Summary 2
Summary
Der Entwicklungsprozess im Übergang vom Paar zur Elternschaft - eine Herausforderung für die Paarbeziehung. Bereits der Titel lässt erkennen, dass die Geburt des ersten Kindes eine besondere Bewährungsprobe für die Partnerschaft darstellt. Weniger gemeinsame Zeit, starke körperliche Überlastung, neue Rollenanforderungen sowie Einschränkungen in der Sexualität führen zu Spannungen, Enttäuschungen und vermehrten Konflikten.
Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich eingehend mit der Fragestellung, welche Veränderungen im Übergangsprozess auftreten und in wie weit dadurch Beziehungsschwierigkeiten entstehen. Die Arbeit basiert auf dem Gedanken, dass neue Aufgaben und Anforderungen Entwicklungsprozesse in Gang setzen. Menschliche Entwicklungsprozesse fördern eine individuelle und partnerschaftliche Weiterentwicklung. Sie beinhalten aber auch die Gefahr einer Überforderung durch die immense Anzahl neuer Entwicklungsreize. Dies kann eine deutliche Verschlechterung der Beziehungsqualität zur Folge haben. Soll der Prozess im Übergang vom Paar zur Elternschaft einen konstruktiven Verlauf nehmen, so benötigt sowohl das Individuum als auch das Paar ein ausreichend vorhandenes Bewältigungspotential wie z.B. einen konstruktiven Kommunikationsstil und ein stabiles Selbstbewusstsein. An dieser Stelle zeigt sich sozialpädagogischer Unterstützungsbedarf. Die Fragestellung mündet deshalb in dem Ziel ein sozialpädagogisches Handlungskonzept zur Unterstützung von werdenden Eltern im Übergang vom Paar zur Elternschaft zu erarbeiten. Die gesamte Schrift gliedert sich in drei Teile:
Zunächst werden in Teil I grundlegende Zusammenhänge bezüglich der Fragestellung geklärt. Gemeint sind die Paarbeziehung ohne Kind, Elternschaft und Elternbeziehung, zwei Familientheorien und der gesellschaftliche Kontext. Teil II befasst sich ausführlich mit dem Entwicklungsprozess im Übergang vom Paar zur Elternschaft. Anhand theoretischer Modelle und aktueller Forschungsergebnisse werden Veränderungen und Schwierigkeiten herausgearbeitet und im Anschluss daran Voraussetzungen für eine konstruktive Bewältigung beschrieben. Mögliche Unterstützungsmaßnahmen beenden den zweiten Teil.
Die Darstellung des Konzeptentwurfs erfolgt in Teil III. Hier steht das Ziel im Mittel- punkt, Paare auf die Geburt des ersten Kindes mit den dazugehörigen Entwicklungsauf-
Summary 3
gaben vorzubereiten. Dieser sehr praktische Teil beschreibt alle für ein professionelles Konzept relevanten Inhalte wie z.B. Zielgruppe, Zielsetzung und methodisches Vorgehen. Die Unterstützung findet in Form eines erwachsenenbildnerischen Kursangebots für werdende Eltern in Verbindung mit körperlicher Geburtsvorbereitung statt. Die Kombination von sozialpädagogischer Unterstützung und Geburtsvorbereitung auf der körperlichen Ebene ist ein Versuch, Eltern für dieses Angebot zu begeistern. Das theoretische Fundament des Konzeptes stützt sich auf eine sozialarbeitsorientierte Erwachsenenbildung nach Tilly Miller, die im Rahmen des erwachsenenbildnerischen Selbst- verständnisses vorgestellt wird.
Inhaltsverzeichnis 4
Inhaltsverzeichnis
Vorwort...............................................................................................................Seite 6
„Sachliche Romanze“ Seite 7
Einf ührung Seite 8
Teil I Bezugswissenschaftliche Grundlagen: Paarbeziehung,
Elternschaft und Familie. Seite 12
1. Partnerschaft ohne Kind. Seite 12
1.1 Die Partnerwahl. Seite 12
1.2 Verlaufsphasen von Zweierbeziehungen Seite 14
1.3 Beziehungsinhalte Seite 15
2. Familienforschung Seite 17
2.1 Elternschaft und Elternbeziehung Seite 17
2.2 Familie aus system- und entwicklungstheoretischer Sicht. Seite 18
3. Elternschaft und Familie im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen Seite 24
3.1 Familie in der heutigen Gesellschaft Seite 25
3.2 Gesellschaftliche Erwartungen an Elternschaft und Familie Seite 29
3.3 Familienpolitische Unterstützungsmaßnahmen Seite 31
Teil II Der Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft
- eine Herausforderung für die Paarbeziehung Seite 33
1. Der Übergang vom Paar zur Elternschaft als Entwicklungsprozess. Seite 33
1.1 Entwicklungsprozess und Entwicklungsaufgaben Seite 34
1.2 Theoretische Modelle des Übergangs zur Elternschaft. Seite 37
1.2.1 Hypothetisches Verlaufsmodell Seite 38
1.2.2 Das integrative Modell der Partnerschaftsentwicklung Seite 44
2. Schwierigkeiten im Übergangsprozess zur Elternschaft - betroffene Bereiche
und auslösende Faktoren aufgezeigt an aktuellen Forschungsbefunden. Seite 48
2.1 Schwangerschaft und Geburt Seite 48
2.2 Veränderungen im Tagesablauf Seite 49
2.3 Selbstwert Seite 51
2.4 Soziale Beziehungen Seite 52
2.5 Finanzielle Einbußen und Wohnsituation Seite 53
2.6 Verteilung von Rollen- und Aufgabenbereichen Seite 56
2.7 Konfliktverhalten Seite 58
2.8 Kommunikation. Seite 60
2.9 Sexualität und Zärtlichkeit Seite 62
2.10 Partnerschaftszufriedenheit Seite 64
3. Bewältigung und Anpassung im Entwicklungsprozess Seite 66
3.1 Voraussetzungen für konstruktive Bewältigung Seite 66
3.2 Mögliche Unterstützungsmaßnahmen Seite 68
Inhaltsverzeichnis 5
Teil III Entwurf eines sozialpädagogischen Handlungskonzeptes -
erwachsenenbildnerisches Angebot in Verbindung mit
Geburtsvorbereitung Seite 70
1. Konzepte und Konzeptentwicklung im Rahmen der sozialen Arbeit Seite 70
2. Erwachsenenbildung als Ausgangspunkt. Seite 72
2.1 Erwachsenenbildung als Arbeitsform der sozialen Arbeit. Seite 72
2.2 Erwachsenenbildnerisches Selbstverständnis als theoretisches
Fundament. Seite 73
2.2.1 Wissenschaftsparadigma Seite 73
2.2.2 Sozialpädagogischer Blickwinkel in Bezug auf Problem-
wahrnehmung und Problembearbeitung. Seite 74
2.2.3 Menschenbild Seite 74
2.2.4 Pädagogisches Verständnis Seite 75
2.2.5 Rolle der sozialpädagogischen Fachkräfte Seite 76
2.2.6 Qualitätsverständnis Seite 77
3. Entwurf eines Leitbildes für eine Einrichtung, in der dieses Angebot statt-
finden könnte. Seite 77
4. Verbindung von Geburtsvorbereitung und einem erwachsenenbildnerischem
Angebot Seite 79
5. Konzeptentwurf. Seite 80
5.1 Möglicher Projektträger Seite 81
5.2 Ausgangs- und Problemlage/Bedarf. Seite 81
5.3 Zielgruppenbeschreibung Seite 82
5.4 Ziele. Seite 82
5.5 Leistung/Angebot Seite 84
5.6 Methoden/Arbeitsform Seite 86
5.7 Raumbedarf Seite 88
5.8 Personalbedarf. Seite 89
5.9 Sachmittel/Finanzierung. Seite 89
6. Kombinationskurs für Paare ab dem 7. Schwangerschaftsmonat: Eltern werden-
Paar bleiben Körperliche Geburtsvorbereitung und sozialpädagogische
Unterst ützung bei einem besonderen Lebensereignis Seite 90
6.1 Überblick über das gesamte Kursangebot. Seite 91
6.2 Beispiel für einen Kursabend Seite 92
Schluss Seite 94
Literaturverzeichnis Seite 96
Anhang Seite100
Vorwort 6
Vorwort
Im Mai 2002 erfuhren mein Lebenspartner und ich ein unbeschreiblich schönes Erlebnis: Die Geburt unserer Tochter Lena. Zeitgleich verspürten wir viele kleine und große Veränderungen in unserem individuellen und gemeinsamen Leben. Dies stellte eine klare Herausforderung für unsere Partnerschaft dar. Inspiriert durch diese persönliche Erfahrung beschäftigte ich mich erst für den Alltagsgebrauch und dann auf wissenschaftlicher Ebene eingehend mit dieser Thematik. Ich erkannte, wie wichtig eine gezielte Vorbereitung auf dieses wunderschöne aber doch sehr anstrengende Lebensereignis sein kann. Da ich im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München den Schwerpunkt der Erwachsenenbildung gewählt habe, sah ich darin eine geeignete Interventionsmethode. Ich beschloss ein Konzept zu erarbeiten, dass Ersteltern beim Übergang vom Paar zur Elternschaft durch ein erwachsenenbildnerisches Angebot unterstützt und begleitet. Das Ergebnis ist die hier vorliegende Diplomarbeit.
An dieser Stelle möchte ich einigen Personen danken, die zur Entstehung dieser Arbeit beigetragen haben. Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Hans-Günter Gruber, der mich im Rahmen der Hochschule fachlich begleitet hat. Seine konstruktiven Anregungen waren eine klare Bereicherung für den Bearbeitungsprozess. Ein Dank gilt auch den drei Korrekturlesern Maria Bruckner, Caro Döhler und Claus Canstein. Zum Schluss möchte ich noch meinem Lebensgefährten Stefan Canstein und meiner Tochter Lena für ihre unglaubliche Geduld und Unterstützung in dieser lehrreichen, aber oftmals auch sehr anstrengenden Phase unseres gemeinsamen Lebens danken. Beide verhalfen mir immer wieder in ihrer liebevollen Art und Weise zu Kraft, Motivation und Durchhalte- vermögen.
Einführung 8
Einführung
“Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut…“ 1 “Wir werden Eltern.“ Für viele Paare ist die Geburt des ersten Kindes die Krönung ihres Glücks und der Höhepunkt der Liebesbeziehung. Die Zeit der Schwangerschaft ist geprägt von liebevollen Vorbereitungen und hoffnungsvollen Erwartungen für die Ankunft des gemeinsamen Babys. Die vorgeburtlichen neun Monate werden genützt, um sich auf den Vorgang der körperlichen Geburt einzustimmen oder einen Pflegekurs für Säuglinge zu besuchen. Euphorische Gefühle und Verliebtheit in das ungeborene Wesen lassen positiv und unbeschwert in die Zukunft als Familie blicken. Ist das Kind geboren, sind viele Eltern erst einmal überwältigt und fasziniert, jedoch machen sich schnell erste Erschöpfungszustände sowie eine damit verbundene Ernüchterung breit. Der kleine Erdenbürger benötigt eine Versorgung rund um die Uhr. Dies führt zu Schlafmangel, Umstellung des Freizeitverhaltens und vor allem auch weniger Zeit für die Beziehung zwischen Frau und Mann. Schleichend treten Veränderungen in der Partnerschaft ein wie heftiges Streiten, weniger konstruktive Kommunikation, eingeschränkter Zärtlichkeitsaustausch sowie ein Verlust von gemeinsamen Aktivitäten. Viele Paare leiden früher oder später unter einer Verschlechterung der Partnerschaft oder stehen sogar vor den Scherben ihrer Beziehung. „Plötzlich kam ihnen ihre Liebe abhanden. Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut…“, wie Erich Kästner dies in seinem Gedicht beschrieben hat. Wenn Paare Eltern werden, befinden sie sich mitten in einem gravierenden und bedeutsamen gemeinsamen Lebensabschnitt. Sie erleben und erfahren den Übergang vom Paar zur Elternschaft, verbunden mit einem umfangreichen Entwicklungsprozess. Übergänge im menschlichen Lebensverlauf sind Ereignisse, die Markierungspunkte im Leben darstellen. 2 Sie sind geprägt von neuen Rollenanforderungen und unterschiedlichsten Belastungssituationen, die das Individuum je nach persönlichen Voraussetzungen sogar in eine Krise führen können. Gloger-Tippelt definiert Übergänge als „…zeitlich gedrängte, z.T. als krisenhaft erlebte, quantitative und qualitative Veränderungsprozesse…“. 3 Angeregt durch diese umfangreichen Veränderungen kommt es zu
1 Gedicht nach Erich Kästner, Veröffentlicht in: K. O. Conrady, Das große deutsche Gedichtbuch, 1992,
München S. 495
2 Vgl. T. Faltermaier, P. Mayring, W. Saup, Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters, 2002,
Stuttgart, Berlin, Köln, S. 75
3 G. Gloger-Tippelt, Der Übergang zur Elternschaft - Eine entwicklungspsychologische Analyse. Zeit-
schrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 1985, S. 54
Einführung 9
einem Entwicklungsprozess, der alle beteiligten Individuen zu einer Anpassung an die neue Situation herausfordert. „Frischgebackene“ Eltern haben dem zu Folge nicht nur die Aufgabe ihr Kind zu verpflegen und den Tagesablauf neu zu strukturieren, sondern sind gefordert, sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit auseinander zu setzen sowie partnerschaftliche Belastungen zu bewältigen.
Hieraus entwickelte sich die Idee für diese Diplomarbeit. Im Mittelpunkt steht die Fragestellung, welche neuen Anforderungen durch die Geburt des ersten Kindes für das Paar im Übergangsprozess entstehen und vor allem welche Schwierigkeiten insbesondere zu bewältigen sind. Die Arbeit mündet in der Vision, ein sozialpädagogisches Handlungskonzept zu erarbeiten, durch das werdende Eltern im Entwicklungsprozess unterstützt und damit ein konstruktives Gelingen gefördert wird. Um Eltern auf ein derartiges Unterstützungsangebot aufmerksam zu machen und sie dafür zu begeistern, wird eine Verbindung mit körperlich orientierter Geburtsvorbereitung im Rahmen des Konzeptes angestrebt. Körperliche Geburtsvorbereitung durch Hebammen ist bei werdenden Eltern bereits sehr anerkannt und die meisten Paare besuchen einen Geburtsvorbereitungskurs innerhalb der Schwangerschaft. Ziel der vorliegenden Arbeit ist somit der Entwurf eines sozialpädagogischen Handlungskonzeptes in Form eines erwachsenenbildnerischen Angebots in Verbindung mit Geburtsvorbereitung.
Die Vorgehensweise in dieser Diplomarbeit zur Erreichung des Zieles ist in drei Schwerpunkte gegliedert:
In Teil I findet eine Klärung bezugswissenschaftlicher Grundlagen hinsichtlich des Entwicklungsprozesses im Übergang vom Paar zur Elternschaft statt. Beleuchtet werden hier die Partnerschaft zwischen Frau und Mann ohne Kind, Elternschaft und Elternbeziehung sowie die Familie aus system- und entwicklungstheoretischer Sicht. Alle drei Bereiche stehen in engem Zusammenhang mit der Ausgangsfragestellung. Partnerschaftliche Dynamiken und die Qualität der Paarbeziehung vor der Geburt des ersten Kindes haben einen großen Einfluss auf den Bewältigungsverlauf. Neben der vorhandenen Partnerschaft erhält das Paar nun die Aufgabe der Elternschaft und muss dadurch auch eine Elternbeziehung eingehen. Mit dem Erhalt der Elternschaft hat der Prozess der Familienwerdung begonnen. Familie werden und Familie sein bedeutet einen neuen Platz in der Gesellschaft zu erhalten, verbunden mit gesellschaftlichen Aufgaben und Erwartungen.
Einführung 10
Aufbauend auf das vorangehende Grundlagenwissen behandelt Teil II den Entwicklungsprozess mit seinen Veränderungen in der Partnerschaft, neuen Aufgaben und umfassenden Schwierigkeiten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Kompetenzen den Paaren helfen die neuen Anforderungen konstruktiv zu bewältigen. Mit einer Beschreibung möglicher Unterstützungsmaßnahmen wie z.B. erwachsenenbildnerische Kurse, Kommunikationstraining oder Paarberatung endet der zweite Teil. Mit Teil III beginnt der Entwurf des sozialpädagogischen Handlungskonzeptes in Form eines erwachsenenbildnerischen Angebots in Verbindung mit Geburtsvorbereitung. Die Konzeptarbeit zeigt einen möglichen Weg zur Unterstützung von Paaren im Entwicklungsprozess auf. Im Mittelpunkt steht ein Kursangebot für werdende Eltern mit dem Ausschreibungstitel:
Kombinationskurs für Paare ab dem siebten Schwangerschaftsmonat: Eltern werden - Paar bleiben. Körperliche Geburtsvorbereitung und sozialpädagogische Unterstützung bei einem besonderen Lebensereignis. Neben der Vorstellung des gesamten Kursinhalts enthält der Konzeptentwurf Informationen über den möglichen Projektträger, die Zielgruppe, die methodische Vorgehensweise, den Personalbedarf usw. Zudem wird ein mögliches erwachsenenbildnerisches Selbstverständnis als Arbeitsgrundlage für handelnde Sozialpädagogen dargestellt, das gleichzeitig als theoretisches Fundament dient. Der Entwurf eines dazu passenden Einrichtungsleitbildes und die Beschreibung körperlicher Geburtsvorbereitung vervollständigen den Konzeptentwurf und verhelfen zugleich zu einem besseren Verständnis.
Im Rahmen dieser Diplomarbeit wird bewusst nicht von verheirateten Paaren gesprochen, da neben dieser Art der Familiengründung auch Paare in eheähnlicher Lebensgemeinschaft angesprochen sind.
Eingeschränkt wird das Thema insofern, indem ausschließlich der Übergang vom Paar zur Elternschaft bei leiblichen Eltern dargestellt wird. Sicherlich erleben auch Adoptiv-und Pflegeeltern vielseitige Veränderungen durch das neue Familienmitglied, jedoch ist dies ein eigenständiger Punkt, der genauer ausgeführt werden müsste. Dies wurde im Hinblick auf das Gesamtziel beiseite gelassen.
Der Begriff des Entwicklungsprozesses wurde gewählt, weil er alle Facetten dieses überwältigenden Lebensabschnittes am besten zum Ausdruck bringt. Der Prozess der Familienwerdung endet dabei nicht zwangsläufig in einer Krise, sondern bietet vielsei- tige Möglichkeiten der Weiterentwicklung und positiven Veränderung.
Einführung 11
Zur Vermeidung einer geschlechtlichen Diskriminierung beinhaltet das sprachliche Vorgehen sowohl die weibliche als auch die männliche Form bzw. es werden geschlechtsneutrale Ausdrücke benützt.
Für die gesamte Arbeit konnte sehr aktuelle, deutschsprachige und in geringem Umfang englischsprachige Literatur gefunden werden. Einige schon etwas ältere Theorien wie z.B. das „Hypothetische Verlaufsmodell von Gloger-Tippelt zeigten sich als sehr be- deutsam und wurden deshalb zusätzlich verwendet.
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 12
Teil I: Bezugswissenschaftliche Grundlagen:
Paarbeziehung, Elternschaft und Familie
Der Übergang vom Paar zur Elternschaft vollzieht sich im Kontext unterschiedlicher und doch verbundener Lebensabschnitte und Lebensbereiche eines Menschen. Dazu zählen die Partnerschaft vor der Elternschaft, die neue Elternrolle und die Familienwerdung. Alle drei Bereiche sind eingebettet in vielseitige gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Teil I zeigt die grundlegendsten Zusammenhänge auf und erläutert diese.
1. Partnerschaft ohne Kind
Bevor Paare Eltern werden, erleben sie meist eine Zeit der Zweisamkeit und Partnerschaft. Auch Paarbeziehungen ohne Kind unterliegen einem Reifeprozess, der mit dem Kennen lernen beginnt und sich dann je nach persönlichen Voraussetzungen entwickelt. Die bestehende Partnerschaft und deren Qualität ist die Ausgangslage für den späteren Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft.
Nach Huinink ist eine Paarbeziehung dann eine (intime) Partnerschaftsbeziehung, „wenn sie durch eine enge, persönliche, auf Dauer angelegte, exklusive Beziehung zwischen zwei erwachsenen Personen gekennzeichnet ist, die über ein Gefühl gegenseitiger (romantischer) Liebe, als Ausdruck starker persönlicher Zuneigung und gegenseitigen Verständnisses, und durch die Praxis sexueller Interaktion vermittelt ist.“ 4 Zunächst stellt sich nun die Frage, wie und warum Paare zueinander finden und wie Huinink sagt eine enge, persönliche und auf Dauer angelegte Beziehung eingehen.
1.1 Die Partnerwahl
Der erste Schritt zur Entstehung einer Familie ist die Begegnung zweier Menschen, die sich füreinander entscheiden, sich also „auswählen“. Hierbei fragten sich Disziplinen wie Soziologie, Biologie oder Psychologie immer wieder, nach welchen Gesichtspunkten eine derartige „Wahl“ verläuft. Dabei kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus.
4 J.Huinink, Warum noch Familie? Zur Attraktivität von Partnerschaft und Elternschaft in unserer Gesell-
schaft, 1995, Frankfurt a. Main, S. 119
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 13
Einen großen Stellenwert nimmt die Homogamitätsthese ein. 5 Paarbildung ist kein zufälliger Prozess, sondern ein Vorgang nach dem Prinzip „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Die am höchsten zutreffende Übereinstimmung ist im demographischen Bereich zu finden. Gemeint sind Religionszugehörigkeit, Wohngegend, Einstellungsähnlichkeit, Ähnlichkeit von kognitiven Fähigkeiten und der sozioökonomische Status. Weniger ähnlich sind Persönlichkeitsmerkmale der Paare. 6 Dies erscheint plausibel, da z.B. räumliche Nähe oder ein gemeinsamer Schulbesuch eine Kontaktmöglichkeit wahrscheinlich machen bzw. sehr stark fördern. Erst in einem zweiten Schritt kommen Persönlichkeitsmerkmale wie z. B. Konfliktfähigkeit oder humorvolles Wesen zum Tragen. Weiter bestätigt wurde diese Annahme durch Längsschnittuntersuchungen, die zeigten, dass eine Attitüdenähnlichkeit zu Beginn des kennen Lernens die Herausbildung einer Beziehung positiv beeinflusst. 7 Auch in Heiratsanzeigen wird sehr häufig als Wunsch die Ähnlichkeit von eigenen Merkmalen mit denen des zukünftigen Partners angegeben. Dem gegenüber steht die These der Heterogamie, also die Partnerwahl auf der Basis von Unähnlichkeit oder nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“. Allerdings bestätigte sich das nicht in dem Ausmaß wie dies bei der Homogamietätsthese der Fall ist. Zutreffen könnte es laut dieser Ergebnisse, wenn überhaupt, bei extrem ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmalen wie z. B. ein sehr dominanter Mann bevorzugt bei der Partnerwahl eine submissive Frau. 8
Interessant ist sicherlich auch eine kurze Betrachtung der Geschlechtsunterschiede bei der Partnerwahl. Durch eine direkte Befragung von Männern und Frauen wollten beide einen verständnisvollen, interessanten und intelligenten Partner. Jedoch legten Männer zusätzlich einen sehr großen Wert auf die Attraktivität der Partnerin und Frauen wünschten sich beim Mann an ihrer Seite einen hohen Verdienst sowie eine gute Schulbildung. 9
5 Es handelt sich dabei um die Bevorzugung einer in Alter, sozialer Stellung, Bildung möglichst ähnlicher
Person bei der Partnerwahl. Vgl. Wahrig, Fremdwörterlexikon, Gütersloh,1998, S.364
6 Vgl. C. Papastefanou, M. Hofer, M. Hassebrauck, Das Entstehen der Familie, in: M. Hofer, E. Klein-
Allermann, P. Noack (Hrsg.) Familienbeziehungen. Eltern und Kinder in der Entwicklung, 1992, Göttin-
gen, Bern, Toronto, Seattle, S.106
7 Vgl. ebd. S.106
8 Vgl. ebd. S. 107
9 Vgl. ebd. S. 107
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 14
1.2 Verlaufsphasen von Zweierbeziehungen
Bilden Mann und Frau ein Paar, kann von einer persönlichen Beziehung oder von einer Zweierbeziehung gesprochen werden. Gekennzeichnet ist diese Beziehungsform von einer mehr oder weniger umfangreichen Kontinuität, sie besitzt eine Vergangenheit in der die Beziehung bestanden hat und hat aller Voraussicht auch eine Zukunft in der sie bestehen wird. 10
Lenz sagt dazu: “Zweierbeziehungen sind kein statisches Gebilde, sondern sind in der Zeitdimension Veränderungen unterworfen“ 11
Demnach haben Zweierbeziehungen einen prozessualen Charakter, der im Rahmen des Forschungsbereichs Personal Relationships untersucht wurde. Daraus entstanden einige theoretische Modelle. Sehr aufschlussreich ist das „Vier-Phasen Modell“ nach Karl Lenz 12 , der sich dabei stark an das ABCDE-Modell von George Levinger 13 anlehnt. Dies wird im Folgenden kurz vorgestellt.
Zu Beginn einer Beziehung spricht dieses Modell von der „Aufbauphase“, die praktisch jede Zweierbeziehung durchläuft. Diese Phase beinhaltet das aufeinander aufmerksam werden und die Zeit des kennen Lernens. Bei einem positiven Verlauf ist sie der erste Grundstock einer dauerhaften Zweierbeziehung. Nicht immer ist dies der Fall und so kann die sich entwickelnde Beziehung zweier Menschen bereits in dieser Phase wieder beendet sein.
Bei erfolgreicher Bewältigung der Aufbauphase tritt nach einer gewissen Zeit 14 die „Be-standsphase“ ein. Das entscheidende Kriterium dafür ist die Selbstdefinition beider Beteiligten, sich fest in dieser Beziehung zu sehen. Dies muss allerdings nicht bei beiden Partnern zum gleichen Zeitpunkt geschehen. Keinesfalls stellt die Bestandsphase eine Zeit der Stagnation dar, es ist auch hier mit Veränderungen und Umbrüchen zu rechnen. Die Bestandsphase kann von einer „Krisenphase“ unterbrochen werden. Hierbei treten Veränderungen auf, die eine Beziehung massiv belasten. Lenz selbst meint dazu: “Eine Krisenphase ist dann gegeben, wenn eine subjektiv als belastend wahrgenommene Veränderung der Beziehung auftritt, die eine Unterbrechung in der Kontinuität des
10 Vgl. K. Lenz, Soziologie der Zweierbeziehung - eine Einführung, 1998, Wiesbaden, S. 57
11 Ebd. S. 57
12 Vgl. ebd. S. 57 - 61
13 Vgl. ebd. S. 57-58
14 Die Übergänge sind fließend und von Paar zu Paar verschieden, es kann daher keine genaue Phasen-
dauer bestimmt werden. Vgl. dazu ebd. S. 59-60
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 15
Handelns und Erlebens und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich zur Folge hat.“ 15
Die Problematik kann einen kurzen Zeitraum einnehmen oder den Beziehungsalltag über lange Zeit hinweg dominieren. Krisenphasen führen nicht zwingend zum Ende der Beziehung, sehr viel häufiger tritt nach erfolgreicher Bearbeitung der Schwierigkeiten die Bestandsphase wieder ein.
Die letzte Phase einer Zweierbeziehung ist die „Auflösungsphase“, die freiwillig anschließend an eine Krisenphase von einem oder beiden Partnern herbeigeführt wird oder unfreiwillig durch den Tod eines Partners zustande kommt. Nach dem Tod eines Partners ist die Beziehung unverrückbar beendet. Beim Eintreten der Auflösungsphase nach einer Krisenzeit besteht die Chance wieder in die Bestandsphase zurückzukehren, dies ist allerdings deutlich erschwert.
1.3 Beziehungsinhalte
Partnerbeziehungen verfügen, aus psychologischer Sicht betrachtet, über typische Merkmale oder Inhalte, die sie als Beziehung kennzeichnen. Diese Merkmale treten von Partnerschaft zu Partnerschaft in unterschiedlicher Gewichtung auf. Es handelt sich nach Bierhoff und Grau um Intimität, Gemeinsamkeiten, emotionale Abhängigkeit, Macht, Gegenseitigkeit und sozialer Austausch, Fairness und Gerechtigkeit sowie eine längerfristige zeitliche Perspektive. 16
Intimität zeigt sich in der gegenseitigen Selbstöffnung und der Bereitschaft dem Partner zu vertrauen. Dies steht in enger Verbindung miteinander. Besteht ein großes und tiefes Vertrauen zueinander, so ist ein Klima vorhanden, dass das Mitteilen eigener ganz persönlicher Dinge ermöglicht und fördert. Um jedoch überhaupt Vertrauen zu entwickeln, muss grundsätzlich ein ehrliches und offenes Verhältnis zwischen beiden bestehen. Das Merkmal der Gemeinsamkeiten beinhaltet Aktivitäten und Interessen, die beide Partner bevorzugen. Sie gehen beispielsweise gemeinsam ins Kino, treiben zusammen Sport oder besuchen Konzerte. Je mehr gemeinsame Zeit verbracht wird und je mehr Zukunftspläne sie zusammen schmieden, desto intensiver ist die Beziehungsnähe.
15 Ebd. S. 61
16 Vgl. H.W. Bierhoff, I. Grau, Romantische Beziehungen, 1999, Göttingen, Toronto, Seattle, S. 3
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 16
Emotionale Abhängigkeit 17 oder emotionale Bindung kann auch als Liebe bezeichnet werden und ist eine interpersonelle Einstellung, die sich verschiedenartig zeigt. Es treten dabei Gefühle in Erscheinung wie Leidenschaft (steht im Zusammenhang mit sexueller Anziehung, physiologischer Erregung und physischer Attraktivität 18 ), Freundschaft, „den anderen brauchen“ und eine Fixierung auf die betreffende Person. Ist der Partner längere Zeit nicht da, so können Gefühle wie Leere und Einsamkeit auftreten. Besonders deutlich tritt dies oft im Falle einer Trennung zu Tage. Macht ist in jeder Partnerbeziehung vorhanden. Sie gewinnt an Einfluss, je größer die emotionale Abhängigkeit der Beteiligten untereinander ist. Beide Partner haben demzufolge mehr oder weniger Macht darüber den anderen glücklich oder unglücklich zu machen. Ist dieser Zustand ausgewogen, so verbessert er die Qualität der Beziehung. Ein starkes Ungleichgewicht kann sich jedoch für einen Partner oder für beide destruktiv auswirken.
Gegenseitigkeit und sozialer Austausch bezeichnet ein Geben und Nehmen in der Partnerschaft von dem beide Seiten profitieren können. Dieser Austausch basiert auf der Norm der Reziprozität 19 . Jeder Partner erwartet dem gemäß, wenn er gibt oder hilft, im Gegenzug Hilfe und Unterstützung von der anderen Seite zu erhalten. Selbstloser und uneigennütziger Einsatz ist zwar durchaus möglich, jedoch nicht die Regel. Eine derartige Opferbereitschaft ist in erster Linie z.B. in der Eltern-Kind-Beziehung zu finden, indem Eltern sich selbstlos für ihre Kinder einsetzen und vielfach dafür eigene Bedürfnisse zurückstecken.
Fairness und Gerechtigkeit ist in der Paarbeziehung meist von beiden Seiten erwünscht und führt bei Missachtung zu Wutgefühlen und Konflikten. Dies kann der Fall sein, wenn einer der beiden Partner sich nicht an Abmachungen und Paarvereinbarungen hält oder wenn einer der beiden innerhalb der Beziehung besser abschneidet als der andere. 20 Laut Fachliteratur sind dies im Durchschnitt mehr Männer als Frauen 21 . Die zeitliche Perspektive als letztes Merkmal partnerschaftlicher Beziehungen zeigt auf, dass Zweierbeziehungen in der Regel eine Vergangenheit und auch eine Zukunft besitzen. In der Gegenwart entscheidet sich die weitere Entwicklung der Partnerschaft, z.B. ob sie fortgesetzt oder beendet wird.
17 Emotionale Abhängigkeit ist hier erst einmal im positiven Sinne gemeint, d.h. eine gesunde Sehnsucht
bei Abwesenheit des geliebten Menschen zu entwickeln.
18 Vgl. ebd. , S. 7
19 Bei dem Begriff handelt es sich um „Wechselseitigkeit“, vgl. Wahrig, 1998, S. 819
20 Beispiel: Einer hat bessere berufliche Chancen oder ist deutlich attraktiver als der andere Partner.
21 Vgl. H.W. Bierhoff, I. Grau, 1999, S. 5
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 17
Bei Betrachtung aller Merkmale sollte die Möglichkeit der unterschiedlichen Gewichtung bzw. Schwerpunktsetzung in der Paarbeziehung immer miteinbezogen werden, da beispielsweise bei einem deutlichen Übergewicht von Abhängigkeit und Macht ein komplett anderes Beziehungsgleichgewicht besteht als mit dem Schwerpunkt sozialer Austausch und Gemeinsamkeiten.
2. Familienforschung
Die Familienforschung befasst sich unter anderem mit Themen wie Elternschaft, Entwicklung der Familie und das Familiensystem mit seinen Dynamiken. Einige dieser daraus entstandenen Theorien sind bedeutsam für die Ausgangsfragestellung dieser Arbeit und werden in den nächsten Punkten vorgestellt.
2.1 Elternschaft und Elternbeziehung
Nach Klärung der Paarbeziehung zwischen Mann und Frau stehen jetzt die Begriffe Elternschaft und Elternbeziehung im Mittelpunkt und sollen dabei kurz definiert und erläutert werden.
Mann und Frau als Paar bekommen ein Kind und treten dabei von der Dyade in die Triade. Die Partnerschaft erweitert sich und beinhaltet nun auch die Elternschaft sowie die Elternbeziehung, verbunden mit veränderten Rollenerwartungen und Aufgaben. Die Elternschaft, auch Elternschaftsbeziehung genannt, bestimmt sich durch die Beziehung zwischen einem Erwachsenen und seinem Kind. Dies muss nicht zwingend das eigene leibliche Kind sein, sondern kann z.B. auch ein Adoptivkind sein. „… . Danach muß die erwachsene Person in einem nicht nur rechtlichen, sondern auch sozialen Sinne exklusiv als Mutter und Vater definiert sein beziehungsweise als primärer Sozialisationsagent des Kindes fungieren. Elternschaft bezeichnet hier also nicht nur die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Vertretern einer Generation und ihren Nachkommen.“ 22
Zudem besitzt Elternschaft den Status einer speziellen Bevölkerungsgruppe mit besonderen Leistungen für und Ansprüchen an die Gesellschaft 23 .
22 J. Huinink, 1995, S. 119
23 Vgl. N. F. Schneider, Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Ges-
taltungsaufgaben - Einführende Betrachtungen, in: N. F. Schneider, H. Mattias- Bleck (Hrsg.) Eltern-
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 18
Der Beginn der Elternschaft erfordert eine völlig neue Aufgabe für die Partnerschaft, nämlich die Elternbeziehung. Die Erziehung eines Kindes ist mit vielfältigen Anforderungen verbunden, die von den Eltern gemeinsam als „Erziehungsteam“ zu bewältigen sind. Zur Beschreibung der Elternbeziehung wurde von Schneewind auch der Begriff der „Elternallianz“ verwendet 24 .
„Gemeint ist damit die Fähigkeit der Eltern, eine Erziehungspartnerschaft einzugehen, d.h. die erzieherischen Aktivitäten des jeweils anderen zu akzeptieren bzw. respektieren und zugleich sich selbst als ein wechselseitiges Unterstützungssystem bei der Bewältigung des Erziehungsalltags zu begreifen“ 25
Eine bereits im Vorfeld belastete Partnerschaft geht meist mit einer reduzierten elterlichen Kooperation einher. 26 Unstimmigkeiten vor Eintritt der Elternschaft und Elternbeziehung erschweren deutlich die neu hinzugewonnene Aufgabe der gemeinsamen Kindererziehung.
2.2 Familie aus system- und entwicklungstheoretischer Sicht
Nach Dienel kann dann von Familie gesprochen werden, wenn die Sorge um und die Sozialisation von Kindern vorhanden ist, die Mitglieder von zwei verschiedenen Generationen sind und eine Blutsverwandtschaft bzw. Adoption besteht. Die Familienmitglieder wohnen zusammen und sorgen ökonomisch wie emotional füreinander. Zudem ist die Institution Familie in der Gesellschaft rechtlich und sozial anerkannt. 27 Die Ausprägung der Merkmale in einzelnen Familien beruht auf Unterschiede im historischen Kontext und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht und Gesellschafts-form.
Die Familie oder familiäres Zusammenleben ist kein statisches Gebilde, sondern an viele lebenspraktische und emotionale Aufgaben gebunden und immer wiederkehrenden Entwicklungsprozessen unterworfen. Erklärungen dazu liefern Familientheorien wie z.B. die Familiensystemtheorie und die Familienentwicklungstheorie.
schaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben 2002, Opladen
S.10
24 Vgl. K. A. Schneewind, Familienpsychologie, 1999, Stuttgart, Berlin, Köln, S. 138
25 Vgl. ebd. S. 138
26 Vgl. ebd. S. 138
27 Vgl. C. Dienel, Familienpolitik. Eine praxisorientierte Gesamtdarstellung der Handlungsfelder und
Probleme, 2002, Weinheim, München, S. 21
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 19
Der erste Blick ist auf die Familiensystemtheorie gerichtet, die auf die „Allgemeine Systemtheorie“ 28 zurückgeht und von einem Systemzusammenhang spricht, der zwischen einzelnen Familienmitgliedern und weiteren Institutionen besteht. Schneewind gibt dazu folgende Definition: „Ein Familiensystem ist eine besondere Gruppe von Personen, zwischen denen Beziehungen bestehen; diese Beziehungen werden durch die Mitglieder etabliert, aufrechterhalten und erkennbar gemacht, indem sie miteinander kommunizieren.“ 29
Kommunikation, verbal aber auch nonverbal, ist das Verbindungsglied zwischen Systemmitgliedern. Konstruktive und offene Kommunikation ermöglicht für alle Beteiligten ein Klima, in dem eine positive Weiterentwicklung möglich ist, und im Gegenzug verursacht ein destruktives Kommunikationsmuster Störungen und Irritationen im Familiengeschehen. 30
Familie ist ein System 31 , das eine Umwelt hat und bei dem sich unterschiedliche Supra-und Subsysteme unterscheiden lassen. Die Familie und ihre Mitglieder sind demzufolge das Mikrosystem. Das Mikrosystem steht in enger Verbindung zum Mesosystem (Bekannte, Freunde, Vereinsmitglieder…) und ist zudem eingebettet in das Exosystem (Schule, Gemeindeorganisation, Unternehmensstruktur) und das Makrosystem (z. B. kulturelle, politische, rechtliche oder wirtschaftliche Orientierung einer Gesellschaft). 32
28 Vgl. Schneewind, 1999, S. 89
29 Ebd. S. 89
30 Vgl. T. Miller, Systemtheorie und Soziale Arbeit. Entwurf einer Handlungstheorie, 2001, Stuttgart, S.
83
31 „Ein System ist eine zusammenhängende Ganzheit, in dem jeder Teil direkt oder indirekt mit den ande-
ren Teilen verbunden ist. Die Veränderung eines Teiles bewirkt auch die Veränderung der anderen Teile.“
Vgl. ebd. S. 38
32 Vgl. Schneewind, 1999, S. 90
33 T. Miller, 2001, S. 41
Entwicklungsprozess im Übergang zur Elternschaft 20
Laut Familiensystemtheorie sind die im Folgenden genannten Aspekte für ein systemisches Verständnis von Bedeutung.
Ein Kernaspekt der Familiensystemtheorie ist die Ganzheitlichkeit, das heißt, die Familie wird als eine Einheit betrachtet in der die Mitglieder durch Interaktion und Kommunikation miteinander vernetzt sind. Probleme einzelner Personen werden nicht nur individuell gesehen, sondern in Verbindung mit dem gesamten System „Familie“ betrachtet. Beispielsweise könnten Schlafstörungen eines einjährigen Kindes in enger Beziehung zu Problemen innerhalb der Paarbeziehung der Eltern stehen. Eine weitere Grundaussage dieser Theorie ist die Zielorientierung. Familien haben Ziele und richten ihr gemeinschaftliches Leben danach aus. Diese Ziele sind je nach Familienphase unterschiedlich und passen sich dem Entwicklungsprozess an. Ein Paar mit einem Neugeborenen befindet sich z.B. in den Anfängen der Familiengründung und richtet seine Ziele deshalb primär auf die Bewältigung der veränderten Lebenssituation und der Verpflegung des Kindes aus.
Familien und deren Beziehungen untereinander haben bestimmte Rituale und Verhaltensmuster, die eine gewisse Regelmäßigkeit erkennen lassen und im Familienalltag bewusst oder auch unbewusst immer wieder auftauchen oder Alltagsabläufe bestimmen. Die Familiensystemtheorie spricht deshalb auch von der Regelhaftigkeit. Beispiele dafür sind evtl. feste Essenszeiten, die Reihenfolge der morgendlichen Badezimmerbenutzung oder die tägliche Gute-Nacht-Geschichte für das Kleinkind. Familienmitglieder beeinflussen sich wechselseitig und dafür steht der Begriff der zirkulären Kausalität. Bei Betrachtung eines streitenden Paares kann nie nur das Verhalten und Agieren einer Person gesehen werden, sondern immer die Interaktion als Ganzes und deren gegenseitige Wirkung.
Rückkoppelung bezeichnet einen Prozess, bei dem ein Mitglied des Familiensystems sein Verhalten ändert und dadurch Effekte bei den restlichen Familienmitgliedern her-vorruft. Diese Effekte wiederum haben Auswirkungen auf alle anderen Systemmitglieder. Hier kann zwischen einer positiven und einer negativen Rückkoppelung unterschieden werden.
Positive Rückkoppelung ist daran zu erkennen, dass z.B. ein Partner im Streit völlig neu und heftiger als sonst reagiert. Es kommt zur Eskalation, der Fortbestand des Systems ist gefährdet und verlangt nach einer Lösung der Problematik. Positive Rückkoppelung zielt auf eine Veränderung des gesamten Systems. Bei der negativen Rückkoppelung ist
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die Stabilisierung des Systems und eine Rückkehr in die Ausgangslage das oberste Ziel. Eine Gefährdung des bestehenden Systems wird mit allen Mitteln vermieden. Ein Kind reagiert z.B. auf eine Störung in der Familie durch heftiges Schreien. Um das Familiensystem zu stabilisieren, nimmt die Mutter das Kind bei den Schreianfällen in den Arm, streichelt es und versucht damit eine Beruhigung herzustellen. Ein Hinterfragen bezüglich der Schreianfälle findet nicht statt.
Eng an negativer Rückkoppelung angelehnt ist der Aspekt der Homöostase. Das Kräftegleichgewicht soll hier aufrechterhalten und ausbalanciert werden. Die Familie orientiert sich dazu an etablierten Zielen, Regeln und Handlungsabläufen. Flexibel gestaltet, kann es eine Hilfestellung in Umbruchphasen sein, bei sehr starrer Haltung sind große familiäre Spannungen nicht selten. Ein Paar mit einem Neugeborenen hat mit deutlichen Schwankungen des Kräftegleichgewichts zu kämpfen. Es kann entweder mit einer Umgestaltung der vorher bestandenen Regeln und Zielen reagieren oder kaum davon abweichen. Im zweiten Fall ist eine Bewältigung der veränderten Anforderungen erheblich erschwert.
Wandel erster und zweiter Ordnung meint die Art und Weise einer Veränderung, die sich bei einer Familie unter gegebenen Umständen notwendigerweise einstellt. Beim Wandel erster Ordnung besteht innerhalb der Familie ein Problem und dieses soll gelöst werden. Die Familie leitet eine Veränderung ein, die aber nicht den gewünschten Erfolg bringt. Zur Problemlösung wird deshalb die bereits eingeführte Veränderung in verstärktem Maße angewandt. Ein Beispiel dafür wäre, wenn Eltern ihr zweijähriges Kind bestrafen, weil es regelmäßig Essen auf den Boden wirft. Das Kind tut es bei der nächsten Mahlzeit wieder und die Reaktion der Eltern ist eine Verstärkung der Bestrafung. Ein Wandel zweiter Ordnung stellt auch eine Veränderung dar, die jedoch „das System selbst“ grundlegend verändert. Dies kann beispielsweise eine Änderung in den Kommunikationsregeln aber auch im Rollenverständnis der Partner sein. Bei einer klassischen Rollenverteilung im Sinne von Frau als Hausfrau und Mann als Erwerbstätiger, würde im Wandel zweiter Ordnung die Frau einen Teil der Erwerbstätigkeit übernehmen und der Mann sich dadurch vermehrt im Haushalt beteiligen. Grenzen sind ein wesentliches Merkmal lebender Systeme. Sie sind daran zu erkennen, dass sich innerhalb eines Familiensystems Subsysteme in Form von Generationen (Elternsubsystem, Geschwistersubsystem) oder dem Geschlecht (Vater-Sohn-Subsystem, Mutter-Tochter-Subsystem) bilden. Diese Grenzen sind flexibel und ändern sich je nach
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Entwicklungsphasen, in der die Familie sich gerade befindet. Die Geburt eines neuen Familienmitgliedes würde zum Beispiel bestehende Grenzen auflösen und neu verteilen. Systeme und ihre Umwelt stehen in Beziehung zueinander und tauschen Materie, Energie und Informationen aus. Der Umfang dieses Austausches benennt sich Offenheit und Geschlossenheit. Geschlossene Familiensysteme sind geprägt von starren Außengrenzen. Sie laden wenig Besuch ein, sind nur schwer telefonisch erreichbar oder ziehen hohe Zäune ums Haus. Im Gegenzug dazu haben relativ offene Familiensysteme klare aber durchlässige Grenzen, die sich in vielen Besuchen und Gegenbesuchen, gemeinsamen Unternehmungen und Kooperation mit anderen Familien darstellen. Offene und geschlossene Familiensysteme sind gleichermaßen zu finden, jedoch kann nur selten von absoluter Offenheit oder Geschlossenheit gesprochen werden. Die Familie als lebendes System besitzt die Fähigkeit der Selbstorganisation oder auch Autopoiese 34 genannt. Treten Veränderungen wie z.B. die Geburt eines Kindes oder ökonomische Krisen ein, so reagiert das Familiensystem mit Selbstanpassung. Dies kann funktional aber auch dysfunktional in Erscheinung treten, qualifiziert die Familie aber in jedem Fall zu einer weitgehend autonomen Einheit.
Ein letzter wichtiger Aspekt der Familiensystemtheorie ist das interne Erfahrungsmodell einer Person. Es ist von großer Bedeutung, im Rahmen der Familiensystemtheorie, das System „Familie“ nicht völlig zu verdinglichen, sondern auch die einzelnen beteiligten Personen im Blickfeld zu behalten. Jeder ist für sich ein „psychisches System“ und hat eigene Erfahrungen innerhalb und Vorstellungen von der Familienrealität. Diese subjektiven Empfindungen fließen stark in das Geschehen mit ein. Die beschriebenen Kernaspekte der Familiensystemtheorie stellen eine mögliche Herangehensweise dar, um familiäre Dynamiken und Zusammenhänge zu verstehen. Dieser systemische Denkansatz beschränkt sich nicht nur auf die Familiensystemtheorie, sondern lässt sich auch mit der nun folgenden Familienentwicklungstheorie verknüpfen. Die Familienentwicklungstheorie ist in erster Linie im anglo-amerikanischen Sprachraum entstanden und kann als theoretische Perspektive zur Analyse von Familienverlaufsprozessen eingeordnet werden. Die Familienentwicklungstheorie basiert auf dem Gedanken, die Familie als ein System von Rollenträgern zu sehen. Diese Rollen, wie z.B. die Partner-, Mutter-, Vater-, Geschwisterrolle verändern und wandeln sich im Laufe des gemeinsamen Lebenszyklus. Wichtig ist hierbei, dass alle Familienmitglieder nicht nur eine Rolle innehaben, sondern dass diese bestimmte familiäre Position sich
34 Maturana hat 1981 diesen Begriff für lebende Systeme eingeführt. Er stammt aus dem griechischen und
bedeutet: autos = selbst und poiein = machen. Vgl. hierzu Schneewind, 1999, S. 95
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aus mehreren Rollen zusammensetzt. Die Theorie spricht hier auch von einem Rollenmuster. Die Veränderung dieser Rollen bzw. Rollenmuster geschieht in erster Linie in Übergangsphasen wie z.B. bei der Geburt des ersten Kindes. Der Mann, der bereits die Rollen des Partner und evtl. des Familienernährers trägt, erhält nun zusätzlich die Rolle des Vaters. 35
Um derartige familiäre Entwicklungsverläufe beschreiben zu können, wurde von Duvall im Rahmen der Soziologie ein Stufenmodell der Familienentwicklungsaufgaben erarbeitet, dass im Folgenden dargestellt wird. Es bezieht sich in erster Linie auf Entwicklungsanstöße durch die sich verändernde Elternrolle und die berufliche Situation der Eltern. 36
1. Stufe: Verheiratete Paare 37
Die Beziehung wird gestaltet, es erfolgt eine Anpassung an die Schwangerschaft und die Vorbereitung auf die Elternrolle. Zudem vollzieht sich die erste Einpassung in die Verwandtschaft auf beiden Seiten.
2. Stufe: Familien mit Kleinkindern
In der zweiten Stufe der Familienentwicklungsaufgaben müssen die Anpassung an die Elternschaft und die Erziehung von Kleinkindern bewältigt werden. In dieser Phase liegt auch die Zeit der Gestaltung des Familienheims.
3. Stufe: Familien mit Vorschulkindern
Phase drei beinhaltet die Anpassung an die Bedürfnisse von Vorschulkindern und deren Stimulierung sowie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Energieverlust und einer zunehmend eingeschränkten Privatheit.
4. Stufe: Familien mit Schulkindern
Die Familie steht hier vor der Aufgabe, sich konstruktiv in die Gemeinschaft von Familien mit Schulkindern einzufügen. Sie muss die Kinder zudem in ihrem Leistungsverhalten unterstützen und ermutigen.
35 Vgl. ebd. S. 96
36 Die Theorie ist in englischsprachiger Literatur verfasst. Zur Vereinfachung wurde die Zusammenfas-
sung aus folgendem Buch übernommen: Vgl. M. Petzold, Familienentwicklungspsychologie. Einführung
und Überblick, 1992, München, S. 66
37 Anmerkung der Autorin dieser Arbeit: Duvall spricht in seinem Stufenmodell von verheirateten Paaren,
jedoch sind im Rahmen dieser Arbeit selbstverständlich auch nicht verheiratete Paare damit gemeint.
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5. Stufe: Familien mit Jugendlichen
Der Jugendliche emanzipiert sich und dies erfordert ein neues Verständnis sowie eine Berücksichtigung dieser Situation. Die Eltern sind gefordert, nachelterliche Interessen und Karrieren zu entwickeln.
6. Stufe: Familien im Ablösestadium
Der junge Erwachsene wird in den Beruf/Studium/Ehe entlassen und benötigt dabei Unterstützung. Dies erfordert unter anderem die Aufrechterhaltung eines unterstützenden Elternhauses.
7. Stufe: Familien im mittleren Lebensalter
In der siebten Stufe muss nach der Entlassung der Kinder aus dem Familienheim die Ehebeziehung neu gestaltet sowie Verwandschaftsbeziehungen unter anderem auch mit den eigenen Kindern gepflegt und aufrechterhalten werden.
8. Stufe: Alternde Familienmitglieder
Im Falle des Todes eines Partners besteht die Aufgabe der Auseinandersetzung mit dem Partnerverlust. Im Weiteren vollzieht sich die Anpassung an das Seniorenleben und dem Rückzug aus dem Beruf.
Zum besseren Verständnis und zur Vervollständigung wurde das gesamte Stufenmodell nach Duvall dargestellt. Für die Thematik des Übergangs vom Paar zur Elternschaft sind allerdings in erster Linie die Stufen eins und zwei von Bedeutung. Das Modell wurde im Rahmen der Soziologie erarbeitet. Es fehlen deshalb intrapsychische Veränderungen beim Erwachsenen, jedoch lassen sich entscheidende Entwicklungsanstöße im familiären Leben gut erkennen.
3. Elternschaft und Familie im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbe-
dingungen
Dass Elternschaft und familiäres Zusammenleben kein statisches Gebilde darstellen und in unterschiedlichen Lebenslagen starken prozessualen Veränderungen unterliegen, wurde in den vorhergehenden Punkten bereits angesprochen. Einen weiteren großen
Arbeit zitieren:
Katharina Dumpler, 2004, Der Enwicklungsprozess im Übergang vom Paar zur Elternschaft - Entwurf eines sozialpädagogischen Handlungskonzepts in Form eines erwachsenenbildnerischen Angebots in Verbindung mit Geburtsvorbereitung, München, GRIN Verlag GmbH
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