von Informationen und Erlebnissen entscheidet, orientiert sich am Code gut/böse bzw. erlaubt/verboten. ICH-IDEAL schließlich - für die egozentrische und narzisstische Selbstverwirklichung zuständig - gehorcht dem Code: narzisstisch wertvoll/narzisstisch wertlos bzw. perfekt/imperfekt. Wer möchte, kann sich die vier interagierenden Systeme auch als leibhaftige Diskussionsrunde vorstellen, in der ein bodenständiger Manager (ICH), ein strenger Moralapostel (ÜBER-ICH), ein vollkommenheitsverliebter Narzisst (ICH-IDEAL) und ein hedonistischer Naturbursche (ES) mal mehr, mal weniger hitzig um die Führungsrolle ringen.
Abbildung 1: Psychische Quadrophonie
ES (der triebhafte Naturbursche)
Genau genommen umfasst ES vier unbewusste Bereiche: 1. das archaische Erlebnispotenzial unseres Stammhirns, 2. die Triebe und Leidenschaften, 3. die frustrierenden, angst- und krankmachenden Erfahrungen sowie 4. die aggressiven und autodestruktiven Impulse.
ES gleicht in mancher Hinsicht einem Gefängnis mit asozialen Insassen, „die schon seit Jahren schmachten oder neu eingeliefert wurden, Insassen, die hart behandelt und schwer bewacht, aber kaum unter Kontrolle gehalten werden und ständig auszubrechen versuchen.“ 3
Im ES lebt und tobt der Neander in uns allen. Dort geht permanent die virtuelle Post ab, dort wird revoluzzert, gemeuchelt, gemoppt, gequält, gehasst und geliebt. Grenzenlos - lustvoll - frustfrei. >Hier bin ich Schwein, hier darf ichs sein. Kost ja nichts, merkt ja keiner<.
Im ES werden gnaden- und reuelos individuelle Dramen und Tragikomödien aufgeführt. Anything goes: egal wie irrational oder pervers die Vorstellungsinhalte sind. Alle Passionen und Obsessionen imaginieren augenblicklich zu seiner Realität sui generis. Horchen Sie mal in sich rein!
ICH (der logisch kalkulierende ‚Steuermann’)
Die bewussten ICH-Funktionen umfassen das (Selbst-) Bewusstsein, das Denken, Sprechen, Planen und Handeln sowie einen Teil der Emotionen. Das bewusste ICH ist quasi Kybernetes, der Steuermann, der uns tagein-tagaus durch die Welt dirigiert, stets abwägend zwischen inneren Notwendigkeiten und externen Möglichkeiten, kontinuierlich beobachtend, bewertend, selektierend, modifizierend, integrierend und kommunizierend: nach innen und nach außen.
Mit den unbewussten ICH-Funktionen sind die sogenannten Abwehrmechanismen angesprochen. Ihre Aufgabe ist es, Kybernetes die Arbeit zu erleichtern, indem sie Stressoren verschiedenster Art (z. B. negative Erfahrungen, Neid, Wut, Hass, Gewissensbisse) aus dem Bewusstsein ausblenden, der Selbstwahrnehmung entziehen. Natürlich sind die Stressoren damit nicht aus der Welt, sie existieren weiter, haben lediglich die phänomenologische Ebene gewechselt und sind unbewusst geworden. Sie thematisieren sich fortan im Stillen und beeinflussen unbemerkt das individuelle Erleben und Verhalten.
Verdrängung
Schauen wir uns beispielhaft den Abwehrmechanismus der Verdrängung an, den man nicht selten im alltäglichen Marketing-Theater in sechs Aufzügen am Werke findet:
1. Junior-Produktmanager P wird von Marketingleiter M aus irgendeinem Grund zur >Schnecke< gemacht.
2. P’s ICH-IDEAL fühlt sich verletzt (narzisstische Kränkung), schreit nach Genugtuung und fantasiert lustvolle Vergeltungsmaßnahmen, die bis zum Letzten gehen (Teeren und Federn),
3. P‘s ÜBER-ICH meldet sich und verweist auf Selbstschuld,
4. Kybernetes schlägt in die gleiche Kerbe und berechnet Konsequenzen: Gefängnis, Karriere vorbei,
5. Verdrängung der Kränkung und der an sie geknüpften Rachegelüste ins Unbewusste (ES),
6. Licht aus. Vorhang. Was ihrem Fortleben keinen Abbruch tut, denn die Kränkung und die Rachegelüste sind weiterhin aktiv, unbewusst zwar, latent, doch nicht weniger konsequent in ihrer Wirkung auf das individuelle Erleben und Verhalten. Möglicherweis mobbt P in Zukunft gegen M oder er somatisiert und entwickelt eine Colitis ulcerosa.
ÜBER-ICH (der gewissenhafte Moralapostel)
Der innere Richter und Zuchtmeister huckt dem ICH sozusagen auf wie der transsylvanische Werwolf seinem Opfer oder der Jockey seiner Stute. Er will das Denken, Fühlen und Handeln nach seinen ethisch-moralisch-normativen Maßstäben und Ansprüchen hin beeinflussen. Ist das ICH nicht gefügig und folgsam, wird es vorzugsweise mit Schuldgefühlen und Gewissensbissen traktiert. Zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste an Lebens-Qualität.
ÜBER-ICH bestraft oder billigt oder das eigene Erleben und Verhalten, wird so zur kohäsiven Kraft, die die soziokulturelle Welt im Innersten zusammenhält. Es festigt die Allianz zwischen Individuum und Kollektiv, garantiert Gemeinschaft und Gesellschaft. Die teils bewussten, teils unbewussten ÜBER-ICH-Funktionen in Stichworten:
• Ethisch-moralisch-normative Richterfunktion
• Straf-Funktion
• Wertebewahrungs-Funktion
• Soziabilisierungs-Funktion
• Sozio-kulturelle Stabilisierungs-Funktion
Arbeit zitieren:
Dr. Volker Halstenberg, 2005, Effizienz-Optimierung in Marketing und Kommunikation - Mir ist, als wohnten ach! VIER Seelen in meiner Brust, München, GRIN Verlag GmbH
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