Inhalt:
1. Zielbestimmung 1
2. Die von Diederich Heßling masochistisch erfahrene Macht 1
2.1 Der Begriff der Macht und seine Entwicklung im Bewußtsein Diederich Heálings 1
2.2 Die Ambivalenz im Verhältnis Diederich Heßlings zur Macht 6
3. Diederich Heßlings Identifikation mit der Macht 7
3.1 Grundstrukturen des Identifikationsprozesses 7
3.2 Die Identifikation mit der die Macht repräsentierenden Körperschaft 8
3.3 Von der Imitation zur Identifikation mit dem obersten Machthaber 10
4. Die von Diederich Heßling sadistisch vertretene Macht 12
5. Schlussbemerkung 16
6. Literaturverzeichnis 16
II
1. Zielbestimmung:
In seiner Studie über Autorität und Familie 1 interpretiert E. Fromm den autoritären Charakter als sado-masochistische Persönlichkeit. 2 Dabei deutet er den Umgang dieses Charakters mit Macht und Ohnmacht anha nd der im Begriff des Sado-Masochismus ausgedrückten Beziehungsmuster und stellt der masochistischen Abhängigkeits- und Schmerzerfahrung beim Erleben von Macht die sa- distische Weitergabe von selbst erfahrener Aggression gegenüber. 3 Heinrich Manns Roman 'Der Untertan' wird spätestens seit Jochen Vogt 4 als eine frühe literarische Studie zum autoritären Charakter, vereinzelt sogar als "Bildungsroman der autoritären Persönlich- keit" 5 betrachtet.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine Verbindung zwischen dem Protagonisten des 'Untertan' und der typologischen Einordnung des autoritären Charakters als sado- masochistische Persönlich- keit im Sinne E. Fromms herzustellen. Anhand ausgewählter Belege sollen die sado-masochisti- schen Komponenten in der Persönlichkeitsstruk tur Diederich Heßlings skizziert und im Hinblick auf die von der Forschung ermittelten Kriterien des autoritären Syndroms betrachtet werden. 6
2. Die von Diederich Heßling masochistisch erfahrene Macht:
2.1 Der Begriff der 'Macht' und seine Entwicklung im Bewußtsein Diederich Heßlings:
Als erster faßbarer Vertreter der Macht im Leben Diederich Heßlings tritt der Vater auf und bricht in Diederichs zunächst eher trieb- und lustorientierte Kindheit mit der Forderung nach Trieb- verzicht ein. Als "weiches Kind" 7 , das am liebsten träumt, Märchenbücher liest und mit seiner Mut- ter "vermittels Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen den letzten Tropfen Stimmung" 8 aus den Festen herauspreßt, gerät er rasch in einen Gegensatz zu den strengen Lebensprinzipien des Vaters, der "immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten Unteroffiziersge sicht, den Stock geführt hatte" 9 und "mit der gefühlsseligen Art seiner Frau" 10 gleichzeitig den Charakter des der Mutter ähnlichen Kindes unterdrückt. Der Vater als Oberhaupt der Familie scheint für das
1 Vgl. Fromm 1987/[1936], 77-135.
2 Vgl. Fromm 1987/[1936], S. 110 ff. bs. S. 115.
3 Vgl. Fromm 1987/[1936], S. 112-114.
4 Vgl. Vogt 1971, S. 58-69.
5 Vgl. Vogt 1977, S. 32.
6 Zur Frage der Anwendbarkeit einer sozialpsychologischen Studie auf die fiktionale Gestalt des 'Untertan' vgl. Vogt 1971, S. 58.
7 Untertan, S. 5.
8 Untertan, S. 7.
9 Untertan, S. 6.
10 Untertan, S. 6.
1
Kind mit nahezu schrankenlosen Machtmitteln ausgestattet zu sein 11 und die von ihm geforderte
Anpassung z.B. durch körperliche Züchtigung zu erzwingen. Diederich Heßling lernt die Macht als
durch den Vater repräsentierte Instanz, die unter Zuhilfenahme von Gewalt andere Menschen gegen
deren Willen zum Triebverzicht zu zwingen vermag, zunächst aus der passiv erleidenden Position
kennen. Das Ergebnis der väterlichen Repressionen ist fast zwangsläufig die innere Verdrängung
der Triebregungen des Kindes. 12 Diese Verdrängung führt über die Ablehnung der Mutter 13 als ihm
ähnliche, selbst zur Beherrschung der eigenen Triebe unfähige 14 Persönlichkeit bis zur Ablehnung
des eigenen, als unwert empfundenen Ichs :
"[...] aber er fühlte gar keine Achtung vor seiner Mutter. Die Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht hätte bestehen können." 15
Das Verhältnis Diederichs zu seinem Vater entspricht dem des autoritären Charakters zu den über-
geordneten, die Macht repräsentierenden 'Gewalten', das E. Fromm folgendermaßen charakterisiert:
"Im Grunde seines Gefühles dem Stärkeren und Mächtigeren gegenüber ist die Furcht. Diese ist aber als solche verhältnismässig wenig bewußt, aus ihr entwickelt sich Ehrfurcht, Bewunderung und Liebe. Wo dieser Charakter Macht spürt, muss er sie beinahe automatisch verehren und lieben. Dabei ist es gleich, ob es sich um die Macht eines Menschen, einer Institution oder eines durch die Gesellschaft anerkannten Gedankens handelt. Man könnte für ihn mit Recht das bekannte Sprichwort umdrehen und sagen: 'Wer ihn züchtigt, den liebt er'." 16
Im Falle Diederich Heßlings lassen sich Äußerungen dieser Persönlichkeitsstruktur bereits bei sei-
nem Verhältnis zum Vater beobachten:
"Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht he- rausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel." 17
Es wird deutlich, daß Diederich seine Furcht vor dem Vater - also vor der Autorität - in eine von
masochistischen Zügen durchsetzte Liebe umwandelt. Diese Liebe wird durch das Wissen um den
eigenen Unwert und die uneingeschränkte Macht des Vaters gerechtfertigt. Jede "nicht herausge-
11 Vgl. Vogt 1971, S. 59 bzw. Emmerich 1980, S. 45.
12 Vgl. Horkheimer 1968/[1936], S. 329 ff. bzw. Adorno 1973, S. 323.
13 Adorno begründet diese Ablehnung mit der gesellschaftlichen Tabuisierung der Liebe zur Mutter in ihrer ursprüng- lichen Form; der aus dieser Tabuisierung "resultierende Haß gegen den Vater wird durch Reaktionsbildung in Lie- be umgewandelt." (Adorno 1973, S. 323).
14 Vgl. Untertan, S. 6.
15 Untertan, S. 7.
16 Fromm 1987/[1936], S. 115 f.
17 Untertan, S. 5.
2
kommene Untat", also jede Unvollkommenheit des vermeintlich vollkommenen Vertreters der Macht, läßt Zweifel an der Berechtigung des internalisierten Unterordnungssystems aufkommen. Diederich selbst trägt jedoch dazu bei, daß solche Zweifel gar nicht erst entstehen: Er drückt sich so lange am Schreibpult herum, bis die "Untat" geradezu zwangsläufig aufgedeckt ist. In diesem "re- gelrechten Drang nach 'Abstrafung' durch den Vater" 18 dokumentiert sich sein eigenes masochisti- sches Interesse am Erha lt und der Verfestigung des bestehenden Autoritätsverhältnisses. 19 Wie tief die masochistische Abhängigkeit von Züchtigung ist und wie groß die aus ihr gezogene Befriedi- gung sein muß, zeigt sich später an Diederichs Reaktionen, als er angesichts des bevorstehenden Todes seines Vaters dessen Hand küßt:
"Diederich dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fin gernagel auf seine Wange zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. [...] Diese Hand war schrecklich gewesen; Diede- richs Herz krampfte sich, nun er sie verlieren sollte." 20
Im Laufe der weiteren Sozialisation Diederich Heßlings werden die durch die familiale Erziehung gewonnenen Vorstellungen auf andere Institution übertragen und erweitert. So erweist sich das Bedürfnis nach Unterordnung unter eine Autorität auch in der Schule als bestimmendes Prinzip, wo er immer nur "den scharfen Lehrern erge ben und willfährig" 21 bleibt. Die Macht als unmenschliche, triebunterdrückende Instanz wird schon hier um ihrer selbst willen verehrt; bereits die passive Teil- nahme an ihr (in diesem Falle die Unterdrückung der eigenen Persönlichkeit durch die Macht) wird als beglückend empfunden:
"Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit [...] zu diesem unerbittlichen, menschenver- achtenden, maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die Macht [...], an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock." 22
Als ein Hilfslehrer "vor der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen" 23 und ein Ober- lehrer wahnsinnig wird, wird für Diederich klar, daß die Macht als solche eine hierarchische Glie- derung aufweist:
"Noch höhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren hier gräßlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten. Von unten, klein, aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen." 24
18 Emmerich 1980, S. 45.
19 Vgl. Fromm 1987/[1936], S. 114.
20 Untertan, S. 33.
21 Untertan, S. 8.
22 Untertan, S. 8.
23 Untertan, S. 8.
3
Arbeit zitieren:
Jörg Erdmann, 1994, Zu: Heinrich Mann - 'Der Untertan', München, GRIN Verlag GmbH
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