Der Begriff der Satire und der Ironie. 2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Der Bruderzwist. 6
3. Ironie und Satire als Begriffe in der Literaturwissenschaft. 9
4. Nietzsche als Quelle für Thomas Mann. 11
5. Ironie und Satire in den „Betrachtungen“ 14
5.1 Gute Satire - Falsche Satire. 14
5.2 Ironie und Radikalismus. 15
5.3 Die „Mittlerstellung“ von Ironie. 18
6. Zusammenfassung und Resümee. 21
Bibliographie 23
Der Begriff der Satire und der Ironie... 3
1. Einleitung
Keiner hat bislang so umfassend wie Helmut Koopmann dargelegt, dass Thomas Manns Gesamtwerk im Bruderzwist seine größte Inspiration ge-funden hat. Thomas Mann brauchte seinen Bruder als Antipoden, um sich in Abgrenzung zu ihm selbst zu definieren; sein Werk ist Ausdruck dessen. Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind auf dem Höhepunkt dieser Konfrontation entstanden. 1
Die Auseinandersetzung mit den Begriffen der Satire und der Ironie in den „Betrachtungen“ ist daher nur im Kontext des Bruderzwistes zu verstehen. Das scheinbare Paar „Satire und Ironie“ ist als harter Kontrast formuliert, es spiegelt die gegensätzliche Kunstauffassung der Brüder Mann wider. Wenn Thomas Mann in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von Satire und Ironie spricht, dann hat er auch hier, wie in den vorangehenden Kapiteln, die Auseinandersetzung mit dem „Zivilisationsliteraten“ vor Augen, die Kontroverse mit seinem Bruder Heinrich Mann. Während er im Kapitel über „Ästhetizismus und Politik“ noch zwischen einer richtigen und einer falschen Satire - nämlich der radikalen, gesellschaftskritischen Satire - unterscheidet, grenzt er im letzten Kapitel Radikalismus und Ironie gegenein-ander ab:
„Das ist ein Gegensatz und ein Entweder-Oder. Der geistige Mensch hat die Wahl (soweit er die Wahl hat), entweder Ironiker oder Radikalist zu sein; ein Drittes ist anständigerweise nicht möglich.“ 2 Die Definition einiger zentraler Begriffe muss für das Verständnis von Thomas Manns Vorstellung von Ironie geklärt werden: Konservativismus, Erotik und die Mittlerstellung der Ironie zwischen Leben und Geist. Gegenpole dazu sind der Radikalismus, die gesellschaftskritische Satire, der Nihilismus und nicht zuletzt der Zivilistationsliterat, in dem sich der Konflikt mit Heinrich Mann wohl am augenscheinlichsten herauskristallisiert.
1 Vgl. KOOPMANN, Helmut: Thomas Mann - Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder. Mün-chen 2005, S. 270-313.
MANN, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt 1983. (= Gesammelte 2
Werke. 11), S. 569. Im Folgenden als „BU“ gekennzeichnet.
Der Begriff der Satire und der Ironie... 4
Thomas Mann entwirft zwei gegensätzliche, unvereinbare Geisteshaltungen: Den Radikalismus und die Ironie. Beide sind gekennzeichnet durch ein unterschiedliches Verhältnis zu den beiden Polen Geist und Leben. Beeinflusst ist Thomas Manns Begrifflichkeit von Ironie vor allem von Friedrich Nietzsche und der romantischen Ironie, wie noch aufgezeigt werden soll.
Zwei Thesen sollen schließlich in der vorliegenden Arbeit überprüft werden: 1. Thomas Manns Ironie-Begriff ist eine Abgrenzung zur Kunstauffassung von Heinrich Mann.
2. Thomas Manns Ironie-Begriff ist im Wesentlichen beeinflusst von Friedrich Nietzsche und der romantischen Ironie. Grundlegende Literatur zu Thomas Mann und auch zu den „Betrachtungen eines Unpolitschen“ haben Helmut Koopmann 3 und Hermann Kurzke 4 verfasst. In seiner jüngsten Arbeit hat Koopmann außerdem den Einfluss des Bruderzwistes auf das Werk Thomas Manns herausgearbeitet. 5 Wertvolle Hinweise zu den Quellen der „Betrachtungen“ liefert wiederum Kurzke 6 , der darüber hinaus noch einmal gesondert die Spuren Nietzsches 7 in Manns Essay herausgearbeitet hat.
Die Verbindung zur romantischen Ironie stellt Baal Müller 8 in den Mittelpunkt seiner Arbeit, auch Ulrich Karthaus 9 hat zu diesem Thema gearbeitet. Um ein Bild des Begriffs der Ironie und der Satire in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu erhalten, soll zunächst der Bruderzwist zwischen
3 Siehe KOOPMANN, Helmut (Hrsg.): Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart 1995.
4 Siehe KURZKE, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. 3. überab. Aufl. Mün-
chen 1997.
5 Siehe KOOPMANN 2005.
6 Siehe KURZKE, Hermann: Die Quellen der 'Betrachtungen eines Unpolitischen'. Ein Zwi-schenbericht. In: HEFTRICH, Eckhard; WYSLING, Hans (Hrsg.): Internationales Thomas-Mann-Kolloquium 1986. Bern 1987, S. 291-310.
7 Siehe KURZKE, H e r m a n : Nietzsche in den 'Betrachtungen eines Unpolitischen'. In:
GOCKEL, Heinz (Hrsg.): Wagner - Nietzsche - Thomas Mann. Festschrift für Eckhard Hef-trich. Frankfurt/M. 1993, S. 184-202.
8 Siehe MÜLLER, Baal: Konservatismus als erotische Idee. Zur Poetik der Differenz in Tho-mas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen. In: ANDRÉ, Robert; DEUPMANN, Christoph
(Hrsg.): Paradoxien der Wiederholung. Bern 2003, S. 119-136.
9 Siehe KARTHAUS, Ulrich: Zu Thomas Manns Ironie. In: Thomas-Mann-Jahrbuch, Jg. 1988,
H. 1, S. 80-98.
Der Begriff der Satire und der Ironie... 5
Thomas und Heinrich skizziert werden, da er die Rolle als Auslöser für Thomas Manns Essay spielt. Anschließend folgt eine kurze Darstellung der Begriffe Ironie und Satire in der Literaturwissenschaft, damit Thomas Manns Begriffsbildung vor diesem Hintergrund eingeordnet und abgegrenzt werden kann. Dabei wird nur auf die für das Thema der vorliegenden Arbeit relevanten Punkte eingegangen. Schließlich soll Friedrich Nietzsche als wichtige Quellen für die „Betrachtungen“ vorgestellt werden, insbesondere für das dialektische Paar Geist und Leben, aber auch für die Betrachtungsweise der „doppelten Optik“.
Das darauf folgenden Kapitel untersucht mit Schwerpunkt auf den Kapiteln „Ästhetizistische Politik“ sowie „Ironie und Radikalismus“ am Text Thomas Manns Begriffsbildung von Satire und Ironie - unter Zuhilfenahme der Sekundärliteratur.
Das abschließende Kapitel soll die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfüh- ren und zu einem Fazit verbinden.
Der Begriff der Satire und der Ironie... 6
2. Der Bruderzwist
Der schon lange schwelende Bruderzwist hatte seinen kritischsten Punkt erreicht: „Sache derer, die früh vertrocknen sollen, ist es, schon zu Anfang ihrer zwanzig Jahre bewußt und weltgerecht hinzutreten. Ein Schöpfer wird spät Mann“, schrieb Heinrich Mann 1915 im zweiten und später gestrichenen Satz seines Zola-Essays. Thomas Mann verstand das als Angriff auf seine Person. 10 Ringel wendet allerdings ein, dass die Frage offen bleiben müsse. 11 Koopmann vermutet, das Heinrich diesen Satz vermutlich nicht direkt auf seinen Bruder bezogen hat, da er ja das Schicksal Zolas beschreiben wollte. 12 Heinrich jedenfalls wies diesen Vorwurf zwar von sich und bot seinem Bruder die Versöhnung an, doch der lehnte ab und antwortete drei Jahre später mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen.“ „Wären die Betrachtungen eines Unpolitischen entstanden ohne die Schriften des Bruders, die Thomas als Provokation empfand?“, fragt Koopmann und gibt gleich darauf die Antwort: „Wohl kaum.“ 13 Mit diesem Essay habe Thomas Mann den Bruderkrieg in Dimensionen gebracht, „die alles Persönliche überschritten, bis sich am Ende 'Dichter' und 'Zivilisationsliterat' gegenüberstanden.“ 14
Doch zunächst zurück zu Heinrich Mann: Besonders in den Passagen über die Verantwortung des Künstlers greift er im Zola-Essay seinen Bruder an. 15 Dabei wendet er sich scharf gegen den unpolitischen Ästhetizismus, den er als verantwortungslos ankreidet:
„In Zeiten, die aufgeregt sind und sich darum groß fühlen, gilt es, um seinem Volk vertrauenswürdig zu scheinen, nichts mehr, daß man ihm Meisterwerke geschenkt hat. Man schreie Hoch! Man lasse Stücke aufführen, worin Fahnen geschwenkt werden.“ 16
10 Vgl. KURZKE 1997, S. 145.
11 Vgl. RINGEL, Stefan: Heinrich Mann. Ein Leben wird besichtigt. Berlin 2002, S. 228.
12 Vgl. KOOPMANN 2005, S. 281.
13 KOOPMANN 2005, S. 289.
14 KOOPMANN 2005, S. 289.
15 Vgl. RINGEL 2002, S. 266.
16 ZOLA, S. 224.
Arbeit zitieren:
Lutz Benseler, 2004, Der Begriff der Satire und der Ironie in Thomas Manns 'Betrachtungen eines Unpolitischen', München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Romulus der Große" als Parodie der Tragödie
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Ironie in den frühen Erzählungen Thomas Manns
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Die Komödie als Parodie der Tragödie in Romulus der Große
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
Die ewige Last mit dem Tod - Ein Vergleich der mutmaßlichen Sterbeszen...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 11 Seiten
Hebel, Johann Peter - Unverhofftes Wiedersehen
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Die Ironie in Thomas Manns Erzählungen „Tonio Kröger“ und „Der Tod in ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Lutz Benseler's Text Der Begriff der Satire und der Ironie in Thomas Manns 'Betrachtungen eines Unpolitischen' ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Lutz Benseler hat den Text Der Begriff der Satire und der Ironie in Thomas Manns 'Betrachtungen eines Unpolitischen' veröffentlicht
Lutz Benseler hat einen neuen Text hochgeladen
Der Untertan. Textanalyse und Interpretation zu Heinrich Mann
Alle erforderlichen Infos für ...
Heinrich Mann
0 Kommentare