Die Entwicklung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit I
INHALTSVERZEICHNIS
A. Historische Entwicklung des Völkerstrafrechts - der Weg von Nürnberg
nach Den Haag. 1
B. Das Kriegsverbrechertribunal von Nürnberg (IMT) 4
I. Rechtsgrundlage des IMT. 4
II. Kritik am Gerichtshof. 5
C. Die Kriegsverbrechertribunale der Vereinten Nationen. 7
I. Der ad hoc - Gerichtshof in Jugoslawien (ICTY) 7
1. Die Entwicklung bis hin zur Errichtung des ICTY. 7
2. Rechtsgrundlagen des ICTY. 7
3. Kompetenzen des ICTY. 9
4. Fazit. 10
II. Der Ad- hoc- Gerichtsho f in Ruanda (ICTR) 11
1. Die Entwicklung bis hin zur Errichtung des ad hoc - Gerichtshofes in
Ruanda. 11
2. Rechtsgrundlagen des ICTR. 11
3. Kompetenz des Gerichtes. 12
4. Fazit. 13
D. Der Internationale Strafgerichtshof (ICC, ISTGH) 13
I. Funktion des IStGH. 14
II. Zuständigkeit. 14
1. Persönliche Zuständigkeit. 14
2. Der Gerichtsbarkeit des Statuts unterliegende Verbrechen. 15
3. Zeitliche Zuständigkeit. 16
4. Formelle Zuständigkeit bzw. Gerichtsbarkeit des IStGH. 16
4.1. Art. 12 IStGH - Statut. 16
4.2. Die „Trigger Mechanisms“ 17
4.2.1. Staatenklage. 17
4.2.2. Überweisung durch den Sicherheitsrat. 17
4.2.3. „Ex officio - Befugnis“ des Anklägers. 18
5. Grundsatz der Komplementarität 18
Die Entwicklung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit II
III. Beschränkungen der Gerichtsbarkeit. 20
IV. Strafen und deren Ausführung. 21
V. Ausschluss der strafrechtlichen Verantwortlichkeit. 22
VI. Third party jurisdiction. 23
VII. Fazit 24
Baden - Baden, 1. Auflage, 1999, Nomos Verlag.
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Die Entwicklung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit 1
A. Historische Entwicklung des Völkerstrafrechts - der Weg von Nürnberg nach Den Haag
Die Forderung nach einem internationalen Strafgerichtshof geht auf das vorige Jahrhundert zurück. Bereits 1872 hatte der Schweizer Gustave Moynier unter dem Eindruck der im deutsch - französischen Krieg von 1870/71 begangenen Grausamkeiten den ersten förmlichen Vorschlag zur Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes unterbreitet. Im Zeitalter der Nationalstaaten und des ausgeprägten Souve ränitätsdenkens hatte dieser Vorschlag jedoch lange Zeit keine Chance. 1 Die Grauen des 1.Weltkrieges und die massiven Verstöße gegen das vor allem in den Haager Landkriegsabkommen von 1899 und 1907 niedergelegte Kriegsvölkerrecht führten nach dem Ende der Feindseligkeiten zu einer Reaktivierung der von Moynier ins Spiel gebrachten Idee einer internationalen Strafgerichtsbarkeit. Gem. Art. 227 des Versailler Friedensvertrags 2 sollte der deutsche Kaiser Wilhelm II. für die Auslösung des 1.Weltkriegs wegen Kriegsverbrechens vor einem internationalen Tribunal zur Rechenschaft gezogen werden. Die Entscheidungen des Gerichts sollten nach Art. 227 Versailler Vertrag jedoch nicht auf der Grundlage des Völkerrechts im heutigen Sinne getroffen werden, sondern nach „erhabenen Grundsätzen der internationalen Politik“ mit Rücksicht auf bindende Verpflichtungen aus internationalen Zusicherungen und der „internationalen Moral“ (Art. 227 III Versailler Vertrag).
Der Gerichtshof sollte also kein juristisches, sondern eher ein politisches Instrument darstellen. 3
Diese Bemühungen scheiterten jedoch an der Weigerung der Niederlande, den dorthin ins Exil geflüchteten Wilhelm II. auszuliefern. 4 Daneben sahen die Art.228 ff. Versailler Vertrag die Befugnis der alliierten und assoziierten Mächte vor, deutsche Staatsangehörige, die wegen Verstoßes gegen die „Gesetze und Gebräuche des Krieges“ angeklagt wurden, vor ihrem Militärgerichtshof abzuurteilen. Die Anwendung der Art.
1 http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/vn/voelkerrecht/istgh/hintergrund_html#2 .
2 RGBl. 1919, S.981 - 983.
3 Niehoff, Die von Internationalen Strafgerichtshöfen anwendbaren Normen des Völkerstrafrechts, S.21.
4 Satzger, Internationales und Europäisches Strafrecht, §12, Rn.3.
Die Entwicklung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit 2
228 ff. Versailler Vertrag scheiterte jedoch an dem massiven Widerstand aus allen gesellschaftlichen Schichten quer durch alle politischen Lager in Deutschland.
Da sich die deutsche Reichsregierung bereit erklärt hatte, Verfahren gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher vor dem Reichsgericht durchzuführen, gaben die Alliierten letztlich dem massiven Druck nach. Nur unter dem Vorbehalt jedoch, bei unbefriedigendem Verlauf der Prozesse auf die Art. 228 ff. Versailler Vertrag zurückzugreifen. 5 Somit blieb die Errichtung des ersten internationalen ad hoc -Strafgerichtshofs 1945 den Alliierten vorbehalten. In der so genannten Moskauer Erklärung vom 01.11.1943 einigten sich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion auf eine justitielle Lösung bezüglich des Umgangs mit den Verantwortlichen für die unter dem Nazi - Regime begangenen Verbrechen.
Im Londoner Viermächteabkommen vom 08.08.1945 beschlossen die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion die Verfolgung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse und das Statut des Internationalen Militärgerichtshofes. Die Grundlagen der Nürnberger Verfahren, das Londoner Statut 6 bzw. die „Nürnberger Prinzipien“, wurden nie direkt in das Völkerstrafrecht umgesetzt. Am 11.12.1946 wurden die Prinzipien lediglich mittels der Resolution 95 (I) 7 bestätigt, wodurch jedoch keine rechtliche Verbindlichkeit geschaffen wurde.
Am 09.12.1948 bestätigte die UN - Generalversammlung die neu geschaffene Völkermordkonvention 8 , die Anfang 1951 in Kraft trat. In ihr wurde verbindlich festgelegt, dass Völkermord ein Verbrechen nach Völkerrecht ist, zu dessen Verhütung und Bestrafung sich alle Signatarstaaten verpflichten. Im weiteren Verlauf beauftragte die UN -Generalversammlung die ILC (=International Law Commission) damit, die Grundsätze der Rechtssprechung des Nürnberger Militärgerichtshofs auszuformulieren und auf dieser Grundlage ein Strafgesetzbuch für
5 Satzger, Internati onales und Europäisches Strafrecht, §12, Rn.3.
6 abgedruckt in: AJIL 39 (1945), Supplement, S.257.
7 http://daccessdds.un.org/doc/RESOLUTION/GEN/NR0/033/46/IMG/NR003346.pdf?OpenElement .
8 BGBl. 1954 II, S.730 ff.
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