II
Proseminar Literaturwissenschaft Prosaanalyse von Texten Diderots Wintersemester 1995/’96
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Thomas Grömling
2. Semester, LA
Romanistik (Frz.), Politologie
II
III
Inhaltsverzeichnis
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II QDO VHH 1
1. Die Theorie des Raumes 1
1.1 Unterteilung des Raumes : Raum des Diskurses - Raum der Geschichte 1
1.2 Evozierung des Raumes 2
1.2.1 Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit 3
1.2.2 Raumfunktionen und Situationstypen 3
1.3 Weltmodelle 5
1.3.1 Verfahren der semantischen Opposition 6
1.3.2 Zustandekommen der Handlung durch räumliche Wirklichkeit 6
2. Analyse der semantischen Opposition und der Handlungsstruktur in der 7
Religieuse anhand der räumlichen Wirklichkeit
2.1 Semantische Opposition(en) 7
2.1.1 Soziale Hierarchie 8
2.1.2 Ethische Merkmalhaftigkeit 9
2.2 Opposition der semantischen Teilfelder in der Religieuse 10
2.3 Veranschaulichung der Gefühlswelt der Figuren durch 12
räumliche Wirklichkeit
2.4 Akustischer Tiefenraum 13
3. Illusionsbildung in der Religieuse 13
III XVDPPHQIDVVXQJ 15
16
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1
I Einleitung
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Diese Totenmesse ist wohl eine der beeindruckendsten Szenen in der "Religieuse" von Denis Diderot. Allein schon die Elemente durch die der Raum dieser Szene erstellt wird schaffen eine unheimliche und bedrückende Grundstimmung.
Die Funktion, welche der Raum in einem Roman inne hat, ist sehr wichtig. Wie wird die Räumlichkeit in einem narrativen Text erstellt, welche Wirkung auf die Geschichte und die Figuren hat die räumliche Wirklichkeit? Das sind die Fragen, die sich mir bei bei der Lektüre der "Religieuse" stellten.
In dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, wie durch die räumliche Wirklichkeit ein Weltmodell in einem Roman aufgestellt werden kann. Desweiteren werde ich untersuchen wie die Handlung von dieser räumlichen Wirklichkeit beeinflußt wird. Dabei ist auch interessant, wie die Empfindungen der Figuren von Gegenständen und Räumen wiedergegeben werden und welche Funktion dies für die Entwicklung der Geschichte hat.
Zuerst einmal wird die Raumtheorie geklärt. Der Raum wird unterschieden in zwei Bereiche und vom Raum der Geschichte ausgehend, wird schrittweise seine Funktion erläutert. Anschließend werde ich die raumtheoretischen Punkte explizit an dem Weltmodell der "Religieuse", ihrer Handlungststruktur und an einzelnen Raumfunktionen veranschaulichen.
II Analyse
1. Die Theorie des Raumes
1.1 Unterteilung des Raumes : Raum des Diskurses - Raum der Geschichte
Zuerst muß wohl eimal der Gegenstand "Raum" definiert werden. "Raum ist: 'die Gesamtheit
1 Diderot, Denis, La Religieuse, S. 99
1
2 homogener Objekte [...], zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen gleichen [...]" 2 . Der Begriff "homogene Objekte" beinhaltet sowohl Figuren und Erscheinungen, als auch Zustände, Funktionen, Werte und dergleichen.
Genau wie die Zeit, läßt sich auch der Raum in zwei Bereiche unterteilen, nämlich in den Raum des Diskurses und in den Raum der Geschichte. Da der Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit ein narrativer Text ist, werde ich die Darstellung der Theorie ausschließlich auf den Raum der Geschichte konzentrieren.
Der Raum des Diskurses ist der Raum, den man im Diskurs antrifft. Die Darstellung des Raumes im Diskurs ist nicht so einfach wie in einem narrativen Text. Jede räumliche Vorstellung muß durch eine Person in direkter Rede geäußert werden. Dies beschränkt die Möglichkeit der Beschreibung und offenbart sofort die Subjektivität der räumlichen Wahrnehmung, da einem der Raum von einer Figur direkt vermittelt wird. Im Film oder in der Fotografie könnte man den Raum des Diskurses mit dem Kamerawinkel oder mit der Perspektive vergleichen.
Der Raum der Geschichte ist, analog zum Raum des Diskurses, der Raum in einem narrativen Text. Er ist ein Ausschnitt aus der Welt, ob dieser Ausschnitt nun realistisch oder utopisch sein mag spielt kein Rolle. 3 Man könnte ihn auch als Schauplatz, oder als "Setting" in bezug auf den Film, bezeichnen.
1.2 Evozierung des Raumes
Mit Hilfe der räumlichen Elemente im Text wird beim Leser eine bestimmte räumliche Vorstellung erreicht. Wie entsteht diese nun bei ihm?
Räume, Gegenstände, sowie optische, akustische und sonstige Eindrücke werden durch Sprachzeichen vermittelt, also durch den geschriebenen Text. Wir lesen den Text und bekommen so eine Ahnung von dem räumlichen Modell in der Geschichte. Die im Text genannten Raumdetails treten nacheinander auf, oft sogar in größeren Abständen. Dies setzt beim Leser ein Erinnerungsvermögen voraus, damit er fähig ist sich den Raum vorzustellen, welcher nacheinander evoziert wird. Er muß alle räumlichen Details wie Mosaiksteine zu einem Ganzen zusammenfügen, um ein Bild des dargestellten Raumes zu erhalten.
Da wir alle - in der Regel bis auf wenige Editionsunterschiede - den gleichen Text lesen, läge die Vermutung nahe, daß wir auch alle die selbe Vorstellung der räumlichen Wirklichkeit einer bestimmten Geschichte haben. Daß dies nicht so ist, weiß jeder aus eigener Erfahrung. Jeder von uns hat eine eigene, individuelle Vorstellung von jedem genannten Raumdetail einer Geschichte. Diese
2 Lotman, Jurij M., Die Struktur literarischer Texte, S. 312
3 Ludwig, Hans-Werner, Romananalyse, S. 170
2
3 Fülle von individuellen räumlichen Gegenständen (von denen sich Einzelne durchaus bei einigen Leuten gleichen können) bildet letztendlich ein individuelles Bild des Raumes eines jeden Lesers. Dies meint auch Lotman wenn er schreibt: "Der dem Menschen eigene besondere Charakter der visuellen Wahrnehmung der Welt hat zur Folge, daß für den Menschen in der Mehrzahl der Fälle die Denotate verbaler Zeichen irgendwelche räumlichen, sichtbaren Objekte sind, und das führt zu einer spezifischen Rezeption verbalisierter Modelle." 4
1.2.1
Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit
Die Vorstellung der räumlichen Gegebenheiten in einem narrativen Text ist also bei verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedlich, obwohl das räumliche Modell im Text für jeden Leser auf die selbe Weise erstellt wird. Da stellt sich die Frage nach den verschiedenen Möglichkeiten zur Realisierung einer räumlichen Wirklichkeit, die ich in einem Text habe. Durch sprachlich-stilistische Verfahren hat man drei Möglichkeiten in einer Geschichte eine räumlich/ gegenständliche Wirklichkeit zu erzeugen.
Das erste Verfahren ist die direkte Benennung der Anschauungsdetails in einem Text. Ein Gebäude oder eine Szene wird beschrieben, indem man alle Details nennt, welche für den Leser notwendig sind sich das Bild vorstellen zu können. So ist z.B. die Szene, in der Suzanne von zwei Nonnen begleitet nach Sainte-Eutrope fährt, eine Beschreibung der Anschauungsdetails. 5 Man hat weder das Gefühl der Bildhaftigkeit (aus Mangel an Einzelheiten), noch hat die Szene eine übertragene Bedeutung, die eine weitere Assoziation wachruft.
Wie gerade eben angedeutet, ist ein weiteres Verfahren die Verwendung quasi genormter Bezeichnungen und Beschreibungen, die eine weiterreichende Assoziation ermöglichen. Der Leser ergänzt die ihm vor- schwebende Assoziation, die er mit einem bestimmten Ort oder Gegenstand verbindet zu dem genannten räumlichen Detail, und erhält eine erweiterte oder vollkommen neue Bedeutung. So ist die Reeperbahn nicht nur ein Straßenzug, sondern hat für den durchschnittlichen deutschen Bürger zugleich noch die Denotate des "Rotlichtmilieus". Das dritte Verfahren ist die Bildlichkeit. Eine Szene wird so beschrieben, daß man sie ganz genau nachzeichnen könnte:
"[...]une supérieure qui touchait à la quarantaine, blanche, fraîche, pleine d'embonpoint, à
4 Lotman, Jurij M., Die Struktur literarischer Texte, S. 312
5 Diderot, Denis, La Religieuse, S. 138
3
Quote paper:
Thomas Grömling, 1996, Die Erfassung des Weltmodells und die Handlungserstellung mit räumlichen Begriffen in Denis Diderots La Religieuse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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