Entstehung , Erfüllung Enttäuschung einer Phantasie in David Cronenbergs M.Butterfly
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4-6
2. Entstehung der Phantasie M.Butterfly 6-7
2.1. Analyse Szene 1: Opern-Aufführung der Madame
Butterfly in der Botschaft 7-9
2.2. Analyse Szene 2: Gallimards und Songs
erstes Gesprach nach der Aufführung 9-11
3. Erfüllung der Phantasie M.Butterfly 12
3.1. Analyse Szene 3: Gallimards erster Besuch
bei Song 13-14
3.2. Analyse Szene 4: Gallimards Rückkehr zu Song 15-17
3.3. Analyse Szene 6: Gallimards Zweifel an Song 17-19
4. Enttäuschung der Phantasie M.Butterfly 20-21
4.1. Analyse Szene 6: Gallimards Konfrontation mit der
wahren Identität Songs 21-23
4.2. Analyse Szene 7: Gallimards Songs Gespräch
im Auto 23-25
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4.3. Analyse Szene 8: Gallimards Selbstmord S. 25-28
5. Schlusswort S. 28-29
6. Literaturverzeichnis S. 29
6.1. Primär-Quelle S. 29
6.2. Sekündar- Literatur S. 29
6.3. Online- Research S. 29
‘A former French diplomat and a Chinese opera singer have been
sentenced to six years in jail for spying for China after a two-day trial that traced a story of clandestine love and mistaken sexual identity. … Mr. Bouriscot was accussed of passing information to China after he fell in love with Mr. Shi, whom he believed for twenty years to be a woman.’ NY Times, May 11, 1986. 1
1 Quotiert aus: Remen, Kathryn. The Theatre of Punishment: David Henry Hwang’s M.Butterfly
and Michel Foucault’s Discipline and Punish . In: „Modern Drama“ Vol.37, No.3. 1994. S. 392.
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1. Einleitung
David Cronenbergs M.Butterfly konfrontiert den Zuschauer mit einem Bild der Täuschung vom westlichen, weißen Mann und der devoten, asiatischen Frau, um deutlich zu machen, inwiefern die Darstellung dieser beiden Kulturen mit Vorurteilen behaftet ist. Durch den Aufbau einer Illusion versucht Cronenberg nicht nur darzustellen, auf welche Weise die Hauptfigur Rene Gallimard von Vorurteilen und Klischees über die asiatische Welt geleitet wird, sondern auch inwiefern der Zuschauer dazu neigt, diesem Klischee unkritisch zu folgen. David Cronenberg nutzt somit die Figur Gallimard, um dem Zuschauer zu zeigen, durch welche stereotypischen Mittel die asiatische Welt, und somit M.Butterfly, wahrgenommen wird.
„I wrote M.Butterfly as an attempt to deal with some
aspects of orientalism. I assumed that many in the audience would be coming to the theatre because they hoped to see something exotic and mysterious, but what exactly is behind the desire to see the „exotic East“?“ 2
Rene Gallimard baut sich durch seine Unwissenheit und sein Desinteresse über die asiatische Kultur ein eigenes Phantasiebild auf. Dieses Phantasiebild repäsentriert für Gallimard die Erfüllung seiner Träume, indem er die perfekte, asiatische Frau, seine M.Butterfly, für sich konstruiert. Die Frage ist nun, ob er die Täuschung, die hinter seinem Konstrukt liegt, bewusst erkennt. Denn über die Entstehung bis hin zur Erfüllung und Enttäuschung seiner Phantasie wird nicht deutlich, ob Gallimard sic h über seine eigene Täuschung und die Täuschung Song Lilings an ihm bewusst ist.
Ziel dieser Arbeit ist es, darzustellen, wie David Cronenberg den Prozess darstellt, indem Rene Gallimard sich sein Phantasiebild der M.Butterfly aufbaut und warum nach Aufdeckung der Wahrheit, dass Song Liling in Wirklichkeit ein Mann ist, der einzige Weg für ihn ist, Selbstmord zu begehen. Desweiteren wird am Ende der Analyse die Darstellung von Gender und die Transformation der Geschlechter mehr Aufmerksamkeit erhalten, um eine Erklärung für Gallimards Verhalten finden zu können. Die zentrale Frage ist hier, inwiefern Cronenberg die
2 DiGaetani, John Louis. “M.Butterfly”- An Interview with David Herny Hwang. In: TDR, The Drama Review. Vol. 33, No.3. 1989. S.141.
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Sichtweise Gallimards auf Song Liling als seine M.Butterfly präsentiert. Zusätzlich wird hinterfragt, ob Cronenberg dem Zuschauer inhaltlich oder filmisch Hinweise gibt, dass es sich bei Song Liling um einen Mann handelt. Denn im Gegensatz zu David Henry Hwangs Theaterstück 3 , auf dem der Film M.Butterfly von David Cronenberg beruht, wird dem Zuschauer nicht von Beginn an deutlich gemacht, dass es sich bei Song Liling um einen Mann handelt. Zusätzlich wird, neben anderen wissenschaftlichen Arbeiten, der Text von David L. Eng Racial Castration: Managing Masculinity in Asian America 4 hinzugezogen, um bestimmte Szenen aus dem Film zu analysieren. Unter Berücksichtigung des Textes von Eng kann herausgearbeitet werden, wieso Gallimard sich ein Bild der perfekten, asiatischen Frau schafft und inwiefern der Aufbau dieses Phantasiebildes, dass Gallimard konsequent verfolgt und ausbaut dafür sorgt, dass am Ende des Films als logische Konsequenz für Gallimard nur der Selbstmord bleibt.
Mit Hilfe von Engs Theorie soll durch die Analyse verschiedener, in chronologischer Reihenfolge ausgewählte Szenen, die Entstehung, Erfüllung und Enttäuschung von Gallimards Phantasiebild der perfekten Frau untersucht werden. Eng zufolge bleibt Gallimard nur der Selbstmord, um die psychische Integrität seiner Farce zu schützen. Der Begriff der Farce kann, nach Engs Auffassung, gleichgesetzt werden mit dem eines Fetisch. Eng benutzt den Begriff des Fetisch, um Gallimards Handlung auf einer psychischen Ebene erklären zu können. Er nutzt hierbei die Definition Freuds. Freuds Meinung nach, entwickeln Männer während ihrer Kindheit einen Fetisch, um den fehlenden Penis bei der Mutter, also bei Frauen im allgemeinen, zu ersetzen. Die natürliche Entwicklung dieses Fetisch stellt Eng nicht in Frage. Allerdings kehrt er den Prozess in Gallimards Fall um und spricht von einem “reverse fetish”. Das bedeutet, dass Gallimards Illusion etwas ne giert, was äusserst existent ist, nämlich Song Lilings Männlichkeit und somit sein Penis. Durch die Weigerung, die wahre Identiät Songs zu erkennen, kastriert Gallimard Song auf sexuelle Weise, während er Song zusätzlich auf kultureller Ebene diskriminiert. Die Kastrierung, wie auch die Diskriminierung Songs stehen für Eng in engem
3 Hwang, David Henry: M.Butterfly. New York: Plume. 1988.
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Zusammenhang. Er definiert somit den Begriff der “racial castration” an Song. 5 Auf Basis der Theorie von Eng ist es somit einfacher Gallimards Handlungen im Film nachzuvollziehen.
Als Gallimards Phantasie der unterwürfigen Asiatin am Ende des Films zerstört wird, bleibt ihm keine andere Wahl, als sein Geschlecht umzukehren, um die Butterfly-Phantasie aufrecht zu erhalten. Nur durch seine eigene Transformation kann Gallimard somit die Illusion der perfekten Frau aufrecht erhalten.
Durch diese Vorgehensweise ist es möglich, einerseits filmische Aspekte Cronenbergs zu analysieren, aber auch inhaltliche Fragen, wie zum Beispiel die Aufgabe der Gender-Question oder der Transformation der Charaktere zu klären.
David Cronenberg präsentiert den Charakter des Rene Gallimard als einen Mann, der sich durch seine westliche Herkunft definiert. Cronenberg nutzt diese Prägung seines Charakters als Basis, damit die Entstehung einer Phantasie der M.Butterfly für Gallimard überhaupt erst möglich wird. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass Cronenberg Rene Gallimard zwar als Mann präsentiert, der als Diplomat in Asien arbeitet, aber dennoch nicht die Notwendigkeit erkennt, sich über die Kultur, in der sich befindet zu informieren. Bereits in der Eröffnungs-Sequenz des Films betont Cronenberg die passive Haltung seines Protagonisten gegenüber der asiatischen Kultur, indem Cronenberg Gallimard zu Beginn in der Totalen in seinem Büro präsentiert, so dass der Zuschauer einen beschränkten Blick auf diesen Ort bekommt. Eine Zuordnung, wo sich das Büro genau befindet, ist hier noch nicht möglich. Selbst
4 Eng, David L. Racial Castration: Managing Masculinity in Asian America. Durham and London: Duke University Press. 2001.
5 “Gallimard’s racial castration of Song presents a psychic scenario in which sexual and racial differences intersect and are simultaneously managed in attempts to affirm and stabilize the diplomat’s subjectivity.” In: Eng, David L. Racial Castration: Managing Masculinity in Asian America. Durham and London: Duke University Press. 2001. S.151.
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als Gallimard mit seinem Kollegen das Gebäude, in dem er arbeitet verlässt und die Kamera in einer totalen Kamerafahrt begleitet, wird am oberen Rahmen des Bildes noch die französische Flagge gezeigt. Auf diese Weise vermittelt Cronenberg direkt zu Beginn die kulturelle Zuordnung seines Protagonisten Rene Gallimard.
Erst in dem Moment, in dem Gallimard die Auffahrt verlässt, wird deutlich, dass Cronenberg bereits hier die Intention verfolgt, den Zuschauer fehlzuleiten. Denn als Gallimard auf die Strasse tritt, erkennt der Zuschauer, dass er sich in China befindet. Während Gallimard sich weiter mit seinem Kollegen unterhält, bleibt die Kamera in einer halbnahen Einstellung auf einem chinesischen Sicherheitsbeamten, der das Gebäude, indem Gallimard arbeitet, bewacht, stehen. Einige Sekunden später werden Zeit und Ort eingeblendet. Durch diese Einstellung wird deutlich, dass Cronenberg Informationen zurückhält. Die Arroganz Gallimards liefert den Nährboden fur Song Liling Gallimard eine asiatische Kultur zu präsentieren, die de facto nicht besteht. Die Überzeugung von Gallimard aus einer zivilisierten und kultivierten Welt zu stammen wird ihm somit zum Verhängnis, da sie es ihm nicht erlaubt, ein echtes Interesse an anderen Kulturen als der eigenen zu entwickeln.
investments in conventional stereotypes and fantasies of the Oriental geisha that Hwang’s drama can unfold to its pitiable end.” 7
Im f olgenden Kapitel wird nun untersucht, inwiefern Gallimard sich durch die ersten Begegnungen mit Song Liling sein Bild der M.Butterfly konstruiert und inwiefern Song sich Gallimards Ignoranz zu Nutzen macht, um Gallimard bei dem Aufbau seiner Phantasie zu unterstützen.
6 Zitat aus: Hwang, David Henry: M.Butterfly. New York: Plume. 1988. S.83.
7 Eng, David L. Racial Castration: Managing Masculinity in Asian America. Durham and London: Duke University Press. S.4.
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2.1. Analyse Szene 1: Opern-Aufführung der Madame Butterfly
Als Gallimard “seiner” M.Butterfly zum ersten Mal begegnet, wird vor allem sein Desinteresse an der asiatischen Kultur deutlich. ‘What are they planning to inflict on us tonight. Not these Chinese acrobats again, I hope.’ 9 Durch die deutliche Darstellung seiner Ignoranz gegenüber der asiatischen Kultur wird in der Szene, in der Gallimard Song Liling das erste Mal wahrnimmt und trifft deutlich, wodurch Gallimard seine Phantasie der M.Butterfly entwickelt. Wichtig ist hier, dass Cronenberg einen Ort der Illusion, eine italienische Opernaufführung benutzt, in der Gallimard zum ersten Mal auf Song Liling aufmerksam wird. Die Sequenz beginnt mit einer Detailaufnahme von einem Notenblatt der Oper Madame Butterfly, während Gallimard kurz darauf Frau Baden gesteht, dass er die eigentliche Oper von Puccini nicht kenne. Sowohl die Art und Weise wie die Sequenz eröffnet wird, wie auch der inhaltliche Aspekt, dass Gallimard die Oper nicht kennt, sind bildlich betrachtet auf den gesamten Film übertragbar.
Durch die Detailaufnahme auf das Notenblatt wird dem Zuschauer zuerst nur verdeutlicht, dass das Stück bald beginnt. Übertragt man diesen Aspekt nun auf die Situation Gallimards, kann man sagen, dass das Notenblatt nicht allein für den Beginn der Aufführung steht, sondern auch für den Beginn der Beziehung zwischen Gallimard und Song- und folglich für den Aufbau des Pha ntasiebildes von Gallimards M.Butterfly. Als Gallimard Frau Baden beichtet, er kenne die Oper nicht, wird deutlich, dass Gallimard nicht in der Lage sein wird, seine Beziehung zu Song Liling zu kontrollieren.
8 Cronenberg, David. Zitat aus: Grant, Michael: The Modern Fantastic: The Films of David
Cronenberg. Westport, CT: Praeger. 2000. S. 133.
9 Cronenberg, David (dir.) M.Butterfly. Warner Bros. 1993.
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Arbeit zitieren:
Nicole Knuppertz, 2005, Entstehung, Erfüllung und Enttäuschung einer Phantasie in David Cronenbergs "M.Butterfly", München, GRIN Verlag GmbH
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