INHALTSVERZEICHNIS
I.) Einführung 1
II.) Literaturhistorische Einordnung der "Schwedischen Gräfin von G " 2
III.) Das Moralitätsideal 4
IV.) Gellert und die Aufklärung 6
V.) Das Ideal der Einheit von Herz und Vernunft 8
VI.) Die Episodenstruktur des Romans 12
VII.) Die Sterbeszenen 14
VIII.) Die Wiederbegegnungsszenen S.18
IX.) Die Lösung: "Ehe zu viert" 20
X.) Die Marianenepisode 24
XI.) Die Prinzenepisode und Brüche im Gellertschen Ideal 29
XII.) Entwicklung der Personen oder Statik im Roman 34
XIII.) Schlußbetrachtungen 37
Literaturverzeichnis S 41
I.) EINFÜHRUNG
Ziel der vorliegende Hausarbeit ist es, eine umfassende Darstellung von Gellerts Ideal der Einheit von Herz und Vernunft zu geben und seinen einzigen Roman, "Das Leben der schwedischen Gräfin von G***", daraufhin zu untersuchen. Gleichzeitig soll Roman, dessen Bedeutung für die deutsche Literatur gar nicht genug betont werden kann, 1 in Beziehung zu seiner Epoche gesetzt werden, da er nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler den Mythos der Aufklärung in seiner reinsten, weil elementarsten Form spiegelt 2 Der Roman selbst gliedert sich in zwei Teile, wobei der "Erste Theil" vereinfachend gesagt ganz im Zeichen der von der Aufklärung propagierten glücklichen Ehe steht, während der "Zweyte Theil" die Darstellung des exemplarischen Todes beinhaltet: 3
"Als Textmontage aus bedeutsamen Episoden, deren Focus auf die Konstitution einer vernünftig geordneten Gesellschaft gerichtet ist, konzentriert sich der Roman auf das Motiv einer harmonischen, von der Liebe getragenen Ehe und auf die Begründung einer säkularen Moral in der Erfahrung des Todes als des unabdingbaren Endes der menschlichen Existenz." 4
Zum Erreichen des genannten Ziels, das von der Aufklärung insgesamt getragen wurde, propagiert Gellert dieses Ideal eines von der Vernunft gezügelten, "wohltemperierten Gefühls", in dem animo und ratio in Einklang stehen, das alle Wechselfälle des Lebens bestehen kann und das im Mittelpunkt dieser Arbeit steht.
Zunächst einmal soll aber eine literaturhistorischen Einordnung des Romanes erfolgen, der eine Untersuchung des im Roman gegebenen Moralitätsideals einschließlich einer Darstellung desselben und seiner Verbindung zu den Prinzipien der Aufklärung folgt. Dieses selbst soll dann - ganz im Sinne Gellerts - anhand verschiedener Affektszenen, die nach aufklärerischem Verständnis eine Bedrohung für die Konstitution einer idealen Gesellschaft darstellen, auf seine Wirksamkeit und etwaige Brüche hin erprobt werden. Ihren Abschluß findet die Arbeit dann mit der Untersuchung, inwiefern die Träger dieses Herz- und Vernunftideals statisch angelegt sind und was die "rechte Erziehung" kennzeichnet, die Basis des zu vermittelnden Tugendsystems ist.
1 Ein ganzer Strang der Unterhaltungs- und Trivialliteratur bis hin zu Karls Mays Koportageroman "Deutsche
Herzen - Deutsche Helden" und den heutigen Groschenromanen zählt zu den - teilweise vielleicht illegitimen -
Nachfahren der "Schwedischen Gräfin". (vgl. Schmiedt 1993, S. 32)
2 vgl. Witte 1996, S. 144
3 vgl. ebd., S. 138
4 ebd., S. 144
1
II.) LITERATURHISTORISCHE EINORDNUNG DER „SCHWEDISCHEN GRÄFIN VON G***“
Die Einsicht, daß es für das Verständnis eines literarischen Werkes unabdingbar ist, es in den literaturhistorischen Kontext zu stellen, vor dem es in Szene gesetzt wurde, macht vor der eigentlichen Erörterung des Themas eine knappe Skizzierung der herrschenden Verhältnisse zur Zeit der Entstehung des Romans und den Versuch einer literaturgeschichtlichen Ein-ordnung notwendig. 5
Zu ersterem sei gesagt, daß das Werk, das in den Jahren 1747 und 1748 in zwei Bänden anonym erschien, in einer Zeit entstand, in der der Roman in Deutschland noch ganz im Schatten der Versepik stand, 6 ja, der Roman einen dermaßen schlechten Ruf besaß, daß Gellert es - aus Angst um seine Reputation als ordentlicher Professor für Beredsamkeit und Moral in Leipzig, für den sich die Produktion eines solchen nach damals herrschendem Verständnis nicht schickte - nicht einmal wagte, ihn unter seinem Namen zu veröffentlichen. 7 Die literaturhistorische Einordnung des Romanes schließlich, hat die Forschung von jeher vor große Probleme gestellt; nicht nur, daß die Abhängigkeitsverhältnisse des Romans nie ganz geklärt wurden und der Roman an einem geistesgeschichtlichen Übergang zu verorten ist, was das Vorhaben außerordentlich erschwert, er ist auch ein Musterbeispiel dafür, wie ein literarischer Text, dessen Grundkonstellationen im deutschen Sprachraum musterbildend für eine ganze literarische Großgattung gewirkt haben, aus dem Kanon der gelesenen Literatur herausfallen und damit aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden kann. 8 Bei Gellerts einzigem Roman, der noch fünf vom Autor selbst redigierte Neuauflagen im Laufe des 18.Jahrhunderts erlebte und früh in zahlreiche westliche und nordische Sprachen übersetzt wurde, handelt es sich - laut Fritz Brüggemann - um den ersten deutschen bürgerlichen und den ersten deutschen Familienroman überhaupt. 9
Er war Teil der frühen bürgerlichen Aufklärung, wie sie durch die „Moralischen Wochenschriften“ der Zeit vorbereitet wurde, und in deren Verlauf die kirchlich oder christlich legitimierten Ideale von Moralität und Sittlichkeit zunehmend den Erfordernissen der bürgerlichen Lebenskultur angepaßt wurden; eben dies, daß der Roman Teil der Frühaufklärung war, erklärt sowohl seinen großen Erfolg beim Erscheinen, als auch, daß er schnell in
5 vgl. Meyer-Krentler 1974, S. 3
6 vgl. Schlingmann 1967, S. 140
7 vgl. Witte 1996, S.162 und ebd., S. 167
8 vgl. ebd., S. 112
9 vgl. Kjndlers Neues Literaturlexikon Bd. 10 , S. 194
2
Mißkredit geriet, als die Ideale der Aufklärung, die Gellert in ihm vertrat, im Sturm und Drang über Bord geworfen wurden. 10
Es kam jedoch, trotz der großen Beliebtheit beim zeitgenössischen Publikum, auch früh zu ausgesprochener Kritik an der poetischen Qualität des Werkes durch die Fachwelt, unter anderem von Wieland und Klopstock, die damit das fachwissenschaftliche Urteil über zwei Jahrhunderte prägten; erst in jüngster Zeit wird wieder - vor allem seit der richtungsweisenden Dissertation Eckard Meyer-Krentlers - die innovative Leistung Gellerts für den deutschsprachigen Roman, der Mitte des 18.Jahrhunderts - wie bereits erwähnt - als Gattung noch von sehr schlechtem Ruf war, betont. 11
Konstatiert werden muß, daß es zwar englische, wie Richardsons „Pamela“, und französische, wie Prevosts „Histoire de M. Clevland“, Vorbilder gegeben hat, tatsächlich aber nur eine gewisse Abhängigkeit von Richardson festzustellen ist, jedoch auch hier keine bloße Nachahmung, wie Gellert oftmals fälschlicherweise unterstellt wurde. 12 Es verhält sich vielmehr wohl eher umgekehrt so, daß Gellert sich - trotz der unverkennbaren Ähnlichkeit des weltanschaulichen Konzepts 13 - als ein Original möglichst von Richardson abheben wollte, wie Schlingmann richtig festgestellt hat und was sich auch eindeutig am Textinhalt belegen läßt: 14 So unterscheiden sich die Romane beispielsweise dahingehend, daß Gellert im Gegensatz zu Richardson keinen Brief- sondern einen Ich-Roman schreibt, die „verfolgte Unschuld“ nur als Initialzündung dient und nicht prägend für den Roman ist, und die Sexualität der Romangestalten ganz offensichtlich dazugehört, während selbst für die verheiratete Pamela die körperliche Liebe etwas Peinliches behält. 15 Hinzu kommt noch, daß die Romanfiguren Gellerts viel differenzierter sind, als diejenigen Richardsons; 16 hier vermutet man eher französische Vorbilder, die - wie vor allem La Bruyère - von Gellert stark bewundert wurden 17 , an denen er
10 So heißt etwa bei Unzer und Mauvillon 1771: "Der ganze erste Theil ist das abgeschmacktetste, was nur je-
mals geschrieben worden. Aus welchen längstvergeßnen französischen Memoires mag doch der gute Man den
Inhalt zusammengestoppelt haben! [...] Wie konnte ein in Absicht des delikaten Geschmacks und des moralisch-
en Gefühls so gepriesener Mann, wie Gellert, ein so fatales Sujet zu dieser Episode [gemeint ist die Marianen-episode; Anm. d. Verf.] erwehlen, als die Vermählung zweiyer Geschwister ist!" (zitiert nach Witte 1996, S.
117)(vgl. auch Kindlers Neues Literaturlexikon Bd. 10, S. 194)
11 vgl. Kindlers Neues Literaturlexikon Bd. 10, S. 194
12 vgl. Schlingmann 1967, S. 141
13 vgl. Meyer-Krentler 1974, S. 18
14 vgl. ebd., S. 141
15 vgl. Schlingmann 1967, S. 141 f.
16 So hat Richardson im Gegenteil zu Gellert keinerlei Wert auf psychologische Wahrscheinlichkeit gelegt; seine
Charaktere bestehen gewöhnlich nur aus einer einzigen Eigenschaft, die je nach ihrer Funktion im Roman von
einer völlig anderen abgelöst werden kann. In diesem Sinne wirken auch bei Gellert zwei Randfiguren, Dormund
und Wid, durch den extremen Umschlag von Tugendlosigkeit in Reue und Mitleid unglaubwürdig, nicht jedoch
die anderen Romanfiguren, bei denen Gellert ein feines Gespür für Menschenkenntnis erweist. (vlg. auch
Schlingmann 1967, S. 143)
17 vgl. ebd., S. 143
3
jedoch kritisierte, daß sie schlußendlich alles menschliche Streben auf Selbstsucht zurückzuführen versuchten, so daß auch hier das Bemühen Gellerts sichtbar wird, einen eigenen Weg zu gehen. 18
Das bisher aufgezeigte, das nur exemplarisch belegen soll, daß Gellerts "Schwedische Gräfin" tatsächlich eine originäre Neuschöpfung darstellt, die zu keinem der zeitgenössischen oder historischen Romane in ein enges Abhängigkeitsverhältnis gesetzt werden kann, 19 ergibt, daß - auch vom Vergleich mit anderen Werken und Autoren dieser Zeit her - die Rechnung nicht aufgehen kann, wenn im Sinne einer kontinuierlichen Literaturgeschichtsschreibung Gellerts Roman in eine wie auch immer geartete geistesgeschichtliche und literarische "Strömung" eingebettet wird, ohne daß dabei die Frage nach den entsprechenden Oppositionen 20 einbezogen wird. 21 Dies deshalb, da Gellerts Ideal, von dem der Roman nachhaltig geprägt ist, sich ja durch eben diesen geistesgeschichtlichen Übergang erklärt, und daher notwendig nicht mit den entsprechenden Idealvorstellungen der großen Epochen konform gehen kann, sondern Inhalt des Vorher und des Nachher widerspiegelt und so wiederum etwas eigenständiges ist. Dies soll später bei der Darstellung seines Ideals noch näher analysiert werden, doch macht dies zunächst einmal eine Erörterung der didaktischen Intention des Werkes erforderlich.
III.) DAS MORALITÄTSIDEAL
Auch wenn Schlingmann dahingehend recht hat, daß im aufklärungsfreudigen 18.Jahrhundert ein Autor keinen Roman schreiben mußte, um seine Ideen unters Volk zu bringen, sondern einen direkteren Weg der Belehrung wählen konnte, so ist es doch keinesfalls so, daß Gellert bei der Abfassung seines Romans nur von der elementaren Lust des Fabulierens getrieben wurde. 22 Vielmehr wollte „der große Tugendlehrer der Nation“ mit der "Schwedischen Gräfin" ein Moralitätsideal vermitteln, wie bereits Johann Andreas Cramer erkannte, der dem Autor attestierte:
18 vgl. Schlingmann 1967, S. 143
19 Weitere Hinweise zu diesem Thema finden sich bei Meyer-Krentler 1974, S. 18 ff.
20 Was hier dahintersteht ist, neben dem literaturgeschichtlichen Hintergrund einer Positionierung im geistes-
geschichtlichen Übergang, vor allem die antithetische Struktur des Romans, die damit einhergeht, daß Gellert in
seinem Roman auch gegen sämtliche Traditionen anschreibt: zum einen handelt es sich um so etwas wie einen
antipietistischen Romen, worauf im Schlußwort noch näher eingegangen werden wird, und zum anderen sogar
um so etwas wie einen "Antiroman" überhaupt, was in diesem Zusammenhang jedoch leider nicht näher ausge-führt werden kann (Näheres bei Witte 1980, S. 158).
21 vgl. Meyer-Krentler 1974, S. 21
22 vgl. Schlingmann 1967, S.142
4
Das Verlangen, durch das Vergnügen zu nützen, ist das beständige Gepräge seiner Arbeiten, und dieses läßt sich auch hier nicht verkennen." 23
Diese Intention Gellerts, offenbart sich vor allem in der gezielten Miteinbeziehung seiner Leser, in der stark appellativen Struktur vor allem des ersten Teils seines Romanes: So wird der "Leser" immer wieder direkt angesprochen; der Rezepient von Gellerts Werk ist zudem ein "geneigter" und ein "kundiger" Leser, dessen Lebens- und Lektüreerfahrung ihm eine gewisse Erwartungshaltung aufdrängen. Obwohl dies der Erzählerin manche ausführliche Erklärung erspart, 24 wird diese Erwartungshaltung jedoch regelmäßig enttäuscht und durch etwas anderes ersetzt, so daß der Leser seine bisherigen Ansichten revidieren muß, wenn er sich den an ihn gestellten Erwartungen nicht ganz verschließen will. 25 Dies belegt anschaulich die pädagogisch-didaktische Motivation Gellerts bei der Abfassung seines Romanes: Dem an den entscheidenden Stellen des Werkes genannten oder eindeutig angesprochenen "Roman"-Leser, der mit dem vorzustellenden Tugendsystem noch nicht vertraut ist, soll ein Weg gewiesen werden, auf dem er aus der Welt des "Romans" in die neue, bessere Welt der "Schwedischen Gräfin", 26 aus der galanten in die aufklärerische Welt gelangen kann. 27 Dies wird noch deutlicher dadurch, daß die Erzählerin dann auch immer wieder auf den exemplarischen Charakter ihrer Erfahrungen verweist; so zum Beispiel wenn es heißt: 28
"Ja, ich erfuhr, daß ein großes Unglück in den Gemütern vieler Menschen fast eben die Wirkungen hervorbringt, welche sonst ein großes Glück zu verursachen pflegt." (31, 15 ff. 29 )
"Das Unglück, das uns zeither betroffen, hatte unsere Gemüter gleichsam aufgelöset, die Ruhe nunmehr desto stärker zu schmecken. Man dürfte fast sagen, wer lauter Glück hätte, der hätte gar keines. Es ist wohl wahr, daß das Unglück an und für sich nichts angenehmes ist; allein es ist es doch in der Folge und in dem Zusammenhange. Wenigstens gleichet es den Arzneien, die unserm Körper einen Schmerz verursachen, damit er desto gesünder wird." (53, 8 ff.)
Das Eingeständnis einer moralisch-pädagogischen Absicht ergibt sich aber auch in anschaulicher Weise aus der Selbstdeutung, die Gellert in der fingierten Wechselrede mit seiner Nichte vorlegt:
23 Cramer: "Gellerts Leben" 1775, S. 65 f.(zitiert nach Meyer-Krentler 1974, S. 1)
24 Exemplarisch sei für diesen Umstand die Einführung in die Hofszene (Roman S. 21 ff.) genannt.
25 vgl. Meyer-Krentler 1974, S. 23 ff.
26 vgl. ebd., S. 99
27 Dies ist der Grund, weshalb Gellerts "Schwedische Gräfin" auch immer wieder als Gegenentwurf zum
barocken Roman, als "Anti-Roman" bezeichnet und gewertet worden ist; so etwa bei Witte. (vgl. Witte 1996, S.
119)
28 vgl. Schmiedt 1993, S. 34
29 An dieser Stelle sei zur Erläuterung gesagt, daß sich die in Klammern gesetzten Zahlenangaben hinter den
Textbelegen hier und im Folgenden auf die Seiten- und die Zeilenzahl der Textstelle in der (im Literaturver-
zeichnis aufgeführten) Reclam-Ausgabe von Gellerts "Leben der schwedischen Gräfin von G***" von 1985
beziehen.
5
„Für zwo Stickereyen von Ihren Händen, schicke ich Ihnen zwey Bücher von den meinigen; einen Catechismus 30 und einen Roman. Wenn Sie der letzte verderbt, so soll Sie der erste unmittelbar wieder bessern. Sie lachen? Wollen Sie mir etwan dadurch sagen, daß ich mir diese Sorge nicht machen dürfte; daß mein Roman selber ein Catechismus wäre? Ei, ei, Jungfer Muhme, das war zu boshaft gelacht! So beißend hat mich noch kein Mensch kritisieret. Ich vergebe es Ihnen, weil ich nicht gleich ein Mittel weis, mich zu rächen. Wir sind nahe Freunde und -- ja; und wer weis, ob Sie ganz Unrecht haben?“ 31
Diese gespielt-ironische Provokation, in der Gellert seinen Roman mit einem Katechismus gleichsetzt 32 , beinhaltet ziemlich ungeschminkt den Anspruch, den der Autor mit seinem Roman erhebt: Ein Katechismus ist ein Lehrbuch über die Grundlagen und -tatsachen des christlichen Glaubens zur Unterweisung in Familie, Kirche und Schule 33 und in eben der Weise, wie ein solcher Katechismus seinen Lesern Anweisungen zu einem rechten Leben nach den Maximen des christlichen Glaubens gibt, bietet Gellert seinen Lesern ein Lehrbuch, das zum richtigen Leben nach dem Ideal eines von der Vernunft gezügelten „wohltemperierten Gefühl“, das alle Wechselfälle des Lebens bestehen kann, anleitet.
IV.) GELLERT UND DIE AUFKLÄRUNG
Um die Stellung von Gellerts Roman in seiner Epoche voll erkennen zu können, muß man sich zunächst einmal die Hintergründe der Aufklärung (ca. 1720 - 1785), die sich bei Gellert "in seiner reinsten, weil elementaren Form" 34 manifestiert, vor Augen führen, da für die deutsche Literatur der Aufklärungszeit die geistesgeschichtlichen Strömungen - wie der Rationalismus, der Pietismus und die Empfindsamkeit - von wesentlich größerer Bedeutung waren, als für jede andere Epoche; hierzu soll zunächst einmal das neue Weltbild, das diese Zeit prägte beleuchtet werden:
Die Philosophien der Empiristen, die Erfahrung für die einzige Quelle menschlichen Wissens hielten, und der Rationalisten, die davon ausgingen, daß alle menschliche Erkenntnis angeborenen, allgemein feststehenden Begriffen und Sätzen entspringe, und deren Gegensatz
30 1748 war Gellerts deutsche Übersetzung von Jacob Saurins Katechismus, eines damals weit verbreiteten
religiösen Laienbuchs, unter dem Namen "Jacob Saurins Kurzer Begriff der Christlichen Glaubens- und Sitten-
lehre", erschienen.
31 Witte (Hrsg.): 69. Brief; Gesammelte Schriften 1989 Bd. 4, S. 213 (zitiert nach Witte1996, S. 113)
32 Dies hatte Gellert mehrfach brieflich getan, als seine Übersetzung des Saurins und der zweite Teil des Romans
gleichzeitig zur Michaelismesse erschienen waren; so forderte er beispielsweise Moritz Ludwig Kersten auf:
"Seyn Sie [...] so gütig, und überreichen Sie dem Herrn Grafen ein Exemplar davon [gemeint ist der 2. Teil des
Romans; Anm. d. Verf.] nebst dem Saurin." (Reynolds [Hrsg.]: Briefwechsel 1983 Bd.1, S. 26; zitiert nach Witte
1996, S. 113)
33 vgl. Brockhaus PC-Bibliothek 3,0 "Katechismus"
34 Witte 1990, S. 84
6
erst durch Kants Erkenntnistheorie aufgehoben wurde, verminderte in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts allmählich den Einfluß dogmatischer Theologen auf das Geistesleben. Die - seit den Wirren der Religionskriege - im konfessionell und politischen zerrissenen Reich verbreitete pessimistische Seelenangst, die noch einen Gryphius deutlich gekennzeichnet hatte, begann seit Leibnitz (1646 - 1716), der die - noch im 17. Jahrhundert vielgeschmähte -Welt für "die beste aller möglichen Welten" erklärte, langsam einem auf das Diesseits orientieren Glücksstreben, einem auf die Nützlichkeit ausgerichteten Denken zu weichen. 35 An die Stelle religiösen Bekehrungseifers traten jetzt vernünftige Belehrung und die Idee der Toleranz, was Kant am Ende der Epoche - zur Beantwortung eines folgenschweren Artikels der "Berlinischen Monatsschrift" mit der provozierenden Frage "Was ist Aufklärung" - in seiner bekannten Begriffsbestimmung wie folgt zusammenfaßte: 36
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." 37 Diese ins unermeßliche gesteigerte Wertschätzung der Vernunft, die zeitweilig der Schlüssel zur Lösung aller Probleme zu sein schien, bedrängte zwar jede Form von Orthodoxie, jedoch nicht die subjektive Herzensfrömmigkeit, die ebenso wie der Rationalismus auf dem Grundgedanken der Toleranz baute, weshalb der von Jacob Sprenger (1635 - 1705) ins Leben gerufene deutsche Pietismus, 38 dem auch Gellert nahestand und der die Selbstverantwortlichkeit des religiösen Individuums in seiner Gottbeziehung betonte und die Autorität von Kirche und Theologie in Frage stellte, von Anfang an eine große Bindung zu dieser neuen geistigen Strömung aufwies. 39 Die Pietisten 40 pflegten in privaten religiösen Zusammenkünften, den sogenannten Konventikeln, einen bis zur Rührseligkeit gehenden Seelen- und Freundschaftskult; man belauschte seine Seele nach inneren Gotteserlebnissen, die dann in schwärmerischer Erbauungsliteratur, in Autobiographien, Briefen, Tagebüchern und ähnlichen Formen als "Bekenntnisse einer schönen Seele", wie Goethe es später bezeichnete, niedergelegt wurden.
35 Rothmann 1997, S. 64
36 Bahr (Hrsg.) 1996, S. 3
37 ebd., S. 9
38 In diesem Zusammenhang muß auch der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich diese geistige Bewegung
auf das vorliegende Werk niedergeschlagen hat. Dabei kommt man zu einem Befund, der entgegen dem Trend
der Aufklärung, nicht nur Kritik an allen religiösen und kirchlichen Autoritäten übt, sondern auch darüber hin-
aus, und vor allem angesichts der Person des (zumindest zeitweisen) Pietisten Gellert, der ja auch der Verfasser
der „Geistlichen Oden und Lieder“ ist, doch überrascht: „Die schwedische Gräfin“ ist als ein antipietistischer
Roman konzipiert, worauf im Schlußwort noch etwas näher eingegangen werden soll, da dies auch für das noch
darzulegende Tugendideal des Gellertschen Romanes von größter Bedeutung ist.
39 vgl. Bahr (Hrsg.) 1988, S. 15 f.
40 Das Wort stammt vom lateinischen "pietas" und bedeutet soviel wie "Frömmler".
7
Arbeit zitieren:
Daniel Rentschler, 2004, Das Ideal der Einheit von Herz und Vernunft in Gellerts Roman "Leben der schwedischen Gräfin von G***", München, GRIN Verlag GmbH
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