Hegels Trinitätslehre
Inhaltsverzeichnis
1 E i n f ü h r u n g 2
1.1 Der Begriff des Geistes und seine Stellung im System 3
2. Das Verhältnis von Philosophie und Religion 7
3 D i e o f f e n b a r e R e l i g i o n 8
3.1 Das Reich des Vaters 10
3.2 Das Reich des Sohnes 12
3.3 Das Reich des Geistes 15
4. Kritik an Hegels Trinitätslehre 18
5 F a z i t 2 0
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 2 2
Hegels Trinitätslehre 2
1. Einführung
Die Trinitätslehre ist ein zentrales Thema in Hegels Gesamtwerk. In den unterschiedlichsten
Schriften nimmt er Bezug auf die Lehre vom dreieinen Gott. 1 Diese Arbeit befaßt sich vor
allem mit den relevanten Textpassagen in der Religionsphilosophie und der Enzyklopädie. 2
Dabei hat die Betrachtung des Primärtextes Vorrang vor der Auswertung der Sekundärlitera-
tur. 3
Es erscheint vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich, warum ausgerechnet der Trini-
tätsgedanke für Hegel von so großem Interesse ist. Handelt es sich hier nicht um ein Vorstel-
lungsrelikt der christlichen Dogmatik? Es muß hier jedoch von vornherein unterschieden wer-
den zwischen christlicher Lehre und Hegels Begriff der Dreieinigkeit. Zwar versteht sich He-
gel grundsätzlich als Philosoph des Christentums (in seiner lutherischen Prägung). Doch muß
beachtet werden, daß Hegel nicht als Scholastiker die Lehren des Christentums beweisen,
sondern ihren vernünftigen Inhalt in die Sprache der Philosophie übersetzen will. 4
Ziel dieser Arbeit ist es daher, zu zeigen, welchen philosophischen Gehalt Hegel der Trini-tätslehre abgewinnen kann. Ein Vergleich der christlichen Dogmatik mit Hegels Konzeption
erscheint mir im Rahmen dieser philosophischen Betrachtung wenig fruchtbar. Einzig der
Unterschied von dreipersonaler und triadischer Struktur soll hier behandelt werden.
1 Zur Einordnung der Trinitätslehre in Hegels Gesamtwerk hat J. Splett, Die Trinitätslehre G.W.F. Hegels, Freiburg/München 1965 eine umfassende Studie verfaßt. Er geht dabei chronologisch vor, indem er die Entwicklung des trinitarischen Systems in den verschiedenen Schriften (Frühe Schriften, Phänomenologie des Geistes, Wissenschaft der Logik, usw.) aufzuzeigen versucht. Leider benutzt Splett m.E. zu häufig die Form der Paraphrase, was oft dazu führt, daß eine Unterscheidung zwischen Hegels Thesen und der Meinung des Autors nicht möglich ist. Meiner Meinung nach handelt es sich hier um ein weit verbreitetes negatives Phänomen der Hegel-Rezeption. Da eine chronologische Untersuchung, wie sie Splett unternimmt, den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, stehen vor allem die Vorlesungen über die Philosophie der Religion, in denen Hegel den Trinitätsbegriff am ausführlichsten entfaltet, im Zentrum des Interesses. Als plastische Einführung zum Thema dient V. Hösle, Hegels System - Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität, Hamburg 1987. Hösle behandelt in einem gesonderten Kapitel S. 638-662 die Stellung der Religionsphilosophie in Hegels Systementwurf sowie die Konsequenzen, die sich daraus für die Trinitätsproblematik ergeben.
2 Als Quelle für diese Untersuchung dient die Suhrkamp-Werkausgabe Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Werke: [in 20 Bänden] / Georg Wilhelm Friedrich Hegel. - Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ed. Ausg. Frankfurt/M. 1969. Bei Zitaten verwende ich jeweils zwei Zahlen, die durch einen Punkt getrennt sind; die Zahl vor dem Punkt bezeichnet die Nummer der Werkausgabe, die Zahl nach dem Punkt die entsprechende Seitenzahl eines Werks. Hierbei schließe ich mich der Zitierweise von Hösle, Hegels System an. Beim Zitieren einer Textpassage aus den Zusätzen der Enzyklopädie mache ich dies unter Verweis auf den entsprechenden Paragraphen gesondert kenntlich.
3 G. Greshake, Der dreieine Gott: eine trinitarische Theologie, Freiburg/Breisgau; Basel; Wien, 1997 listet S.
138, Anm. 330 die einschlägige neuere Literatur auf, die jedoch bis auf Splett, Trinitätslehre keinen Einfluß
auf diese Untersuchung hat. Im Rahmen einer umfassenderen Bearbeitung des Trinitätsproblems sollte diese Literatur Anwendung finden, hier stehen vor allem die Kern-Thesen Hegels im Mittelpunkt.
4 So spricht Hösle, Hegels System, S. 642 beispielsweise von einer „Übersetzungsleistung“ der Philosophie, die darin bestehe, die Grunddogmen des Christentums in den Begriff zu übersetzen.
Hegels Trinitätslehre 3
Die Pointe des Trinitätsgedankens ist es, Gott als Geist zu begreifen: „der Inhalt der christlichen Religion ist, Gott als Geist zu erkennen zu geben“ (10.29 f.). Sofern Gott als Geist ver-standen wird, läßt dies nach Hegel auch grundsätzlich die Möglichkeit nach Wissen von Gott zu, da ein geistiger Gott sich vor allem offenbaren oder manifestieren muß: „Es liegt wesentlich im Begriffe der wahrhaften Religion, d.i. derjenigen, deren Inhalt der absolute Geist ist, daß sie geoffenbart und zwar von Gott geoffenbart sei“ (10.372 f.). Es soll ein Hauptanliegen dieser Untersuchung sein, die ungeheure Fruchtbarkeit des Gedankens, Gott sei Geist, darzustellen. Dabei soll jedoch vermieden werden, eine Hierarchisierung der Weltreligionen zugrundezulegen 5 ; es soll bestenfalls die Kernvorstellung einer Religion herausgegriffen werden, um sie auf ihren philosophischen Nutzen zu analysieren.
1.1 Der Begriff des Geistes und seine Stellung im System
Bevor die Trinitätslehre genauer expliziert wird, sollte ein Begriff bestimmt werden, der ihr als unmittelbare Grundlage dient: der Geist. Hegels Geistbegriff darf in keiner Weise mit einer mystischen Welt oder ähnlichem in Verbindung gebracht werden. Vielmehr steht Hegels Geistbegriff im Mittelpunkt einer streng logisch durchgeführten Erklärung der gesamten Seinsordnung aller materiellen und immateriellen Dinge. Es ist hierbei ein Blick auf die Systematik, die Hegels Denken zugrundeliegt, zu werfen.
Hegels Denken basiert an jeder Stelle auf einem logischen Dreischritt, der sogenannten Dialektik. Der dialektische Denkschritt ist, vereinfacht ausgedrückt, ein logischer Prozeß, dem drei Stufen zuzuordnen sind: Ausgangspunkt ist eine These, diese wird aufgehoben durch eine Antithese und in einem Dritten als Synthese zusammengeführt. Wendet man diese dialektische Methode auf den gesamten Seinsbereich an, kommt Hegel zu folgender Feststellung:
Als die unterscheidende Bestimmtheit des Begriffs des Geistes muß die Idealität, d.h. das Aufheben des Andersseins der Idee, das aus ihrem Anderen in sich Zurückkehren und Zurückgekehrtsein derselben bezeichnet werden, während dagegen für die logische Idee das unmittelbare, einfache Insichsein, für die Natur aber das Außersichsein der Idee das Unterscheidende ist. (10.18, Zus. § 381)
Diese Textpassage hat allerdings den Nachteil, daß sie Hegels übergeordneten Systementwurf in nur einem Satz ausdrückt, d.h. sie bedarf der Explikation. Drei Begriffe sind herauszustel-
5 Hegel freilich unternimmt in der Religionsphilosophie den Versuch, eine Art Hierarchisierung der bedeutenden Religionen aufzustellen. Hösle, Hegels System, S. 653 wendet sich jedoch überzeugend gegen diesen Versuch: „Zwar kann es durchaus sinnvoll sein, eine Hierarchie zwischen den einzelnen Religionen herzustellen; aber da diese ja, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht historisch auseinander hervorgegangen sind, ist es unwahrscheinlich, daß diese Hierarchie eindimensional sein wird; einige Religionen werden in ei- nigen Punkten über anderen stehen, in anderen Punkten ihnen aber unterlegen sein.“
Hegels Trinitätslehre 4
len und der dialektischen Methode zu unterwerfen: Idee, Natur und Geist. 6 Die Idee, die in der heutigen Sprache auch als Fundamentallogik 7 bezeichnet werden könnte, ist dabei der Aufhänger des Ganzen. Bei der Bestimmung dessen, was Hegel unter der Idee versteht, handelt es sich allerdings um eine der schwierigsten Aufgaben der Philosophie. Was Platon zweitausend Jahre zuvor noch mystisch als Ideenhimmel bezeichnet hatte, ist bei Hegel reduziert auf seine logische Grundbestimmung. Hegel mag sich gefragt haben, was vor den Dingen, gewissermaßen als deren Ursache und Grund existiert. Seine Antwort hierauf lautet (verkürzt): die Logik. Wie aber gelangt Hegel zu dieser zunächst verblüffenden Feststellung? Hierzu ist eine Reflektion auf die Bedingung der Möglichkeit von Argumentation notwendig. Sobald sich je-mand in einem Gespräch oder in einer schriftlichen Untersuchung auf einer argumentativen Ebene befindet, kommt er nicht daran vorbei, bestimmte logische Instanzen vorauszusetzen, z.B. daß es Wahrheit gibt. Verleugnet man die Möglichkeit von Wahrheit („Es gibt keine Wahrheit“), so begeht man einen performativen Widerspruch, d.h. die Aussage hebt sich in ihrem Vollzug selbst auf. 8 Eine gewisse Fundamentallogik muß man also immer voraussetzen, wenn man ernsthaft argumentieren möchte.
Diese Ausführungen zeigen meines Erachtens auf sehr anschauliche Weise, daß es aus logischen Gründen eine Logik gibt, deren Existenz notwendig vorausgesetzt werden muß. Hegels Denken verlangt nun notwendigerweise, daß die Logik nicht als ewig Ideeles bei sich selbst bleibt, sie beansprucht vielmehr aus dialektischen - und damit logischen - Gründen ihre eigene Entgegensetzung: „Alle Bestimmtheit ist aber Bestimmtheit nur gegen eine andere Bestimmtheit“ (10.18, Zus. § 381). So kommt es dazu, daß die vorzeitliche Logik sich selbst zum Gegenstand der logischen Gesetzmäßigkeit hat und sich gewissermaßen in ein zeitliches und räumliches Außereinander entäußert. 9 Dieses Außereinandersein ist bei Hegel die Natur. Die Natur wiederum ist nicht als schlechthin Getrenntes von der Logik aufzufassen. Der Natur als Negativem liegt das Positive, d.h die Logik, zugrunde: „Auch die äußere Natur (...) ist
6 Wobei man Idee, Natur und Geist auch als Idee im Elemente des Insichseins, Idee im Elemente des Außerein-anderseins sowie Idee im Elemente des Zurückgekehrtsein bezeichnen kann. Vgl. 10.18, Zus. § 381. Diese alternativen Bezeichnungen haben den Vorteil, daß sie alle drei Begriffe in ihrem Verhältnis zur Idee, d.h. in ihrem Zusammenhang zeigen.
7 Die Fundamentallogik darf nicht verwechselt werden mit der inhaltslosen formalen Logik. Als wichtigste Bestimmung der Fundamentallogik gilt, daß sie konkret, d.h. in sich differenziert, und nicht etwa abstrakt ist.
8 Hiermit ist freilich nur die intersubjektive Verbindlichkeit von Aussagen gemeint, die Wahrheit beanspruchen. Hegels Logikbegriff geht aber wesentlich weiter: Er betrachtet das Logische als ontologisch fundamental, d.h. als dasjenige Seiende, welches allem Seienden und Werdenden, somit auch sich selbst, vorausgeht. Vgl. zu Hegels ontologischem Logikbegriff D. Wandschneider, Grundzüge einer Theorie der Dialektik, Stuttgart 1995, S. 12 ff.
9 Zu diesem Thema vgl. V. Hösle / D. Wandschneider, Die Entäusserung der Idee zur Natur und ihre zeitliche Entfaltung als Geist bei Hegel, in: F. Nicolin / O. Pöggeler (Hg.), Hegel Studien 18 (1983), S. 173-199.
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vernünftig, göttlich, eine Darstellung der Idee. Aber in der Natur erscheint die Idee im Elemente des Außereinander“ (10.18, Zus. § 381). Es ist demnach zu unterscheiden zwischen Wesen (auf der Seite der Idee bzw. Logik) und Erscheinung (auf der Seite der Natur). Nach dem dialektischen Prinzip wird der Unterschied zwischen Logik und Natur bzw. Wesen und Erscheinung durch den Geist aufgehoben. 10 Der Mensch als geistiges Wesen wird an dieser Stelle thematisch; durch seine Erkenntnis des der Erscheinung innewohnendenen Wesens bzw. der der Natur zugrundeliegenden Logik sowie durch seine Subjektivität 11 (der Mensch hat im Gegensatz zum Tier Selbstbewußtsein von sich) wird er von Hegel als „Zurückkommen aus der Natur“ (10.17) zur Idee verstanden. Der Mensch ist somit qua Denken von der Natur wesentlich getrennt, seine besondere Aufgabe besteht in der Verbindung von Natur und Logik:
Alle Tätigkeiten des Geistes sind nichts als verschiedene Weisen der Zurückführung des Äußerlichen zu der Innerlichkeit, welche der Geist selbst ist, und nur durch diese Zurückführung, durch diese Idealisierung oder Assimilation des Äußerlichen wird und ist er Geist. (10.18, Zus. § 381)
Die Subjektivität des Geistes hat nach Hegel noch weitere Charakteristika: Im Gegensatz zu der bloß fremdbestimmten Natur ist die „Substanz des Geistes die Freiheit, d.h. das Nichtabhängigsein von einem Anderen, das Sichaufsichselbstbeziehen“ (10.26, Zus. § 382). Diese geistige Unabhängigkeit wird allerdings nicht durch eine eindimensionale Verinnerlichung gewonnen, sie kommt erst durch eine Vergegenständlichung des Äußeren und der darin vollzogenen Bewährung des Geistes als freier Geist zustande: „Die Freiheit des Geistes ist aber nicht bloß eine außerhalb des Anderen, sondern eine im Anderen errungene Unabhängigkeit vom Anderen, - kommt nicht durch die Flucht vor dem Anderen, sondern durch dessen Überwindung zur Wirklichkeit“ (10.26, Zus. § 382). Ein weiteres Charakteristikum ergibt sich hieraus konsequenterweise: Der Geist muß sich manifestieren bzw. offenbaren. Hiermit beschreibt Hegel die Eigenschaft des Geistes, in seiner Reflexivität oder Aufsichselbstbezogenheit konkrete Gedanken zu haben, d.h. sich selbst zu verendlichen. 12 Wird in diesem Denk-
10 Dieeinzelnen Verinnerlichungsstufen der Natur (von der rein äußerlichen, leblosen Materie, über die schon Innerlichkeit besitzende Pflanze, bis hin zur Innerlichkeit - in Form der Empfindung - des Tieres) werden hier nicht erwähnt, da sie zu einem Verständnis des groben Systementwurfs Hegels nicht unbedingt von Nutzen sind. Zu den einzelnen Stufen der Natur in ihrer Stellung zum Gesamten vgl. 10.19, Zus. § 381 ff.
11 „Erst der Mensch erhebt sich über die Einzelheit der Empfindung zur Allgemeinheit des Gedankens, zum Wissen von sich selbst, zum Erfassen seiner Subjektivität, seines Ichs, - mit einem Worte: erst der Mensch ist der denkende Geist und dadurch, und zwar allein dadurch, wesentlich von der Natur unterschieden.“ (10.25, Zus. § 381).
12 „Als für sich seiend ist das Allgemeine sich besondernd und hierin Identität mit sich. Die Bestimmtheit des Geistes ist daher die Manifestation.“ (10.27).
Arbeit zitieren:
Elmar Korte, 1998, Hegels Trinitätslehre, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Phasen von Platons Höhlengleichnis und der Ausbildungsweg eines Ph...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 16 Seiten
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Elmar Korte hat den Text Hegels Trinitätslehre veröffentlicht
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