Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Freuds Auffassung über die Wirkung von Kunst 5
III. Alfred Adlers und Carl Gustav Jungs Ansichten über die Kunst 9
IV. Kreativität und Kunst aus Sicht der Psychoanalyse seit 1960 11
1. Anton Ehrenzweig (1967) 11
2. Hans Müller-Braunschweig (1977) 13
3. Hans Shulamith Kreitler (1980) 17
4. Kunsttherapie 19
V. Fazit 21
VI. Literaturverzeichnis 23
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I. Einleitung
In Sigmund Freuds psychoanalytischer Theorie nimmt das Unbewußte als seelische Instanz eine zentrale Stellung ein. Wie im Bewußtsein können dort Vorstellungen und Strebungen existieren, die Einfluß auf das Verhalten ausüben. Im Unbewußten ist das Verlangen nach direkter (meist sexueller) Triebbefriedigung vorhanden. (Schuster 1 , 67) Später bezeichnet Freud das Unbewußte als Es: Es richtet sich nach dem Lustprinzip und bleibt unbewußt. Das Bewußtsein, von Freud später als Ich weiterentwickelt (das bewußt Erfahrene), entwickelt sich durch Interaktion mit sozialem Umfeld, Gesellschaft und Umwelt. Das Ich entscheidet über Aktivitäten und bildet den „gesunden Menschenverstand“ - durch Herrschaft über die Triebe des Es. (Fisseni 2 , 31 ff.) Das Ich vermittelt zwischen dem Es (Triebansprüche) und der Außenwelt (Realität). Statt dem Lustprinzip will es das Realitätsprinzip festsetzen. (Kornbichler 3 , 64 f.) Strebungen des Es, die dem Individuum gefährlich werden können, werden durch Abwehrmechanismen des Ich abgewiesen. Etwa durch Verdrängung, Phantasiebefriedigung oder Sublimierung. (Schuster, 67) Die dritte Ebene der menschlichen Psyche bildet das Über-Ich. Es verkörpert die gesellschaftlichen Normen und speichert elterliche Erziehung. Das Über-Ich bildet das Gewissen und krit isiert das Ich bzw. dessen Taten. (Fisseni, 31 ff.) In der psychoanalytischen Theorie zur Kunst spielt das Unbewußte eine große Rolle und sie ist mehr am Inhalt als an der Form eines Kunstwerks interessiert (was bereits Freud bekannte). Freud sah das Erschaffen und Rezipieren von Kunst als Möglichkeit, unbewußte Wünsche abzuführen und zu befriedigen.
Für Wygotski 4 besteht das Wesen der Kunst darin, „daß sowohl ihre Produktions- als [auch] ihre Rezeptionsprozesse unbegreiflich, unerklärbar und dem Bewußtsein derer, die damit zu tun haben, verborgen zu sein scheinen“ (Wygotski, 78). Er meint, daß man kaum in der Lage ist, mit Worten ein Kunsterlebnis auszudrücken: Die Ursachen für die Wirkung von Kunst sind im Unbewußten verborgen. Da ein dynamischer Zusammenhang zwischen Bewußtsein und Unbewußtem besteht, liegt es für Wygotski nahe, daß sich die objektiven Tatsachen des Unbewußten durch Kunstwerke am klarsten äußern. (a.a.O., 79)
1 Schuster, Martin. „Warum Kunstwerke wirken - Beiträge der Psychoanalyse“. In: Schuster; Beisl. „Kunst-Psychologie - ‚Wodurch Kunstwerke wirken’“. Köln: DuMont, 1978.
2 Fisseni, Hermann-Josef. „Persönlichkeitspsychologie: Auf der Suche nach einer Wissenschaft; ein Theorienüberblick“. Göttingen: Hogrefe, 4. Aufl., 1998.
3 Kornbichler, Thomas. „Die Entdeckung des siebten Kontinents: Der bürgerliche Revolutionär Sigmund Freud; Zu seinem 50. Todestag“. Frankfurt/Main: Fischer, 1989.
4 Wygotski, Lew. S. „Psychologie der Kunst“. Dresden: Verlag der Kunst, 1976.
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Wygotski, der seine „Psychologie der Kunst“ bereits 1925 fertigstellte, ist mit seinen Ansichten auf Höhe der heutigen Forschung, die Kunst, genauer: Symboldarstellungen, als Möglichkeit sieht, verdrängte Affekte freizulegen.
Die Entwicklung der psychoanalytischen Theorien zur Kunst, die von Freud, seinen Zeitgenossen Alfred Adler und Carl Gustav Jung sowie von gegenwärtigen Wissenschaftlern formuliert wurden, wird in dieser Arbeit nachgezeichnet. Darüber hinaus wird die mit ihr engve r-wandte Kunsttherapie beleuc htet.
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II. Freuds Auffassung über die Wirkung von Kunst
Freud ordnet die Kunst in den Zusammenhang kultureller Tätigkeiten ein. Triebbefriedigung bedeutet Glück; - wenn die Außenwelt durch ihre Werte und Normen eine Befriedigung nicht zuläßt, ist dies „Ursache schweren Leidens“ (Freud 1930 5 , 210). Um dieses Leid abzuwenden, bedient sich der seelische Apparat der Libidoverschiebung: „Die zu lösende Aufgabe ist, die Triebziele solcherart zu verlegen, daß sie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden können“ (a.a.O., 211). Freud bezeichnet diesen Vorgang als „Sublimierung der Triebe“ (ebd.). Als effektivsten sieht Freud dabei den Lustgewinn aus psychischer und intellektueller Arbeit an. (ebd.) Die drei wichtigsten Ablenkungsmethoden, die es dem Menschen ermöglichen, „den von der Kultur und den Notwendigkeiten des menschlichen Zusammenlebens geforderten Triebverzicht zu l eisten“ (Schuster, 69) sind: Die Wissenschaften, die he lfen, Beschränkungen aufzuheben; die Religion, die die Libido in Liebe zu allen Menschen umwandelt und daneben die Bedeutsamkeit des irdischen Lebens gering schätzt sowie die Kunst, welche den Menschen Triebbefriedigung im Phantasiebereich ermöglicht. (ebd.) Allerdings, so Freud, ist die Intensität weniger stark, als bei direkter Befriedigung primärer Triebregungen. Ein Nachteil besteht außerdem darin, daß nicht allen Menschen diese Methoden zugänglich sind, da gewisse Anlagen und Begabungen Voraussetzung dafür sind. (Freud 1930, 211)
Das Phantasieleben entwickelte sich zusammen mit dem Realitätssinn, um schwer durchsetzbare Wünsche zu erfüllen. Der Kunstgenuß stellt dabei das beste Mittel dar; jedoch „vermag die milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens herbeizuführen und ist nicht stark genug, um reales Elend vergessen zu machen“ (a.a.O, 212). Das Dargestellte wird hierbei vom Betrachter stellvertretend miterlebt. Freud bezieht sich dabei besonders auf Kunstwerke, die Triebrelevantes abbilden, wohingegen „ungegenständliche Kunstformen oder auch musikalische Werke [...] weniger Material zu einer interpretierenden Analyse bieten“ (ebd.)
Bei der Sublimierung bleib t dem Künstler das Triebziel erhalten (z.B. zerstörerische Impulse) - allerdings wechselt das Triebobjekt, sodaß die Triebbefriedigung auf eine gesellschaftlich akzeptierte Weise erfolgt. Aggressive Impulse können so etwa bei der Bearbeitung eines Marmorblocks abgeführt werden. Die Inhalte eines Kunstwerks interpretiert Freud mithilfe biologischer Dimensionen, der Sexualität und des Sexualverhaltens. Bedeutungsüberschne i-
5 Freud,Sigmund. „Das Unbehagen in der Kultur“. [1930] In: Sigmund Freud. „Fragen der Ge sellschaft; Ursprünge der Religion“. Studienausgabe, Band IX. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1974.
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dungen lassen hierbei den versteckten, wirklichen Inhalt erkennen. Für Schuster ist es „nicht zu übersehen, daß die Triebobjekte und Triebziele der sexuellen und aggressiven Triebe besonders häufig [...] Gegenstand von künstlerischen Darstellungen sind“ (Schuster, 70). Das Erschaffen von Kunst ist, laut Freud, eher ein Ergebnis vor 6 - oder unbewußter Prozesse (also Es-naher Vorgänge) als bewußter Anstrengungen. Das Zustandekommen ist im einze lnen nicht unbedingt rekonstruierbar. Weitergehend können auch Träume oder plötzliche Einfälle („Gedankenblitze“) Ideengeber von Kunst sein. (a.a.O., 71) Freud schreibt, daß man wahrscheinlich den bewußten Charakter intellektueller und künstlerischer Produktion überschätzt. Gerade der Traum fördert „wertvolle Einfälle ans Licht“ (Freud 1900 7 , 618). Er verweist hier auf Goethe und Helmholtz, die mitteilten, daß ihnen „das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen [...] einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam“ (ebd.).
Freud war sich bewußt, daß Künstler und Psychoanalytiker die Gemeinsamkeit besitzen, das unbewußte Seelenleben zu erforschen. Das Schaffen von Kunst spielt sich in der Phantasie ab und „gehorcht den allgemeinen Gesetzen des Seelenlebens, ist Wunscherfüllung und hat letztlich sexuelle Motivationen“ (Rattner 8 , 22) Freud mußte also annehmen, daß Kunst etwas mit Tagträumerei zu tun hat und Kunstwerke bewußten und unbewußten Konflikten ihres Urhebers entspringen und dem Versuch der Konfliktlösung dienen. Kunst kann „gedeutet werden wie die Träume, in denen sich Charakter und Lebenssituation des Träumers manifestieren“ (ebd.). Dahingehend werden Kunstwerke von der Psychoanalys e genutzt, um sich die künstlerische Persönlichkeit und ihre Seelennöte verständlich zu machen. In seinem Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ zeichnet Freud nach, daß in jedem Menschen seelische Vorgänge passieren, „die beim Künstler zur Produktion von Kunstwerken führen“ (ebd.). Das spielende Kind hebt er hierbei als „Urmodell des künstlerischen Menschen“ (ebd.) hervor: Das Kind schafft in seinem Spiel seine eigene Welt, der Dichter phantasiert (tagträumt) sich eine Welt und schreibt sie nieder.
Durch seine Studien der Neurosen weiß Freud um die Triebkräfte der Phantasien. Er kommt zu dem Schluß, daß glückliche Menschen nicht phantasieren, sondern nur Unbefriedigte: „Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist
6 Das Vorbewußte ist jenes Unbewußte, welches erst dann ins Bewußtsein tritt, wenn Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird. Es umfaßt alles, was zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gegenwärtig ist. So sind sämtliche Erinnerungen nicht immer präsent, sondern werden erst bei Konzentration darauf bewußt. (Kornbichler, 56 ff.)
7 Freud, Sigmund. „Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität“. [1900] In: Sigmund Freud. „Die Traumdeutung; Über den Traum“. Gesammelte Werke, Bd. II & III. 6. Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1976.
8 Rattner, Josef. „Tiefenpsychologie, Psychotherapie und Kunst - Eine Synthese im Sinne der Lebenskunst“. Berlin: Verlag für Tiefenpsychologie, 2003.
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Ricardo Westphal, 2005, Die Rolle des Unbewußten beim Erschaffen und Rezipieren von Kunst, München, GRIN Verlag GmbH
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