Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. De Gaulles Vorstellungen von Nachkriegsdeutschland 5
2. Der Kurswechsel in der französischen Deutschlandpolitik 8
3. Der erste Schritt zur deutsch-französischen Aussöhnung 12
Schlussbetrachtung 17
Abk ürzungsverzeichnis 19
Literaturverzeichnis 20
2
Einleitung
„Herr Bundeskanzler, die Franzosen werden Ihre Anwesenheit in Caen am 6. Juni 2004 nicht vergessen. Ihre Worte, Ihr Blick, das wird in den Herzen bleiben.“ Mit diesen Worten würdigte Jacques Chirac, der französische Staatspräsident, im November 2004 Gerhard Schröder im Rahmen einer Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung Straßburgs. Als erster Bundeskanzler hatte Gerhard Schröder an der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen an den Stränden der Normandie teilgenommen. Am Ende der Zeremonie stand eine herzliche Umarmung der beiden Staatsmänner - ein Symbol für die enge deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit 1 .
Viele bewegende Reden und symbolhaltige Gesten waren notwendig gewesen, bis es zu einer solch innigen deutsch-französischen Partnerschaft kam, denn noch vor 60 Jahren war das Verhältnis beider Staaten zueinander das genaue Gegenteil von dem, was wir heute kennenheute, in einer Zeit, in der deutsch-französische Schüleraustauschprogramme und Städtepartnerschaften selbstverständlich sind.
Verglichen mit der Jahrhunderte langen erbitterten Feindschaft der beiden Nationen, die sich in zahllosen Kriegen und Schlachten gegenüber gestanden hatten, steckt die deutsch-französische Freundschaft, rein zeitlich gesehen, noch in den Kinderschuhen. Diese Freundschaft, so jung sie auch ist, hat die alten Rivalitäten und Unterschiede zwar nicht vergessen aber für die Zukunft unmöglich gemacht. Heute gedenken beide, Opfer und Angreifer, Seite an Seite aller Toten. Sie legen Kränze nieder und halten Reden.
Es ist bezeichnend, dass der Ursprung dieser Freundschaft in der Feindschaft liegt. Der Hass zwischen Deutschen und Franzosen gipfelte im Zweiten Weltkrieg ebenso, wie die spätere Freundschaft darin wurzelt. Freilich sah es unmittelbar nach dem Krieg überhaupt nicht nach Freundschaft aus. Zunächst dominierten in Frankreich Kräfte, die an die Friedensvorstellungen des Versailler Vertrages anknüpfen wollten. Bis zur deutsch-französischen Freundschaft war es noch ein langer Weg. Ich möchte in dieser Arbeit zeigen, welche Veränderungen in der französischen Deutschlandpolitik nötig waren, um die Voraussetzungen für die spätere deutschfranzösische Freundschaft zu schaffen und wodurch diese Veränderungen zustande kamen. Hat sich nur die französische Deutschlandpolitik verändert oder auch die Einstellung gegenüber Deutschland? Wie sich die deutsch-französische Freundschaft im Laufe der Zeit entwickelt hat, soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein.
1 Zitat nach Henri de Bresson, „Umarmung in Caen“ in DER SPIEGEL, „Jahres-Chronik ’04. Der Rückblick“, S. 136-138, hier S. 136; nachfolgende Erklärungen dazu vgl. ebd.
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Daher beschränke ich mich auf die Zeit zwischen 1944 und 1950. Genau in dieser Zeitspanne liegen nämlich jene Veränderungen, die die Grundlage für die deutsch-französische Freundschaft legten. Zunächst möchte ich mich in dieser Arbeit mit den Vorstellungen de Gaulles von Nachkriegsdeutschland auseinandersetzen. Anschließend möchte ich untersuchen, wie sich diese Vorstellungen allmählich wandelten und zeigen, wozu diese Wandlung schließlich geführt hat. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich hauptsächlich auf Werke von Wilfried Loth 2 und Ulrich Lappenküper 3 beziehen. Auf einen Aufsatz von Renata Fritsch-Bournazel mit dem Titel „Die Wende in der französischen Nachkriegspolitik 1945-1949: Die ,deutsche Gefahr’ verliert die Priorität“ 4 werde ich mich zwar inhaltlich ab und zu beziehen, was allerdings den Aufbau anbelangt, so dient dieses Werk nicht als Vorbild.
2 Dabei handelt es sich um folgende Schriften: „Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration 1939-1957“, 2. Auflage, Göttingen 1991; „Die Franzosen und die deutsche Frage 1945-1949“ in Claus Scharf u. Hans-Jürgen Schröder (Hrsg.), „Die Deutschlandpolitik Frankreichs und die französische Besatzungszone 1945-1949“, Wiesbaden 1983, S. 27-48; „Die französischen Sozialisten und der Marshall-Plan“ in Othmar N. Haberl u. Lutz Niethammer (Hrsg.), „Der Marshallplan und die europäische Linke“, Frankfurt am Main 1986, S. 359-380; „Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955“, 10. Auflage, München 2002; „Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“, Stuttgart u.a. 1987.
3 Dabei handelt es sich um folgende Schriften: „Der Schuman-Plan. Mühsamer Durchbruch zur deutschfranzösischen Verständigung“ in VfZ, Heft 3/1994, S. 403-445; „Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963. Von der ,Erbfeindschaft’ zur ‚Entente élémentaire’“, Band 1: 1949-1958, München 2001
4 Erschienen in Institut Français de Stuttgart (Hrsg.), „Die französische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1949. Ergebnisse eines Kolloquiums des Institut Français de Stuttgart und des Deutsch-Französischen Instituts,
4
1. De Gaulles Vorstellungen von Nachkriegsdeutschland
„Sollte Frankreich im Laufe der nächsten Generationen ein drittes Mal einen deutschen Überfall über sich ergehen lassen müssen, so wäre - diesmal - eine endgültige Niederlage zu befürchten. Zwanzig Jahre Ruhe genügen nicht. Frankreich braucht einen langen Frieden. Die französischen Frauen dürfen nicht nur Kinder für die Schlachtfelder gebären. Die erste Aufgabe, eine heilige Aufgabe für jeden Staatsmann, ist es deshalb, auf mehrere Generationen hinaus die Sicherheit Frankreichs zu gewährleisten, das heißt in anderen Worten: dauerhaft die deutsche Gefahr zu bannen.“ So äußerte Maurice Dejean, der Leiter der französischen diplomatischen Mission, gegenüber den Alliierten Regierungen in London die Angst Frankreichs vor den Deutschen. Ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit gegenüber dem deutschen Erbfeind war in der gesamten französischen Bevölkerung vorhanden 5 .
Das war verständlich. Innerhalb von nur 70 Jahren hatten die Deutschen Frankreich dreimal überfallen. General Charles de Gaulle forderte daher schon frühzeitig, dass Frankreich nach dem Krieg in den Kreis der Siegermächte aufgenommen werden solle. Denn nur wenn die Franzosen aktiv an der Friedensordnung mitarbeiten konnten, war es gewährleistet, dass ihrem Sicherheitsbedürfnis ausreichend nachgekommen werden würde 6 .
Obwohl noch nicht im Kreise der Sieger angekommen, hatte auch de Gaulle ein eigenes Konzept für Nachkriegsdeutschland entwickelt, das dem Bedürfnis nach Sicherheit dauerhaft Rechnung tragen sollte: Die Regionen Deutschlands mit großer industrieller Bedeutung (namentlich das Ruhrgebiet, das Saarland und Oberschlesien) sollten vom Rest des Landes abgetrennt werden 7 . Für das Ruhrgebiet sah de Gaulle eine eigene, unabhängige Regierung vor, die von einer internationalen Behörde, bestehend aus französischen, britischen, belgischen, niederländischen und luxemburgischen Vertretern, kontrolliert werden sollte. Auch eine eigene Zollgrenze und Währung war vorgesehen 8 . Kurz gesagt: Das Ruhrgebiet sollte separiert und internationalisiert werden. Diese Maßnahmen sollten eine weitreichende Kontrolle über die deutsche Schwerindustrie mit sich bringen und es Frankreich erlauben, mithilfe deutscher Kohle die heimische Stahlproduktion anzukurbeln. So sollte Frankreich anstelle Deutschlands zum
Ludwigsburg, das am 16.-17. Januar 1986 im Institut Français de Stuttgart stattgefunden hat.“, Tübingen 1987, S. 7-25.
5 Zitat: AMRE (Archives du Ministère des Relations Extérieures) Y-54-1, zitiert nach Renata Fritsch-Bournazel, „Die Wende in der französischen Nachkriegspolitik 1945-1949: Die ,deutsche Gefahr’ verliert die Priorität“ in Institut Francais de Stuttgart (Hrsg.), „Die französische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1949. Ergebnisse eines Kolloquiums des Institut Francais de Stuttgart und des Deutsch-Französischen Instituts, Ludwigsburg, das am 16.-17. Januar 1986 im Institut Francais de Stuttgart stattgefunden hat.“, Tübingen 1987, S. 7-25, hier S. 8; nachfolgende Erklärungen vgl. ebd. 6 Vgl. ebd., S.15. 7 Vgl. ebd., S. 9-10.
8 Vgl. Alan S. Milward, „The Reconstruction of Western Europe 1945-1951“, Cambridge 1984, S. 127-128.
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industriellen Zentrum Europas und zur Großmacht aufsteigen 9 . Diese Großmachtstellung sollte Frankreich dann dazu verwenden, den Gegensatz zwischen der Sowjetunion und den USA zu entschärfen 10 .
Der Rhein sollte, ähnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg, zur strategisch-militärischen Grenze zwischen Deutschland und Frankreich werden. Das Rheinland sollte, ebenso wie das Saarland, wirtschaftlich an Frankreich gebunden werden. Für die übrigen deutschen Territorien sah de Gaulle eine Aufspaltung in kleine, unabhängige Einzelstaaten vor - eine Art Staatenbund. Annexionen waren jedoch nicht vorgesehen 11 .
Diese Zersplitterung Deutschlands hätte im Zentrum Europas wieder einen Flickenteppich, ein Machtvakuum erzeugt. Deutschland, oder das, was davon übrig geblieben wäre, hätte zum Spielball der beiden Antagonisten USA und Sowjetunion werden können. Vielleicht wäre daraus ein kalter Krieg entstanden. Aber vielleicht auch ein warmer - oder ein Atomkrieg. Auf die kleinste Formel gebracht, könnte man de Gaulles Vorhaben wie folgt charakterisieren: Eindämmung durch Schwächung. Die einzelnen Punkte seiner Agenda erinnern an die Paragrafen des Versailler Vertrages von 1919. Sollten die damaligen Fehler etwa wiederholt werden? Nein, denn damals galt etwas anderes als fehlerhaft an diesem Vertrag. Es hatte als legitim gegolten, dass Deutschland im Rahmen eines kollektiven Sicherheitsbedürfnisses geschwächt worden war. Der eigentliche Fehler bestand darin, dass man den Deutschen noch genügend Potenzial gelassen hatte, um wieder zu erstarken und sich für die Fesseln zu rächen. Es ging nach dem Zweiten Weltkrieg nun darum, Deutschland so umfassend zu schwächen, dass es nie wieder erstarken konnte 12 .
Eine andere Vorstellung de Gaulles war die des europäischen „wirtschaftlichen Ensembles“, bestehend aus Frankreich, Großbritannien, den Beneluxstaaten, Italien und der Schweiz. Es war seine Vorstellung vom Europa der „Dritten Kraft“. Doch anders als das Europa der „Dritten Kraft“ der Sozialisten, auf das ich später noch eingehen werde, schloss de Gaulle Deutschland nicht in seine Vorstellung ein. Es sollte nicht Bestandteil des Werkzeuges werden, sondern vielmehr der Werkstoff, der damit bearbeitet werden würde - ein wirtschaftlicher
9 Vgl. Wilfried Loth, „Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“, Stuttgart u.a. 1987, S. 138-139. 10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd. sowie Raymond Poidevin, „Die französische Deutschlandpolitik 1943-1949“ in Claus Scharf und Hans-Jürgen Schröder (Hrsg.), „Die Deutschlandpolitik Frankreichs und die französische Zone“, Wiesbaden 1983, S.15-25, hier S. 19.
12 Renata Fritsch-Bournazel, „Die Wende in der französischen Nachkriegspolitik 1945-1949: Die ,deutsche Gefahr’ verliert die Priorität“ in Institut Français de Stuttgart (Hrsg.), „Die französische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1949. Ergebnisse eines Kolloquiums des Institut Français de Stuttgart und des Deutsch-Französischen Instituts, Ludwigsburg, das am 16.-17. Januar 1986 im Institut Français de Stuttgart stattgefunden hat.“, Tübingen 1987, S. 7-25, hier S.8-9 lässt diesen Schluss zu.
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Arbeit zitieren:
Hannes Weik, 2005, Vom Erbfeind zum Freund? Der Kurswechsel in der französischen Deutschlandpolitik 1944-1950, München, GRIN Verlag GmbH
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