„[…] in Thelma and Louise, two women’s lives change when they leave the
utopia for élite men which is called America.” 1
1 BARR, Marleen (1991), “Thelma and Louise: Driving Toward Feminist SF; Or, Yes, Women Do
Dream of Not Being Electric Sheep”, Foundation: The Review of Science Fiction, Vol. 53, 83.
1
Inhalt
1. Einleitung: Der Film im Spiegel von Kritik und
Entstehungszeit………………………………………………………3
1.1 Rezeption 3
1.2 Entstehungszeit 5
1.3 Ziel der Hausarbeit 6
2. Die Repräsentation von Gender in Thelma and Louise 7
2.1 Genre 7
2.2 Räumlichkeit 9
2.3 Filmmusik 15
2.4 Visualität und die Entwicklung der Protagonistinnen 18
2.4.1 Charakterisierung 18
2.4.2 Sequenzanalyse: Der Aufbruch 21
2.4.3 Maskuline Rollen feminin ausgefüllt 22
2.4.4 Das Spiegelmotiv 23
2.5 Thelma und Louise in Begegnung mit Männern 26
2.5.1 Die versuchte Vergewaltigung als Katalysator des Veränderungsprozesses
26
2.5.2 J D 29
2.5.3 Der Trucker 29
2.5.4 Hal Slocumbe 30
2.6 Der Selbstmord Metapher für die Macht des Patriarchats oder Schlag
ins Gesicht 30
3. Schlussbetrachtung 33
4. Literatur- und Abbildungsverzeichnis 35
2
1. Einleitung: Der Film im Spiegel von Kritik und Entstehungszeit
Rid ley Scotts Thelma and Louise war im Kinosommer 1991 ein Überraschungserfolg und das Erstlingsdrehbuch von Callie Khouri gewann einen Oscar. Gleichzeitig wurde der Film zum meistdiskutierten Streifen dieser Zeit in den USA. Ersteres verwundert nicht, kann sich der Zuschauer doch problemlos mit den beiden schlagfertigen, m enschlichen und attraktiven Titelheldinnen identifizieren, aus deren ereignislosem Leben unerwartet ein abenteuerlicher Road Trip durch die atemberaubende Landschaft des amerikanischen Südwestens wird. Die großen Themen dieses Films sind direkt aus dem Leben gegriffen und sprechen den Durchschnittszuschauer deshalb auch an: E s geht darum, die eigenen Stärken zu entdecken, sich von Bindungen, in denen man nur gibt ohne etwas zurückzubekommen, zu lösen und um unerschütterliche Freundschaft. Die besondere Würze erhält der Film dadurch, dass hier Genres, die traditionell männlich besetzt sind, von zwei Frauen erobert werden, die sie innerhalb derer Grenzen auf ihre Art interpretieren.
1.1 Rezeption
Die ideologische Kontroverse, die der Film bei Erscheinen vor allem in den USA auslöste und die auch noch Jahre später in der Forschungsliteratur aktuell bleibt, erscheint dagegen gemessen am Anspruch des Films und aus der zeitlichen Distanz von 13 Jahren heraus reichlich übertrieben. Die Extreme der Filmkritik reichen von dem Vorwurf, der Film sei männerfeindlich 2 und die Frauen darin moralisch zu verurteilende Kriminelle 3 , bis zur fe ministischen Kritik, die ihm vorwirft, die Protagonistinnen würden nur Männerrollen übernehmen anstatt sich eigene Wege zu eröffnen, ihre Persönlichkeit auszuleben. Letztere ist der Auffassung, Thelma and Louise würde dadurch, dass die Frauen männliche Charakterzüge und Verhaltensweisen annehmen, die geschlechtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen negieren, was dazu führe, dass das 2 Merkin beispielsweise bemerkt “a strikingly adolescent hostility towards men” (MERKIN, D. (1991), “Are These Women Bullies?“ New York Times, 140 (21 June), sec. 4, 17.).
3 Grenier und Baber z. B. betiteln ihre Essays mit „killer bimbos“ bzw. „guerrilla feminism“ (GRENIER, R. (1991), “Killer Bimbos”, Commentary, No. 92 (September), 50-52 bzw. BABER, A. (1991), “Guerilla Feminism”, Playboy, Nr. 38 (October), 45).
3
Maskuline in der Hierarchie weiterhin höher steht als das Feminine. 4 Ihr ist der Film außerdem zu unpolitisch, fliehen Thelma und Louise doch nach der Beinahe- Vergewaltigung anstatt sich ihr Recht vorbildhaft zu erkämpfen oder ihr Unrecht zumindest öffentlich zu thematisieren. Außerdem sei er zu plakativ und würde sich nicht differenziert genug auf die Gender-Debatte einlassen Diese Kritiken sind unhaltbar, da sie auf den Film nicht zutreffen. Sie zeigen jedoch, wie groß einerseits die Unsicherheit im patriarchalisch eingestellten Lager war und wie hoch andererseits die Frauenbewegung die Messlatte gehängt hatte: Wenn schon ein Beitrag zum empowerment der Frau, dann bitte auch nach den Spielregeln des Feminismus.
Der erste Vorwurf übersieht die individualisierte Männerdarstellung im Film und lässt das Motiv der Frauen, weshalb sie auf dem Weg der Selbstbefreiung zur Waffe greifen, völlig unberücksichtigt. Er verurteilt Thelma und Louise, die den Truck in die Luft jagen, nicht aber die obszönen Gesten des Truckers 5 und unterstellt außerdem, Thelma und Louise würden in einer Art kriminellem Wahn ziel- und kopflos wüten. Diese Art von Kritik kommt vorne hmlich von Männern, welche die bestehende patriarchale Gesellschaftsordnung durch starke Frauen gefährdet sehen. 6 Offensichtlich besteht diese Befürchtung auch weiterhin. In einem willkürlich ausgewählten aktuellen Internetforum 7 gibt es einige Kommentare privater Filmfans, die sich dieser Meinung anschließen und sie sogar um den Vorwurf des Sexismus unter umgekehrten Vorzeichen erweitern. 8
4 CODY, G. A. and W. J. SWIFT (1997), “Feminism, Feminist Cinema, and Thelma and Louise: A
View from Cybernetics”, The Psychoanalytic Review, Vol. 84, No. 1, 50.
5 BARR (1991), 83.
6 Nicht von ungefähr ist ein solcher Verriss beispielsweise im Männermagazin Playboy erschienen,
das Frauen grundsätzlich zu Sexobjekten stilisiert und aus der Perspektive des male gaze abbildet (BABER, A. (1991), “Guerilla Feminism”, Playboy, Nr. 38 (October), 45).
7 URL: < http://www.imdb.com/title/tt0103074/usercomments > (eingesehen am 25.05.2004).
8 Merwyn Grote, St. Louis, Missouri, 12 March 2004:
Overlooking for a moment Thelma and Louise's blatant sexism: all the men are liars, cheats, rapists or morons; all the women are "Victims" with a capital "V" - even as they kill, rob and vandalize their way across the US Southwest. […] It is one of the perversions of feminism that women measure their success by the standards set by men, even when they would otherwise condescendingly criticize that behavior as being negative and/or macho. In this case, adventures that would be mocked as sexist if perpetrated by men, are embraced as being empowering when committed by women. Also, it is the added dynamics of the situations: if Thelma and Louis victimized any women, their defenders would not praise their actions because it would be a violation of the "sisterhood." It is only the targeting of male victims that earn this film its praise: Surely pure, unadulterated sexism - or is that feminism? It's hard to tell the difference. (Anonym), Colorado, 29 December 2003:
4
Auf die feministische Kritik antwortet Khouri, es sei „not fair to judge [the
movie] in terms of feminism“ 9 . Sie und Regisseur Scott hätten nicht die Absicht gehabt, einen Film nach den Konventionen und Dogmen des Feminismus zu drehen, sondern einfach einen, der ganz normale Frauen dabei zeigt, wie sie sich aus ihren Abhängigkeiten von der Männerwelt heraus zu starken Persönlichkeiten entwickeln.
Zwischen diesen E xtremen hat der Film natürlich auch Anerkennung erfahren. Vor allem die Abrechnung mit dem Machismo, der Frauen zu Sexobjekten degradiert, und die Selbst-Bewusstwerdung der beiden Frauen im Verlauf des Films haben positive Reaktionen bei Kritikern und Zuschauern hervorgerufen. Zusammen mit zeitgenössischen Filmen wie Silence of the Lambs (1991) kann er zu einer kleinen Gruppe von Filmen gezählt werden, die genrespezifisch normalerweise von Männern dominiert werden, nun aber weibliche Rollen in den Mittelpunkt stellen. 10 So spielen diese Filme bewusst mit den Genrekonventionen.
1.2 Entstehungszeit
Interessant ist, dass zeitgleich mit der Veröffentlichung des Films zwei Ereignisse die amerikanische Öffentlichkeit beschäftigten, die thematisch auch den Film bestimmen und die Gesellschaft für Genderfragen sensibilisierten. Zum einen war dies der von einem großen Medienrummel begleitete Prozess Patricia Bowman gegen William Kennedy Smith wegen Vergewaltigung, den Bowman aufgrund der aussichtslosen Beweislage verlor. 11 Der von ihr geschilderte Tathergang entspricht genau der Erfahrung, die Thelma fast im Silver Bullet macht, einem so genannten date- oder aquaintance rape. Der Film war also, obwohl das Drehbuch etwas früher entstanden sein muss, von aktueller Brisanz.
Replace "Thelma and Louise" with two guys, say "Frank and Bill", and you would have the most sexist movie on the planet. But since it's two women, they get away with all the male-bashing you can take.
9 Zit. nach ROHTER, Larry, (1991), ”The Third Woman of Thelma and Louise”. New York Times, No. 140 (5 June), C21.
10 TASKER, Yvonne (2002), “Action Heroines in the 1980s: The Limits of ‘Musculinity’”, Graeme TURNER (ed.), The Film Cultures Reader, London/New York: Routledge, 297.
11
Für weitere Informationen empfiehlt sich der Aufsatz “Overview of the William Kennedy Smith Rape Trial“, der im Internet unter
5
Der andere Umstand war die Ernennung von Clarence Thomas zum Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten durch George W. Bush Senior. Hatte vorher Thurgood Marshall, ein Kämpfer der Bürgerrechtsbewegung, das Amt 24 Jahre lang innegehabt, fürchteten viele Amerikaner nun nicht zu Unrecht, dass dessen Reformen durch seinen konservativen Nachfolger rückgängig gemacht würden. Gerade Frauen befürchteten, Thomas würde Frauenrechte wie die Quotenregelung bei der Besetzung von Arbeitsplätzen oder die le gale Abtreibung abschaffen. In diese Kontroverse um seine Person hinein platzte die Anschuldigung, Thomas habe Jahre zuvor die ihm untergebene Anwältin Anita Hill, spätere Professorin für Recht an der University of Oklahoma, sexuell belästigt. Auf seine Berufung an den Obersten Gerichtshof hatte dies offenbar keinen Einfluss. Als eine Langzeitfolge wuchs jedoch das öffentliche Bewusstsein für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Sexismus gegenüber Frauen allgemein, weshalb sich innerhalb von fünf Jahren die Fälle, die zur Anzeige gebracht wurden, verdoppelten. 12 Die Feministinnen der zweiten Generation hatten die Grundlagen für die Ansicht gelegt, dass sexuell motivierte Gewalt gegen Frauen zu verurteilen sei. 13 Thelma and Louise erschien demnach zu einem Zeitpunkt, zu dem die Achtungserfolge der Frauenbewegung, die bis dahin erreicht waren, wieder auf dem Spiel standen. Diese galt es deshalb zu vergegenwärtigen und gegen den verschärften Konservatismus zu verteidigen. Thelma and Louise bringt dieses Genderbewusstsein, das bis dahin vor allem in unabhängigeren Medienformaten, in wissenschaftlichen und privaten Diskursen anzutreffen war, in das Mainstream- Kino Hollywoods ein.
1.3 Ziel der Hausarbeit
Diese Hausarbeit, die im Rahmen des Hauptseminars Film – Gender – Film Music bei Prof. Dr. Gabriele Linke (Cultural Studies) und Prof. Dr. Hartmut Möller (Musikwissenschaft) entstanden ist, möchte die Konstruktion von Gender in
Anita Hill and Cla rence Thomas Controversy“, URL:
6
Thelma and Louise anhand von Filmmusik, Landschaft, visueller Darstellung und Charakterisierung der Figuren untersuchen und klären, inwieweit der Film Gesellschaftskritik übt bzw. eine neue Frauenrolle entwirft.
2. Die Repräsentation von Gender in Thelma and Louise
Gender ist immer eine kulturelle Konstruktion. In der Fiktionalität des Films wird es anhand einer Vielzahl medienimmanenter Mittel wie Genre, Raum, Musik sowie Visualität und figurenimmanenter Mittel wie Alter, sozialer Zugehörigkeit, Aussehen, Handlung und Beziehungen zu anderen Figuren konstruiert. Die Art der Repräsentation von Gender bietet gleichzeitig einen Vorrat an möglichen Wahrnehmungen (perceptual sets), das heißt, sie bestimmt die Attitüde des Zuschauers gegenüber dieser Konstruktion gleich mit. 14 Massenwirksame Medien wie der Film schaffen dadurch leicht role models. Aufgabe der Filmwissenschaft ist es unter anderem, diese Konstruktionen zu erkennen, einzuordnen und zu bewerten. Die feministische Filmwissenschaft weist dabei bestimmte role models zurück während sie andere fördert, je nachdem, welche ihrem Gesellschaftsnormativ entsprechen.
2.1 Genre
Dass Thelma and Louise in einer bestimmten Tradition steht, offenbart schon der Doppeltitel, mutet er doch wie ein Zitat der bekannten Outlaw- bzw. Road- Movies Bonnie and Clyde oder Butch Cassidy and the Sundance Kid an. 15 Der Film ist in einem hohen Maße intertextuell angelegt und lässt sich verschiedenen Genres zuordnen, von denen neben dem genannten zwei weitere ins Auge fallen: Western und Buddy-Film. Auch Szenen aus dem Actionkino sind vertreten, als die Protagonistinnen einen Tanklaster in die Luft jagen oder sich am Ende des Films eine Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern. Alle genannten sind amerikanische Genres schlechthin. Ihnen ist außerdem gemeinsam, dass traditionell Frauenfiguren in ihnen überhaupt keine oder nur eine von Stereotypen 14 Vgl. BURTON, Graeme (1997), More Than Meets the Eye, London: Arnold, 107.
15 Vgl. CHUMO II, Peter N. (1994), “At the Generic Crossroads with Thelma & Louise”, Post Script: Essays in Film and the Humanities, Vol. 13, No. 2, 3.
7
Quote paper:
Anne Grabinsky, 2004, 'Thelma & Louise': Das Überschreiten der Geschlechtergrenzen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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