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Inhaltsangabe
1. Erlebnis Erinnerung Erzählung S 2
2. Die rekonstruktive Fallanalyse S 4
2.1 Prinzipien S 4
2.2 Vorgehen S 6
2.2.1 Analyse der biographischen Daten S 6
2.2.2 Text - und Thematische Feldanalyse
(sequentielle Ana lyse der Textsegmente des Interviews) S 6
2.2.3 Rekonstruktion der Fallgeschichte (erlebtes Leben) S 7
2.2.4 Feinanalyse einzelner Textstellen S 7
2.2.5 Kontrastierung der erzählten
mit der erlebten Lebensgeschichte S 8
3. Auswertung der Stegreiferzählung von Frau O S 9
3.1 Biographische Daten S 9
3.2 Analyse der biographischen Daten S 10
3.3 Segmentierung der erzählten Lebensgeschichte S 10
3.4 Analyse der erzählten Lebensgeschichte S 11
3.5 Feinanalyse einzelner Textstellen und Kontrastierung
der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte S 12
4. Fazit S 14
5. Literatur S 15
6. Anlage S 16
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1. Erlebnis – Erinnerung – Erzählung
Um ein narratives Interview einwandfrei auswerten zu können, muss der For- scher sich stets vor Augen halten, dass es sich bei dieser Art Text um eine Er- zählung handelt, die auf den Erinnerungen des Biographen aufgebaut ist. Eri n-
nerungen, und somit auch die Erzählungen, sind immer retrospektiv und unter- scheiden somit sich vom eigentlichen Erlebnis. Verzerrungen zwischen den E-
benen können durch Faktoren wie Müdigkeit, bestimmte Gefühlszustände wä h-
rend des Erzählens , aber auch durch „soziale Erwünschtheit“ entstehen. 1 Die- ser Vorstellung liegt die „Speicherungskonzeption“ zugrunde, „bei der das Ge-
dächtnis als eine Art defizitäres Tonband […] konzipiert wird. Defizitär ist dieses Tonband, weil es der Idealvorstellung, daß [sic!] alles Erlebte der Reihe nach
aufgezeichnet wurde und jederzeit abspielbar sein sollte, nicht entspricht“. 2 Das Erlebte wird unter dem Einfluss der Gegenwart reproduziert und ist somit starken Schwankungen unterlegen. In der „gestalttheoretischen Konzeption“
des Gedächtnisses geht man davon aus, dass „gegenwärtige Erlebnisse mit
vergangenen verknüpft werden“ und dadurch das Erlebte hervorgeholt wird. 3 Damit ähnelt diese Vorstellung der „Netzwerk-Theorie“, in der „gegenwärtige[…] Gefühlszustände[…] mit den damit assoziierten Erinnerungseinheiten“ verbun-
den sind. 4 Allerdings „erinnert man sich ja nicht an alle Situationen des Lebens, die mit den Gefühlen in der Gegenwart korrespondieren, sondern eben nur an diejenigen, die in ihrer Bedeutung eine thematische Verknüpfung mit der ge-
genwärtigen Situation aufweisen bzw. mit ihr in einem thematischen Feld ste-
hen.“ 5 Beachtet werden muss auch, dass man sich nicht alle Erlebnisse merkt. Gründe dafür, dass Ereignisse nicht ins Gedächtnis aufgenommen werden, sind z.B. chaotisches Erleben einer Situation, einem mangelnden Wechsel der Umge-
bung oder die Routinisierung von Situationen. „Empirische Untersuchungen zu Gedächtnisleistungen zeigen […], daß [sic!] in der Erlebenssituation bereits
1 Gabriele Rosenthal: Erlebte und erzählte Lebensgeschichte – Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt/New York 1995, S. 71. (Kurztitel: Rosenthal, 1995.)
2 Ebd.
3 Ebd., S. 73.
4 Ebd., S. 74.
5 Ebd., S. 75.
3
Gestaltetes wesentlich besser memoriert werden kann als die Wahrnehmung
und das Erleben von Chaos […]. Chaos geht höchstens als Eindruck von Cha-
os, und damit ohne Bedeutungszuschreibung ins Gedächtnis ein.“ 6 Auch Situa- tionen, die keinem genauen Ort und keiner genauen Zeit zuzuordnen sind, wer-
den schwerer ins Gedächtnis aufgenommen. So verhält es sich z.B. auch bei
routinierten Handlungen. Hier merkt man sich nur noch herausragende Situati-
onen.
Genauso schwierig, wie das Verhältnis von Erlebnis zu Erinnerung, stellt sich
auch das Verhältnis von der Erinnerung zur Erzählung dar. Der Erzählprozess
findet auf einer anderen Ebene statt, als die Erinnerung. Bei der Erzählung
muss der Erzähler seinem Zuhörer die Gedanken zugänglich machen, indem er
sie verbalisiert. Hier greifen die schon bei Schütze erwähnten Zugzwänge des
Erzählens in den Vorgang ein. Der Gestaltschließungs-, Kondensierungs- und
der Detaillierungszwang sorgen dafür, dass die Erzählung verständlich wird. 7 Allerdings kann der Erzählprozess auch zu einer weiteren Suche und Rekon-
struktion von Erinnerungen führen, wenn er vom Zuhörer stimuliert und nicht
blockiert wird.
Somit enthält die erzählte Geschichte sowohl mehr, als auch weniger als die
Erinnerung:
1. Es wird nicht alles erzählt, woran sich der Erzähler oder die Erzählerin im Mo- ment der Erzählung erinnert.
2. Es werden Bestandteile in die Erzählung miteinbezogen, die nicht zum Erinne- rungsnoema des Erlebnisses gehören. Neben Bestandteilen von anderen Erinne- rungen oder theoretisch-argumentativen Ausführungen, können auch Fremder- zählungen in die Geschichte eingeflochten werden, d.h. solche Erzählungen, die nicht auf eigene Erlebnissen, sondern auf Erzählungen anderer beruhen. 8 Gewisse Verzerrungen zwischen dem Erlebnis, der Erinnerung und der Erzä h-
lung sind also immer normal und lassen sich zumeist durch die Struktur des
Textes erkennen. So werden sie als Faktor auch untersucht und können mit in
die Interpretation einfließen.
6 Rosenthal, 1995, S. 76.
7 Vgl. Fritz Schütze: Zur Hervorlockung und Analyse von Erzählungen thematisch relevanter Geschichten im Rahmen soziologischer Feldforschung. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hg.): Kommunika- tive Sozialforschung. München 1976, S. 159-260.
8 Rosenthal, 1995, S. 90.
4
2. Die rekonstruktive Fallanalyse
Das Verfahren der rekonstruk tiven Fallanalyse ist ein Auswertungsverfahren zur Analyse von transkribierten qualitativen Interviews, insbesondere von Stegreif- erzählungen aus narrativen Interviews. Das „Vorgehen basiert auf der von Gab- riele Rosenthal […] vorgestellten Verknüpfung des von Fritz Schütze entwickel- ten textanalytischen Verfa hrens mit der thematischen Feldanalyse, […] sowie mit Prinzipien der hermeneutischen Fallrekonstruktion in der objektiven bzw.
strukturalen Hermeneutik.“ 9
2.1 Prinzipien
Bevor auf die konkrete Vorgehensweise der Auswertungsmethode eingegangen werden kann, sollen zuerst noch die übergeordneten Prinzipien des Verfahrens erläutert werden.
Das Prinzip der Offenheit, dass auch schon bei der Interviewführung des narra- tiven Interviews dominierend war, gilt ebenso bei der Auswertung, da es beson- ders wichtig ist, dem Text ohne vorab entwickelten Hypothesen oder Kategorien zu begegnen.
Bei der Analyse muss die Gestalt der erlebten und erzählten Lebensgeschichte rekonstruiert und nicht in einzelne Teile auseinander genommen werden. Bei der Anwendung dieses Verfahrens sollte man sich also stets die Frage stellen, welche funktionale Bedeutsamkeit die einzelne n Sequenzen für die Gesamtge- stalt des Textes, also sowie für die erzählte, als auch für die erlebte Lebensge-
schichte haben. 10 Die erzählte und die erlebte Lebensgeschichte müssen au- ßerdem bei der Analyse zunächst auseinander gehalten und getrennt vonein- ander betrachtet werden. Dazu müssen beide Ebenen am Anfang nach dem dreistufigen Verfahren der Abduktion rekonstruiert werden:
1. Von empirischen Phänomenen ausgehend, wird auf eine allgemeine Regel ge- schlossen. Dieser Schritt bedeutet das eigentliche abduktive Schließen. Wesent- lich dabei ist jedoch, daß [sic!] nicht nur auf eine Regel oder Lesart geschlossen wird, sondern auf alle zum Zeitpunkt der Auslegung möglichen, das Phänomen vielleicht erklärenden Lesarten.
9 Wolfram Fischer-Rosenthal/Gabriele Rosenthal: Narrationsanalyse biographischer Selbstpräsentation. In: Hitzler, Ronald/Honer, A. (Hg.): Sozialwissenschaftliche He rmeneutik. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 147. (Kurztitel: Fischer-Rosenthal/Rosenthal, 1997.)
10 Vgl. Rosenthal, 1995, S. 208.
5
2. Aus den formulierten Lesarten werden Folge-Phänomene deduziert, d.h. es wird von der Regel auf weitere, diese Regel bestätigende empirische Fakten ge- schlossen.
3. Hier erfolgt der empirische Test im Sinne des induktiven Schließens. Entspre- chend der deduzierten Folge-Phänomene wird am konkreten Fall nach entspre- chenden Indizien gesucht. Die Lesart, die nicht falsifiziert werden kann, die also beim Hypothesentest in Abgrenzung von den unwahrscheinlichen Lesarten übrig bleibt, gilt dann als die wahrscheinlichste. 11
Ein weiterer Grundsatz der rekonstruktiven Fallanalyse ist das Prinzip der Se- quenzialität. Es dient dazu, die Prozesshaftigkeit der erzählten und die erlebten Lebensgeschichte zu beachten und zu untersuchen. Handlungen im Lebenslauf geschehen immer als Folge verschiedener gegebener Möglichkeiten. Aufgabe des Forschers ist es die Alternativen im Handlungsverlauf der erlebten Lebens- geschichte und deren denkbare Bedeutung für die Gestaltung der Selbstprä- sentation herauszustellen und zu durchleuchten.
Da eine Erzählung der Lebensgeschichte immer retrospektiv ist, hat sie immer zwei Bedeutungsebenen. Anhand der erzählten Lebensgeschichte untersucht man die biographische Bedeutung der Erlebnisse in der Gegenwart, also we l- che Bedeutung das Geschehen zum Zeitpunkt der Erzählung für den Informan- ten hat. Bei der erlebten Lebensgeschichte untersucht der Forscher hingegen, welche Bedeutung das Erlebte zum Zeitpunkt des Geschehens für den Inter- viewten hatte. Diese beiden Ebenen müssen zuletzt nach dem Prinzip der Kon- trastierung miteinander verglichen werden, damit die Bedeutung der einzelnen Sequenzen thematisch, wie temporal verstanden werden kann.
11 Rosenthal, 1995, S. 213.
Quote paper:
Nicole Giese, 2005, Auswertung qualitativer Interviews nach der Methode der Rekonstruktiven Fallanalyse von Rosenthal und Fischer-Rosenthal mit Fallbeispiel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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