Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Entstehungsgeschichte der Fontana delle Tartarughe 4
3. Taddeo Landinis Leben und Werk - Ein Umriss 6
4. Beschreibung der Fontana delle Tartarughe 7
5. Analyse der Ikonographie und Erschließung der Thematik 10
5.1. Die Umgestaltung des Brunnens unter Papst Alexander VII. 15
6. Schlussbetrachtung 16
7. Literaturverzeichnis 18
2
1. Einleitung
Der Anfang der 1580er Jahre entstandene, sogenannte „Schildkrötenbrunnen“ von Taddeo Landini ist nicht nur - in Bezug auf damalige Verhältnisse - in seiner Materialwahl und in der anschließenden künstlerischen Ausarbeitung, sondern auch in seinem ikonographischen Programm und dem damit verbundenen Analyseweg ein einzigartiges Werk nicht nur römischer Brunnengestaltung. Somit gehörte er die ersten 50 Jahre nach seiner Aufstellung auf der Piazza Mattei zu den berühmtesten und bedeutendsten Brunnen Roms 1 , aber auch heute hat er weder an künsterischen noch interpretativen Wert verloren. Dennoch hat sich die Kunstgeschichte bisher nur wenig mit diesem Werk beschäftigt. 2 Dem soll anhand dieser Hausarbeit Abhilfe geleistet werden, wobei sich der vorliegende Text haupsächlich auf die Magisterarbeit von Thomas Eser 3 stützt, der sich darin - wie bis dato kein A ndererausführlich mit der Fontana delle Tartarughe auseinander gesetzt hat. Nach einer Zusammenfassung der Baugeschichte, einer auf das Wesentliche begrenzten Wiedergabe Taddeo Landinis Leben und Wirken und einer ausführlichen Beschreibung des Brunnens - besonders der vier Knabenakte Landinis - konzentriert sich der zweite Teil der Hausarbeit auf das komplexe ikonographische Programm des Schild-krötenbrunnens, durch dessen Analyse sich die Thematik des Dargestellten erschließen lässt. Im Zuge dessen gilt es, eine Reihe von Vergleichsbeispielen heranzuziehen. Abschließend sei noch auf die Umgestaltung des Brunnens unter Papst Alexander VII. verwiesen. Dieser ließ dem Brunnen in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts vier - den Namen der Fontana begründenen - Schildkröten hinzufügen, wodurch auch die Interpretation modifiziert wurde.
Heute gilt der Schildkrötenbrunnen als Treffpunkt Homosexueller, was mit der freizügigen und androgynen, geradezu carravagesken Präsentation der Knabenakte einhergeht.
1 Eser, Thomas: Der „Schildkrötenbrunnen“ des Taddeo Landini, in: Römisches Jahrbuch der Bibliotheca
Hertziana, Tübingen 1993, Bd. 27/28, S. 201-270, S. 203.
2 Bisher erschienene Publikationen: Friedländer, Walter: Die „Fontana delle Tartarughe“ in Rom, in: Zeitschrift für
bildende Kunst, N.F. XXXIII (1922), S. 74-76; Benocci, Carla: Taddeo Landini e la fontana delle Tartarughe in
Piazza Mattei a Roma, in: Storia dell´arte 52 (1984), S. 187-203; Fehl, Philipp P.: Schönheit, Schicklichkeit und
Ikonographie: Bemerkungen zur „Fontana delle Tartarughe“ in Rom, in: Martin Gosebruch zu Ehren [Festschrift],
hrsg. v. Frank v. Steigerwald, München 1984, S 126-137; in: Eser, S. 204.
3 in gekürzer Fassung s. Fußnote 1.
3
2. Die Entstehungsgeschichte der Fontana delle Tartarughe
Um 1563-1600 wurde geplant, die Acqua Vergine - das bisherige, noch aus der Antike stammende Wasserleitungssystem der Stadt - auszubauen. 4 Die Idee zu diesem Projekt war bereits zur Zeit des Potifikat Pauls III 5 entstanden, da zum Einen Wassermangel auf der Fläche des Campo Marzio herrschte und zum Anderen hygienische Probleme aufkamen. Das Grundwasser im dicht bewohnten Zentrum Roms drohte mit dem Abwasser in Berührung zu kommen. Es wurde also eine Versorgung des Marsfeldes mit fließendem, frischem Quellwasser nötig.
Die Verantwortung der Acqua Vergine-Erweiteung oblag dabei der zu diesem Anlass gegründetetn „Congregazione sopra le strade e le fontane“, wobei die Arbeiten von Giacomo della Porta, dem architetto della camera geleitet wurden. 6 Der Kongregation wurde nicht nur die Planung, der Bau und die Wartung der künftigen Brunnenanlagen anvertraut, sondern sie sollte sich auch unter dem Aspekt der städtebaulichen Aufwertung eines brunnengeschmückten Platzes 7 um die Standortwahl der Brunnen Gedanken machen.
Es wurde geplant, zu den bisherigen vier öffentlichen und freistehenden Brunnen Roms 18 weitere hinzuzufügen. 8 Von einem Brunnen auf der Piazza Mattei ist zunächst zwar nicht die Rede 9 , aber aufgrund des auch unter diesem Platz verlaufenden Leitungssystems der Acqua Vergine bestand prinzipiell die Möglichkeit dazu. Dass der Schildkrötenbrunnen letztendlich auch realisiert wurde, mag an dem Bemühen Mutio Matteis gelegen haben. Bedenkt man, dass sich sein Palast zwar in zentraler Lage nahe dem Kapitol befand, dieser Standort aber durch verästelte Gassen von den Hauptverkehrsachsen getrennt war und somit kein großstädtischer Charakter aufkam und dass die Mauern des jüdischen Ghettos um 1580 unnmittelbar am Südrand des Platztes verliefen, so ist es wahrscheinlich, dass er durch eine Brunnenanlage
4 Das 21 km lange Schacht- und Rohrsystem war um 19 v. Chr. von Agrippa in Auftrag gegeben worden, über-
stand die Verwüstung Roms durch die Goten 537 und auch auch im Mittelalter war die Funktionstüchtigkeit kaum
beeinträchtigt worden. Es mündtete einst im anfänglich noch schlichten, dreistrahligen Trevibrunnen. Vgl. Eser, S.
205.
5 von 1534 bis 1549, Vgl. ders., S. 206.
6 Des weiteren befanden sich u.a. Kardinäle, städtische Verwaltungsbeamte und Ingenieure in der Kongragation,
Vgl. ders., S. 206.
7 Auf Veduten dieser Zeit erkennt man, dass Brunnenanlagen überdimensional groß abgebildet werden, ihnen also
einen größere Bedeutung zugesprochen wird. s. z.B. Abb. 32, ders., S. 220.
8 Als Quelle verweist Eser auf die Liste der Kongregation vom 4. November 1570. Vgl. ders., S. 207.
9 Die zuerst gebauten Brunnen sind die der Vila Medici, der Piazza del Popolo, der Piazza Colonna, der Piazza
Rotonda und der Piazza Navona, Vgl. ebda.
4
seinen Wohnort aufwerten wollte. Dass die Wahl des Brunnenschmuckmaterials auf Bronze fiel, obwohl diese eine mühselige Verarbeitung mit sich zieht und auch teuer ist, erklärt sich aus eben diesem Grund. Denn dadurch war dem Brunnen, dessen figuraler Schmuck wie bei nur wenigen seiner Zeit in eben diesem kostbaren und somit prestigeträchtigen Material gegossen ist, gebührende Aufmerksamkeit garantiert.
Nachdem die Standort- und Motivwahl feststand, ist die Fontana im Mai 1584 fertiggestellt worden. Im Juli des selben Jahres wurde das vor unachtsam fahrenden Karren, sowie durstigen, und damit für den Brunnen unhygienischen Zug- und Lasttieren schützende Eisengeländer mit acht Pollern angebracht, die mit Messingkugeln verziert wurden 10 , welche heute aber verloren sind. 11
Abgesehen von den 1657/58 hinzugefügten Schildkröten sind an dem Brunnen bis heute mehrere Arbeiten oder Änderungen vorgenommen worden. So ist gemäß der damaligen Brunnentradition um 1657 ein antiker Sarkophag als Wassertrog für die Entnahme von Nutzwasser in das Geländer eingefügt worden, der aber im 19. Jahrhundert wieder entfernt wurde. In diesem und im 20. Jahrhundert ist das regelmäßige Reinigen der ständig verkalkenden Rohre notwendig gewesen, worum sich die Stadt Rom gekümmert hat, was zwei am Brunnen angebrachte Inschriften bezeugen. Im 19. Jahrhundert wurde die am äußeren Brunnenrand gelegene, abgeschrägte Stufe überpflastert und geht seitdem mit dem um 30 cm angehobenen Platzniveau einher. In der Mitte des gleichen Jahrhunderts wurden gemäß eines päpstlichen Erlasses, bzw. der Sittenkommission, kleine, keusche Feigenblätter an die in ihrer Körperpräsentation sehr freizügigen Knaben angebracht. Diese wurden inzwischen wieder teilweise entfernt. 1940 wurde der Brunnenschmuck aus Angst vor Kriegsschäden in Sicherheit, nach Kriegsende aber wieder an seinen Platz gebracht. Die Schildkröten-Originale befinden sich heute jedoch zum Schutz vor Diebstahl im Palazzo Braschi. Den Brunnen zieren seitdem Duplikate. 1965 ergab eine labortechnische Untersuchung, dass die Korrosion eines der Knabenbeine von einer angelöteten Eisenschiene ausgelöst wurde. Diese ist vermutlich von Landini zur Stabilisierung oder Ausbesserung an unsichtbarer Stelle angefügt worden. Bei der letzten, Ende der 70er Jahre durchgeführten Restaurierung, wurde die Schiene entfernt und der Schaden behoben. Das aktuelle, große Problem ist - wie so oft - die Luftverschmutzung durch
10 s. Abb. 8, in: Eser S. 210.
11 Vgl. ders., S. 225.
5
Autoabgase. 12 Im Einzelnen bedeutet das für die Skulpturen, dass sich die Luft in der Fontäne des Brunnens löst und als agressive Flüssigkeit nicht - wie vorhergesehen - durch die vier Tazza-Köpfe abfließt, da diese ständig verstopft sind, sondern über den Rand der Brunnenschale läuft, und dabei über die Knaben fließt. Die Zerstörung ist nicht mehr nur optischer Art, sondern das Material ist in seiner Substanz angegriffen. Wird nicht bald restauratorisch wie präventiv das Problem beseitigt werden, drohen Landinis Knabenakte in naher Zukunft verloren zu sein. Da der Brunnen aber - trotz seines kunsthistorischen Werteszu klein und unbekannt ist, werden solche Maßnahmen vermutlich ausbleiben.
3. Taddeo Landinis Leben und Werk - ein Umriss
Der 1557/58 in Florenz geborene und 38 Jahre später in Rom gestorbene Landini wirkte fast ausschließlich in der italienischen Hauptstadt. So war er dort z.B. unter anderen Bildhauern bereits im Zuge des Acqua Vergine-Projektes im Jahre 1575 an der Gestaltung der Brunnen der Piazza del Popolo und der Piazza Navona beteiligt 13 . Des weiteren beschäftigte auch er sich um 1578 mit dem hölzernen Kuppelmodell Michelangelos für den Peters Dom 14 , wobei die Beachtung und Achtung Michelangelos und dessen Werkes für einen jungen Akademieschüler wie Landini 15 selbstverständlich war.
Als Landini 1581 den Auftrag für den Brunnen auf der Piazza Mattei erhielt, war er ein in Rom etablierter Künstler mit eigenem Studio 16 und engen Kontakten zum päpstlichen Architekten und Ingenieur della Porta 17 . Die Bronzefiguren des Schildkrötenbrunnens werden als die vermutlich ersten gussplastischen Arbeiten Landinis angesehen 18 , wobei sie auch die populärsten Stücke seines gesamten Schaffens sind 19 - die bedeutendste Arbeit stellt allerdings die Statue Sixtus V. dar 20 .
12 Vgl. ders., S. 264-266.
13 Vgl. Eser, S. 227.
14 Vgl. ders., S. 228.
15 Dez. 1572 in Florentiner Akademie aufgenommen worden, Vgl. ders., S. 230.
16 Vgl. ders., S. 229.
17 Vgl. ders., S. 228.
18 Vgl. ders., S. 230.
19 Vgl. ders., S. 232.
20 Vgl. ebda., s. Abb. 40 in: ders., S. 231.
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Katharina Krings, 2004, Die Fontana delle Tartarughe von Taddeo Landini, München, GRIN Verlag GmbH
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