Inhaltsverzeichnis
I Einführung 3
II Wortbildung nach Naumann 4
1 Wortbildung vs. Wortschöpfung 4
2 Wortbildung- Morphologie 5
3 Wortbildung- Semantik und Syntax 10
4 Wortbildungstypen 12
III Wortbildung nach Erben 16
1 Grundfragen der Wortbildungslehre 16
2 Wortbildungslehre in synchronischer Sicht 19
3 Wortbildungslehre in diachronischer Sicht 24
IV Wortbildung am Beispiel eines Textes 26
V Zusammenfassung 31
VI Literaturangabe 32
2
I Einführung
Die Wortbildungslehre des Deutschen stellt ein durchaus komplexes Thema dar. Sie kommt im Zusammenhang mit verschiedenen linguistischen Gebieten vor, wird in zahlreiche Wortbildungstypen differenziert und unterliegt gewissen Restriktionen. Nach Naumann 1 wird sie verstanden als „die regelhafte Synthese verschiedener Ausdrucksmittel, in den allermeisten Fällen Kombination aus einfachen Wörtern (Sommer/tag, Nach/sommer, Hoch/sommer) bzw. aus einfachen Wörtern und Wortbildungsmorphemen (glaub/haft, un/glaub/lich, Un/glaub/haft/igkeit)“. Erben 2 definiert die Wortbildung als „geregelter Aufbau lexikalischer Einheiten aus einem oder mehreren Morphemen. Geregelter Aufbau deswegen, weil er von morphologischen, syntaktischen und semantischen Einschränkungsregeln sowie von mehr oder weniger reihenhaft produktiven Baumustern bestimmt wird.“ Die Wortbildung im Deutschen kann bei verschiedenen Sprachwissenschaftlern unterschiedlich aufgefasst und nach differenzierten Gesichtspunkten dargestellt werden.
Bei Erben wird der Akzent auf den synchronischen und diachronischen Aspekt gesetzt. Naumann geht dabei ausdrücklich auf das Gebiet von Morphologie, Semantik und Syntax ein. Die Wortbildungstypen werden sowohl bei Erben als auch bei Naumann in Betracht gezogen. Bei der genaueren Analyse beider Ansätze muss man sich aber die Frage stellen: Sind ja wirklich diese Stellungnahmen so weit differenziert? Oder handelt es sich eher um eine und dieselbe Fragestellung, die durch verschiedene Prismen betrachtet wird?
In der vorliegenden Auseinandersetzung handelt es sich um den Vergleich der von Erben und Naumann repräsentierten Auffassungen. Jede Herangehensweise ans Thema wird ausführlich dargestellt. Zu Vergleichzwecken wird eine Textanalyse vorgenommen. Alle angebrachten Beispiele kommen ausschließlich aus Naumanns „Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen“ und Erbens „Einführung in die deutsche Wortbildungslehre“.
1 Naumann 2000, S.:1
2 Erben 2000, S.: 9
3
II Wortbildung nach Naumann
1 Wortbildung vs. Wortschöpfung
Bei Naumann werden beide Begriffe voneinander abgegrenzt:
„Wortbildung-Untersuchung und Beschreibung von Verfahren und
Gesetzmäßigkeiten bei der Bildung neuer komplexer Wörter auf der Basis vorhandener sprachlicher Mittel.“ (Bußmann 1983, S.:587- zitiert nach Naumann 2000, S.:2)
„Wortschöpfung- im Unterschied zur Wortneubildung durch Ableitung und Zusammensetzung (…) mittels vorhandener sprachlicher Elemente beruht Wortschöpfung auf der erstmaligen Verwendung einer Lautfolge als (unmotivierter) Ausdruck für eine bestimmte Bedeutung.“ (Bußmann 1983, S.:591- zitiert nach Naumann 2000, S.:2)
Nach Naumann 3 spielten die Wortschöpfungen gegenüber Wortbildungen immer eine untergeordnete Rolle. Johann Christoph Adelung, einer der Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, vertrat die Meinung, dass beide Möglichkeiten der Erweiterung des Wortschatzes in Verbindung mit der Ontogenese und der Phylogenese vorkommen. Er sagt, dass Kinder und Menschen, die „durch Cultur noch nicht verfeinert sind“ 4 , neigen dazu, alle ihnen vorkommenden Gegenstand nach dem Ton zu nennen, mit welchem sie sich ihnen zu allerersten Mal dargestellt haben. 5 Die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts nahm folgende Stellung ein:
- Sprache entstand aus der Nachahmung von Naturlauten,
- Die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit erscheint in der Sprache gespiegelt, unterschiedlich in verschiedenen Sprachgemeinschaften, so z.B. die Menschen auf dem Lande sind kreativer, was die Wortschöpfungen anbelangt als die Menschen in der Stadt
Als erste Wortschöpfungen wurden von Adelung die Interjektionen bezeichnet, durch welche eine schon gebildete Sprache bereichert wird (z.B.: herrje -Verkürzung von
3 Vgl. Naumann 2000, S.:2
4 Adelung 1782,I:189- zitiert nach Naumann 2000, S.: 2
5 Vgl. Naumann 2000, S.:2
4
Herr Jesus) und mit welchen die Sprachschöpfung überhaupt begonnen hat (unmittelbare Ausdrücke des Schmerzens, der Freude, der Überraschung etc.).
2 Wortbildung- Morphologie
2.1 Wortkonstruktive Morphemklassen
Naumann 6 unterscheidet 5 Morphemklassen bzw. Morphemklassen-Kombinationen:
- Kernmorpheme und Kombinationen aus Kernmorphemen- Morpheme, die frei vorkommen und lexikalische Bedeutung haben und aus der offenen, zahlenmäßig nicht festgelegten Klasse kommen: rot, Frau, schön, Haus… und blaurot, bildschön, Haustür. Die Zahl der freien Kernmorpheme in Wörtern ist prinzipiell unbegrenzt und unterliegt lediglich der Verständlichkeit und Übersichtlichkeit. Sie ist in der gesprochenen Sprache geringer als in der geschriebenen.
- Partikelmorpheme und Partikelmorphemkombinationen- dazu rechnet man „freie Morpheme aus geschlossenen Klasse hinzu, die in der Grammatik vollständig aufgezählt und beschrieben werden“ 7 wie, z.B.: bei, auf, hinter, doch, sehr, nein, darauf, jedoch, wozu etc. Einige der Partikelmorpheme sind für Wortbildungsprozesse wichtig, z.B.: bei, auf, an, andere aber kaum, z.B.: sehr, nein.
- Kombinationen aus Kernmorphemen und Derivationsmorphemen- Morpheme, die nur gebunden auftreten, z.B.: Freiheit, Altertum, uralt, Unglück. Es gibt sehr große Kombinationsmöglichkeit, „ein oder mehrere Kernmorpheme können links- oder rechtsseitig mit bis zu drei Derivationsmorphemen auftreten“ 8 : Wirtschaft, wirtschaftlich, Wirtschaftlichkeit. Es kommen auch einige Zweifel vor. Kann man das ant- oder tüm ( Antwort, urtümlich) als Derivationsmorpheme betrachten? Wenn’ s so wäre, könnte es im Deutschen auch Kombinationen nur aus Derivationsmorphemen geben, was semantisch unzulässig ist.
6 Vgl. Naumann 2000, S.: 11
7 Ebenda
8 Ebenda, S.: 12
5
- Kombinationen aus Kern- und bestimmten Partikelmorphemen- deutlich geringere Kombinationsmöglichkeiten. Übliche Form- bis zu zwei linksstehenden Patikelmorphemen und rechtsstehenden Kernmorphemen, z.B.: gegenübersitzen, Vorabdruck, davorstehen.
- Kombinationen aus Kern- Partikel- und Derivationsmorphemen- zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten: von einem Morphem bis zu komplexen Wortbildungsmöglichkeiten aus links- und rechtsstehenden Partikel- und Derivationsmorphemen, z.B.: Unvorstellbarkeit, Unvoreingenommenheit.
2.2 Diskontinuierliche Morpheme und Portmanteau- Allomorphe
Bei diskontinuierlichen Morphemen wird „die wortbildende Funktion (…) auf zwei Formenelemente verteilt (…), die links und rechts des Kernmorphems stehen“ 9 . Man unterscheidet zwei Typen:
- Substantive mit ge + Kernmorphem + e z.B.: Gelache, Gesinge
- Adjektive in Form des Partizip Perfekts mit ge + Kernmorphem + t z.B.: gedient, gebrannt, gefangen.
„Das gilt auch für Substantive, die von derartigen Partizipialadjektiven abgeleitet sind, also etwa Geliebt + er, Gefangen + er.“ 10
Als Portmanteau- Allomorphe bezeichnet man Substantive, „die als „implizite Ableitungen“ beschrieben werden, also um Wortbildungen wie Wurf, Schuss, Biss, Trieb, Verdruss, Befund etc. Substantive dieser Art sind Allomorphe zu anderen mit derselben lexikalischen Bedeutung, also hier zu werf/warf, schieß/schoss, beiß, trieb, verdrieß/verdross, befind/befand etc.“ 11
2.3 Wortbildung der Konversion
Wenn man den Terminus Konversion ins Visier nimmt, merkt man, dass er in der Sprachwissenschaft unterschiedlich verwendet wird. Für Henzen ist das
9 Naumann 2000, S.: 13
10 Ebenda
11 Ebenda
6
„Klassenwechsel von Wörtern in ihrer Normalform“ 12 Bei Erben ist die Rede von „syntaktischer Konversion, d ie dann vorliegt, wenn auch Flexionsmorpheme der Ausgangsreihe beibehalten sind.“ 13 Polenz definiert Konversion als „Wortartwechsel bei der Verwendung eines Plerems aus einer Pleremklasse (Wortart), die im Lexikon für eine andere syntaktische Endkategorie vorgesehen ist.“ 14 Beispiele: Hamster > hamstern hurra > das Hurra Werbetext > werbetexten
Wenn man weiterhin annimmt, dass bei diesem Wortartwechsel keine Derivationsmorpheme auftreten und keine Portmanteau- Allomorphe daran beteiligt sind, ist dann die Definition von Polenz gut zu gebrauchen. 15 Beispiele: schauen > Schau lahm > lahmen Fisch > fischen leben > (das) Leben Freund > freund (Adj.)
2.4 Wortbildung und Flexion
Wilmanns stellte fest, „die ableitenden Suffixe bilden Wörter, die Flexionen Wortformen. 16 ” Wörter Wortformen
Sag
(-en)
An-
sag
(-en) Vorher-
sag
(-en) Vorher-
sag
Un-
sag
-bar Vorher-
sag
-bar Vorher-
sag
-bar
Un-
säg
-lich
Sage
-e An-
sag
-e 12
Henzen 1957, S.:245 zitiert nach Naumann 2000, S.:15 13 Erben 1983, S.: 27 zitiert nach Naumann 2000, S.: 15
14 Polenz 1980, S.: 170 zitiert nach Naumann 2000, S.: 15
15 Vgl. Naumann 2000, S.: 15
16 Wilmanns 1896, S.:9 zitiert nach Naumann 2000, S.:17
7
Vorher-
sag
-e Vorher-
sag
-e
An-
sag
-er Un-
sag
-bar -keit Un-
säg
-lich -keit (Aus: Naumann 2000, S. 18)
Wörter lassen sich in bestimmte Wortklassen zusammenfassen: Substantive, Verben, Adjektive etc. Die wortbildenden Sufixe kommen rechts- und/oder linksseitig an den Wortstamm vor, wobei die Rechtsstehenden die Wortklasse bestimmen. Wortformen beziehen sich auf die Flexionskategorie d er Grammatik: Person, Numerus, Tempus und Modus beim Verbum; Kasus, Numerus, Genus bei den Substantiven und Adjektiven. Zu den wortbildenen Suffixen kommen auch die Flexionssuffixe hinzu, die immer an der äußerstn rechten Seite bzw. am Rand eines Wortes stehen. Die Flexionssufixe wurden deshalb in der historischen Sprachwissenschaft auch Endungen genannt. 17
Auf dieser Weise können die meisten Wortformen beschrieben werden. Nur ganz wenige davon lassen sich als Ausnahme ansehen, z.B.: einige Pluralformen wie Kind -er -chen/ -lein. Das Pluralsuffix steht in diesem Fall nicht am Ende des Wortes sondern zwischen dem Wortstamm Kind und dem Wortbildungssuffix -chen/ -lein.
2.5 Wortbildung als hierarchische Morphemkombination
Nach Naumann 18 werden die Wörter in folgenden Stuffen gebildet:
1. Komposition: Schau + Spiel
2. Derivation: Schauspiel + er
3. Derivation: Schauspieler + in
17 Vgl. Naumann 2000, S.: 18
18 Vgl. Ebenda, S.: 21
8
Derivation Derivationsmorphem Nom. Pl.
Komposition
1. Kernmorphem 2. Kernmorphem
/schau/
(Skizze aus: Naumann 2000, S.: 20)
2.6 Kurzwortbildung
Ein weiterer Wortbildungstyp sind die Kurzwörter. Die Neubildungen kommen da ganz selten vor, nur etwa dann, wenn aus Initialwörter neue Vollwörter entstehen und „der Abkürzungscharakter verlorengeht.” 19 Das gute Beispiel dafür ist das Wort Aids, das eine Abkürzung von „aquired immunity deficiency syndrom” ist. Es wird von den meisten Sprachbenutzern nicht mehr als Initialwort verwendet sondern als Vollwort. Weitere Beispiele: Nato, Edeka, Radar.
Man unterscheidet zwischen links- und rechtsseitigen Kurzwörtern und Initialwörtern. Im ersten Fall handelt es sich um links- bzw. rechtsstehende Wortformen, die das Vollwort ersetzen: Ober (für Oberkellner), Auto (für Automobil), Bahn (für Eisenbahn). Die Initialwörter, auch Abkürzungswörter genannt, werden mit bzw. ohne Punkte geschrieben: CDU, CSU, PDS, TUD, TÜV. Das Verständnis verlangt häufig ein Hintergrundwissen und kommt auf den Kontext an, z.B.: UB (Universitätsbibliothek, Unternehmensbereich usw.) 20
19 Naumann 2000, S.: 25
20 Vgl. ebenda, S.: 26
9
Quote paper:
Pawel Broda, 2003, Wortbildungslehre nach Erben und Naumann - ein kontrastiver Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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