Inhaltsverzeichnis
E i n l e i t u n g 1
D i e Q u e l l e n 3
Der Seeräuberkrieg 5
- Das Wesen der Piraterie 5
- Der kurze Feldzug 13
- Die clementia gegenüber den Seeräubern 18
Der Mithridatische Krieg 26
- Vorbereitungen 26
- Pompeius Vormarsch 31
- Pompeius Verhalten nach Mithridates Flucht 35
- Die Gewinnung Armeniens 36
- Auf Alexanders Spuren 38
Die Neuordnung des Ostens 47
- Das Verhältnis zu Parthien 48
- Pontos und Bithynia 49
- S y r i e n 5 6
- Kilikien 59
- Paphlagonien 60
- G a l a t i e n 6 1
- Kappadokien 66
- K o m m a g e n e 6 7
- J u d ä a 6 9
- Ziele und Prinzip der Neugliederung 83
Schlußbemerkung 86
Quellen- und Literaturverzeichnis 88
Einleitung Während des zweiten Jahrhunderts vor Christi hatte das Römische Reich
Phasen großer Veränderungen und damit verbunden ebenso großer
Verunsicherungen zu überstehen, die hauptsächlich aus der Tatsache
resultierten, daß der Kleinstaat Rom seinen Machtbereich sukzessive
ausgeweitet hatte. Diese Erweiterung betraf zunächst nur Italien, später jedoch
die gesamte Mittelmeerregion. Innerhalb dieses Herrschaftsgebietes hatten die
unterworfenen Länder unterschiedlichen Rechtsstatus. Innerhalb Italiens wurden
sie meist Bundesgenossen genannt, was freilich einen Euphemismus darstellte,
da ihre Bürger zwar die gleichen Pflichten hatten wie römische Vollbürger,
besonders was den Wehrdienst anging, nicht aber eine Mitbestimmung wie
diese.
Außerhalb des italischen Kernlandes begann man Provinzen einzurichten, die
Rom vollkommen unterstellt waren, gleichwohl ihre alten Verwaltungsträger
behalten durften 1 ; dies mußte schon deshalb geschehen, weil Rom wohl personell überfordert gewesen wäre, hätte es diese Aufgaben selbst
übernommen. Darüber hinaus gab es jedoch auch in den peripheren Regionen
Klientelstaaten 2 , die nach innen weitgehend autonom gelassen wurden, nach
außen sich jedoch an Rom auszurichten hatten 3 und zur Waffengefolgschaft sowie meist zur Tributleistung verpflichtet waren.
Einerseits kam durch diese Entwicklung Reichtum in Form von Geld und
Sklaven nach Rom, andererseits wurden auch Probleme geschaffen, die der
Adelsrepublik Rom, zentral auf die urbs ausgerichtet und auf bäuerlichem
Selbstverständnis fußend, bisher fremd gewesen waren. So hatte der Import
billiger Arbeitskräfte zu einer Verarmung der kleinen Bauern geführt und die
Notwendigkeit zu ständiger Kriegsführung auch in entfernteren Gebieten die
1 Bleicken, Verfassung, S.226
2 Der Begriff des Klientelstaates war nicht klar rechtlich definiert. Er war eine Bezeichnung für Staaten, die sich zu Rom in einem Abhängigkeitsverhältnis im weitesten Sinne befanden. Die Ausgestaltung dieser Abhängigkeit konnte höchst unterschiedlich sein, denn die diesen Ländern von Rom auferlegten Bedingungen richteten sich jeweils nach den militärischen, politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. (Baumann, Rom, S.3f.)
3 Dahlheim erklärt dazu, der außenpolitische Spielraum sei nicht nur vorhanden, sondern „sehr viel mehr als null“ gewesen. (Dahlheim, Gewalt, S.270, Anm.192) Der Charakter der aus der römischen Gesellschaftsordnung entlehnten Klientelschaft allerdings schließt ein Handeln des Klienten aus, das eine Interessenkollision mit dem Patronatsherren ergäbe. So konnten die Klientelstaaten nur in Bereichen, in denen die Belange Roms nicht tangiert waren, eigene Diplomatie betreiben. Da die Größe des Handlungsspielraums also letztlich von römischen
hergebrachte Konzeption des Bürgerheeres, das sich aus nach Bedarf ausgehobenen Wehrpflichtigen zusammensetzte, als veraltet erscheinen lassen. Durch den entstandenen Reformbedarf kamen Politiker an die Spitze des Staates, die sich vornehmlich auf das Votum der unteren Schichten beriefen und Veränderungen versprachen. Dies waren auf wirtschaftlich - sozialem Gebiet die Gracchen und im militärischen Sektor Marius. Deren Versuche, den Staat zukunftsfähig zu machen, führten jedoch zu inneren Machtkämpfen, die die verfassungsmäßige Ordnung, basierend auf einem freien Spiel der Kräfte mit allerdings festen Regeln und orientiert an einem Gewohnheitsrecht sowie dem mos maiorum, immer mehr durchlöcherte.
Schließlich fand sich ein der Adelspartei Nahestehender, P. Cornelius Sulla, der, wenngleich selbst unter Verfassungsbruch, eine Restauration der alten adelsdominierten Ordnung herbeiführte. Sie sollte durch Fernhalten des Militärischen den Primat der Politik in Rom gewährleisten, durch Beschneidung der Möglichkeiten des Volkstribunats die konfliktträchtige Aufsplitterung der Macht zwischen Adel und Volkstribunen beseitigen sowie mit strikten Regeln für den cursus honorum Konzentration von Macht und die Karriere von
Demagogen verhindern 4 . Seine Maßnahmen dienten also dazu, der
revolutionären Dynamik der letzten Jahrzehnte den Boden zu entziehen und dadurch den Staat in einer weitgehend vorgracchischen Form zu stabilisieren. Er konnte es dabei nicht verhindern, daß es nach wie vor ein beträchtliches heterogenes Unterstützerpotential für die populare Sache gab, das sich teils aus den Überlebenden und Vertriebenen seiner Proskriptionen, teils aber auch aus Menschen aller Schichten zusammensetzte, die sich durch die strenge Reglementierung politischer Laufbahnen um ihre Karriereaussichten gebracht sahen, ganz zu schweigen von den Unterschichten, die ihre immer schon geringen Mitsprachemöglichkeiten als noch weiter reduziert empfanden.
Diese zunächst verdeckte, dann aber offene Opposition gegen die als Knebelung empfundenen sullanischen Vorschriften führte seit dem Konsulat des Pompeius und Crassus im Jahre 70 zu einer schrittweisen Rücknahme derselben. Eine noch größere verfassungsrechtliche Erschütterung aber sollte die schon stark modifizierte sullanische Ordnung erleben, als sich im Jahre 67 die
Interessen bestimmt wurde, ist es problematisch, eine solche Außenpolitik noch als „eigene“ zu
bezeichnen.
4 Christ, Krise, S.218
Notwendigkeit eines umfassenden Vorgehens gegen die zu quasi staatlicher Macht angewachsenen Seeräuberflotten ergab und kurz darauf der expandierende pontische König Mithradates in die Schranken gewiesen werden mußte, wenn die kleinasiatischen Kolonien nicht in Gefahr geraten sollten. Unter dem Druck der Umstände und gegen en Widerstand der Optimaten gelang es schließlich der popularen Seite, Pompeius zunächst im Jahre 67 gegen die Seeräuber und ein Jahr später gegen Mithridates mit Außerordentlichen Imperien auszustatten, die Machtmittel in einem Umfange einschlossen, wie sie vorher noch nie einer Einzelperson anvertraut worden waren.
Wie diese Machtmittel in Anwendung gebracht wurden, und wie die hierbei erzielten militärischen Resultate in politisch-strukturelle Veränderungen umgemünzt wurden, die dem Römischen Reich einen dauerhaften Nutzen bringen sollten, wird anhand von Quellen untersucht werden. Auch soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Regelungen des Pompeius richtungsweisend für die weitere Entwicklung des Römischen Reiches gewesen sind.
Die Quellen
Von den antiken Quellenautoren ist Cicero dem Politiker und Feldherren Pompeius nicht nur zeitlich durch das gleiche Geburtsjahr am nächsten gewesen, beider Karriere war während der 60er Jahre auch fast symbiotisch miteinander verbunden. Da Cicero zu dieser Zeit als homo novus noch am Anfang seiner Laufbahn stand und als Voraussetzung seines angestrebten Weges auf das Knüpfen von Beziehungen angewiesen war, war es ihm in seiner Rede für die Erteilung des Imperiums gegen Mithridates darum zu tun, als einer der Protagonisten des durch die große Übermacht zu erwartenden Erfolges dazustehen, und dem eigenen Fortkommen durch die Nähe zu Pompeius einen Schub zu verleihen. Umgekehrt leistete er Pompeius wertvolle Hilfe dadurch, daß er seine Rednergabe in dessen Dienst stellte.
Ciceros Reden dienten, auch wenn sie formal zu juristischen Anlässen gehalten wurden, eher politischen Zielen. Die darin aufgeführten historischen Darstellungen sind also zweckorientierte Argumente, die auf das Erreichen eines ephemeren Abstimmungsergebnisses gerichtet waren. Da die Reden coram publico gehalten wurden und deshalb so abgefaßt werden mußten, daß sie von
allen verstanden werden konnten, wenn sie ihr Ziel erreichen sollten, geben sie in Rom allgemein bekannte Fakten wieder, wenn auch in einer Darstellungsweise, die vom angestrebten Redezweck bestimmt ist. Ciceros Bemerkungen über den Seeräuber~ und Mithridateskrieg sind daher gefärbt durch die Tatsache, daß Cicero selbst am Zustandekommen der dazu nötigen Imperien maßgeblich beteiligt war. Durch die Größe seines Werkes, die Dauer und den Umfang seiner Tätigkeit in der Politik wurde seine Darstellung richtungsweisend für die nachfolgenden Historiographen, auch wenn sie jeweils ein ganz unterschiedliches Verständnis von Geschichtsschreibung mitbrachten. Fast zeitgenössisch ist der Historiker und Geograph Strabon, der noch zu Lebzeiten des Pompeius geboren wurde. In seinem Werk „Geographie“ gibt er einen Überblick des mediterranen Raumes, wobei Küsten, Flüssen und Häfen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Entsprechend dem Arbeitstitel „Erdbeschreibung“ dienen seine historiographischen Einschübe und Exkurse eher der Illustration des über die Geographie Berichteten und stellen also weder einen chronologischen noch thematischen Zusammenhang dar. Hieraus ist auch abzuleiten, daß seine Darstellungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben dürfen, da seine historiographischen Schilderungen nicht der Vermittlung eines geschlossenen Geschichtsbildes dienen, sondern sich an der geschichtlichen Bedeutung der gerade besuchten Örtlichkeit orientieren.
Die ausführlichste Darstellung der Ereignisse in Kleinasien liefert Appian, der seine Geschichtsschreibung nach Schauplätzen gegliedert hat, und dabei auch Randgebieten, die allgemein nicht im Zentrum historiographischer Aufmerksamkeit standen, Raum widmete.
Wichtigster Augenzeuge aber ist Theophanes von Mytilene, der als ständiger Begleiter und ortskundiger Berater des Pompeius selbst in die Ereignisse involviert war, und dessen Berichte die Grundlage bildeten für die Darstellungen Anderer, die daraus gemäß der eigenen schriftstellerischen Absicht exegetisch
ihr Bild formten 5 .
Für den Jüdischen Krieg ist Josephus der ausführlichste Berichterstatter. Er hat zunächst als judäischer Heerführer gegen Rom gekämpft, bevor er als Gefangener nach Rom kam und dort zu einem Mittler zwischen jüdischer und römischer Weltsicht wurde. Seine Schilderungen römischer Tugend bei der
5 Wirth, Osten, S.578
Tempelerstürmung durch Titus, an der er selbst auf römischer Seite beteiligt
war, und sein Frontwechsel trugen ihm in Israel den Ruf des Verräters ein. Die
Berichte über die Ereignisse aus früherer Zeit dagegen können als sachlich
bezeichnet werden, da sie sich jeder affirmativen Tendenz enthalten.
Der Seeräuberkrieg
Das Wesen der Piraterie
Eine Bedrohung durch Seeräuber 6 bestand seit der Mitte des 2. Jahrhunderts.
Allerdings beschreibt die inkriminierende Vokabel „Seeräuber“ nicht ganz das,
was die Bevölkerung Kleinasiens damals über diese Tätigkeit dachte 7 .
Schließlich gehörte der Menschenfang zum einträglichen Gewerbe der
Küstenbewohner, und das Römische Reich war ein guter Kunde 8 , so daß man
allgemein nicht einsah, was daran so unanständig sein sollte, auch wenn geraubt
und gemordet wurde:
6 Die Begriffe „Seeraub“ und „Piraterie“ in ihrer heutigen Bedeutung sind dem Strafrecht und dem internationalen Seerecht entnommen und also an bestehende Rechtssysteme gebunden. Ein Rechtssystem kann aber nur auf einem definierten geographischen Raum, also dem betreffenden Staatsgebiet, oder, im Falle des internationalen Rechts, aufgrund zwischenstaatlicher Verträge auch außerhalb des Staatsgebietes Anwendung finden. Die Länder, in denen die „Piraten“ ihre Stützpunkte hatten, gehörten aber zum geringsten Teil zum römischen Rechtsgebiet, zwischenstaatliche Verträge über die internationalen Gewässer bestanden kaum. So ist die Qualifizierung der „Piraten“ als Menschen, deren Verhalten eine Rechtsnorm erfüllte, der sie z.T. überhaupt nicht unterlagen, zumindest fragwürdig, auch wenn ihr Handeln nach unserem (also heutigem, einer anderen Epoche angehörenden) Rechtsverständnis ein Verbrechen darstellt. Die Verwendung von Vokabeln wie „Piraterie“ u.ä. stellt also eigentlich einen Kategorienfehler dar, der sich aber in der Geschichtsschreibung, wohl in Ermangelung anderer Termini, eingebürgert hat, so daß auch hier nicht davon abgewichen werden soll. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, daß man sich dadurch einseitig die Position des Römischen Reiches zu eigen macht und diese Position zur allein rechtssetzenden Instanz erhebt. Auch ist festzuhalten, daß die römischen Aktionen gegen die Seeräuber keine Rechtsanwendung, sondern eine Machtanwendung darstellten, ohne daß damit davon abgelenkt werden soll, daß auch im 1. Jahrhundert das seeräuberische Vorgehen bei der Mehrzahl der mediterranen Bewohner als moralisch verwerflich galt und eine Bestrafung erforderte.
7 Bis ins 16. Jahrhundert waren die Grenzen zwischen staatlichem und kriminellem Handeln nicht ohne weiteres zu ziehen, nicht zuletzt wegen des Fehlens fast jeder völkerrechtlichen Konvention und wegen der Bereitschaft vieler Staaten, sich Seeräuber zunutze zu machen (Kaperbriefe). Bekämpft wurden sie meist weniger wegen der Amoralität ihres Handelns als vielmehr wegen des wirtschaftlichen Schadens, den sie der Seefahrt zufügten.
8 Rom selbst hatte nicht nur für die Nachfrage, sondern auch für einen zentral gelegenen und kostengünstigen Handelsplatz gesorgt: „Besonders aber reizte zu solchem Frevel die höchst gewinnreiche Ausfuhr der Sklaven an; denn sie waren leicht einzufangen, und ein großer und geldreicher Markt war gar nicht fern, nämlich Delos, welches viele Tausende von Sklaven an einem Tage aufnehmen und absetzen konnte,[...]. Die Ursache war, daß die nach Karthagos und Korinths Zerstörung reich gewordenen Römer vieler Sklaven bedurften.“ (Strabo. 14, 668)
„[...]Bereits bestiegen auch Männer von Vermögen und vornehmer Abkunft, die als klug und einsichtsvoll angesehen wurden, die Piratenschiffe und beteiligten
sich an dem Handwerk, das eine Art Ruhm und Ehre einbrachte.“[...] 9
Es darf aus der Teilnahme von Männern „von Vermögen und vornehmer Abkunft“ nicht geschlossen werden, daß die Piraterie in der öffentlichen Wahrnehmung des Römischen Reiches und der anderen mediterranen Staaten den Charakter des Achtbaren, wenn nicht gar Legitimen erlangt habe. Mit der Zunahme des Seehandels hatten sich rudimentär zwischenstaatliche Normen herausgebildet, die zumindest teilweise den rein privat betriebenen Seeraub
unter Strafe stellten. 10 Cicero geht in seiner Darstellung so weit, die Seeräuber quasi aus der zivilisierten Menschheit auszuschließen 11 :
„Es gibt aber auch ein Kriegsrecht, und die Treue des Eides ist oft gegenüber einem Feind zu bewahren. Was nämlich so beschworen worden ist,[...] das ist zu bewahren; [...]. So liegt, wenn du ein mit Räubern abgemachtes Kopfgeld nicht beibringst, kein Betrug vor, nicht einmal dann, wenn du trotz einem Eid so verfährst. Denn ein Seeräuber ist nicht inbegriffen in die Zahl der Kriegsgegner, sondern der gemeinsame Feind aller. Mit ihm darf kein Treueverhältnis und kein
Eid gemeinsam sein.“ 12
Neben dieser moralisch und rechtlich geächteten Form der Piraterie gab es in allen Teilen des Mittelmeeres eine halboffizielle, von staatlicher Seite gewollte und geförderte Seeräuberei, die solange Protektion durch einen Staat genoß, wie
sie dessen Kriegsgegnern schadete. 13 Dieser Kombattantenstatus währte freilich
nur solange, wie das Treiben der seeräuberischen Hilfstruppen dem kriegführenden Herrscher opportun erschien; war diese Nützlichkeit
weggefallen 14 , verwandelten sie sich für ihn wieder in Verbrecher. 15
9 Plut. Pomp. 24
10 Pohl, Piraterie, S.33 11 Bei der ciceronischen Darstellung der Piraterie wird diese meist als Mittel zum Zweck
benutzt. Es geht Cicero weniger um eine Beschreibung derselben als vielmehr um ihre Präsentation als eine Folie aus Unmoral und Barbarei, vor der sich römische Tugend als natürlicher Gegensatz wohltuend abhebt. So kommt es dazu, daß das Wort Pirat als Schimpfwort mit maximalem Diffamierungscharakter gebraucht wird. (De Souza, Piracy, S.150) Um den
Senat des schlampigen Umgangs mit Geld zu zeihen, gebrauchte er einen solchen Vergleich : „Schmählich für das Reich! Da steht es ja um die Glaubwürdigkeit von Piraten besser als um die des Senates.“ (Cic.off. 3, 87)
12 Cic.off. 3, 107 13 Pohl, Piraterie, S.38 14 So geschah es bisweilen, daß Piraten, in sicherer Erwartung, als gute Verbündete willkommen geheißen zu werden, sich nach Einlaufen in einen Hafen plötzlich vom Henker erwartet sahen. Durch die schleppende Nachrichtenübermittlung hatten sie noch nicht davon
Gemeinhin werden militärische Unternehmungen zur Durchsetzung zwischenstaatlicher Interessen ins Werk gesetzt. Da der römische Staat aber keine Exekutive kannte, die einer größeren Bedrohung des Eigentumsrechts Herr werden konnte, sah man sich gezwungen, gegen die das ganze östliche Mittelmeer unsichermachenden Seeräuberflotten vorzugehen wie gegen eine feindliche Streitmacht. Und die Dimension einer solchen hatte der kriminelle Gegner tatsächlich:
„Es gab auch an vielen Orten Ankerplätze der Piraten und befestigte Beobachtungstürme, und ihre Flotten, denen man nun begegnete, waren nicht nur durch ausgesuchte Bemannung, wohlgeübte Steuerleute und schnelle, leichte Schiffe für ihre besondere Aufgabe wohl gerüstet, sondern kränkender noch als ihre Gefährlichkeit war ihr dreister Übermut [...]. Die Zahl der Seeräuberschiffe betrug über tausend, die der von ihnen eroberten Städte
vierhundert. 16 “
Diese Kränkungen des römischen Volkes bargen sicher ein Potential für Demagogen, die unter Hinweis auf die Unfähigkeit des Staates Anhänger sammeln konnten, denn während für die Plebs die durch die unsicher gewordenen Seewege verteuerten Lebensmittel zum täglich spürbaren Problem geworden waren, hatten die Seeräuber ein vergleichsweise angenehmes Leben
(wieviel auch davon stimmen mag 17 ):
„Flöten~ und Saitenspiel, Gesänge und Trinkgelage an jedem Strand, Entführungen obrigkeitlicher Personen und Brandschatzungen eroberter Städte
waren eine Schande für die römische Regierung. 18 “
Die Seeräuber waren zunächst ein innenpolitisches Problem, da die Popularität einer Regierung davon abhing, wie zuverlässig sie die Versorgungswege
erfahren, daß sie inzwischen wieder auf die Stufe gewöhnlicher Straftäter herabgesunken waren. (Pohl, Piraterie, S.39 Anm. 53)
15 Pohl, Piraterie, S.39 16 Plut. Pomp 24 17 Diesem Bild von der Piraterie als einem von Romantik und Luxus geprägten Dasein entsprach das Leben der allermeisten Seeräuber gewiß nicht: „[...]bald eine Landschaft oder Stadt überfallend, behaupten sie die Seeherrschaft. [...] Kehren sie in ihre heimatlichen Orte zurück, so nehmen sie, da sie keine Schiffslager besitzen, die Deckboote auf die Schultern und tragen sie in die Wälder, in welchen sie auch wohnen, einen unergiebigen Boden bestellend; wenn aber die zur Schiffahrt günstige Zeit kommt, holen sie dieselben wieder hervor.“ (Strabo. 11, 495) Wenn die Piraten es also nötig hatten, „unergiebigen Boden“ zu bestellen, konnte ihre seeräuberische Tätigkeit so einträglich nicht sein. In der Darstellung Strabons erscheint sie vielmehr als ein aus Not geborener Nebenerwerb, um existieren zu können. So dürfte das Bild vom in Wohlleben sich ergehenden Berufskriminellen eher durch verständlichen Zorn über die Versorgungsengpässe in Rom und die Leiden der unmittelbar Betroffenen bestimmt sein.
schützen konnte, und deshalb gleichzeitig auch eine Gelegenheit für Regierung und Magistrate, ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen:
„Diese Macht verbreitete sich über das ganze Mittelmeer, so daß die gesamte Handelsschiffahrt lahmgelegt wurde. Dies vor allem bewog die Römer, denen alle Zufuhr abgeschnitten wurde, so daß sie einem großen Mangel
entgegensahen, Pompeius auszusenden [...]. 19 “
Die Piraterie dürfte allerdings auch einen außenpolitischen Aspekt gehabt haben. Denn das Römische Reich war in Gefahr, seine Reputation als Schutzmacht gegenüber Verbündeten einzubüßen, wenn es zuließ, daß die Seeräuber in weiten Teilen des Mittelmeeres fast ungestört eine Willkürherrschaft ausübten. Eine solche Zurschaustellung römischer Unfähigkeit, sich im mare nostrum auch als tatsächlicher Hausherr zu präsentieren, hätte üble Auswirkungen auf die Bündnistreue der socii et amici populi Romani haben können, denn der Ansehensverlust wäre zutreffenderweise
als Schwäche interpretiert worden. 20
Römische Politik trug allerdings auch eine Mitschuld daran, daß die Seeräuber überhaupt zu einer solchen Machtentfaltung hatten kommen können. Denn bis zum Anfang des 2. Jahrhunderts v.Chr. hatte die seleukidische Flotte es verstanden, ein Ausufern der Piraterie zu verhindern. Im Friedensschluß von Apameia 188 wurde jedoch festgelegt, daß diese Flotte durch eine Reduzierung auf nur zehn Schiffe praktisch abgeschafft wurde. Rom brauchte das Seleukidenreich zwar fortan als Gegner zur See nicht mehr zu fürchten, aber die Seeräuber nutzten gerne das maritime Machtvakuum, und Rom sah sich bald mit
den Nachteilen dieser Form von Dominanzpolitik konfrontiert 21 .
Bereits im Jahre 78 war der Prokonsul P. Servilius Vatia mit der Eroberung etlicher Felsenburgen erfolgreich gewesen, ohne über einen Teilerfolg
hinauszukommen 22 , und im Jahre 74 hatte der Senat den Prätor M. Antonius mit
dem Kampf gegen die Seeräuber beauftragt und ihm auch ein umfassendes Imperium erteilt. Das Unternehmen war jedoch gescheitert, nicht zuletzt
18 Plut. Pomp. 24
19 Plut. Pomp. 25 20 Selbst wenn die Gefolgschaft nicht unmittelbar bedroht war, konnte ein Klientelstaat doch zur Beute eines Staates werden, der sich durch römische Tatenlosigkeit ermutigt fühlen könnte, vermeintlich herrenloses Gut zu übernehmen, denn alle Vakua streben danach, ausgefüllt zu werden, auch ein Machtvakuum.
21 Bechert, Provinzen, S.99 22 Gelzer, Pompeius, S. 69
deshalb, weil die römischen Truppen von den Küstenbewohnern keine Unterstützung erhielten, was darauf schließen läßt, daß sich die Römer kaum
weniger anmaßend verhalten hatten als die Seeräuber 23 .
Aber die römischen Unternehmungen gegen die Piraten hatten an Grundsätzlichem gekrankt, was ihre Erfolgsbilanz so dürftig hatte ausfallen lassen: Man hatte es nie verstanden, sich den Eigentümlichkeiten des seeräuberischen Lebenswandels anzupassen, sondern sich stets verhalten, als ginge es darum, einen ortsfesten, lokalisierbaren Staat zu bekämpfen. Appian beschreibt, wie sehr die Römer den Feind daher mit falschen Mitteln angingen: „Indes erschien es den Römern ein großes und schwieriges Unternehmen, eine so riesige Streitmacht seefahrender Männer zu vernichten, die dazu noch ringsum über alles Land und Meer verstreut waren, unbelastet von Besitz heimlich entfliehen konnten, keiner bestimmten Vaterstadt oder irgendeinem bekannten Landstrich entstammten und weder über Eigenbesitz noch über
persönliche Habe, sondern stets nur über das Nächstbeste verfügten.“ 24
Auch waren die römischen Feldzüge, wenn man denn etwas tat, eher Stückwerk geblieben und daher uneffektiv:
„[....]doch nahmen sie sich der Sache zur gegebenen Zeit nicht nachdrücklich genug an; sie begnügten sich vielmehr damit, nur dann Flotten und Befehlshaber auszusenden, wenn sie jeweils irgendwie durch besondere Nachrichten aufgerüttelt wurden. Erreichen konnten sie damit nichts. Im Gegenteil, sie brachten durch eben jene Maßnahmen ihre Verbündeten in noch viel größere
Bedrängnis[...]“ 25
Eine Bekämpfung der Seeräuber, die von dauerhaftem Erfolg sein sollte, mußte also dem Gegner die Fluchtmöglichkeiten nehmen, was bedeutete, daß eine imperiumsweite Koordination erforderlich war, die die bisher üblichen
Zuständigkeitsgrenzen sprengte. 26 Zudem speiste sich der personelle Zulauf der
Piraten aus einem Potential wirtschaftlich entwurzelter Menschen, deren mißliche Lage sich aus einem Mangel an Weitsicht bei der römischen Steuererhebung erklärt. So hatte das System der Steuerpachtgesellschaften
23 Christ, Krise, S.241
24 App. Mithr. 425
25 Cass. Dio. 36, 23, 2
26 Gelzer, Pompeius, S.69
ruinöse Folgen für Kleinasien gezeitigt 27 , da die einzige Handlungsmaxime der publicani die größtmögliche Rendite des von ihnen eingesetzten Kapitals war 28 .
Die Schwierigkeit, solche Zustände zu ändern, bestand darin, daß jede Initiative dazu sich an den Regularien und damit den Interessen des Römischen Reiches orientieren mußte, womit ihrer Tragweite von vornherein enge Grenzen gesetzt waren. Schließlich empfand sich das Imperium Romanum im Besitz der Zivilisation schlechthin, so daß jeder, der sich römischer Interessenpräferenz zu widersetzten schien, fast automatisch in die Rolle eines Feindes gedrängt
wurde. 29 Angesichts dieser Hoffnungslosigkeit kann es nicht wundernehmen,
daß viele Menschen, nicht zuletzt die zahllosen Leidtragenden der
Mithridatischen Kriege, im Piratendasein die einzige Zukunft erblickten 30 :
„Was Wunder, daß Leute, bei denen unsere Beile Haß und unser Name Bitterkeit hervorrufen, die das Weidegeld, die Zehntsteuer und den Hafenzoll für tödliche Streiche halten, mit Freuden jede sich bietende Gelegenheit
ergreifen, jemandem zu schaden!“ 31
Neben diesen ökonomisch-administrativ bedingten Mißständen gab es eine zweite Ursache für das Anwachsen der Seeräuberei. Diese lag in der sukzessiven Expansion des römischen Reiches in Richtung Osten. Nachdem die hellenistischen Staaten während des vergangenen Jahrhunderts einen Machtverlust erlitten hatten, der den Piraten eine relative Freiheit bei der Ausübung ihres Gewerbes erlaubt hatte, waren sie in diesem Freiraum durch die Erweiterung römischer Macht wieder beschnitten worden, was zu einer tendenziell antirömischen Grundhaltung führte, die ihren Niederschlag auch in befristeten Zweckbündnissen fand, die geeignet waren, Rom zu schaden und in
seinem Drang nach Osten zu behindern. 32 Zu diesen Fällen zählen Sertorius 33 ,
27 Pohl, Piraterie, S.149
28 Schon zu Luculls Zeiten, also kurz vor der Imperiumserteilung an Pompeius, fand der
Befehlshaber untragbare Zustände vor:
„Die einzelnen Bürger wurden gezwungen, wohlerzogene Söhne und jungfräuliche Töchter, die Gemeinden, Weihgeschenke, Gemälde und Götterstatuen zu verkaufen. Ihr eigenes Ende war, daß sie ihren Gläubigern zugesprochen und deren Sklaven wurden, und was vorausging, war noch schlimmer: Fesselung, Einkerkerung, Folterung, Stehenmüssen unter freiem Himmel, im Sommer in der heißen Sonne, im Winter in Schlamm und Eis, so daß ihnen der Sklavenstand wie eine Befreiung von schwerer Last und eine Zeit des Friedens erschien.“ (Plut. Luc. 20,1f.)
29 Pohl, Piraterie, S.162 30 Pohl, Piraterie, S.166 31 Cic. Flacc. 19 32 Pohl, Piraterie, S.166 33 Plut. Sert. 7,3: Als Sertorius vor Annius nach Karthago flieht und unversehens wieder nach Spanien zurückkehren muß, dort aber ebenfalls keinen Rückhalt findet, kommen ihm, offenbar
Spartacus 34 und Mithridates. Für alle diese Bündnisse gilt, daß sie sich auf
einzelne, ad hoc zu erledigende Dienstleistungen bezogen und keineswegs eine Allianz im Sinne einer auf Dauer angelegten und vertraglich vereinbarten Waffenbrüderschaft darstellten. Dem pontischen König rettete ein Piratenschiff auf der Flucht vor Lucull nach einem verheerenden Sturm sogar das Leben: „Sein eigenes Admiralsschiff bekam ein Leck, wodurch er trotz des Abratens
seiner Freunde 35 ein Piratenboot bestieg – und von den Seeräubern wohlbehalten nach Sinope gebracht wurde. 36 “
Dieser Quelle ist zu entnehmen, daß zwischen Mithridates und den Piraten keinerlei Bündnis besteht, denn wie sonst ist es zu erklären, daß seine Freunde ihm ausdrücklich abraten, sich an Bord eines Piratenbootes zu begeben? Man mag einwenden, daß es doch kaum Zufall gewesen sein dürfte, daß sich im Moment der Gefahr Seeräuber zur Rettung an Ort und Stelle befanden. Dies erklärt sich dagegen sehr leicht aus den seeräuberischen Gewohnheiten des Beutemachens: Piraten betrieben ihren Broterwerb nicht immer nur in Form bewaffneter Überfälle, sondern zum ebenso großen Teil aus den Erträgen quasi lumpensammlerischen Umherstreifens, wobei sie ständig auf der Suche nach gestrandeten Schiffen, schiffbrüchigen Sturmopfern oder Überlebenden von Auseinandersetzungen waren, die dann wegen ihrer Hilflosigkeit risikolos zu
waren 37 .
berauben Im Falle des Mithridates dürften die Nützlichkeitserwägungen den Ausschlag gegeben haben, ihn nicht zu töten oder zu verkaufen; zu sehr mußte ihnen daran gelegen sein, sich nicht offen in Konflikt zum Pontischen Reich zu setzen, und die Freude, einem Feinde Roms helfen zu können, spielte vielleicht auch eine Rolle.
glücklicherweise, einige Seeräuberschiffe zu Hilfe: „Auch dort abgewiesen, fuhr er mit einigen kilikischen Seeräuberschiffen, die zu ihm gestoßen waren, nach der Insel Pityssa[...]Gegen ihn[Annius] wollte Sertorius ein Seegefecht wagen, obwohl er nur über leichte, aufs Schnellsegeln, nicht auf den Kampf eingerichtete Fahrzeuge verfügte“ Es scheint sich also um ein nichtverabredetes Treffen mit nicht kriegstauglichen Piratenschiffen zu handeln. Plut. Sert. 21,5 : Auf der Flucht vor Pompeius` Truppen nimmt Sertorius jede Möglichkeit gerne an, die Verfolger zu behindern: „[...]schnitt ihnen die Zufuhr zu Lande ab durch Hinterhalte[...]und die zur See durch Kaperschiffe, mit denen er die Küstengewässer blockierte.“
34 Plut. Crass. 10,6f 35 Die Freunde raten wohl wegen der notorischen Unberechenbarkeit der Seeräuber ab, denn schon Spartacus hatte schlechte Erfahrungen mit der Zuverlässigkeit seeräuberischer Hilfskräfte machen müssen, als er versuchte, nach Sizilien überzusetzen:
„Die Kilikier trafen ein Abkommen mit ihm und erhielten Geschenke, betrogen ihn aber und fuhren davon[...]“ (Plut. Sert. 10,6) Für diesen Treuebruch dürfte allerdings mehr die Furcht vor römischer Rache als die Habgier ausschlaggebend gewesen sein.
36 App. Mithr. 341 37 De Souza, Piracy, S.125
Ein weiterer Grund für den Widerstand gegen römischen Machtzuwachs war das Selbstverständnis der Piraten. Dieses basierte keineswegs allein auf der gemeinsamen Art des Räuberdaseins, vielmehr hatten sie den Geist einer staatsähnlichen Solidargemeinschaft entwickelt, die schon die Existenz ihres Verbandes schlechthin für etwas verteidigenswertes hielt. Ihre Gemeinschaft war zwar multiethnisch zusammengesetzt, der Name Kilikier hatte sich aber als Sammelbezeichnung wie der Name eines ethnisch homogenen Volkes herausgebildet, und sie hatten sogar einen von Hilfsbereitschaft getragenen
Verhaltenskodex entwickelt 38 , der freilich nur innerhalb ihrer Gruppe Gültigkeit
besaß, wie eine organisierte Gesellschaft mit fester Zielsetzung:
„Und obwohl die einen hier, die anderen dort ihre Raubzüge ausführten – die gleichen Piraten konnten ja auf dem ganzen Meer nicht zur nämlichen Zeit ihre Untaten vollbringen -, bewiesen sie doch solch enge gegenseitige Brüderlichkeit, daß sie Geld und sonstige Hilfen selbst ganz unbekannten
Spießgesellen zuteil werden ließen, als wären sie ihre nächsten Verwandten.“ 39
Mit der Festigung nach innen hatten sie die Voraussetzung geschaffen, auch nach außen selbstbewußt auftreten und ihre Tätigkeit neutraler benennen zu können:
„Und da sie nunmehr die Bezeichnung Räuber unehrenhaft fanden, nannten sie diese Einnahmen Soldatenlöhnung. [...]Ihre Gewinne hatten sie nämlich übermütig gemacht, daher dachten sie auch nicht mehr daran, ihr Räuberdasein aufzugeben, setzten sich vielmehr schon Königen, Tyrannen und großen Armeen gleich und meinten, wenn sie sich alle an einem Punkt
zusammenfänden, unbesiegbar zu sein.“ 40
Aus dem Gemeinschaftsgefühl ist auch das Empfinden einer kollektiven Bedrohung zu erklären, der sich die Piraten durch den wachsenden Einfluß des Römischen Reiches in der zerfallenden hellenistischen Staatenwelt des Ostens ausgesetzt sahen. Deshalb kam es, wenn ihnen auf ihren Raubzügen ein römisches Opfer in die Hände fiel, außer der obligatorischen Freude über den Beuteerfolg auch zu einem fast nationalistisch geprägten Haßgefühl auf die Person des Römers, das sich in Zynismus und Grausamkeit niederschlug:
38 Die Normen dieser Verhaltensvorschrift waren selbstredend utilitaristisch am Vereinszweck
orientiert und dürften denjenigen heutiger Verbrecherorganisationen inhaltlich sehr nahe
gekommen sein.
39 Cass. Dio. 36, 22, 4f.
40 App. Mithr. 418f.
„Wenn einer, den sie gerade gefangen hatten, rief, er sei ein Römer, und seinen Namen nannte, dann taten sie so, als wären sie erschrocken und hätten Angst, schlugen sich auf die Schenkel, fielen ihm zu Füßen und baten ihn flehentlich um Verzeihung. Er erklärte sich dazu bereit, da er sie so demütig und bescheiden sah. Darauf zogen einige ihm seine Schuhe an, und andere legten ihm die Toga um, damit er nicht wieder zu verkennen wäre. Wenn sie so den Mann lange Zeit verhöhnt und ihr Spiel mit ihm getrieben hatten, legten sie schließlich mitten im Meer ein Fallreep aus und forderten ihn auf, auszusteigen und es sich wohlgehen zu lassen, und wenn er das nicht wollte, so stießen sie ihn
über Bord, so daß er ertrank. 41 “
Dies scheinen keine singulären Exzesse von makaber-anekdotenhafter Bedeutung gewesen zu sein, eher stehen sie sinnbildlich für eine grundsätzlich romfeindliche Haltung, denn römische Beute scheint für die Piraten von einer
Bedeutung gewesen zu sein, die über ihren materiellen Wert hinausging 42 .
In den Seeräubern sah sich Rom einem zum Widerstand also hochmotivierten Gegner gegenüber, der durch seine Ortsungebundenheit schwer zu fassen, und durch seine dezentrale Infrastruktur auch nicht mit der Eroberung irgendeiner Hauptstadt seines Zentrums zu berauben war. Erforderlich war also eine Strategie, die sich den Prämissen des Feindes anpaßte, was nur bedeuten konnte, daß sie auch genauso ortsungebunden sein mußte.
Der kurze Feldzug
Um diesem Erfordernis gerecht zu werden, wurde die lex Gabinia erlassen, die ein Außerordentliches Imperium ohne lokale Begrenzung des militärischen Einsatzes zum Inhalt hatte. Die lex selbst enthielt eine Beschreibung von Art, Umfang und Dauer der Befehlsgewalt und als zweiten Punkt eine Auflistung
der hierfür zur Verfügung gestellten Machtmittel 43 .
Die allgemeinen Bestimmungen besagten, daß das Imperium einem einzigen Feldherrn übertragen werden sollte, worauf Pompeius nahezu diskussionslos
dieses Amt zuerkannt wurde 44 .
41 Plut. Pomp. 24
42 Pohl, Piraterie, S.166
43 Gelzer, Pompeius, S.71
44 Plut. Pomp. 25
Da Pompeius auch bei seinen früheren Feldzügen stets Wert auf ausgezeichnete materielle Ausstattung gelegt hatte, bot sich ihm hier nicht nur Gelegenheit, von neuem den Erfolg auf die gleiche Weise sicherzustellen, sondern auch, seine
Machtbereiche zu vergrößern 45 , denn je mehr Menschen, Mittel und Land er
kommandierte, desto weniger davon blieb für Andere übrig. Es kam Pompeius dabei mehr auf den Umfang der zugesprochenen Machtmittel an als auf deren tatsächliche Anwendung, denn er hat nie 120000 Soldaten eingesetzt, nicht einmal im Mithridatischen Krieg, der sich nicht nur auf die Küstenstreifen in einer Breite von 75 km beschränkte. Die Zahl 120000 kam ohnehin nur zustande, weil zwanzig Legionen bewilligt worden waren und die Sollstärke, die aber selten erreicht wurde, 6000 betrug. Für die Zahl von 500 bewilligten Schiffen gilt, daß zum Zeitpunkt der Bewilligung nur 270 existierten und von
den 230 möglichen Neubauten, wenn überhaupt 46 , nur ein kleiner Teil realisiert wurde 47 . Nachbauten dürften sich auch erübrigt haben, da die Zahl der
Kriegsschiffe auf seiten des Gegners, d.h. solche mit Rammsporn, recht gering war, während die Masse der von den Piraten benutzten Fahrzeuge kleine, wendige, und nur zum Überfall auf Handelsschiffe taugliche Boote waren, wie
die Beuteliste nach Beendigung des Krieges ergab 48 :
„Außer vielen anderen Schiffen bekam er neunzig mit eherner Panzerung in
seinen Besitz.“ 49
Aber auch die von ihm dann vermutlich ohne Neubauten ins Gefecht geführte Streitmacht stellte ein gewaltiges Potential dar, wie es bisher noch niemals einem Feldherrn anvertraut worden war. Die Schiffe, die Pompeius zur Verfügung standen, umfaßten nicht nur die Summe aller dem römischen Staat selbst zuzurechnenden Einheiten, sondern schlossen auch alle ein, die Rom aus
Verträgen von Bündnispartnern fordern konnte. 50
Statt nun, wie es seine Vorgänger im Kampf gegen die seeräuberische Bedrohung des Reiches getan hatten, sogleich loszusegeln und die Piraten zur Schlacht zu stellen zu versuchen, entwarf Pompeius einen Aufteilungsplan, nach
45 Groebe, Seeräuberkrieg, S.374
46 Daß tatsächlich wohl kaum Neubauten in Angriff genommen wurden, ergibt sich aus den bekannten Bestandszahlen der römischen Flotte zu Beginn des Bürgerkrieges zwischen Caesar und Pompeius achtzehn Jahre später. Die antiken Schiffe hatten eine lange Lebensdauer und hätten noch vorhanden sein müssen. (Kromayer, Flotte, S.431)
47 Groebe, Seeräuberkrieg, S.378 48 Kromayer, Flotte, S.431 49 Plut. Pomp. 28
dem alle Mittelmeerküsten - von Spanien bis zur Levante - in feste
Zuständigkeitsbereiche seiner Legaten aufgeteilt wurden. 51 Die wohl
wichtigsten Aufgaben, die Überwachung der asiatischen Gewässer, übertrug er dem Marcus Pupius Piso (Bosporus und Propontis), dem Lucius Lollius (Ägäisches Küstengebiet), und dem Quintus Caecilius Metellus (Pamphylien sowie die asiatische Südküste), wobei Letzterem wohl die verantwortungsvollste
Arbeit zukam 52 .
Diese Versperrung aller Rückzugsmöglichkeiten sollte verhindern, daß sich die Piraten flexibel vor der römischen Übermacht einfach in nichtkontrollierte Häfen und Seegebiete zurückziehen konnten. Außerdem war es Aufgabe der Legaten, eventuelle Festungen zu nehmen, und durch diese gleichzeitigen Aktionen jede Koordination und gegenseitige Hilfe der
Piratenstreitkräfte zu verhindern 53 . Pompeius selbst behielt sich die aktivere und
sicher ruhmreichere Aufgabe vor, die Piraten aus den Gewässern zu vertreiben, in denen sie Rom im allgemeinen und der politisch wiedererstarkten plebs urbana im besonderen so sehr geschadet hatten, nämlich aus den Seegebieten zwischen Italien und Nordafrika, denn dort verliefen die Schiffahrtsrouten für
die Getreideimporte. 54 Er führte dazu selbst eine Flotte von Schiffen an und ihm
gelang ein vollständiger Erfolg in nur 40 Tagen. Angesichts der erdrückenden Übermacht römischer Waffenpräsenz zogen sich die meisten Piraten ins ferne
Kilikien in vermeintliche Sicherheit 55 zurück, soweit ihnen der Durchbruch an
den römischen Schiffen vorbei gelang, aber viele ihrer Boote wurden auch aufgebracht:
„Er teilte nun den ganzen Raum des Mittelmeeres mit seinen Teilen in dreizehn
Bezirke 56 und bestimmte für jeden eine gewisse Anzahl Schiffe unter einem
besonderen Befehlshaber, so daß er mit seiner gleichzeitig überall verstreuten Macht die ganze Masse der dort befindlichen Piratenschiffe einkreiste, machte Jagd auf sie und brachte sie auf. Diejenigen, denen es gelang, sich rechtzeitig zu
50 Kromayer, Flotte, S.429
51 Gelzer, Pompeius, S.73 52 Daß Pompeius diese drei Feldherren für besonders fähig hielt und sich in dieser Einschätzung durch den Gang der Ereignisse auch nicht getäuscht gesehen hat, läßt die Tatsache erkennen, daß er im anschließenden Mithridateskrieg mit ihnen zusammenarbeitete. (Magie, Rule I, S.299)
53 Magie, Rule I, S. 299 54 Christ, Krise, S. 253 55 Auch wenn die Seeräuber kein eigentliches Heimatland besaßen, so bot Kilikien wegen der großen Entfernung zu Italien, des schwer zugänglichen Hinterlandes und der gut ausgebauten Festungen ihnen eine gern aufgesuchte Heimstatt. (Christ, Krise, S.253)
56 Es waren eigentlich nur neun Bezirke, aber Plutarch rechnet nach der Zahl der beauftragten Legaten.( Gelzer, Pompeius, S.73, Anm.36)
zerstreuen und durchzubrechen, schlüpften von allen Seiten eilends wie in einem
Bienenstock nach Kilikien.“ 57
Durch die Wiederherstellung des freien Zugangs zu den Getreideprovinzen war
der erste und politisch wichtigste Zweck des Imperiums bereits erfüllt. Um aus
dem schnellen einen dauerhaften Erfolg werden zu lassen, mußte nun der
zweite, schwierigere Teil der Unternehmung bewältigt werden.
Nach kurzem Aufenthalt in Brundisium 58 konnte sich Pompeius an der Spitze
einer ausgesuchten Flotte von 60 Schiffen in Richtung Osten aufmachen. 59 Auf
der Fahrt dorthin nahm er sich nur wenig Zeit für einen Aufenthalt in Athen und
Rhodos, was für Cicero ein Anlaß war, Pompeius als das Urbild eines
pflichtbewußten, asketischen, an den exempla der Vorfahren orientierten
Römers darzustellen 60 .
57 Plut. Pomp. 26
58 Hier wurde er von der politischen Realität in Rom eingeholt, was ihn zu einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt veranlaßte. Dort hatte es der Konsul Piso in seiner Eigenschaft als Vertreter der Optimaten unternommen, Teile der lex Gabinia außer Kraft zu setzen, soweit sie sich nämlich auf das ihm unterstellte Gallien bezogen. Piso ordnete an, die Legaten des Pompeius dort an der ihnen nach der lex gestatteten Aushebung zu hindern. In der Tat war die rechtliche Situation nicht eindeutig, da dem Pompeius nur eine den örtlichen Magistraten gleichgeordnete Befehlsgewalt verliehen war, aber keine eindeutig superiore. Zwar war sein Wegbereiter Gabinius sofort bereit, ein Gesetz zu initiieren, das den widerspenstigen Konsul entmachten sollte, aber solcher Gewaltakte bedurfte es nicht, denn das Volk, von sinkenden Getreidepreisen in beste Stimmung versetzt, empfing Pompeius auf einer Welle der Begeisterung. Pompeius konnte mit dieser popularen Macht im Rücken das Problem mit freundlichem Zureden aus der Welt schaffen. (Gelzer, Pompeius, S.75) Es ist in der Historiographie immer wieder die Frage gestellt worden, welchen Charakters die dem Pompeius 67/66 verliehenen Imperien eigentlich gewesen seien. Hierbei geht der Streit um die Begriffe imperium maius und imperium aequum. Dies ist deshalb so schwer zu entscheiden, weil die Beantwortung der Frage von der Bewertung der Kompetenzen abhängt. Man kann es so interpretieren, daß maius lediglich bedeutet, daß Pompeius der Oberste gegenüber den 15 (bzw. bewilligten 24) Legaten war. Die lex Manilia übertrug ihm später auch das Kommando über alle Streitkräfte östlich der Adria(Gelzer, Pompeius S.81), was ihm zusammen mit der Fortdauer der lex Gabinia gegenüber allen dortigen Magistraten die Oberhoheit gegeben haben dürfte, obwohl diese formal in ihren Rechten nicht eingeschränkt waren (Heftner, Aufstieg, S.188). Für das Kernproblem der konkurrierenden Kompetenzen von Pompeius und den Magistraten gibt es zwischen lex Gabinia und lex Manilia keinen Unterschied. Da er zugleich unbeschränkten Zugriff auf die Finanzen der Provinzen nehmen durfte, kam es zu Kompetenzüberschneidungen, die die rechtliche Situation unklar erscheinen lassen. Für die imperium-aequum-Version spricht allerdings, daß Pompeius so großen Wert auf die Quantität seiner Mittel legte. Hätte er dies getan, wenn die Qualität des Imperiums ihm ohnehin schon die Dominanz gesichert hätte? Andererseits wäre die Verfügungsgewalt über die Provinzkassen ohne eine gewisse Vorrangigkeit über die Magistraten ein stumpfes Schwert gewesen, und auch sein Recht, selber magistratische Insignien verleihen zu dürfen, weist in diese Richtung.
59 Gelzer, Pompeius, S.75 60 „Nicht Habgier lockte ihn vom festgesetzten Wege zu einer Beute, nicht Lüsternheit zu sinnlichem Genuß, keine anmutige Gegend zu heiterem Zeitvertreib, keine berühmte Stadt zur Besichtigung, auch nicht seine angestrengte Tätigkeit zur Rast, und schließlich meinte er die Statuen, Gemälde und sonstigen Schmuckstücke griechischer Städte, die andere mitnehmen zu müssen glauben, nicht einmal eines Blickes würdigen zu sollen. [...] jetzt beginnen sie endlich zu glauben, daß Römer einst eine derartige Enthaltsamkeit übten[...]“ (Cic. Manil. 40)
Tatsächlich dienten seine Aufenthalte nicht der Erholung, sondern dem politischen Ziel, sich der Bevölkerung als Retter vorzustellen und Reputation zu sammeln, denn er hielt in Athen eine Rede, die ihren Zweck nicht verfehlt haben dürfte, wie eine Dankesinschrift zeigt, die zu seinen Ehren am Tor angebracht
wurde. 61 Auf Rhodos suchte Pompeius mehr die Nähe des Philosophen Poseidonios, hörte seine Vorlesungen und erhielt auch ein Privatgespräch 62 :
„Man erzählt nämlich, daß Pompeius, als er zu Rhodus verweilte, um zum Seeräuberkriege auszuziehen (er wollte aber sofort auch gegen den Mithridates und die bis zum Kaspischen Meere hin wohnenden Völkerschaften
aufbrechen 63 ), den Vorträgen des Poseidonios beigewohnt und daß jener, beim
Abschied von ihm befragt, ob er ihm noch etwas auftragen wolle, geantwortet
habe: Immer der erste zu sein und empor zu streben vor anderen.“ 64
Im Verlauf des nun folgenden Feldzuges kam es nur einmal zu einer kriegerischen Auseinandersetzung, die die Bezeichnung Schlacht verdient hatte. Dies war das Seegefecht vor Korakesion, wohin sich die Reste der geschlagenen Seeräuberstreitkräfte gerettet hatten. Daß sie sich zum Kampf stellten, hatte seinen Grund darin, daß sie hierhin ihr ganzes Hab und Gut und auch ihre Familien geschafft hatten; auch um ihren Gegner in ihren Stammlanden nicht fußfassen zu lassen, wagten sie noch einmal das Äußerste. Pompeius gewann diese Schlacht, ließ seine Truppen landen und begann mit der Belagerung und Einnahme der Festungen. Er hatte wie üblich, um hartnäckigem Widerstand begegnen zu können, mehr aber noch aus der Gewohnheit heraus, immer gut vorbereitet und bestens ausgerüstet zu sein, geeignetes Belagerungs~ und Sturmgerät mitgeführt, so daß die Burgen sich ergeben mußten und
geschleift wurden 65 . Was nun folgte im weiteren Verlauf des Seeräuberkrieges,
Diese Rede wurde Anfang des Jahres 66 gehalten, und zwar zum Zwecke der Erteilung des Imperiums gegen Mithridates. Es hatte Angriffe gegen Pompeius gegeben, er habe ja gar keinen richtigen Krieg geführt, denn seine optimatischen Gegner waren während seiner Abwesenheit nicht untätig geblieben. (Gelzer, Pompeius, S.75) Dem setzt Cicero das Bild eines strikt in der Tradition des mos maiorum stehenden Pompeius entgegen; jeder Hinweis auf schlicht zweckorientiertes Denken wird vermieden, Pompeius tritt als fleischgewordene römische Tugend auf.
61 Gelzer, Pompeius, S.75 62 Es wird weniger das philosophische Interesse als vielmehr die öffentlichkeitswirksame Berichterstattung über das Treffen gewesen sein, die ihn zu der Zusammenkunft motivierte.
63 Es darf spekuliert werden, ob Strabon dies einfach seiner Kenntnis des späteren Geschichtsverlaufs entnimmt oder aus einem Verhalten des Pompeius schließen zu können glaubt.
64 Strabo. 11, 492 65 Gelzer Pompeius, S.76
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Magister Joachim Pahl, 2005, Pompeius im Osten - Strategien zur Herrschaftssicherung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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