Inhalt
Inhaltsangabe 3
1. Einleitung 4
2. „Vielleicht lebe ich in einem Land das so heißt Wahnsinn “
Fassbinders Deutschland 5
2.1 Fassbinders Generationserfahrung und Umgang mit der Geschichte 6
2.2 Fassbinders politische Gegenwart und Entstehungszeit des Films 11
3. Maria Braun im Spannungsbogen von individueller und allgemeiner
deutscher Geschichte 14
3.1 Frausein nach Kriegsende Film und Realität 14
3.2 Versorgungslage und kulturelle Amerikanisierung 18
3.3 Wirtschaftlicher Aufschwung und politische Emanzipation der frühen
1950er Jahre 21
4. Ein feministischer Film 28
5. Gattung und Gestalterische Mittel 30
5.1 Ein dekonstruiertes Melodrama 30
5.2 Akustische und visuelle Gestaltungsmittel 322
5.3 Der Kommentar der Fußball-WM von 1954 33
5.4 Nachspann: Die Portrait-Serie 34
6. Eine Nation definiert sich über das „Wirtschaftwunder“ Abschließende
Betrachtung 35
7. Bibliografie 388
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Inhaltsangabe
Deutschland im Zweiten Weltkrieg: In einem Standesamt, das gerade von einer Bombe getroffen wird, heiraten Maria (Hanna Schygulla) und Hermann Braun (Klaus Löwitsch). Ihre Liebesgeschichte ist jedoch eine unerfüllte: Nach einem halben Tag und einer ganzen Nacht muss Hermann zurück an die Front. Nach Kriegsende wartet Maria vergeblich auf seine Rückkehr. Ein Freund bringt ihr die Nachricht, er sei tot. Maria, die zielstrebig und durchsetzungsstark ist, wartet nicht passiv ab, sondern nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Um das Überleben ihrer Familie zu sichern arbeitet sie als Animierdame in einer Bar für amerikanische GIs und beginnt ein Verhält nis mit Bill (George Byrd), einem schwarzen US-Soldaten. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, und er versorgt sie und ihre Familie mit den notwendigen Dingen. Eines Abends steht Hermann vor der Tür, und Maria erschlägt ihren Liebhaber. Hermann nimmt die Tat auf sich und wird zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Maria lebt von nun an nur noch für Hermann und ihre gemeinsame, ferne Zukunft. Auch ihre Gefühle verschiebt sie auf später. Für Emotionen ist im deutschen Wiederaufbau kein Platz. Sie treibt das Kind, das sie von Bill erwartet, ab und wird Prokuris tin und Geliebte des Industriellen Karl Oswald (Ivan Desny), dessen Textilfirma sie zu ihrem eigenen Vorteil zum Erfolg führt.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis geht Hermann nach Kanada, weil er zu stolz ist, sich von seiner Frau aushalten zu lassen. Maria, die es mittlerweile als Oswalds Geschäftspartnerin zu materiellem Wohlstand gebracht hat, erleidet Depressionsschübe und beginnt zu trinken. Eines Tages, kurz nach Oswalds Tod, kehrt Hermann zurück. Jetzt, nach einem Jahrzehnt, könnten sie eigentlich beginnen ihre Ehe zu leben. Bei der Testamentseröffnung durch Oswalds Sekretär kommt jedoch heraus, dass die beiden Männer hinter Marias Rücken eine Abmachung getroffen hatten: Hermann sollte nach seiner Haftentlassung ins Ausland gehen, damit Oswald seine letzte Zeit mit Maria verbringen kann. Im Gegenzug wurden Maria und Hermann zu Oswalds Alleinerben. Nachdem sie das erfahren hat, zündet sich Maria in der Küche eine Zigarette an. Weil sie vorher vergessen hat, das Gas abzustellen, explodiert das Haus während man im Radio hört, wie Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gegen Ungarn gewinnt.
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1. Einleitung
Die Ehe der Maria Braun wurde zur Eröffnung der Berlinale 1979 uraufgeführt und war sowohl in Deutschland als auch im Ausland sehr erfolgreich. Er ist der erste Film einer BRD-Trilogie (weitere Filme: Lola [1981] und Die Sehnsucht der Veronika Voss [1982]), in der Rainer Werner Fassbinder anhand exemplarischer Frauenkarrieren die deutsche Gesellschaft und Mentalität in den Anfangsjahren der Bundesrepublik beleuchtet.
Fassbinder hatte in den späten 1960er Jahre begonnen, eine Reihe von kompromisslos zeit- und sozialkritischen Filmen zu drehen. Liebe ist kälter als der Tod (1969), Händler der vier Jahreszeiten (1972), Angst essen Seele auf (1974) oder der Kollektivfilm Deutschland im Herbst (1977) bele gen, dass er sich kontinuierlich mit der aktuellen bundesdeutschen Gesellschaftsrealität, deren Machtverhältnissen und Abhängigkeiten auseinandersetzte und diese im leitmotivischen Scheitern von Illusionen künstlerisch umsetzte. Die historische Dimension seiner Themen blieb jedoch vorerst unberücksichtigt. 3 Nach 1977 greift er mit seinen großen publikumswirksamen Filmen – unter ihnen die Trilogie – die deutsche Nachkriegsgeschichte auf. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Der Deutsche Herbst von 1977, in dem die Gewalttaten der RAF (Rote Armee Fraktion) den deutschen Staat auf die Probe stellen, wird von Fassbinder zum Anlass genommen, dessen Selbstverständnis zu hinterfragen: Wie demokratisch ist ein Staat in dem Moment, in dem er bereit ist, die Freiheiten und Rechte des Einzelnen der inneren Sicherheit nachzuordnen?
Um dieses Selbstverständnis erklären zu können, wählt Rainer Werner Fassbinder den historischen Ansatz und beleuchtet von diesem aus unter Zuhilfenahme einer analytisch-systemkritischen Perspektive die zeitgenössische bundesdeutsche Mentalität. Wie auch Walter Benjamin geht es ihm um das Verhältnis von Vergangenheit und Gege nwart, die sich „im Moment der Erkenntnis gegenseitig blitzartig erhellen“ 4 . Ihn interessiert der Bruch von 1945, als die Zukunft noch offen stand und die Weichen für die Bundesrepublik erst noch gestellt werden mussten. Die vertane Chance dieses Neuanfangs war es, was
3 Vgl. KAES, S. 80.
4 BENJAMIN, Walter: Über den Begriff der Geschichte. In: TIEDEMANN, Rolf; SCHWEPPENHÄUSER,
Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, Frankfurt/M. 1974ff., S. 695.
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ihn cinematographisch reizte und worauf sich seine persönliche Diagnose des Deutschen Herbstes gründete.
Maria Brauns Werdegang steht stellvertretend für die Entwicklung der Bundesrepublik. Sie ist die Verkörperung des deutschen „Nachkriegswunders, mit dem eilig alles beiseite geräumt wurde, was an die Herrschaft der Nazis erinnerte“ 5 . Mit „Die Ehe der Maria Braun“ ergänzt Fassbinder das Bild der oft nostalgisch verklärten Ära der 1950er Jahre wachsam und liest es gegen die Konvention.
Diese Hausarbeit möchte sich a uf sozial-, mentalitäts- und kultur geschichtlichem Wege beiden Zeitebenen, den 1950er und den 1970er Jahren nähern und die Ereignisse der Jahre 1945 bis 1954 im Spiegel der Entstehungszeit des Films betrachten. Genauso wenig wie Fassbinders Film ein historisches Dokument ist, versucht sie nicht, sich ihrem Thema streng faktologisch zu nähern. Statt dessen möchte sie dem Diskussionspotential, das dem Film innewohnt, gerecht werden, indem sie Ansichten reflektiert, die den gesellschaftskritischen Autorenfilmer veranlassten, sich aus zeitgeschichtlicher Perspektive einer aktuellen Problematik zu nähern.
2. „Vielleicht lebe ich in einem Land, das so heißt – Wahnsinn.“ 6 – Fassbinders
Deutschland
Im Ausland, wo Fassbinder ein hohes Ansehen genoss, wurde er auch als glaubwürdiger Chronist D eutschlands geschätzt. Aufgrund seines kritischen Umgangs mit dem bundesrepublikanischen Zeitgeschehen bezeichnete ihn selbst ein konservatives Massenblatt wie die britische Daily Mail als das „Gewissen seiner Nation“ 7 . Den Grund, warum er Zeitgeschichte filmisch aufarbeitet, erkennt die französische Le Monde in einem Nachruf in seiner Generationserfahrung: Rainer Werner Fassbinder repräsentierte die leidenschaftliche Wut des deutschen Films, die Wut einer Jugend, die in den sechziger Jahren die Augen öffnete und wahrnahm, was die Älteren ihr hinterlassen hatten: die Zerstörung der deutschen Identität durch den Nationalsozialismus. 8
5 SPAICH, Herbert: Rainer Werner Fassbinder: Leben und Werk. Weinheim 1992, S. 303. 6 Aussage Marias im Film Die Ehe der Maria Braun.
7 Auskunft über Deutschland. A usländische Reaktionen auf den Tod von Rainer Werner Fassbinder. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (12. Juni 1982).
8 Ebd.
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2.1 Fassbinders Generationserfahrung und Umgang mit der Geschichte
Fassbinder spürt im Zuge eines deterministischen Geschichtsverständnisses die Ursachen der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation in der deutschen Nachkriegsgeschichte auf. Gleichzeitig stellt er die zu seiner Zeit etablierte Geschichtsinterpretation der fünfziger Jahre, die - wie in jeder Gesellschaft - von einer meinungsführenden Elite bestimmt wurde, infrage, und räumt mit deren historischer Mythenbildung auf.
Sein kritischer Ansatz – von Rezensenten bisweilen als Nihilismus gedeutet 9 – ist normativ und setzt bei den Möglichkeiten, das besiegte Deutschland gesellschaftspolitisch neu zu gestalten, an. Vor allem der erste Bundeskanzler, der konservative Übervater Konrad Adenauer mit seinem Credo „Keine Experimente!“ 10 , steht jedoch für eine Kontinuität alter Ordnungen. Mit Blick auf seine BRD-Trilogie äußert Fassbinder, nach 1945 sei die Chance vertan worden „einen Staat zu errichten, der so hätte sein können, wie es humaner und freier vorher keinen gegeben hat“. 11 Demgegenüber blickt er auf die tagespolitische Realität, in der ein Staat, unterstützt von einer autoritätsgläubigen Gesellschaft, aufgrund der terroristischen Bedrohungslage einige demokratische Rechte mit Füßen tritt.
[...] Ich sehe vieles, was mir auch heute wieder Angst macht. Der Ruf nach Ruhe und Ordnung. [...] Unsere Demokratie ist eine damals für die Westzone verordnete, wir haben sie uns nicht erkämpft. Alte Formen haben große Chancen, sich Lücken zu suchen, ohne Hakenkreuz natürlich, aber mit alten Erziehungsmethoden. Ich staune, wie schnell es in diesem Land eine Wiederbewaffnung gegeben hat. [...] Ich will auch zeigen, wie die 50er Jahre den Menschen der 60er Jahre geprägt haben. Diesen Zusammenprall der Etablierten mit den Engagierten, die in die Abnormalität des Terrors gedrängt wurden. 12
Fassbinder entdeckt die Ursache hie rfür in der Kontinuität der sozialpolitischen Mentalität einer breiten Bevölkerungsschicht. Vergleicht man das, was westdeutsche Zeitzeugen in den dreißiger und auch den fünfziger Jahren als oberstes politisches Ziel erachteten, zeigen sich Prallelen: W irtschaftlicher
9 FEINSTEIN, Howard: BRD 1-2-3: Fassbinder’s Postwar Trilogy and the Spectacle. In: Cinema Journal, Bd. 23, Heft 1 (Herbst 1983), Austin/Texas, S. 44.
10 Wahlkampfmotto des der CDU/CSU unter Konrad Adenauer im Bundestagswahlkampf von 1957.
11 TÖTEBERG, Michael: Rainer Werner Fassbinder: Filme befreien den Kopf. Essays und Arbeitsnotizen, Frankfurt/M. 1984, S. 73.
12 Geschichtsergänzung. Gespräch mit Rainer Werner Fassbinder, in: ARD-Fernsehspiel, 1978, S. 60.
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Aufschwung – der Begriff des Wirtschaftswunders war schon für die einsetzende industrielle Rüstungsproduktion in den dreißiger Jahren geprägt worden –, Verminderung der Arbeitslosigkeit und die Schaffung von etwas, das als Ordnung empfunden wurde, 13 sind für beide Jahrzehnte und – nach Fassbinders Auffassung – schließlich auch für die siebziger Jahre kennzeichnend. Der Ruf nach einer starken regierenden Hand und die Autoritätsgläubigkeit waren ähnlich und ließen über moralisch bedenkliche Handlungen des Staatsapparates hinwegschauen. In seinem Beitrag zu dem Gemeinschaftsprojekt Deutschland im Herbst macht Fassbinder in einem (gestellten) Dialog mit seiner Mutter, die in der Krise von 1977 gern einen autoritären Herrscher an der Macht sähe, der „ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“ 14 , deutlich, dass – gerade weil sie das Dritte Reich selbst miterlebt hat – ihr Demokratieverständnis doch ein kompromissloseres sein müsste.
Genossen einerseits kleinbürgerliche Sekundärtugenden wie Ruhe, Disziplin, Ordnung, Tüchtigkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Unterordnung in der Nachkriegszeit weiterhin ein hohes Ansehen, hatte man andererseits kaum Verständnis für jugendliche Eigenständigkeit. Vergleicht man EMNID-Umfragen zu den Erziehungszielen von 1951 und 1981, zeigt sich, dass 1951 „Selbstständigkeit und freier Wille“ (28 Prozent) und „Gehorsam und Unterordnung“ (25 Prozent) noch gleichrangig hinter „Ordnungsliebe und Fleiß“ (41 Prozent ) la gen, während 1981 „Selbstständigkeit und freier Wille“ die höchste Wertschätzung (52 Prozent) erhielt und „Gehorsam und Unterordnung“ abgeschlagen auf einem der letzten Plätze (8 Prozent ) rangierte. 15 Die Erfahrungen des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten unterdessen den Glauben an ein allgemeingültiges Wertesystem eher erschüttert als bestärkt. Demokratische Verhaltensweisen mussten erst durch die Alliierten vermittelt werden, und der Politik wurde insgesamt kaum vertraut. Die Bundesbürger standen jedoch politischen Extremen, Massenbewegungen und Ideologien zunehmend skeptisch gegenüber 16 , während sie sich in einen ausgeprägten Privatismus zurückzogen. Die Kleinfamilie wurde zur Keimzelle des privaten Glücks, das mit dem einsetzenden wirtschaftlichen
13 Vgl. PLATO, Alexander von; LEH, Almut: „Ein unglaublicher Frühling“. Erfahrene Geschichte im Nachkriegsdeutschland 1945 – 1948. Bonn 1997, S. 133.
14 Zit. nach ELSAESSER, Thomas: Ra iner Werner Fassbinder. Berlin 2001, S. 108.
15 SCHILDT , Axel: Persil ist wieder da! In: Damals, Nr. 4/1999, S. 15.
16 Vgl. PLATO; LEH, S. 130.
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Aufschwung durch lange entbehrte und neue Konsumgüter ergänzt wurde. Nur wenn die Politik, so wie die Wirtschaftspolitik der fünfziger Jahre, direkt in die heimische Sphäre hineinreichte, wurde sie überhaupt noch als bedeutsam empfunden. Eine Identifikation mit dem Parlamentarismus fand i n dieser Atmosphäre nicht statt, was das politische Desinteresse im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik erklärt. Die Trivialthemen der an Einfluss gewinnenden Regenbogenpresse halfen bei dieser Flucht in die borniert-beschauliche Geborgenheit des Privaten.
Von der anderen Seite her betrachtet war das Staatsmodell, das sich in Westdeutschland herausbildete, von „Angst vor dem Volke“ 17 geprägt und verweigerte einige basisdemokratische Mitentscheidungsmöglichkeiten. Plebiszite beispielsweise wurden nicht – wie in anderen Staaten Europas – im Grundgesetz verankert. Die Aufgabe der Politik, an der öffentliche n Meinungsbildung teilzuhaben, trat in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre mehr und mehr in den Hintergrund, und es entwickelte sich eine Mentalität, die das gesellschaftspolitische Um- und Weiterdenken erschwerte. War der Bundestag in der ersten Hälfte der 1950er Jahre im Ringen um die Fragen Wiedervereinigung, Wiederbewaffnung und Wiedergutmachung noch ein Forum der öffent lichen Diskussion gewesen, tabuisierte er die nun anstehenden gesellschaftspolitischen Fragen. 18 An die Stelle politischer Leidenschaft traten nach dem Tod Kurt Schumachers Beschaulichkeit und Expertokratie. Funktionäre, Lobbyisten und Bürokraten bestimmten den politischen Austausch, 19 während die Gewerkschaften durch das Aufgehen des Klassenbewusstseins der Arbeiter in der konsumorientierten Massengesellschaft und das daraus resultierende Obsoletwerden sozialistischer Theorien gezähmt wurden 20 . Intellektuelle wurden als „zersetzend“ empfunden und der Begriff wieder als Schimpfwort gebraucht. 21 Diese Phase des politischen Konsenses, der vor allem von der jungen Generation als Stagnation empfunden wurde, fand ihre Entsprechung 1966 in der Bildung der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger.
17 Ebd., S. 139.
18 HENNIS, Wilhelm: Der deutsche Bundestag 1949-1965. In: Der Monat, Nr. 215/1966, S. 27ff. 19 Vgl. GLASER, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart, Bonn 2003, S. 199.
20 Vgl. ebd., S. 212f.
21 Vgl. z.B. ENZENSBERGER, Hans Magnus: Dokument aus der Finsternis des Wirtschaftswunders. In: Die Zeit, 2.2.1979.
8
Die Aufbauleistung der Nachkriegsjahre soll damit nicht in Abrede gestellt, sondern ihr Defizit aufgezeigt werden. Ein entscheidendes Versäumnis der neuen Demokratie und späterer Fallstrick für die BRD war das Desinteresse an einer umfassenden Aufarbeitung des Dritten Reiches. Ohne diese konnte der Neuanfang nach 1945 aber nur halbherzig begonnen werden. Der Nationalsozialismus wurde von den Deutschen nach Kriegsende nicht als ganzes System verurteilt, sondern lediglich in seinen Auswüchsen und Konsequenzen wie dem Holocaust – dessen Ausmaß nur sukzessiv Eingang in das Bewusstsein der Be völkerung fand – oder der gescheiterten Kriegspolitik. Innenpolitisch wurde er durchaus weiterhin positiv beurteilt. Die Alliierten trugen zu dieser indifferenten Haltung bei: Nachdem vor allem kleinere Anhänger des Nationalsozialismus bestraft worden waren, gaben sie ihre Entnazifizierungspolitik auf, da ihnen der missionarische Kampf gegen den Kommunismus bald wichtiger war als das Ausmerzen des Nationalsozialismus.
Auf der sozialen Mikroebene wurde nach Kriegsende „Nichtwissen“ zu einer vorherrschenden Geisteshaltung, und man rückte zu einer „Verschweigensgemeinschaft“ 22 zusammen. Ein weiteres Entschuldigungsmuster findet sich im Pragmatisch-Privaten: Man ist zum Mitläufer geworden, da man sich daraus persönliche Vorteile ableitete oder als Einzelner „sowieso nichts ändern“ konnte. Gepaart mit Aufstiegswillen und dem Bewusstsein, viel gelitten zu haben, ergeben diese Strategien eine typisch apologetische Ment alität der Nachkriegszeit. Außerdem wurden so „Einverständnisbrücken“ 23 zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und divergenter NS-Vergangenheit geschaffen. Industrielle und Funktionäre konnten mit der Sympathie des einfachen Mitläufers, der sich ebenso wie sie der Kollektivschuld-These ausgesetzt sah, rechnen, wenn sie sich erfolgreich als „Menschen mit privaten Interessen“ 24 darstellten.
Die Kooperation der Ära Adenauer mit der Verschweigensgemeinschaft zu Beginn der Bundesrepublik, durch die fragwürdige Mitläufer und bekannte Nationalsozialisten nahtlos in das neue System eingegliedert und die
22 MÖDING, Nori: „Ich muss immer irgendwo engagiert sein. Fragen Sie mich bloß nicht, warum.“ Überlegungen zu Sozialisationserfahrungen von Mädchen in NS-Organisationen, in: NIETHAMMER, Lutz; PLATO, Alexander von (Hrsg.): „Wir kriegen jetzt andere Zeiten.“ Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern, Berlin/Bonn 1985 (= Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet; 3), S. 267.
23 PLATO; LEH, S. 134.
24 Ebd.
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Anne Grabinsky, 2004, Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" - Analyse mit kulturgeschichtlichem Ansatz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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