1. Der Begriff Lernwerkstatt
In den letzten Jahren finden Begriffe wie „Lernwerkstatt“, „Zukunftswerkstatt“, „Werkstattarbeit“, „Grundschulwerkstatt“, „Lernzentren“, „Werkstattunterricht“, „Workshop“ u. v. m. immer häufiger Verwendung. Allerdings werden sie oftmals uneinheitlich gebraucht, da eine einheitliche Definition des Begriffes „Werkstatt“ fehlt.
Zu einer Werkstatt kann allgemein gesagt werden, dass in dieser an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Werkzeugen an Teilstücken eines Ganzen gearbeitet wird. Die Schule hat dieses Arbeitsprinzip für sich entdeckt und in unterschiedliche werkstattorientierte Lern- und Arbeitsformen, die alle anders benannt werden, abgewandelt. Für die Grundschule hat sich die so genannte „Grundschul- “ oder „Lernwerkstatt“ entwickelt. Doch auch für diese Begrifflichkeit fehlt eine einheitliche Definition. Die Folge ist, dass der Name eine sehr weite Auslegung findet: Werkstatt als Mediothek, als Buch, als Themenkiste oder Lehrmittelraum, …. Hier sind verschiedene Definitionsversuche von Werkstattunterricht:
Für Pallasch und Reimers definiert sich eine Werkstatt wie folgt: Eine Werkstatt ist „eine an pädagogisch-psychologischen Methoden orientierte Veranstaltungsform, die als Gegenentwurf zu reformorientiertem Lehrer, Lernen und Arbeiten versucht, über die aktive Beteiligung ihrer Teilnehmer an der Erarbeitung einer Thematik die Ergebnisse in konkretes betriebliches, (gesellschafts-)politisches, pädagogisches, usw. Handeln umzusetzen. (…)“ (Pallasch et al., 1990, S. 14)
Astrid Kaiser beschreibt eine Lernwerkstatt als eine Unterrichtsmethode, bei der den Schülern eine Werkstatt zur Verfügung gestellt wird, in der sie an selbst g eplanten Projekten arbeiten können.
Reichen und Züricher definieren Werkstattunterricht bzw. Lernwerkstatt wie folgt: … eine (meist) fächerübergreifende Unterrichtsform, in der die Schüler an verschiedenen Arbeitsplätzen unterschiedliche Aufgaben bearbeiten, wobei Sozialform und Arbeitsmittel variieren. Neben wenigen Pflichtaufgaben gibt es ein großes Lern- und Arbeitsangebot, das handelnd-entdeckendes Lernen und Selbstkontrolle ermöglicht und aus dem die Schüler selbst auswählen.
Anders Weber erklärt die Lernwerkstatt folgendermaßen: „Eine Werkstatt, die in der Schule eingesetzt wird, besteht aus einer Anzahl von Aufträgen, die von den Schülern selbstständig bearbeitet werden können, samt dazugehörigem Material. Aufträge und Materialien sind vom Lehrer vo rbereitet und strukturiert worden, die Schüler haben also keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Auftragserteilung. Dafür können die Kinder selber bestimmen, welche
1
Aufträge sie erledigen wollen und in welcher Reihenfolge. Es ist allerdings möglich, die Schüler bei der Planung von Werkstatt-Aufträgen mitzubeteiligen.“ (Weber, 1998, S. 9) Weber betont zudem, dass die Schüler auch das eigene Arbeitstempo selbst bestimmen dürfen. Die Arbeit in der Werkstatt erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei bis fünf Wochen in zeitlichen Blöcken von zwei bis vier Stunden.
Eine Lernwerkstatt kann also als eine Lernumwelt beschrieben werden, die den Schülern zu einem Thema vielfältiges Material und Lernsituationen bietet und zugleich verschiedene Sozialformen, Selbstkontrolle, Individualisierung und Differenzierung des Lernens zulässt. Sie ist somit eine Form des „Offenen Unterrichts“.
2. Die Entstehungsgeschichte
Die Einbeziehung der lebenspraktischen und der manuell zu erarbeitenden Inhalte in das Aufgabenfeld der Schule hat eine lange Tradition.
Ausgehend von den Architekturstudenten in Italien, die bereits zur Zeit der Renaissance in „Projekten“ arbeiteten, über die Philanthropen mit ihrer körperlichen Arbeit und dem handwerklichen Tun, findet man diese Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der reformpädagogischen Bewegung wieder. Georg Kerschensteiner (1854-1932) bezog das aktive, zielgerichtete Handeln der Schüler in die umfassende staatsbürgerliche Erziehung ein. Auch Célestin Freinet (1896-1966) widmete sich dem werkstattorientierten Unterricht und sah die Erziehung zur Selbstständigkeit als Hauptziel an. Er handelte nach dem Motto „Verlasst die Übungsräume“, bei dem seine Schüler an insgesamt acht verschiedenen Werkstätten arbeiteten, die sich teilweise unter freiem Himmel befanden. Diese „Ateliers“ widmeten sich beispielsweise der Feldarbeit, der Tierzucht, der Mechanik und dem künstlerischen Ausdruck. Aufgrund der Bildungsreform erhielt die intellektuelle, abstrakte und lehrgangsorientierte Bildung mehr Bedeutung und die manuellen Tätigkeiten gerieten in den Hintergrund. Erst durch die Forderung nach einem Offeneren Unterricht, der lebens- und gesellschaftsnah gestaltet und auf die Eigenständigkeit und die Selbsttätigkeit der Schüler zielen sollte, wurde der Werkstattunterricht wieder bedeutender.
Doch nicht nur die schulischen Bereiche suchten nach neuen Möglichkeiten der Aus- Fort- und Weiterbildung. Auch im wirtschaftlichen Sektor konnte man diese Entwicklung feststellen. Man orientierte sich am Arbeitsprinzip einer Werkstatt, um an verschiedenen Räumen, Ecken, … mit verschiedenen Werkzeugen und in wechselnder Besetzung an Teilstücken eines Ganzen zu
2
abreiten. So entstand nun im Bereich der Grundschule die so genannte „Lernwerkstatt“, im Bereich der Industrie die „Lernstatt“ und im Bereich der öffentlichen Institutionen und Bürgerinitiativbewegungen die „Zukunftswerkstatt“.
Ursprünglich waren die Lernwerkstätten als Lernzentren für die Lehrkräfte gedacht. Solche Lernzentren existieren heute in allen Bundesländern und sind verschiedenen Institutionen angegliedert.
Daneben gibt es Bestrebungen, die Lernwerkstätte als Unterrichtskonzepte in Grundschulen zu nutzen. In Kassel hat „am Anfang eher die eines mit vielen Materialien gefüllten Lernraums, in dem Kinder anders lernen und den sie mitgestalten können, gestanden, als die Idee des anderen Lernens für Erwachsene.“ (Ernst t al., 1993, S. 19)
Hagstedt zufolge darf sich als Lernwerkstatt nur eine solche bezeichnen, die auch folgenden Prinzipien gerecht wird (vgl. Hagstedt, 1998, S. 51-53):
- Ideenbörse: das Prinzip der wechselseitigen Inspiration
- Raumimpulse: das Prinzip der gestalteten Lernlandschaft
- Materialalternativen: das Prinzip der didaktischen Reduktion
- Selbstdifferenzierung: das Prinzip der persönlichen Fragenfindung
- Probehandeln: das Prinzip des rastenden Versuchens
- Lernbegleitung: das Prinzip der minimalen Intervention
- Mehrperspektivität: das Prinzip des ungefächerten Zugangs
- Lerntypenvielfalt: das Prinzip der gleichzeitigen Verfügbarkeit
- Identifikationsangebot: das Prinzip der biographischen Rekonstruk tion
- Zweifelkultur: das Prinzip der reflexiven Distanz zum Schulalltag
3. Sinn und Zweck des Werkstattunterrichts
Auch wenn der ursprüngliche Werkstattgedanke nach Hagstedt die Form in der Grundschule nicht vorsieht, findet man in seinen zehn dargestellten Prinzipien Schlagworte (z. B. „gestaltete Lernlandschaft“, „didaktische Reduktion“, „Selbstdifferenzierung“, „fächerübergreifender, ganzheitlicher Zugang“, „minimale Intervention" der Lehrkraft und „Typenvielfalt“), die ebenfalls in der aktuellen grundschulpädagogischen Diskussion eine große Rolle spielen und das Unterrichten und guten Unterricht in der Grundschule charakterisieren. Die Lernwerkstatt als „Offene Unterrichtsform“ entspricht damit den Forderungen nach handelnd-entdeckendem Lernen, Ganzheitlichkeit, Mitbestimmung durch Schüler, Differenzierung und Individualisierung. Zudem motivieren die abwechslungsreichen
3
Arbeit zitieren:
Nicole Kandels, 2005, Werkstattunterricht - ein Kurzüberblick, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Möglichkeiten der Wirkung von Literatur und Film - Ein Vergleich der M...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Werkstattunterricht im Sachunterricht
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Zwischenprüfungsarbeit, 27 Seiten
Unterrichtsstunde:Schallübertragung in festen und flüssigen Medien
Unterrichtsentwurf, 37 Seiten
Die Darstellung der Muttergestalten in Gerhart Hauptmanns 'Rose Be...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Sequenzanalyse am Beispiel einer Szene aus dem Film "Der Herr der...
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Motive für den Kindsmord in Wagners "Die Kindermörderin"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
Auswirkungen von Ressourcenverbrauch
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Hausarbeit, 25 Seiten
Entwicklung einer e-Government Strategie für eine Kommunalverwaltung
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Examensarbeit, 102 Seiten
Die Rolle handlungs- und produktionsorientierter Methoden im Literatur...
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Interkulturelle Kommunikation und Interkulturelles Lernen
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Hausarbeit, 17 Seiten
Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 30 Seiten
Der Fall Argentinien im Spiralmodell. Die argentinische Diktatur 1976 ...
Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Der Einsatz filmischer Mittel zur Darstellung von gutem und bösem Reic...
Seminararbeit, 18 Seiten
Nicole Kill hat den Text Werkstattunterricht - ein Kurzüberblick veröffentlicht
Nicole Kill hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare