dadurch verzerrt, daß man sich bei der Historiographie gleichzeitig mit dem Überrest einer Epoche und mit seiner Verformung durch einen bewußten Willensakt befaßt. Die historiographischen Quellen übermitteln uns sowohl Fakten als auch Vorstellungsweisen, in die diese eingebettet wurden. Die Schwierigkeit liegt dabei darin, daß diese Fakten in die Vorstellungswelten der Autoren eingebettet wurden, die sich rückblickend schon längst ein Weltbild zurechtgezimmert hatten, in das die Ereignisse hineinpaßten. Die Intentionen und Wertmaßstäbe der damals Handelnden konnten oder wollten sie nicht wiedergeben. Die Vorstellungsweisen können von den Fakten später nur noch getrennt werden, wenn man das Werk des Historiographen mit anderen Quellen vergleichen kann. 11 Dies ist für den zu untersuchenden Zeitraum schwierig, da für die Zeit von 900-960 für den ostfränkischen Bereich nur wenige andere Quellen vorliegen, die man zur Überprüfung der Schilderungen heranziehen kann.
Im Folgenden werden die Autoren und ihre Werke kurz charakterisiert. Dadurch soll ein differenziertes Bild vom jeweiligen Berichtshorizont ermöglicht werden.
A) Continuator Reginos
Die Fortsetzung der Chronik Reginos wurde anonym verfaßt. Als Autor vermutet man den Bischof Adalbert von Weissenburg, da nur in dieser Quelle dessen Missionstätigkeit in Rußland ausführlichst gewürdigt wurde. Die Lebensdaten Adalberts können nur erschlossen werden: Sein Name erscheint
10 Karpf, 1986, S. 568f.
11 Schmale, 1985, S. 5.
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Arbeit zitieren:
Stefan Dengel, 2001, Tatsachenverzerrung und Geschichtsinterpretation: Die Schilderung der ersten Aufstände gegen Otto I., München, GRIN Verlag GmbH
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