Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
1.1 Die Forschungspositionen 2
1.2 Schuld als Grundelement 3
2. Die Arbeitsmisere des Handlungsreisenden 3
2.1 Politzers Existenzverfehlungsthese 3
2.2 Ein schwerwiegendes Versäumnis 4
2.3 Kritische Betrachtung der Positionen Politzers und Schlingmanns 5
2.4 Der Konsens 6
3. Individuelle oder kollektive Schuld? 6
3.1 Ruf, Emrich, Politzer: Drei Positionen im Vergleich 6
3.2 Ruf: Ein perfider Betrug 7
3.3 Kritische Betrachtung der Position Rufs 8
3.4 Emrich: Lüge und Schuld im Konflikt zwischen Arbeit und Ich 9
3.5 Kritische Betrachtung der Position Emrichs 11
3.6 Politzer: Dem Geschäft verpfändet 11
4. Sexualität 12
4.1 Triebverdrängung 12
4.2 Inhaltsleere Existenz 13
4.3 Kritische Betrachtung der Positionen Politzers und Schlingmanns 14
4.4 Hiebel: Ein psychoanalytischer Ansatz 14
4.5 Kritische Betrachtung der Position Hiebels 16
5. Metaphysische Ansätze 16
5.1 Der Apfel als Sinnbild für Schuld und Erkenntnis 16
5.2 Kritische Betrachtung der Position Politzers 17
5.3 Die Umkehrung des Sündenfalls 17
5.4 Kritische Betrachtung der Position Schlingmanns 18
5.5 Keine Erbsünde 18
6. Fazit 19
Literaturliste 22
1
1. Einleitung
1.1 Die Forschungspositionen
In dieser Arbeit werden verschiedene Forschungspositionen aus den letzten vier Jahrzehnten (1961-2004) zu Kafkas „Die Verwandlung“, im Hinblick auf die Annahme einer Schuld in der Erzählung, betrachtet, miteinander verglichen und auf ihre Schlüssigkeit hin überprüft. Im Bezug auf die Frage nach einer Schuld Gregor Samsas, werden rein werkimmanent argumentierende Interpretationen genauso herangezogen, wie psychoanalytische, metaphysische und biographische Deutungsansätze. In 1.2 erfolgt zunächst ein kurzer Überblick über die in dieser Arbeit dargestellten Forschungspositionen.
1.2 Schuld als Grundelement
Heinz Politzer hat in seinem 1965 veröffentlichten Aufsatz zur „Verwandlung“ darauf hingewiesen, dass die Schuld des Helden das „Grundelement“ dieser Erzählung Kafkas sei. Dabei scheine jedoch „die allmähliche Ent-Wicklung der Antwort auf diese [Schuld-]Frage […] souverän vernachlässigt.“ 1 So finde sich der Leser in der „unbequemen Lage eines Detektivs, der den Verbrecher in sicherem Gewahrsam vor sich sieht, jedoch über die Schuld dieses Verbrechers und die Berechtigung seiner Verfolgung in völligem Zweifel schwebt.“ 2 Wie Politzer selbst, so betätigten sich eine Reihe von Interpreten - von Wilhelm Emrich (1961) über Carsten Schlingmann (1968), Urs Ruf (1974) und Hans Hiebel (1987) bis Hartmut Binder (2004) - als Detektive und haben auf unterschiedlichste Weise versucht, die Schuld des Verbrechers Gregor Samsa entweder zu ergründen, zu relativieren oder aber vollkommen zu negieren.
Eine Reihe von Interpreten (Politzer, Schlingmann, Emrich, Ruf) haben dabei das Verhältnis Gregors zu seiner Arbeit als entscheidenden Orientierungspunkt im Bezug auf eine potentie lle Schuld des Handlungsreisenden gesehen. Dieser Aspekt bildet den ersten großen Komplex dieser Arbeit. Den zweiten Analysekomplex bildet - ebenfalls im Zusammenhang mit dem Verhältnis Gregors zu seinem Beruf - das Verhältnis Gregors zu seiner Familie (dazu Schlingmann, Emrich, Ruf, Politzer). Daran schließt sich eine Betrachtung des Aspektes von Sexualität und Schuld an (hierzu Hiebel, Politzer, Schlingmann), die den dritten Komplex dieser Arbeit bilden wird. Zuletzt erfolgt eine Darstellung des Versuchs, anhand eines metaphysischen Interpretationsansatzes (dazu Politzer, Schlingmann) die Schuld des Handlungsreisenden zu erklären, bzw. sie vollkommen in Frage zu stellen (hierzu Binder).
1 Politzer, Heinz: Franz Kafka, der Künstler. Frankfurt am Main 1965, S. 104.
2 Ebd.
2
Jeder dieser vier Komplexe ermöglicht dem Rezipienten eine bestimmte Lesart der „Ver-wandlung“ im Hinblick auf das Thema Schuld. Welcher Ansatz oder aber welche Lesart im Rahmen dieser Thematik die plausibelste ist wird, hier im Folgenden überprüft.
2 Die Arbeitsmisere des Handlungsreisenden
2.1 Politzers Existenzverfehlungsthese
Politzer und Schlingmann sehen beide in dem Verhältnis Gregors zu seiner Arbeit einen Hinweis auf eine Schuld des Handlungsreisenden. Beide Interpreten verdeutlichen den Charakter dieses Verhältnisses anhand des Motivs der Zeit, vertreten dabei allerdings völlig gegensätzliche Auffassungen über dessen Bedeutung. Während Politzer die Schuld Gregor Samsas in einer Existenzverfehlung vermutet, die u.a. aus einer selbstverschuldeten, von der Zeit diktie rten und von Gregor verhassten Lebensführung resultieren könnte, vertritt Schlingmann die Posit ion, dass Gregor Schuld auf sich geladen habe, gerade weil er an jenem Morgen, an dem er sich in ein „ungeheures Ungeziefer“ 3 verwandelt hat, verschlafen habe, somit aus jenem von der Zeit diktierten Lebensrhythmus ausgebrochen und auf diese Weise zu einem unnützen Mitglied der Gesellschaft, zu einem Ungeziefer geworden sei.
Politzer weist darauf hin, dass sich Gregor einem „merkantilen Betrieb […] verdungen“ 4 habe und macht mit dieser Formulierung unmissverständlich klar, dass die Handlung des Sich-Einordnens in den Betrieb, also des sich „Verdingens“, von Gregor selbst ausgeht, dass Gre-gor eigenverantwortlich handelt. Gregor „verdingt“ sich diesem Beruf, obgleich dieser ihm ein „graue[s] und reglementierte[s] Dasein [aufzwingt]“ 5 . Seine Existenz werde von einer Arbeit beherrscht, die er als „kalt“ und „regelmäßig“, wie das „unaufhörliche Ticken des Weckers“ 6 , empfinde. Dabei werde das „Ziffernblatt des Weckers [..] zum Rad der Zeit, an das der Handlungsreisende Gregor Samsa gefesselt ist“ 7 . Man könnte auch, die Aussage Politzers nuancierend, sagen, dass sich Gregor Samsa selbst an das Rad der Zeit gefesselt hat. Mit diesem Gefühl des „Gefesseltseins“, von dem Politzer spricht, wird Gregors Abneigung gegen diese, von der Zeit diktierte Lebensführung, angedeutet. Diese Abneigung lässt sich anhand von Textstellen genauso plausibel belegen, wie Gregors Unfähigkeit, sich aus diesem System zu befreien: Gregor klagt zwar, dass ihn „[dies] frühzeitige Aufstehen […] ganz blödsinnig [mache]“ und dass der Mensch „seinen Schlaf haben [müsse]“, dennoch kann er fort-
3 Kafka,Franz: Die Verwandlung. In: Kafka, Franz: Erzählungen. Hrsg. v. Müller, Michael. Stuttgart 1995, S. 67.
4 Politzer (wie Anm. 1), S. 106.
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Ebd., S. 105.
3
laufend nur in Zeitkategorien denken. So stellt Politzer fest, dass „der Versuch des Ungeziefers, das Bett zu verlassen […] ununterbrochen von Zeitangaben begleitet [wird]“. 8 In der Erzählung heißt es: „Es war halb sieben Uhr […], es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel […]. Der nächste Zug ging um sieben Uhr […]. Gerade schlug der Wecker dreiviertel Sieben […]. Schon sieben Uhr’, sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers, ‚schon sieben Uhr’ […] ‚Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben’“ 9 .
Gregor hat, Politzer deutet es mehrfach an, sein Leben, seine ganze Existenz nach den Ze igern seiner Uhr ausgerichtet, sich - drastisch gesprochen - einer Diktatur der Zeit unterwo rfen, sich einem System „verdungen“, das er als eine „Fessel“ empfindet, aus dem er sich aber nicht löst. Gregor entsagt dem „verhaßten Broterwerb“ nicht und trifft keine „freie Entsche idung“, um einem „‚ersehnten unbekannten’ Beruf“ 10 nachzugehen. Stattdessen führt er eine reglementierte, graue Existenz, in der er unterdrückt wird und die ihm verhasst ist. Politzer sagt später, im Bezug auf diese Lebensführung, dass „Gregor nicht gelebt [habe]“ 11 . In diesem „Nicht-Gelebt-Haben“, dieser „tödlich verfehlte[n] Existenz“ 12 vermutet der Interpret Gregors Schuld.
2.2 Ein schwerwiegendes Versäumnis
Schlingmann stellt die Schuld Gregor Samsas ebenfalls in einen Kontext mit der Zeitproblematik, leitet sie aber - anders als Politzer - aus einem Versäumnis ab: Gregor habe „die Zeit um mehrere Stunden verschlafen […]. Durch diesen einen Verstoß gegen seine Pflicht dem Beruf und der Familie gegenüber wird aus ihm, dem ausschließlich ‚nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft’, das Nutzloseste, was es in unseren Augen gibt: ein Ungeziefer.“ 13
Gregor mache sich demnach gerade deshalb schuldig, weil er es gewagt habe, durch sein Verschlafen seinem, von der Zeit diktiertem Dasein zu entgehen. Dabei wird die Verwandlung hier als eine Strafe für Gregors Schuld, für sein, wie Schlingmann es formuliert, „schwerwiegende[s] Versäumnis“ 14 gedeutet. Allerdings revidiert Schlingmann diesen Interpretationsansatz auch ein Stück weit, wenn er sagt, dass „das Versäumnis [Gregors] nicht nur die peinli-
8 Ebd.,S. 105-106.
9 Kafka (wie Anm. 3), S. 69-72.
10 Politzer (wie Anm. 1), S. 121.
11 Ebd., S. 124.
12 Ebd.
13 Schlingmann, Carsten: Die Verwandlung. In: Interpretationen zu Franz Kafka. Das Urteil. Die Verwandlung. Ein Landarzt. Kleine Prosastücke. München 1968, S. 122.
14 Ebd.
4
che Folge seiner Verwandlung, sondern zugleich auf eine geheimnisvolle Weise auch eine ihrer Ursachen [sei]“ 15 .
2.3 Kritische Betrachtung der Positionen Politzers und Schlingmanns
Politzer vertritt eine These die - wie sich gezeigt hat - einer textimmanenten Überprüfung standhält. Dem Wortlaut des Textes wird nicht widersprochen und es wird sich in den folgenden Kapiteln noch zeigen, dass sich Politzers Existenzverfehlungsthese auch auf weitere Aspekte der Erzählung, im Hinblick auf die Schuldfrage, plausibel anwenden lässt. Schlingmanns Position hingegen ist problematisch: Wenn Gregors Verwandlung auf „geheimnisvolle“ Weise zugleich die Folge und die Ursache seines Versäumnisses ist, dann wird Gregor verwandelt, weil er verschläft und verschläft, weil er verwandelt wird. Da aber Schlingmann darauf verzichtet, dieses „geheimnisvolle“ Paradox aufzulösen, bleibt die Frage nach der Schuld des Handlungsreisenden unentschieden: Verschläft Gregor, weil er sich ve r-wandelt hat, so trägt er keine Schuld an seinem Versäumnis. Verwandelt er sich hingegen, weil er verschläft, so könnte die Verwandlung Gregors als Strafe und somit als ein Hinweis auf seine Schuld in Betracht gezogen werden. Wenn nun Schlingmann von einem Schuld-Strafe-Mechanismus in der Erzählung ausgeht, so impliziert er die Schuld, aber nicht die Unschuld des Handlungsreisenden. Somit stellt der Interpret seinen eigenen Interpretationsansatz in dem Moment in Frage, in dem er eine Unschuld Gregors in Betracht zieht. Dennoch erscheint die Auffassung, es handle sich bei der Verwandlung Gregors um einen Schuld-Strafe-Mechanismus, der bei Schlingmann - zwar mit Vorbehalten, aber immerhinangedeutet wird, um einen plausiblen Interpretationsansatz. Denn die Tatsache, dass Kafka zeitweilig pla nte, die „Verwandlung“ „als Teil eines Buches zu veröffentlichen, das den Titel ‚Strafen’ tragen sollte“ 16 , legt den Deutungsansatz nahe, dass es sich bei der Verwandlung um eine Strafe handeln könnte - insbesondere Binder (vgl. FN 17) hat sich mit dieser Thematik sehr ausführlich auseinandergesetzt. 17
15 Ebd.
16 Binder, Hartmut: Die Verwandlung. Entstehung. Deutung. Wirkung. Frankfurt am Main und Basel 2004, S. 479.
17 Der Theorie eines Schuld-Strafe-Mechanismus widerspricht Binder entschieden: Der Hauptfehler der meisten Interpreten bestünde darin, dass sie „ohne nähere Prüfung voraussetzten, Kafka bilde in der Verwandlung eine gerechte Welt ab, in der Schuld und Strafe in einem ethisch begründbaren Verhältnis zueinander stünden.“ (Binder (wie Anm. 16), S. 479) Binder wirft den Interpreten, die solche Vorstellungen vertreten, vor, dass sie sich nicht die Frage stellten, „ob Schicksale anderer Art denkbar seien, die Kafka möglicherweise als Erzählgegens-tand reizten.“ (Ebd.) In einem Tagebucheintrag Kafkas vom 13. Dezember 1914, sieht Binder einen Hinweis auf die Irrigkeit dieser Vorstellung, dass die fiktiven von Kafka dargestellten Welten als gerechte aufgefasst werden könnten. Kafka vermerkte in seinem Tagebuch, im Bezug auf die von ihm bisher verfassten Sterbeszenen: „An allen diesen guten und stark überzeugenden Stellen handelt es sich immer darum, daß jemand stirbt, daß es ihm sehr schwer wird, daß darin ein Unrecht und wenigstens eine Härte liegt und daß das für den Leser meiner Meinung nach rührend wird.“ (Kafka, Franz: Tagebücher in der Fassung der Handschrift. Hrsg. von Koch, Hans-
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Benjamin van Well, 2005, Forschungspositionen zum Aspekt der Schuld in Kafkas "Die Verwandlung" in kritischer Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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