EBERHARD-KARLS-UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft
Seminar: Kulturtheorien I
2. Fachsemester
Visuelle Medienanalyse
von: Laura Geyer
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Bildbeschreibung als forensische Methode 3
3. Bedeutungszuweisung in der Bildanalyse 4
4. Erweiterte Interpretation unter Einbeziehung des Kontextes 5
5. Schlussbetrachtung 12
Literaturverzeichnis
Anhang
a. Analyseobjekt: Fotografie Gerhard Schröders
b. Schautafel: Die Sinnesebenen der Bildinterpretation
c. Bilder zur Motivgeschichte: Kaiser Karl V., Reichskanzler Otto von Bismarck, Ludwig XV., Adolf Hitler
„Bilder werden nicht gelesen, sondern gesehen oder geschaut.“
(Marion G. Müller: Grundlagen der visuellen Kommunikation. Konstanz 2003. S.9)
1. Einleitung
Massenmedien nehmen im Alltag der Menschen, die sich in der Metamorphose zu einer digitalen Informationsgesellschaft befinden, eine immer größere Rolle ein. Die Überflutung mit Informationen erfolgt dabei nicht ausschließlich in textualisierter Form. In allen Medien werden vermehrt Bilder eingesetzt, sei es zur bloßen Illustration oder auch zum Zweck der gezielten Auslösung von Emotionen. Die Wirkung visuell vermittelter Informationen wurde bisher nur in eingeschränktem Maße wissenschaftlich untersucht, obwohl feststeht, dass Bilder sich im persönlichen und kulturellen Gedächtnis auf andere Weise festsetzen als Textinformationen.
Ziel der vorliegenden Hausarbeit, die im Rahmen des Seminars „Kulturtheorien I“ im Sommersemester 2005 am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft entstand, ist die Veranschaulichung der Methodik einer visuellen Medienanalyse am Beispiel eines konkreten Bildes (siehe Anhang a), wobei die Vorgehensweise induktiv und die praktische Ebene der Schwerpunkt sein wird. Theoretische wie methodische Basis der Betrachtung bildet das Lehrbuch „Grundlagen der visuellen Kommunikation“ von Marion G. Müller1. Das exemplarische Foto Gerhard Schröders entstammt einem Artikel des Magazins „Cicero“2. Die Analyse folgt weitgehend dem dreiteiligen Schema des Kunsthistorikers und Begründers der Ikonologie Erwin Panofsky aus vorikonografischer Beschreibung, ikonografischer Bedeutungsanalyse und ikonologischer Interpretation, beziehungsweise der Version Marion G. Müllers (siehe Anhang b). Diese bleibt im Gegensatz zu Panofskys Ikonologie nicht auf Kunstwerke beschränkt, sondern ist auf alle Bildergenres anwendbar. Realistisch betrachtet überschneiden sich die drei Ebenen bei der Bildbetrachtung, diese Arbeit wird sie allerdings zur Veranschaulichung getrennt behandeln. Im Anschluss an die praktisch-theoretische Interpretation zeigt die Schlussbetrachtung mögliche Fortentwicklungen der Analyse auf. Das analysierte Bild sowie weitere Darstellungen zur Illustration der Motivgeschichte finden sich im Anhang, sie sind allerdings aus technischen Gründen nicht völlig farbgetreu.
2. Bildbeschreibung als forensische Methode
Die quadratische Schwarzweißfotografie zeigt eine offenbar gehende männliche Person mittleren Alters, die einen Hund an der Leine hält. Beide sind dem Betrachter frontal zugewandt. Der Mann, das größte Objekt in der Bildkomposition, befindet sich, aus der Perspektive des Betrachters, mittig rechts. Über seiner dunklen Kleidung trägt er einen hellen Mantel. Sein legeres schwarzes Poloshirt mit den weißen Knöpfen sowie der geöffnete, in der Gehbewegung schwingende Mantel verstärken den sportlichen Eindruck. Der Mann blickt den Betrachter direkt an. Seinen Hund hält er mit der rechten Hand an der kurzen Leine, die er mehrfach um seine Finger geschlungen hat. Das Tier ist offenbar ebenfalls in Bewegung, es scheint nach vorne zu drängen, befindet sich bereits ein Stück vor seinem Herrn. Mann und Hund befinden sich auf einem schlammig wirkenden, mit Laub bedeckten Waldweg, der untere Teil des Hintergrundes erscheint daher dunkel. Rechts und links von den beiden dominiert ein lichter Wald den Hintergrund, die kahlen Bäume lassen die obere Bildhälfte hell wirken. Der gesamte Hintergrund ist durch die grobe Rasterung des Bildes leicht verschwommen, auch der Hund erscheint nicht ganz klar. Der Mann ist das am deutlichsten erkennbare Objekt der Darstellung. Die Fotografie wirkt insgesamt wie nachbearbeitet, Kontraste sind stärker als sie in Natura sein dürften. Die Beschreibung eines zu analysierenden Bildes zielt darauf ab, in einer objektivierbaren Darstellung die erste Sinnesebene, sprich den Phänomensinn zu erfassen. Sie hat den Anspruch, für Außenstehende überzeugend, nicht subjektiv zu sein. Um das betrachtete Bild beschreiben zu können, benötigt der Analysierende nichts weiter als Lebenserfahrung; der Vergleich mit analogen Motiven oder Darstellungsweisen dient als Korrektiv.
In der Praxis bedeutet das zunächst, erste Impressionen noch vor Beginn der eigentlichen Beschreibung aufzuzeichnen, jede Einzelheit zählt. Die Deskription selber sollte über Format, Motiv, Komposition, Technik und Qualität, Blick- und Aufmerksamkeitslenkung, Größenverhältnisse sowie Farbigkeit des Analyseobjektes informieren. Interpretation ist in diesem ersten Analyseschritt fehl am Platze, der eigene Blick auf das Bild sollte neutralisiert werden. Die an dieser Stelle notierten Details müssen im Endeffekt nicht unbedingt in der Interpretation aufgegriffen werden. Sie sind dennoch von Bedeutung, da sie als mögliche Indizien zur späteren Belegung oder Entkräftung der These(n) des Bildanalysierenden fungieren, denn „Bildbeschreibung ist eine forensische Methode.“3, vergleichbar mit der polizeilichen „Spurensicherung“4 in Folge eines Verbrechens.5
3. Bedeutungszuweisung in der Bildanalyse
[...]
1 Marion G. Müller: Grundlagen der visuellen Kommunikation. Konstanz 2003.
2 Verena Auffermann: Hunde an die Macht. In: Cicero, Januar 2005, S. 114-123.
3 Müller 2003, S. 39.
4 Carlo Ginzberg: Spurensicherung. Über verborgene Geschichte, Kunst und soziales Gedächtnis. München 1988. Zitiert nach Müller 2003, S. 39.
5 Vgl. Müller 2003, S. 33-42.
Arbeit zitieren:
Laura Geyer, 2005, Visuelle Medienanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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