JOHANNES GUTENBERG-UNIVERSITÄT MAINZ
WS 1994/95
Thema:
Die Autobiographie Götz von Berlichingens
als historische Quelle
Hauptseminar:
Spätmittelalterliche Autobiographien
und Haushaltsbücher als Quellen
Verfasser:
Jörg Erdmann
Inhaltsverzeichnis
1. Zielbestimmung 1
2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens 1
2.1 Zu den Begriffen ′Mittelalter′ und ′Neuzeit′ 1
2.2 Die der Autographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität 2
2.3 Die Identitätskrise Götz von Berlichingens als Vertreter des deutschen Adels im 16. Jahrhundert 5
3. Die Lehr- und Ausbildungsjahre Götz von Berlichingens 9
4. Schlussbemerkung 18
5. Literaturverzeichnis 20
1. Zielbestimmung
Bei der Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen (1480 - 1562) handelt es sich um "eines der ausführlichsten autobiographischen Zeugnisse eines deutschen Ritters, welches uns bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist."1 Vom 80jährigen Ritter dem Heilbronner Stadtschreiber Stefan Feyerabend diktiert2, bietet sie eine unmittelbare Darstellung der das Leben Götz von Berlichingens bestimmenden Ereignisse. Gerade durch die vom subjektiven Welt- und Lebensbild des Ritters gefärbte Art dieser Darstellung und durch die hinter der Erzählung stehende Motivation jedoch beschränkt sich dieser Einblick nicht allein auf die historische Wirklichkeit, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die psychologische Rezeption dieser historischen Wirklichkeit durch den Autor, sein Weltbild und damit das seiner zeitgenössischen Umwelt, von der ein Individuum niemals isoliert betrachtet werden kann.
Die vorliegende Arbeit versucht am Beispiel des sich in der Autobiographie niederschlagenden Selbstbildes Götz von Berlichingens die von seiner Lebensbeschreibung ausgehenden mentalitätsgeschichtlichen Schlaglichter ′einzufangen′ und auszuwerten sowie am Beispiel seiner Beschreibung der Erziehungs- und Ausbildungsjahre die historische Wirklichkeit näher zu beleuchten. Sie betrachtet dabei den Quellentext im Zusammenhang mit der vorhandenen einschlägigen Forschungsliteratur.
2. Die Ambivalenz zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Autobiographie Götz von Berlichingens
2.1 Zu den Begriffen ′Mittelalter′ und ′Neuzeit′
Eine scharfe Trennungslinie zwischen Mittelalter und Neuzeit ist nicht leicht zu ermitteln - je nach Forschungslage bzw. wissenschaftlichem Standpunkt ist auch der Zeitraum eines Übergangs strittig. Nach allgemeiner Auffassung vollzog sich der Wandel zwischen Mittelalter und Neuzeit in einem kontinuierlichen Prozeß, der um das 16. Jahrhundert angesiedelt wird. Mittelalterlichständische Lebensideale, die auf dem höfischen Moralkodex und einer feudalen Gesellschaft ruhen, werden in dieser Zeit sukzessive verdrängt durch stärker das Individuum und seine Bedürfnisse betonende Lebensvorstellungen, die sich durch die Bewußtwerdung des Individuums überhaupt im Rahmen der Renaissance entwickeln.
Es können in Bezug auf die gesellschaftliche Verhältnisse des 16. Jahrhunderts kaum genaue Zuordnungen zu Mittelalter und Neuzeit vorgenommen werden - wohl aber lassen sich bei der Analyse gesellschaftlicher Zustände und Vorgänge solche erkennen, die man eher dem Mittelalter, und andere, die man eher der Neuzeit zuordnen würde. Etwa in Bezug auf die ständische Orientierung der Gesellschaft, bei Vorstellungen wie Individualität und individuellem Selbstbewußtsein oder bei politischen Veränderungen, die das gesellschaftliche System im Reich betreffen, können solche grundsätzlichen Zuordnungen auch im Zusammenhang mit der Autobiographie Götz von Berlichingens vorgenommen werden. Im folgenden wird in Bezug auf die Lebensbeschreibung des Ritters der Versuch gemacht, Elemente der mittelalterlichen Lebensvorstellung jenen der neuzeitlichmodernen Weltsicht gegenüberzustellen.
2.2 Die der Autobiographie Götz von Berlichingens zugrundeliegende Vorstellung von Individuum und Individualität
Wie S. Pastenaci in seiner Arbeit über Erzählformen und Persönlichkeitsdarstellung in Autobiographien des 16. Jahrhunderts darstellt, unterscheidet sich die moderne Autobiographie von der etwa des ausgehenden Mittelalters durch das sie bestimmende Menschenbild. So liegt nach Auffassung S. Pastenacis der modernen Autobiographie "die Annahme zugrunde, daß der eigene Lebenslauf als Ausfluß der Bestrebungen eines Individuums [...] einmalig, wertvoll und unwiederholbar sei"3, und daß das Individuum selbst sich durch "seinen besonderen Platz in der Gemeinschaft, seine besondere, von den anderen unterschiedene Eigenart"4 auszeichne. Diese erst in der Renaissance herausgebildete Vorstellung von Individualität, wie sie sich etwa in Autobiographien wie der Benvenuto Cellinis widerspiegeln, setzt die Persönlichkeit eng mit dem eigenen Ich und seinem Bewußtsein in Beziehung. Das Individuum und seine intimsten Belange werden zum Zentrum des biographischem Interesses.
Von diesem Persönlichkeitsbild unterscheidet sich jedoch das der Autobiographie Götz von Berlichingens. In der Lebensbeschreibung des Ritters finden sich nahezu keine Anhaltspunkte über seine privaten Verhältnisse, seine Lebensgewohnheiten oder sein persönliches Umfeld.5 Die Schrift trägt ausgesprochen politischen Charakter, die ′Fehden und Abenteuer′ des Ritters werden geradezu primitiv aneinandergereiht - die privaten Belange des Individuums Götz von Berlichingen bleiben ausgeklammert.
[....]
1 Pastenaci 1993, S. 49.
2 Vgl. Ulmschneider 1981, S. 14 f.
3 Pastenaci 1993, S. 5.
4 Pastenaci 1993, S. 5. Zu den Begriffen ′Individuum′ und ′Person′ vgl. Pastenaci S. 2 ff.
5 Außer vereinzelten Hinweisen auf seine Verwandten im Zusammenhang mit seiner Erziehung (vgl. etwa Ulmschneider 1981, S. 53 f. bzw. S. 57), dem Verlust der Hand (vgl. Ulmschneider 1981, S. 75 ff.) und kurzen, immer im Zusammenhang mit politischen Ereignissen stehenden Erwähnungen seiner Ehefrau und seiner Schwiegermutter (vgl. Ulmschneider 1981, S. 104 und 123) bleibt die persönliche Ebene nahezu völlig ausgeblendet.
Quote paper:
Jörg Erdmann, 1995, Die Autobiographie Goetz von Berlichingens als historische Quelle, Munich, GRIN Publishing GmbH
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