1. Einleitung
In der Literatur wird oftmals von „der nordamerikanischen Stadt“ gesprochen. Dabei wird zumeist völlig außer acht gelassen, daß in Nordamerika neben den us-amerikanischen Städten auch in Kanada Agglomerationen existieren, die sich bezüglich der Struktur sowie weiterer Merkmale deutlich von den us-amerikanischen Städten abheben. Dieses Referat soll somit zeigen, daß es falsch ist, den generalisierten Begriff „die nordamerikanische Stadt“ zu verwenden, da sich die Städte in den USA und in Kanada sowohl in physiognomischer Hinsicht, aber auch in bezug auf die Planung der beiden Staaten wesentlich unterscheiden.
Um die Unterschiede in den beiden Ländern darzustellen, wird in dieser Arbeit zunächst versucht, die Strukturen in beiden Ländern darzustellen. Hierbei sollen zu Beginn generelle Strukturmerkmale verdeutlicht werden, um im Anschluß daran verschiedene vorhandene Modelle der us-amerikanischen Stadt und der kanadischen Stadt zu referieren. Auf die einleitende Darstellung der Merkmale der Städte beider Länder aufbauend, sollen anschließend vergleichend die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Stadtstrukturen in beiden Ländern herausgestellt werden. Beispielhaft soll dies dann am Vergleich der Städte Seattle und Vancouver verdeutlicht werden.
Zum Abschluß wird in dieser Arbeit die Frage aufgeworfen, ob die zukünftige Entwicklung der Städte in Kanada und den USA zu einer Annäherung oder Entfernung der Strukturen in beiden Ländern führen wird. Die Frage nach Konvergenz oder Divergenz der Stadtentwicklung soll dabei auch behandeln, in wie weit der staatliche Einfluß in die Planung der Städte in beiden Ländern vorhanden oder auch nicht vorhanden ist.
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2. US-amerikanische Stadtstrukturen
Charakteristisches Merkmal der us-amerikanischen Städte ist zunächst einmal das sehr hohe flächenmäßige Ausmaß und damit verbunden eine relativ niedrige Intensität der Flächennutzung in den Städten, aber mit einem weiten Umland mit einer sehr großen Zahl von Vororten (suburbs). Ebenfalls typisch ist die typische Hochhausbebauung („skyscraper“) in den Großstädten, sowohl in den Innenstadt-Kernen (CBD) als auch in den außerhalb liegenden „edge cities“, den außenstädtischen Zentren, die Hofmeister (1996) als „erste eigenständige Leistung der amerikanischen Architektur“ bezeichnet.
Grundriss:
Die Städte der Vereinigten Staaten von Amerika sind häufig geprägt durch ein einheitliches Grundschema. Sie sind durch einen schachbrettartigen, in einigen Fällen auch fächer- oder speichenförmigen Grundriss gekennzeichnet, durch den sich die Städte von der Struktur her sehr ähneln. Typisches Merkmal der us-amerikanischen Städte ist somit ein orthogonales Bausystem, das sich in einem rechteckigen Straßennetz sowie in Form von quadratischen oder rechteckigen Baublöcken ausdrückt. Beim fächer- oder speichenartigen Grundriss wurde dagegen mit einer Kombination von Schachbrettstruktur und Diagonalverbindungen gearbeitet.
Der Ursprung für diesen Grundriss ist im „Hippodamischen Schema“ der Antike begründet, das erstmals beim Wiederaufbau der Stadt Milet ein rechteckiges Schema für Straßen und Baublöcke verwandt wurde. Dieses Schema diente als Vorlage für die Planung in den meisten Arealen der heutigen USA; es wurde sowohl von den Spaniern im Südosten der USA (Kalifornien, New Mexiko usw.) als auch von den Franzosen (im Süden, entlang des Mississippi und in Kanada) sowie teilweise auch vom Britischen Empire im Nordosten der Vereinigten Staaten zur Planung von Städten verwendet.
Forciert und fortgesetzt wurde dieses Schema auch in den weiteren Planungen nach Entstehen der USA (Unabhängigkeit 1776) ab 1785, da als Grundmaß für die Landvermessung die Quadratmeile verwandt wurde. Zu bebauendes Land wurde in sogenannte „sections“ eingeteilt und somit jede Quadratmeile in 12 Baublöcke mit jeweils 100 Metern Seitenlänge aufgeteilt.
Dennoch wurde nicht strikt an einem starren Schema (sei es schachbrett-, fächer- oder speichenartig) festgehalten, da eine Anlagerung der Städte an Verkehrslinien oder naturräumliche Trennlinien (Flüsse, Seen o.ä.) eine Anpassung des Systems an die bestehenden Gegebenheiten notwendig machte.
Auch sind heute die Baublöcke nicht mehr in sich geschlossene Systeme, sondern zumeist durch sogenannte „alleys“ zerschnitten, also kleinere Straßen, die die Baublöcke durchtrennen. Diese alleys haben jedoch eine wichtige Funktion in den amerikanischen Großstädten, da sie heute vor allem zur Versorgung der Einwohner genutzt werden. Dies bedeutet, daß sowohl die Versorgung mit Gas, Wasser, Strom oberirdisch in diesen hinteren Straßen verläuft als auch die Müllentsorgung in diesen Bereichen vonstatten geht. Dies bedeutet für die Hauptverkehrswege eine deutliche Entlastung, zum einen durch die geringere Zahl der notwendigen Bauarbeiten (einfachere und kostengünstigere Reparatur der oberirdischen Leitungen) als auch durch das geringere Verkehrsaufkommen und die Behinderung durch Ver- und Entsorgung.
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Verkehrsstruktur:
Die in den meisten Städten vorhandene Schachbrettstruktur mit dem orthogonalen Straßennetz bringt in der heutigen Praxis große Verkehrsprobleme für die amerikanischen Städte, die diese zumeist dadurch gelöst haben, daß ein Großteil der Straßen als Einbahnstraßen ausgewiesen wurden, um den Verkehr einigermaßen leiten zu können. Weiterhin ergibt sich auch das Problem des ruhenden Verkehrs. Da in den USA der Individualverkehr eine sehr große Bedeutung hat und da die Städte eine im Verhältnis sehr große Gesamtfläche aufweisen, besteht im Innenstadtbereich ein großer Bedarf für Parkmöglichkeiten. Teilweise ergibt sich aktuell ein Bedarf von einem bis zwei Dritteln der Gesamtfläche, der für Abstellmöglichkeiten des Individualverkehrs genutzt wird. Diese Flächen sind vor allem im Bereich der „zone in transition“ zu finden, und durch die Sanierung von Flächen entstanden (Neunutzung alter Industrieareale o.ä.), in denen also auch vorher keine hochwertige Nutzung stattfand (daher auch der hier verwandte Begriff „slum clearance“).
Aufriss:
Die oben genannten Verkehrsprobleme, verursacht durch den hohen Grad an Individualverkehr, sind in den Innenstädten vor allem auch durch die massive Hochhausbebauung ausgelöst und verstärkt. Durch die enorme Vielzahl von Arbeitsplätzen auf relativ engem Raum (Büroarbeitsplätze sowie die Arbeitsplätze in den dazugehörigen Infrastruktur- und Versorgungs-Branchen) ergibt sich ein enormer Zustrom von Beschäftigten, v.a. in den Stoßzeiten der Hauptarbeitszeit.
Neben der Hochhausbebauung ist in den us-amerikanischen Innenstädten vor allem auch das Einfamilienhaus dominantes Merkmal der Bebauung, sowohl in den innerstädtischen Wohngebieten als auch in den Vororten (suburbs).
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Ein wesentliches weiteres Merkmal der heutigen Stadtstrukturen in den USA ist der Bedeutungsverlust der Innenstädte, v.a. des CBD. Im Zuge des bekannten, die Stadtentwicklung prägenden Faktors der „Suburbanisierung“ ergab sich im Laufe der Zeit eine Dezentralisierung des Dienstleistungssektors und somit eine Abwanderung der Büroarbeitsplätze sowie des Groß- und Einzelhandels.
Arbeit zitieren:
Timo Cyriax, 2002, Stadtstrukturen in Kanada und den USA im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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