Politische Wissenschaft: Seminararbeit: Hauptseminar: „’Paradox of Plenty?’ Ressourcenreichtum und Entwicklung“
„Die Staaten im Umfeld des Kaspischen Meeres und ihr Ressourcenreichtum. Gemeinsame Depression postsowjetischer Restrukturierung oder Ressourcen-Fluch ?“ Mai 2005
Die Staaten im Umfeld des Kaspischen Meeres
und ihr Ressourcenreichtum
Gemeinsame Depression post-sowjetischer Restrukturierung
1. Ressourcenfluch unter Laborbedingungen? 1
2. Phasen des Rohstoffbooms - Historische Pfadabhängigkeit und Critical Junctures 2
(1) Das Zarenreich: 1806-1920/21 2
(2) Die sowjetische Ära: 1920/21-1989/91 6
(3) Postsowjetische Phase: seit 1991 8
(4) Bedeutung für die Region 9
3. Der politische Ressourcenfluch und seine Kriterien nach Michael L. Ross 13
(1) Fiskalisches Indiz - rentier effect: taxation effect, spending effect, group formation effect 13
(2) Gewalteinsatz - repression effect 14
(3) Soziale Kräfte - modernization effect 15
4. Indikatoren für den Ressourcen-Fluch 15
(1) Der Grad der Freiheit nach Freedom House 15
(2) Fiskalisches Indiz: Staatshaushalt, Gesundheitswesen 16
(3) Gewalteinsatz: Inhaftierungen, Miltiärangehörige 17
(4) Soziale Kräfte: Kommunikation, Bildungsgrad 17
5. Depression oder Fluch? 18
6. Literatur
1. Ressourcen-Fluch unter Laborbedingungen?
Der Niedergang des sowjetischen Systems bis 1991 rückte eine Region in den Blick der Weltöffentlichkeit, die zuvor als Peripherie sowjetischen Einflussgebietes weitgehend in Vergessenheit geraten war. Die zentralasiatische Region um das Kaspische Meer rief in der Folgezeit ihre ethnischen Probleme, wirtschaftlichen Mangellagen, lokalen Kriege und Umweltkatastrophen aber auch zunehmend ihren Rohstoffreichtum in Erinnerung. Wie im historischen Teil dieser Arbeit gezeigt werden soll, existieren mehrere Phasen des Rohstoffbooms, deren kritische Verknüpfungen die heutige Situation der Region geprägt haben. Dennoch haben sich durch die lange zarische und sowjetische Zugehörigkeit gemeinsame Identitäten entwickelt, die zum Titel dieser Einleitung führten. Gemeinsame Ausgangsbedingungen der Länder nach dem Ende der Sowjetära, wenn auch gewiss nicht hundertprozentig deckungsgleich, werden in dieser Arbeit als Laborbedingung für die danach folgenden souveränen Staaten betrachtet. Unter dieser Voraussetzung werden im vierten Teil die Länder verglichen. Die Analyse soll klären, ob im Regionalraum des Kaspischen Meeres ein politischer Ressourcen-Fluches erkennbar ist, oder ob es sich um eine gemeinsame Lage infolge des sowjetischen Niederganges handelt, die eventuell alles andere überlagert. Hierbei soll nicht der ökonomische Ressourcen-Fluch untersucht werden, wie ihn die Wirtschaftswissenschaften schon sehr lange empirisch mit Daten untermauern 1 . Es geht vielmehr um die Belastbarkeit der Theorien, entwickelt in den politischen Wissenschaften, um einen Ressourcen-Fluch bezüglich des politischen Systems und der politischen Kultur eines Staates zu erklären, in dessen Hoheitsgebiet sich ein hoher Reichtum natürlicher Vorkommen findet. Die zum Tragen kommenden Kriterien werden im dritten Teil dieser Arbeit diskutiert. Dabei ist die Arbeit von Michael L. Ross (2001) hervorzuheben, der diese Kriterien aufstellte, um die Neigung von Erdölförderstaaten zu autoritären Staatssystemen zu erklären 2 . Für einen Überblick eignet sich ein Artikel dieses Autoren (1999) über die politische Ökonomie des Ressourcen-Fluches 3 , während weitere Autoren andere Teilaspekte wie die Zunahme militärischer Konflikte in Beziehung zur Thematik setzen 4 .
1 Siehe beispielsweise Sachs, Jeffrey D. / Warner, Andrew M.: The Curse of Natural Resources, in: European Economic Review, Vol. 45 (2001), Nr. 4-6; S.827-838.
2 Ross, Michael L.: Does Oil Hinder Democracy?, in: World Politics, Vol. 53 (2001), Nr. 1; S. 325-361.
3 Ross, Michael L.: The Political Economy of the Resource-Curse, in: World Politics, Vol. 51 (1999), Nr.2; S.297-322.
4 Auty, Richard M.: Natural Resources and Civil Strife: A Two-Stage Process, in: Geopolitics, Vol. 9 (2004); S.29-49.
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2. Phasen des Rohstoffbooms - Historische
Pfadabhängigkeit und Critical Junctures
Das Konzept der historischen Pfadabhängigkeit im Neo-Institutionalismus 5 der Sozialwissenschaften abstrahiert Geschichte als Quelle der Veränderung von Prozessen und stellt einzelne Ereignisse in den Mittelpunkt, die über lange Zeiträume spätere Entwicklungen dominieren würden. Pfadabhängigkeit impliziert eine Rolle für die Geschichtswissenschaft zur Erklärung nicht nur vergangener, sondern auch gegenwärtiger Ereignisse 6 . Da der Institutionalismus den Strukturen (Institutionen) eines Staates eine wesentliche Rolle bei geschichtlichen Umbrüchen beimisst, sind auch die für die Nachzeit prägenden Umbrüche - Critical Junctures - in Bezug zu Institutionen zu suchen. Dass dabei nachlässig darüber hinweggegangen wird, dass Geschichte immer der Ausfluss langfristiger, vielschichtig verflochtener Prozesse ist 7 , lässt Geschichtswissenschaftler dieses Konzept in Frage stellen. Sicherlich ist die Pfadabhängigkeit mit ihren Critical Junctures nur begrenzt zur Beschreibung historischer Entwicklungen geeignet und nur zur pointierten Herausarbeitung bereits fundiert hergeleiteter historischer Zäsuren brauchbar. Im Rahmen dieser Arbeit jedoch geht es um die Beschreibung einer staatlichinstitutionellen Tradition, so dass die Konzentration auf diese historische Konzeption und die Betonung hierfür bedeutsamer Schlüsselereignisse eine Berechtigung findet. Zur Bewertung, ob der politisch-institutionelle Ressourcen-Fluch über dem Kaspischen Meer liegt, ist dieses Vorgehen angezeigt. Dennoch sollte stets bewusst bleiben, dass historische Entwicklungen immer komplexere Zusammenhänge aufweisen, als dass sie nur durch eine einzelne Critical Juncture ableitbar wären.
(1) Das Zarenreich: 1806-1920/21
Im Rahmen der Napoleonischen Kriege besetzte Russland 1806 aus strategischem Interesse die Region des Kaukasus und in der Folge auch das übrige Zentralasien um das Kaspische Meer bis auf den persischen Süden 8 . Dies geschah zur Einflussicherung
5 Überblick über die neuen Institutionalismen: Hall, Peter A. / Taylor, Rosemary C. R.: Political Science and the Three New Institutionalisms, in: Political Studies, 1996, Vol. 44, No. 6, S. 936-957.
6 Puffert, Douglas: Pfadabhängigkeit in der Wirtschaftsgeschichte, in: Herrmann-Pillath, Carsten / Lehmann-Waffenschmidt, Marco (Hg.): Handbuch zur evolutorischen Ökonomik, Bd. 3, Heidelberg IN VORBEREITUNG; S. 1 (der Online-Ressource: http://www.vwl.uni-muenchen.de/ls_komlos/pathd.pdf [Stand vom 12.April 2005]).
7 Hall: Science; S.942.
8 Stökl, Günther: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1997 6 ; S. 446/47.
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gegenüber dem Britischen Empire, Persien und den Osmanen 9 . Insofern liegt hier eine Zäsur vor, dass durch permanente Dauerkriege zwischen Zarenreich und Persien der traditionsreiche Handel mit Oberflächenöl und Ölschiefer fast vollständig zum Erliegen kam 10 . Dies war ein empfindlicher Schlag, selbst wenn die Ausbeutung der Vorkommen nie industrielle Mengen erreicht hatte, da der Hauptabnehmer für regionales Öl Persien war 11 . Da mit dem persischen Reich keine Entscheidung fiel, verhängte der Zar ein militärisches Sperrgebiet über die Region, oppressiv gegenüber Bevölkerung und Wirtschaft. Ab 1816 setzte ein Umdenken im Zarenreich und zaghafte Prospektion der regionalen Rohstoffe ein, während dessen auch etwa 100 Ölquellen wieder öffneten. Mit den 1820er Jahren wurde den Azeri wieder der Handel mit Lampenöl gestattet. Dass sich dieser Handel jedoch nicht ausweiten konnte, selbst als Persien 1828 die russische Hoheit über das Gebiet endgültig anerkannte 12 , ist weitgehenden Fehleinschätzungen zarischer Berater um Nikolaus I. zuzurechnen, die Öl nicht als brauchbares Handelsgut betrachteten 13 . Daher wandelte sich die rein geostrategische Sicht auf die Region lange nicht, und der Handel mit Persien konnte sich nicht erholen 14 .
Erst nach 1850 ermöglichte man mit systematischer, wissenschaftlicher Prospektion die Ölförderung größeren Stiles, etwa zeitgleich mit dem amerikanischen Boom ab 1870 einsetzend. Die zarische Boden-Konfiszierungspolitik 1870/71 zugunsten russischer Adliger und Minister führte mangels technischer Kenntnisse und wegen der Ferne Moskaus nicht weit, so dass 1873 rekonfisziert wurde, um Konzessionen an Privatunternehmen zu vergeben. Es wurden große Untergrundlager entdeckt und die Förderung immer weiter ausgedehnt, so dass die Preise ins Bodenlose fielen. Förderte man 1873-1877 etwa
9 Lleuw, Charles van der: Oil and Gas in the Caucasus and Caspian. A History, Surrey 2000; S. 37: Bereits 1722 hatte sich das Zarenreich entlang eines Küstenstreifens von Azerbaijan nach Süden ausgebreitet, musste sich jedoch 1735, durch Persien bedrängt, wieder zurückziehen.
10 Lleuw: Oil; S. 27: Seit vorchristlichen Zeiten wurde Ölschiefer/Steinöl in Scheitform als Heizmittel genutzt; Lleuw: Oil; S.36-38: 1684 wird von mehreren Ölkarawanen täglich in Richtung Norden und Osten berichtet, Öl wurde mit mechanischen Pumpanlagen gefördert und auch das Hinterland war nach Berichten von 1747 bereits ölwirtschaftlich für den Export in die Türkei und nach Mitteleuropa erschlossen. 1770 wird von Dutzenden Ölquellen bei Baku berichtet, und für die 1790er Jahre ist die Nutzung von klarem Öl für Lampen und als Medizin, sowie die Nutzung von Schwarzöl zum Decken von Teerdächern überliefert.
11 Lleuw: Oil; S.38.
12 Stökl: Geschichte; S.447: Es hatte nach einem Krieg um Georgien zwischen Persien und Russland 1813 eine Anerkennung des Kaukasus und des Kaspischen Meeres als russisches Einflussgebiet im Vertrag von Gulistan gegeben. Stökl: Geschichte; S.498: Dieser wurde jedoch nicht eingehalten, so dass erst 1828 mit Abtretung der persischen Gebiete Nachiþevan und Erivan eine längerfristige Festschreibung der Einflussgebiete gelang (Vertrag von Turkmanþaj).
13 Lleuw: Oil; S.45: Der Report über die Untersuchung nach Moskau eingesandten Materials in den 1840er Jahren stellt fest: „Die Substanz stinkt und mit der Ausnahme der Schmierung von Wagenrädern hat sie keinen weitergehenden Nutzen.“
14 Lleuw: Oil; S. 44: Es musste in Persien sogar von Öllampen zu Kerzenlicht zurückgekehrt werden.
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175.000 Barrel im Jahr, so strömten 1879 600.000 Barrel und 1881 bereits 1,5 Mio. Barrel durch die Förderanlagen. 1882 produzierte die Region sogar 6 Mio. Barrel, so dass der Preis für Lampenöl von 7 auf 2,5 Kopeken pro „pud“ 15 sank, während der Lampenölpreis in Zentraleuropa mit wenigen Schwankungen konstant blieb. Die Gewinne blieben also im Fernhandel, während die Arbeiterschaft zunehmend verelendete und mit schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen hatte. Auch nahmen ethnische Spannungen zu, da die Zahl ausländischer Arbeiter die Zahl beispielsweise der Azeri, der ethnischen Gruppe um Azerbaijans Halbinsel Apsheron, überstieg 16 . Hinzu kam die seit 1878 mit dem russischen Sieg über das Osmanische Reich 17 weit bessere Erreichbarkeit der Region, fußend in dem friedensvertraglichen Zugeständnis der Türken auf international freie Passierbarkeit des Bosporus von dem und in das Schwarze Meer. Der hernach wachsende Zustrom von Ölarbeitern, vor allem aber auch Glücksrittern auf der Suche nach schnellem Reichtum, verschlechterte Löhne und damit Lebensbedingungen beschleunigt: Hungersnöte traten auf und Krankheiten wie die Cholera grassierten. Die Zeit nach 1890 war darüber hinaus von wachsender Spekulation geprägt, die die Lebensbedingungen vor Ort sehr negativ beeinflusste, ließen sich doch kaum mehr stabile Preise und damit auch Löhne realisieren. Genannte Glücksritter schreckten wohl nicht einmal davor zurück, bei eigenem Misserfolg die Quellen ihrer Konkurrenten in Brand zu stecken. Während sich also zwar in den Jahren um die Jahrhundertwende der Ölausstoß vervielfachte, mit der Konsequenz, dass die Region 1901 mehr Öl produzierte, als die übrige Welt zusammen 18 , ließen sich erste Anzeichen drastischen Niederganges für die Zukunft nicht leugnen: Obwohl auf ihrem Territorium gefördert, gelangte kaum Wohlstand durch das Öl in die Hände der Azeri Azerbaijans, so dass sich hier zum Ersten ethnische Konflikte um Hoheit und Teilhabe an den Ölgewinnen abzeichneten. Zweitens befand sich die Welt im Imperialismus, so dass der Handel und die Ausbeutung dieser erdölreichen Region nicht mehr abseits der Begehrlichkeiten der internationalen Politik stand. Und zum Dritten verkannte man die Gefahr, die mit der Verelendung einer wachsenden Arbeiterschicht einherging. Die mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verbreitert in
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Anteil nur noch etwa ein Fünftel.
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Arbeit zitieren:
Nico Nolden, 2005, Die Staaten im Umfeld des Kaspischen Meeres und ihr Ressourcenreichtum, München, GRIN Verlag GmbH
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