Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 „Das moralische Gesetz in mir “ 3
2.1 Natürliche Dialektik 4
2.2 Maximen, Gesetze und Regeln 6
3 Rechtslehre und Tugendlehre 7
4 Zwecke und Selbstzwecke 10
4.1 Zwei Zwecklehren 10
4.2 Der Begriff des Zweckes, der zugleich Pflicht ist 12
4.3 Eigene Vollkommenheit 13
4.4 Fremde Glückseligkeit 14
5 Glückseligkeit 16
5.1 Der „Widerspruch des Eudaimonisten“ 16
5.2 Glückseligkeit als inhärenter Zweck 18
5.3 Das Verhältnis von Tugendhaftigkeit und Glückseligkeit 20
6 Schluss 22
7 Bibliographie 24
1
1 Einleitung
In der Tugendlehre wendet sich Kant der Ethik als einer Lehre von Pflichten zu. Diese möchte er auf ihre „metaphysischen Anfangsgründe“ zurückführen und die Ethik als eine Lehre von allgemein verpflichtenden Zwecken, „von allem Empirischen (jedem Ge fühl) gereinigt“ 1 entwickeln. Die Metaphysik der Sitten führt somit die Untersuchungen der Kritik der praktischen Vernunft und der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten fort. Als „Kritik“ versteht Kant nicht Skepsis oder Anfechtung, sondern eine sorgfältige Prüfung durch die Vernunft. Zunächst hatte er den Begriff der reinen, später den der (reinen) praktischen Vernunft, kritisch unte rsucht, mit dem Ziel, legitime von illegitimen Zuschreibungen zu trennen. Die Leitfrage lautete dabei ‚was vermögen reine und reine praktische Vernunft, und was vermögen sie nicht?’. Es ging also um eine Schärfung der Begriffe durch Begrenzung. Die Kritiken sind grundlegende Schriften, die die Voraussetzung für die Epistemologie und die Ethik liefern sollten. Die Metaphysik stellt im Anschluss an sie die eigentliche philosophische Untersuchung dar. Sie ist konzipiert als ein System aufbauend auf „reinen, von aller Anschauungsbedingung unabhängigen Vernunftbegriffe n“ 2 . Sowohl die Grundlegung, als auch die Kritik der praktischen Vernunft stellen also wichtige Grundlegungsschriften zur Moralphilosophie Kants dar. Diese ist eine Gesinnungsethik, die das Augenmerk auf die Art und Weise der inneren Zwecksetzung und ihre Übereinstimmung mit einer objektiven Pflicht hat. In der Vorrede zur Tugendlehre weist Kant die Idee einer eudaimonistischen Ethik von sich. Solche Glückseligkeitsethiken, als deren Hauptvertreter Aristoteles gilt, haben zum Gegenstand das gute Leben, sowohl im moralischen Sinne als auch im Sinne eines Lebens in Annehmlichkeiten. Auch Kant spricht dem Menschen einen inhärenten Wunsch nach einem guten Leben zu. Dieser dürfe jedoch nicht zum Prinzip der Sittlichkeit erhoben werden:
Das Prinzip der Glückseligkeit … , kann wohl generelle, aber niemals
universelle Regeln, d.i. solche, die im Durchschnitte am öftersten zu-treffen, nicht aber solche, die jederzeit und notwendig gültig sein müs-
1 MDS,503.
2 ebd.
2
sen, geben, mithin können keine praktischen Gesetze darauf gegründet
3 werden .
Denn die Selbstliebe vermag nur, uns zu bestimmten Handlungen anzuraten, das moralische Gesetz hingegen verpflichte uns. Im Folgenden möchte ich auf den Zusammenhang zwischen dem Anspruch, den die Tugendpflichten erheben und dem inhärenten Wunsch nach Glückseligkeit näher eingehen. Kann es tugendhaftes Handeln geben, das gleichzeitig dem Streben nach einem guten Leben gerecht wird? Zu diesem Zweck werde ich zunächst auf einige Voraussetzungen, die in den Grundlegungsschriften für den Begriff des sittlichen Handelns geschaffen werden, eingehen. Anschließend möchte ich mich dem Unterschied zwischen der Rechts- und der Tugendlehre zuwenden, der primär in der Zwecksetzung des Subjekts liegt. Dies führt mich zu einer Untersuchung des Zweckbegriffs, insbesondere den der Zwecke, die zugleich Pflichten sind . In der Tugendlehre führt Kant derer zwei an: eigene Vollkommenheit und fremde Glückseligkeit. Abschließen möchte ich mit einer Diskussion der Glückseligkeit als inhärenten Zweck des Menschen. An einigen Stellen werde ich Kants Kritik an der evaluativen Ethik des Aristoteles aufgreifen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden herauszustellen und somit das Verständnis für Kants Begriffe zu schärfen.
2 „Das moralische Gesetz in mir…“
In der Grundlegung, die die Thematik der Metaphysik der Sitten vorbereitet und die Grundlagen für deren Untersuchung schafft, macht Kant es sich zur Aufgabe, das Prinzip für ein Sittengesetz und seine unbedingte Gültigkeit zu finden, also einen kategorischen Imperativ. Dabei setzt er den hypothetischen vom kategorischen Imperativ ab: der hypothetische Imperativ hat die Form einer „wenn,…dann“-Aussage, er bezieht sich demnach nur auf Handlungen, die nur als Mittel zu einem Zweck dienen 4 . Die Eignung als Mittel sagt jedoch nicht aus, ob der
3 KPV, 148.
4 Ein einfaches Beispiel wäre: „Wenn du gesund bleiben willst, dann tue …“.
3
Zweck verallgemeinert werden kann. Der kategorische Imperativ hingegen gründet nicht auf einer solchen Mittel-Zweck-Relation, sondern schreibt Handlungen einem Zweck zu, der objektiv notwendig ist. Er enthält keine konkreten Handlungsanweisungen, sondern bestimmt den Willen durch seine bloße Form. Kant verwendet mehrere unterschiedliche Formulierungen, sie alle entsprechen jedoch der Formel: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ 5 . Moralische Bewertung soll niemals situativ erfolgen, sondern nur anhand dieser Grundformel: Man tut aber besser, wenn man in der sittlichen Beurteilung immer nach der strengen Methode verfährt, und die allgemeine Formel des
6 kategorischen Imperativs zum Grunde legt.
Die Lehre von moralischen Grundbegriffen wird demnach identifiziert mit der Such nach der Form des kategorischen Imperativs und der Festlegung seiner unbedingten Gültigkeit. Dieses Sittengesetz habe apri-ori schen Status, seine Verbindlichkeit liege nicht „in der Natur des Menschen, oder den Umständen der Welt, […] sondern a priori […] in Begriffen der reinen Vernunft“ 7 . Demnach sei jeder Mensch in der Lage, dieses Gesetz aus sich selbst heraus zu erkennen und seine Handlungen danach auszurichten.
2.1 Natürliche Dialektik
Die menschliche Natur enthält jedoch mehr als die Fähigkeit, allgemeine Gesetze der Vernunft zu erkennen. Als „natürliche Dialektik“ bezeichnet Kant den jedem Menschen innewohnenden „Hang, wider jene strenge Gesetze der Pflicht zu vernünfteln, und ihre Gültigkeit, wenigstens ihre Reinigkeit und Strenge in Zweifel zu ziehen und sie, wo möglich, unsern Wünschen und Neigungen angemessener zu machen“ 8 . Der Mensch sei ein animal rationale, habe sozusagen Teil an zwei verschiedenen Welten: einerseits an der Natur und der damit verbundenen Sinnlichkeit, andererseits an der Sphäre reiner Vernunft. Er sei, im
5 KPV, 140.
6 GMS, 70.
7 GMS, 13.
8 GMS, 37.
4
Gegensatz zum Tier, ein Wesen, das durch die Sinne zwar affiziert, aber nicht determiniert ist.
Damit lehnt Kant den Freiheitsbegriff nach Aristoteles ab, denn dieser versteht darunter die Fähigkeit zum klugen Wählen und zum zweckmäßigen Handeln. Freie Handlungen sind diejenigen, deren Prinzip in dem Handelnden ist „und zwar so, dass er auch die einzelnen Umstände der Handlung kennt“ 9 . Das bedeutet, dass richti ges Handeln situationsabhängig ist, denn es laufe darauf hinaus, zur richti gen Zeit die richtigen Affekte zu haben.
Kants Prinzip der Freiheit des Willens besteht in der Möglichkeit, diesen vom Begehrungsvermögen unabhängig bilden zu können. Das Begehrungsvermögen richte sich auf Zustände oder Tätigkeiten, deren Wirklichkeit begehrt wird, weil ihr Erreichen Lust verspricht. Dazu zählt Kant aus drücklich auch „geistige Freuden, die intellektuellen, kreativen oder sozialen Tätigkeiten entspringen“ 10 . Es gibt bei Kant also kein „besseres“ oder „schlechteres“ Begehren im Sinne von höheren und niederen Freuden, denn man ist in beiden Fällen von der Annehmlichkeit bestimmt, die man aus dem entsprechenden Tun erwartet. Moralisches Handeln aber müsse als von sinnlichen Gegenständen getrennt gedacht werden: „In der Unabhängigkeit nämlich von aller Materie des Gesetzes (nämlich einem begehrten Objekte) und zugleich doch Bestimmung der Willkür durch die bloße allgemeine gesetzgebende Form, deren eine Maxime fähig sein muss, besteht das alleinige Prinzip der Sittlichkeit“ 11 . Das heißt dass auch die Freiheit selbst nicht aus Erfahrung bestimmt werden kann. Der Begriff der Freiheit ist ein Produkt der Spontaneität des Subjekts, das aus sich selbst heraus tätig wird, um sich von der Naturkausalität, also einer Determination von außen, zu lösen und eine selbstverursachte Kausalität herbeizuführen. Das, was ich aus freiem Willen tue, muss seinen Ursprung in mir allein haben. Diese Unabhängigkeit ist die negative Definition der Freiheit, ihre positive Benennung sei die Gesetzgebung der reinen praktischen Vernunft. Die Vernunft drückt jedoch durch den kategorischen Imperativ
9 EN, 1111a.
10 Höffe, Otfried. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Ein kooperativer Kommentar. Frankfurt a.M., 1989: 197.
11 KPV, 144 A 59.
5
eine Pflicht aus, insofern ist freies Handeln immer auch ein Handeln aus Pflicht 12 .
2.2 Maximen, Gesetze und Regeln
Kant geht also davon aus, dass vernünftige Wesen nur aus Vernunftgründen heraus aktiv werden sollen. Unser Handeln ist demnach nicht zufällig oder ungeordnet, sondern vorsätzlich, zweckgemäß und von Maximen geleitet 13 . Maximen sind subjektive Grundsätze an denen wir unser Handeln ausrichten. In der Regel verfolgen sie materiale Zwecke, als Beispiele kann man etwa das Verlangen nach Selbsterhaltung oder das Streben nach Glückseligkeit anführen. Sie sind Regeln, die keinen Allgemeinheitsanspruch hegen, sondern die unser Verhalten in einander vergleichbaren Sachlagen bestimmen. Damit sind sie deutlich vom objektiven Prinzip des praktischen Gesetzes unterschieden. Dieses legt die Grundsätze fest, die sich ein Individuum zueigen machen soll. Dieses „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“, der kategorische Imperativ, drückt die Forderung aus, dass nach denjenigen Maximen gehandelt werden soll, die sich verallgemeinern lassen. Nur dann erfüllt eine Hand lung den moralischen Anspruch des Sittengesetzes, von der reinen Vernunft bestimmt, und nicht von der Natur „pathologisch-affiziert“ 14 , zu sein.
Die Unterscheidung zwischen Regel und Gesetz fasst Rüdiger Bubner unter dem Gesichtspunkt zusammen, das Regeln dazu dienen, Gleichförmigkeit (unter gegebenen Vorzeichen, etwa in einander ähnlichen Situationen) herzustellen, wohingegen das Gesetz eine Gleichheit hinsichtlich der Handlungsebenen herbeiführen soll 15 . So könne ein und
12 Höffe, a.a.O., 199: „der Begriff der transzendentalen Freiheit, die Unabhgängigkeit von aller Natur, entpuppt sich in der Ethik als die praktische (moralische) Freiheit, als die Selbstbestimmung. Der von aller Kausalität und Fremdbestimmung freie Wille gibt sich selbst sein Gesetz. Folglich liegt das Prinzip aller moralischen Gesetze in der Autonomie, der Selbstgesetzlichkeit des Willens.“
13 Forschner erwähnt dass Kant in seinen Reflexionen hervorhebt, der Mensch müsse „seine Zielsetzungen unter einheitsstiftende Grundsätze stellen, um sich selbst eine Identität als freies Wesen zu geben“. Der Mensch tendiere zu Handlungen nach Regeln und Grundsätzen, denn wer ohne sie handle, bleibe zerrissen und schwankend, bilde keine einheitliche Persönlichkeit (Forschner, Maximilian. Über das Glück des Menschen. Darmstadt, 1993: 114f).
14 KPV, 125.
15 Vgl. Bubner, Rüdiger. Handlung, Sprache und Vernunft: Grundbegriffe praktischer Philosophie. Frankfurt a.M., 1982: 181.
6
Quote paper:
Jens Rymes, 2005, "Pflicht, du erhabener großer Name!" - Die Begriffe der Pflicht und der Glückseligkeit in Kants Tugendlehre der Metaphysik der Sitten, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Immanuel Kant - Der Weg zum kategorischen Imperativ
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Termpaper, 15 Pages
"Die Stunde Null" - Reeducation, Reorientation, Restauration
Bonner Republik - Deutschland ...
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Termpaper, 14 Pages
Der Zusammenhang von Wahrnehmung und Denkvermögen bei Aristoteles
Philosophy - General Essays, Eras
Termpaper, 30 Pages
Wie leitet Kant aus dem Begriff der Pflicht den kategorischen Imperati...
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Vernunftantinomie und 'Revolution der Denkart' in Immanuel Kan...
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Wesentliches und Unwesentliches bei Descartes
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholary Paper (Seminar), 11 Pages
Social Criticism in The Adventures of Tom Sawyer and Huckleberry Finn
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Platons Höhlengleichnis: der Abstieg
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Wilfrid Sellars Kritik am Mythos des Gegebenen
Philosophy - Philosophy of the Present
Intermediate Examination Paper, 25 Pages
Das Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenscha...
Eine wissenschaftstheoretische...
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Thesis (M.A.), 102 Pages
Immanuel Kant - Der kategorische Imperativ
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Zu: Georg Heyms "Der Gott der Stadt"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Argument distinctio realis in...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Termpaper, 19 Pages
Mark Twains Huckleberry Finn: die Flussreise
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Jens Rymes has published the text "Pflicht, du erhabener großer Name!" - Die Begriffe der Pflicht und der Glückseligkeit in Kants Tugendlehre der Metaphysik der Sitten
Jens Rymes has uploaded a new text
Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre
Metaphysik der Sitten 2
Immanuel Kant, Bernd Ludwig
Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"
Ein einführender Kommentar
Dieter Schönecker, Allen W. Wood
Kritik der praktischen Vernunft / Grundlegung zur Metaphysik der Sitte...
Immanuel Kant, Wilhelm Weischedel
0 comments