Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 KULTUR – GLOBALISIERUNG – INTERKULTURELLE KOMPETENZ 8
2.1 KULTUR 9
2.2 GLOBALISIERUNG
2.3 INTERKULTURALITÄT
2.4 INTERKULTURELLE HANDLUNGSKOMPETENZ
3 MODULERSTELLUNG 47
3.1 PLANUNG: VORÜBERLEGUNGEN
ZUR
ZUSAMMENSETZUNG
DER
ZIELGRUPPE
3.2 ZIELSETZUNG DES MODULS
3.3 THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN ZUR METHODIK DES MODULS
3.3.1 KULTURASSIMILATOR-METHODE 3.3.1.1 Kultur und Kulturstandards nach Thomas 3.3.1.2 Kulturassimilator – Aufbau und Anwendung 3.3.1.3 Vorteile 3.3.1.4 Kritikpunkte 3.3.1.5 Mögliche methodische Modifizierungen 3.3.2 METAKOMMUNIKATION ALS MÖGLICHKEIT INTERKULTURELLER, INTERPERSONALER KONFLIKTLÖSUNG 3.3.3 INTEGRATIVE METHODE UND AUFBAU VON TRANSFERWISSEN
3.4 MODUL
3.4.1 PHASE (1): SENSIBILISIERUNG 3.4.2 PHASE (2): VERTIEFUNG 3.4.3 PHASE (3): METAKOGNITION 3.4.4 PHASE (4): TRANSFER 100
3.4.5 PHASE (5): EVALUATION 107
4 FAZIT 110
5 LITERATURVERZEICHNIS 118
6 ANHANG 125
2
1 Einleitung
Über die Notwendigkeit, Fach- und Führungskräfte auf internationale Geschäftstätigkeiten und Auslandseinsätze vorzubereiten, sollte Einigkeit bestehen. Erfolgreiche Auslandsentsendungen stellen einen bedeutenden Erfolgsfaktor internationaler Zusammenarbeiten dar. Dennoch wird die Erfolgs- einschätzung für Auslandsaufenthalte von Unternehmen mit unter 30% angegeben. „Das heißt, über 70% aller Entsendungen ins Ausland werden als Fehlschläge zugegeben! Wieviele ‚Assignments’ dann gut oder sehr gut funktioniert haben, wird sich wohl eher im 10% Bereich bewegen, also in dem Bereich, der wissenschaftlich an die Grenze der Zufallsergebnisse rückt.“ (Trimpop/Meynhardt 2000: 188) Bei der Begründung, warum, trotz sorgfältiger Planung, die erhofften Synergien meist spärlich aufgetreten sind, wird immer wieder der Begriff Kultur verwendet, um auf die Komplexität der internationalen Zusammenarbeit zu verweisen. „Denn gerade in den immer zahlreicher auftre- tenden Fällen, in denen die Ursachen des Scheiterns internationaler Koopera- tionen nicht für alle Beteiligten in gleicher Weise plausibel benennbar oder rekonstruierbar sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Disfunktionalität nicht auf fachlich-inhaltlicher Ebene, sondern auf der Ebene der interkulturellen Beziehungen auslösend gewirkt hat“ (Bolten: 2000. Zitiert in: Niedermeyer 2001: 65). Interkulturelle Maßnahmen der Personalentwicklung zur präventiven Verhinderung oder zumindest Minderung potentieller Missverständnisse und Konflikte, aber auch zur Nutzung von Synergiepotentialen stellen somit eine Notwendigkeit internationalen Agierens dar. In der Praxis existiert eine Vielzahl von interkulturellen Trainingsangeboten, die Fach- und Führungskräfte auf interkulturelle Kooperationen und Auslandsaufenthalte vorbereiten sollen (vgl. Bolten 2001b, Stahl/Langloh/ Kühlmann 1999, Thomas 2001 etc.).
Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines interaktionsorientierten, interkulturellen Trainingsmoduls zur Vorbereitung auf interkulturelle Zusammen- arbeiten. Die Besonderheit dieses Trainings liegt in der Zusammensetzung der Zielgruppe. Diese besteht auf der einen Seite aus nicht-deutschen Fach- und Führungskräften, die in absehbarerer Zeit nach, in Deutschland ansässigen, Unternehmen entsandt werden und dort mit deutschen Kollegen
3
zusammenarbeiten werden. Auf der anderen Seite setzt sich die Zielgruppe aus deutschen Fach- und Führungskräften zusammen, die in absehbarer Zeit mit nicht-deutschen Kollegen in Deutschland zusammenarbeiten werden. In Vor- bereitung auf deren zukünftige Anforderungen innerhalb interkultureller Kon- texte soll das zu entwerfende Trainingsmodul interkulturelle Handlungskompe- tenzen aufbauen. Gemäß der allgemeinen Zielstellung, dass nicht nur Ent- sandte auf interkulturelle Tätigkeiten vorbereitet werden müssen, sondern auch deren zielkulturelle Partner, wird in diesem Trainingsmodul eine interkulturelle Handlungskompetenz auf Seiten beider Trainingsgruppen gefördert. Denn inter- kulturelle Handlungskompetenz besteht nicht aus einer einseitigen Adaption zielkultureller Orientierungssysteme, sondern in der wechselseitigen Herstel- lung eines tragfähigen ‚Zwischens’ im Sinne einer gemeinsamen Interkultur.
Die Konzeption eines Trainings für sowohl ausländische Teilnehmer als auch Teilnehmer der Zielkultur Deutschland bedarf einer speziellen Lernziel- formulierung und methodischer Umsetzung, welche die Synergiepotenziale innerhalb der heterogenen Lernergruppe nutzbar machen. Die methodische Basis der Umsetzung der Lernziele bildet die auf der Kulturstandardforschung aufbauende Methode der ‚Culture Assimilator’ bzw. der Kulturassimilatoren nach Thomas. Diese Methode soll jedoch nicht unreflektiert übernommen werden. Vielmehr soll sie, einer kritischen Auseinandersetzung vorausgehend, im Hinblick auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen der Trainings- teilnehmer modifiziert werden.
Als Grundlage der genauen Zielformulierungen und methodischen Umsetzung dient eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der inter- kulturellen Handlungskompetenz in Kapitel 2. Kern dieser Auseinandersetzung bildet dabei die Bestimmung des Begriffes Kultur in Kapitel 2.1. Dabei wird sowohl der lebensweltliche Kulturbegriff nach Schütz/Luckmann und Habermas, als auch das Konzept des kulturellen Gedächtnisses nach Assmann skizziert, welche anschließend in das Kulturkonzept von Hansen integriert werden. Um die Bedeutung von Kultur für alltägliches Handeln herauszuarbeiten, wird dabei genau beschrieben, wie sie auf den Ebenen des Kommunizierens, Denkens, Wahrnehmens und Handelns wirkt. Dabei ist einerseits zu erfragen, inwieweit
4
individuelles Handeln kulturgebunden ist, und andererseits, wie Kulturen in diesem Sinne gefasst werden können. Zu ermitteln ist darüber hinaus, welchen Stellenwert Nationalkulturen in Bezug auf die kulturelle Geprägtheit von Individuen besitzen. Dies erweist sich von zentraler Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Kulturstandardforschung und somit auch die Methode der Kulturassimilatoren nach Thomas Kulturen im Sinne von Nationalkulturen wie z.B. der ‚deutschen’, der ‚französischen’, der ‚amerikanischen’ Kultur auffasst.
Anschließend wird in Kapitel 2.2 der Frage nachgegangen, welche Relevanz Kultur im Rahmen aktueller Globalisierungsprozesse besitzt. Dies betrifft vor allen Dingen die kritische Auseinandersetzung mit der These der kulturellen Homogenisierung in globalen Kontexten und der vermeintlichen Konvergenz von Nationalkulturen hin zu einer Weltkultur.
Auf Grundlage des vorgestellten Kulturkonzeptes wird dann in Kapitel 2.3 der Prozess interkultureller Kommunikation, mittels eines interaktionstheoretischen Kommunikationsbegriffes, in seiner Problematik wie auch mit seinen Chancen vorgestellt. Interkulturelle Kommunikation wird dabei als ein Prozess des permanenten Aushandelns und der situativen Neubestimmung von Interaktions- grenzen charakterisiert.
Im Anschluss an die Abgrenzung der Arbeitsbegriffe wird in Kapitel 2.4 der Frage nachgegangen, über welche Kompetenzen international agierende Fach- und Führungskräfte verfügen sollten, um trotz interkultureller Differenzen erfolgreich interagieren zu können. Da die Fremdsprachenkenntnisse einen wichtigen Bestandteil interkultureller Handlungskompetenz darstellen, ist in diesem Kapitel ebenfalls zu untersuchen, welche interkulturellen Kommu- nikationsprobleme aus fremdsprachendidaktischer Perspektive auftreten können. Aufbauend auf der Darstellung einiger wichtiger pragmatisch-ver- gleichender Studien und der kritischen Auseinandersetzung mit diesen, wird beschrieben, welche Kompetenzen interkulturell agierende Personen aus fremdsprachendidaktischer Sicht besitzen sollten. Das gesamte Konzept der interkulturellen Handlungskompetenz bildet schließlich den Ausgangspunkt zur Konzeption des folgenden Trainingsmoduls.
5
In Kapitel 3 wird - sich auf die vorangegangenen theoretischen Grundlagen stützend - ein konkretes Trainingsmodul zum Aufbau interkultureller Handlungs- kompetenzen entwickelt. Ausgangspunkt der Konzeption dieses Moduls bildet die genaue Beschreibung der Zusammensetzung der Zielgruppe in Kapitel 3.1. Die Besonderheit besteht dabei, wie bereits erwähnt, in der mehrfachen Heterogenität der Trainingsgruppe. So setzten sich diese nicht nur aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Nationen zusammen, auch ist die Trainingssprache Deutsch für einige die Muttersprache, für andere eine Zweit- oder Fremdsprache. Unter der Voraussetzung der, für die nicht-deutschen Teilnehmer, Verhandlungssicherheit in Deutsch (unter Formulierung eines fest umrissenen Fremdsprachenkompetenzniveaus auf Grundlage des Euro- päischen Referenzrahmens für Sprachen) werden weitreichende Synergie- effekte innerhalb des interkulturellen Trainingsmoduls erwartet, welche in diesem Kapitel noch genauer beschrieben werden.
Daraufhin folgt in Kapitel 3.2 eine genaue Formulierung der Lernziele des Trainingsmoduls, aufbauend auf den Erkenntnissen zu der bereits dargestellten interkulturellen Handlungskompetenz und den speziellen Anforderungen der Zielgruppe.
Danach werden in Kapitel 3.3 grundlegende methodische Fragestellungen diskutiert. Den methodischen Ausgangspunkt dieses Moduls wird die von Thomas entwickelte und auf Kulturstandards aufbauende Methode des ‚Culture Assimilators’ bzw. der Kulturassimilatoren darstellen. Nach der Beschreibung dieser Methode werden Vor- und Nachteile dieser kritisch abgewägt. Hierbei werden die Erkenntnisse zur Relevanz von Nationalkulturen aus der Diskussion um Kultur und Globalisierung eingesetzt. In Kapitel 3.3.2 werden daraufhin Möglichkeiten der Modifizierung vorgestellt, welche dann im Training umgesetzt werden sollen. Der zweite methodische Fokus des Moduls ist weniger als konkrete Methode zu verstehen, sondern ergibt sich aus den Überlegungen zu der begrifflichen Bestimmung interkultureller Handlungskompetenz und der Zielformulierung des Moduls: Metakommunikation, als eine Möglichkeit interpersonaler, interkultureller Konfliktlösung stellt ein zentrales Thema des Trainingsmoduls dar. Aus diesem Grund werden interkulturelle Konfliktlösungs-
6
strategien und besonders metakommunikative Strategien neben der Methode des Kulturassimilators noch einmal gesondert in Kapitel 3.3.3 hervorgehoben.
In Kapitel 3.4 wird daraufhin das aus den theoretischen Vorüberlegungen generierte Trainingsmodul phasenweise vorgestellt. Die Lernziele aus Kapitel
3.2 werden dabei in Lernteilzielen aufgeschlüsselt und in den einzelnen
Sequenzen in ihrer Umsetzung dargestellt. Die Besonderheit dieses Moduls liegt dabei in der Lernform: interkulturelle Gruppenarbeit gewährleistet Er- fahrungen in authentischen interkulturellen Situationen und bildet somit u.a. die Grundlage für eine ausführliche Reflektion selbst erlebter interkultureller Prozesse.
In Kapitel 4 findet eine Zusammenfassung der Ergebnisse statt. Das Trainingsmodul wird im Hinblick auf seine Vor- und Nachteile bewertet. Darüber hinaus werden Ausblicke auf noch weiter zu führende Diskurse in Bezug auf die Konzeption, Durchführung und besonders auf die Evaluation interkultureller Trainings gegeben.
Erneut lässt sich hervorzuheben, dass sich das Trainingsmodul sowohl an ausländische als auch an deutsche Fach- und Führungskräfte richtet, welche gleichermaßen auf bevorstehende interkulturelle Tätigkeiten in Deutschland vorbereitet werden. Primär werden dabei keine sprachlichen Lernziele verfolgt, auch wenn diese, wie sich zeigen wird, in die interkulturelle Handlungs- kompetenz integriert sind. Die Zielsetzung des Trainingsmoduls wird auf einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Konzept der interkulturellen Hand- lungskompetenz basieren. Diese wird auf der Grundlage einer eingehenden Beschreibung und Diskussion der Kulturtheorie sowie kultureller Globali- sierungsprozesse formuliert.
Es soll aber darauf hingewiesen sein, dass das Trainingsmodul bisher weder erprobt noch durch die Praxis evaluiert wurde. Es stellt somit einen ersten Ansatz zum Training interkultureller Handlungskompetenz für Fach- und Führungskräfte dar, welcher einen Praxistest noch bestehen muss.
7
2 Kultur – Globalisierung – Interkulturelle Kompetenz
Ziel dieses Kapitels ist die Bestimmung der Arbeitsbegriffe Kultur, Globalisierung, und Interkulturalität, um zu einem theoretisch fundierten Konzept interkultureller Handlungskompetenz zu gelangen. In einem ersten Schritt wird das Konzept Kultur anhand des Modells der Lebenswelt von Schütz/Luckmann und Habermas, des Modells des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses von Assmann und der Kulturtheorie von Hansen, welche die Diversität und Heterogenität von Kulturen thematisiert, erläutert. Ziel dabei ist, die kulturelle Geprägtheit menschlichen Handelns darzustellen. Dabei werden u.a. sowohl die Besonderheiten als auch die Grenzen von Nationalkulturen als so genannten Superkollektiven heraus- gearbeitet. In einem zweiten Schritt werden diese Ergebnisse mit Ausführungen zur kulturellen Globalisierung erweitert. Hier wird die Relevanz von Kultur und Nationalkulturen im Hinblick auf die weltweit steigende Vernetzung von Individuen diskutiert. Aufbauend auf der Theorie der ersten und zweiten Moderne nach Beck wird der Begriff der Globalisierung eingeführt. Dieser wird erweitert durch den von Robertson postulierten Begriff der Glokalisierung, als der Verknüpfung von Lokalitäten als konstitutiver Bestandteil von Globa- lisierung. In einem dritten Schritt wird, aufbauend auf diesen Erkenntnissen, das Konzept der Interkulturalität dargestellt. Als Grundlage dient dabei ein interaktionstheoretischer Kommunikationsbegriff, der sowohl Inhalts- als auch Beziehungsaspekte der Kommunikation thematisiert. Interkulturelle Kommu- nikation wird sich dabei als ein permanenter Aushandlungsprozess definieren, dessen Handlungsspielräume bis an die Grenzen der Normalitätserwartungen der Kommunizierenden reichen. Ausgehend von der Abgrenzung dieser Begriffe wird dann das Konzept der interkulturellen Handlungskompetenz vorgestellt. Dieses bildet den Ausgangspunkt zur Entwicklung eines interkulturellen Trainingsmoduls für ausländische und deutsche Fach- und Führungskräfte in Vorbereitung auf interkulturelle Kooperationen in Deutschland.
8
2.1 Kultur
Eine eindeutige Definition von Kultur existiert nicht, weder im umgangs- sprachlichen Gebrauch noch im wissenschaftlichen Diskurs. Zum einen kann Kultur begrenzt werden auf kulturelle Artefakte und so genanntes Bildungsgut. Diese Eingrenzung würde einem engen Kulturbegriff entsprechen. Zum anderen kann der Begriff weiter gefasst werden: „Danach umfasst eine Kultur im Kern die in einer Gesellschaft geteilten Grundüberzeugungen, etwa zur Natur des Menschen, zum Verhältnis von Mensch und Umwelt, oder zu Raum und Zeit, sowie die darauf aufbauenden Normen und Wertvorstellungen.“ (Stahl/Langloh/Kühlmann 1999: 14) Dieser erweiterte Kulturbegriff fasst Kultur als ein dynamisches und gesellschaftsbezogenes System, welches sich als Lebenswelt (vgl. Schütz/Luckmann 1991) konstituiert, „deren Grenzen sich eher unscharf und vage durch den gemeinsamen Interpretations- und Wissensvorrat ihrer Mitglieder bestimmen“ (Bolten 2001a: 14).
Genauer definiert Habermas Lebenswelt als den alltäglichen, selbst- reproduzierenden Wirklichkeitsbereich des Menschen. Dieser konstituiert sich in den drei strukturellen Komponenten Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit. Kultur meint hierbei einen „Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikations- teilnehmer, indem sie sich über die Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen“ (Habermas 1987: 208f.). Kommunikatives Handeln diene dabei der Reproduktion und der Erneuerung kulturellen Wissens. Gesellschaft konsti- tuiere sich laut Habermas als „die legitimen Ordnungen, über die die Kommuni- kationsteilnehmer ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen regeln und damit Solidarität sichern“ (Habermas 1987: 208f.). Kommunikatives Handeln diene hierbei der sozialen Integration und der Herstellung von Solidarität. Persön- lichkeit umfasst schließlich „die Kompetenzen, die ein Subjekt sprach- und handlungsfähig machen, also instand setzen, an Verständigungsprozessen teil- zunehmen und dabei die eigene Identität zu behaupten“ (Habermas 1987: 208f.). Kommunikatives Handeln diene somit nach Habermas der Ausbildung personaler Identitäten. „Die zum Netz kommunikativer Alltagspraxis verwo- benen Interaktionen bilden das Medium, durch das sich Kultur, Gesellschaft und Person [durch Kontinuierung von gültigem Wissen, Stabilisierung von Gruppen-
9
solidarität und Heranbildung zurechnungsfähiger Aktoren] reproduzieren.“ (Vgl. Habermas 1987: 208f.)
Abbildung 1: Lebensweltlicher Kulturbegriff in Anlehnung an Habermas (1987: 208f.)
Jan Assmanns Theorie des kulturellen Gedächtnisses (vgl. Assmann/ Hölscher 1988) expliziert die Funktion des kulturellen Wissensvorrates (siehe Abb. 1) und stellt somit dessen spezielle Bedeutung für Handeln und Erleben von Individuen in spezifischen Interaktionsrahmen von Gesellschaften dar. Assmann unter- scheidet dabei zwischen kulturellem und kommunikativem Gedächtnis. Das kommunikative Gedächtnis fasse alle Spielarten des kollektiven Gedächtnisses zusammen, die ausschließlich auf Alltagskommunikation beruhen. Alltags- kommunikation sei dabei durch ein signifikant hohes Maß an Ungeformtheit, Beliebigkeit und Unorganisiertheit charakterisiert. Das sich daraus aufbauende Gedächtnis sei sozial vermittelt und gruppenbezogen. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass sich das individuelle Gedächtnis in der Alltags- kommunikation innerhalb einer homogenen Gruppe konstituiert. Vielmehr ent- stehe es in der Kommunikation innerhalb verschiedener Gruppen, die ein eigenes Bild oder einen eigenen Begriff von sich selbst haben und dies auf ein Bewusstsein gemeinsamer Vergangenheit stützen. In der Konsequenz hat jeder Einzelne, der ja in eine Vielzahl solcher Gruppen 1 situiert ist, an einer Vielzahl kollektiver Selbstbilder und Gedächtnisse teil. (Vgl. Assmann/Hölscher 1988: 10f.)
1
Z.B. Familie, Nachbarschaft, Berufsgruppen, Parteien, Verbände usw. bis zu Nationen.
10
Das kulturelle Gedächtnis ist im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis durch seine Alltagsferne gekennzeichnet. Die Alltagstranszendenz kennzeich- net zunächst seinen Zeithorizont: „Das kulturelle Gedächtnis hat seine Fix- punkte, sein Horizont wandert nicht mit dem fortschreitenden Gegenwartspunkt mit. Diese Fixpunkte sind schicksalhafte Ereignisse der Vergangenheit, deren Erinnerung durch kulturelle Formung (Texte, Riten, Denkmäler) und institutionalisierte Kommunikation (Rezitation, Begehung, Betrachtung) wach gehalten wird.“ (Assmann/Hölscher 1988: 12) Assmann nennt diese Fixpunkte Erinnerungsfiguren.
Das kulturelle Gedächtnis ist gekennzeichnet durch mehrere Merkmale, von denen die nachstehenden noch im weiteren Verlauf der Diskussion um den Begriff Kultur und damit auch um die Voraussetzungen, Zielsetzungen und Konzeption des zu entwerfenden Trainings (gerade auch im Hinblick auf die Diskussion von Kulturstandards innerhalb der Kulturassimilator-Methode) von Wichtigkeit sein werden.
1.) Identitätskonkretheit oder Gruppenbezogenheit. „Das kulturelle Gedächtnis bewahrt den Wissensvorrat einer Gruppe, die aus ihm ein Bewusstsein ihrer Einheit und Eigenart zieht. [Dieser Wissensvorrat] ist gekennzeichnet durch eine scharfe Grenze 2 , die das Zugehörige vom Nichtzugehörigen, d.h. das Eigene vom Fremden trennt.“ (Assmann/Hölscher 1988: 13) 2.) Rekonstruktivität. Obwohl das kulturelle Gedächtnis auf unverrückbaren Erinnerungsfiguren und Wissensbeständen beruht, bezieht es sein Wissen immer auf eine aktuell gegenwärtige Situation, auf eine, sich den Erinnerungsfiguren und Wissensbeständen aneignende, auseinander- setzende, bewahrende oder verändernde Weise. Demzufolge existiert das kulturelle Gedächtnis in zwei Modi. „Einmal im Modus der Potentialität als Archiv, als Totalhorizont angesammelter Texte, Bilder, Handlungsmuster, und zum zweiten im Modus der Aktualität, als der von einer jeweiligen
2
In einem anderen Aufsatz erklärt Assmann Maurice Halbwachs’ Theorie vom sozialen Gedächtnis, wobei aber gerade postuliert wird, dass mithin keine scharfen Grenzen zwischen eigenen und fremden Erinnerungen existieren. Dies wird dadurch begründet, dass auf der einen Seite Erinnerungen im Prozess alltäglicher Gegenseitigkeit und unter Verwendung gemeinsamer Bezugsrahmen entstehen und auf der anderen Seite jeder Mensch auch Erinnerungen anderer mit sich trägt. (Vgl. Assmann/Assmann 1994)
11
Gegenwart aus aktualisierte und perspektivierte Bestand an objektivem Sinn.“ (Assmann/Hölscher 1988: 13)
3.) Verbindlichkeit. „Durch den Bezug auf ein normatives Selbstbild der Gruppe ergibt sich eine klare Wertperspektive und ein Relevanzgefälle, das den kulturellen Wissensvorrat und Symbolhaushalt strukturiert.“ (Assmann/ Hölscher 1988: 13) In unserem Kontext wird dabei besonders die Verbind- lichkeit des Wissens in Bezug auf die Normativität als handlungsleitende Funktion von weiterer Bedeutung sein. 3
In diesem Zusammenhang ist die wechselseitige Beeinflussung von Kultur bzw. kulturellem Wissensvorrat, Gesellschaft und Persönlichkeit offensichtlich, da sich z.B. individuelles Handeln immer auf der Folie des gesellschaftlich vermittelten kulturellen Wissensvorrates vollzieht und umgekehrt diese Handlungen der Individuen die Zeichensysteme bilden, die die Alltagspraxis der gesellschaftlichen Bezugsgruppen konstituieren und die sich zumindest teil- weise im Wissensvorrat oder kulturellem Gedächtnis sedimentieren bzw. dieses erzeugen. Diese intersubjektiv (also im Aushandeln mit anderen Individuen, deren Bewusstsein im Wesentlichen gleich ist, da sich ihre Wirklichkeit auf eine gemeinsame Grundstruktur bezieht (vgl. Schütz/Luckmann 1991: 26)) aufge- bauten, geschichtlich abgelagerten und gesellschaftlich vermittelten Zeichen- systeme dienen vor allem als Voraussetzung „für die selbstverständliche Wechselseitigkeit gesellschaftlichen Handelns“ ( Schütz/Luckmann 1991: 208f.). Sie stellen ein kommunikativ vermitteltes Interaktions- und Orientie- rungssystem einer Gruppe oder Gesellschaft mit sinnhaften Symbolen dar, über welche intrakulturell Einigkeit besteht (Plausibilität) und welche gleichzeitig eine weitgehende Handlungsorientierung ermöglichen (Normalität).
Dieser eben dargestellte Kulturbegriff begreift Kultur als Gebilde von verschiedenen Lebenswelten. Auch wenn dies nicht explizit gesagt wird, handelt es sich, trotz der Annahme von einer Mehrfachzugehörigkeit der Individuen zu verschiedenen Gruppen, dennoch um einen relativ fest um- rissenen Rahmen von abgrenzbaren, in sich homogenen Kulturen, die mit
3
Neben den hier beschriebenen Charakteristika nennt Assmann noch die Geformtheit, die
Organisiertheit und die Reflexivität als Merkmal des kulturellen Gedächtnisses.
12
Nationalstaaten im Sinne von Landeskulturen 4 gleichzusetzen sind (vgl. Hansen, K.P. 2000: 87). Es bedarf nicht erst einer Globalisierungsdebatte, um festzustellen, dass jedes Individuum Teil mehrerer Lebenswelten bzw. Kulturen mit unterschiedlichen kulturellen Wissensvorräten ist, welche netzwerkartig miteinander verbunden sind. Ausgehend von dieser These wird im nächsten Kapitel anhand der Kulturtheorie von Klaus P. Hansen weiteren, durch die bisherige Theorie noch unbeantworteten Fragen nachgegangen:
1) Welche konkrete Beziehung besteht zwischen den verschiedenen Individuen einer Kultur, damit die Kultur als ein einheitliches Gebilde wahrgenommen werden kann? Der wissenschaftliche Diskurs unterlag dahingehend seit Herder der Annahme, dass Kulturen durch eine inhärente Homogenität gekennzeichnet sind, welche es ihren Mitgliedern untereinander ermöglicht, aufgrund eines homogenen Interaktions- und Orientierungssystems, welches Plausibilität und Normalität bietet, fraglos miteinander zu kommunizieren. Im Laufe des nächsten Kapitels wird jedoch gezeigt, dass sich Kulturen nicht durch Homogenität, sondern durch Diversität und Divergenz auszeichnen.
2) Wie kann ein Individuum mehrere Kulturen in sich vereinen und wie sind diese strukturiert, d.h. welche Beziehung haben diese zueinander?
3) Welchen Stellenwert haben überhaupt noch Landeskulturen, welche durch innere Divergenzen und Multikollektivität ihrer Mitglieder charakterisiert sind? Welche Verbindlichkeiten bestehen zwischen Mitgliedern derselben Landes- kultur? Darüber hinaus ist zu erfragen, inwiefern die durch das kulturelle Gedächtnis geschaffenen und stabilisierten Selbstbilder die Grundvoraus- setzung für die nationale Identität sind.
4) Diese Fragen sind von besonderer Wichtigkeit, wenn man definitorisch zwischen intra- und interkultureller Kommunikation 5 unterscheidet. Wo lassen sich Gemeinsamkeiten und wo lassen sich Unterschiede in intra- und interkulturellen Prozessen aufzeigen und welche Konsequenzen werden diese etwa auf die spezifischen Anforderungen von Entsandten und deren Kommunikationspartner haben? Diese Frage betrifft konkret die Themati-
4
Im Folgenden werden die Begriffe Nationalkultur und Landeskultur synonym verwendet.
5
Intrakulturelle Kommunikation sei als Kommunikation innerhalb einer Landeskultur und
interkulturelle Kommunikation als Kommunikation zwischen Mitgliedern verschiedener
Landeskulturen definiert.
13
sierung von interkultureller Handlungskompetenz und geht der Frage nach, welche Kompetenzen interkulturell agierende Personen besitzen sollten.
Hansen vertritt die zentrale These, dass sich u.a. Landeskulturen nicht durch Homogenität auszeichnen, sondern durch Diversität und Divergenz, die durch den Rahmen eines Normalitätsgefühls zusammengehalten werden (vgl. Hansen, K.P. 2000: 7). Unterhalb der Ebene der Landeskultur existiert aber eine Vielzahl von weiteren Kulturen. Generell setzt sich Hansen für einen sehr offenen und höchst allgemeinen Kulturbegriff ein und definiert Kultur als Standardisierungen, die in einem Kollektiv gelten. Kollektive wiederum konsti- tuieren sich durch gemeinsame Standardisierungen und kommunikative Kontakte. Kultur besteht somit aus drei fundamentalen Faktoren: Standardi- sierungen, Kommunikation und Kollektivität. (Hansen, K.P. 2000: 39ff.) Standardisierungen werden dabei „weder [als] das zufällige noch das erforderliche, sondern [als] das zum Überleben funktionslose Gleichverhalten von Mitgliedern eines Kollektivs“ (Hansen, K.P. 2000: 43) angesehen.
Hansen unterscheidet zwischen den Standardisierungen der Kommunikation, des Denkens, des Empfindens sowie des Verhaltens und Handelns. Innerhalb der Standardisierungen der Kommunikation wird festgestellt, dass Sprache und andere Zeichensysteme dem Prinzip der Willkür und dem Prinzip der Standardi- sierung unterliegen (vgl. Hansen, K.P. 2000: 67f.): Mit dem ersteren wird die Verschiedenartigkeit aller Sprachen erklärt. Mit dem zweiten Prinzip soll unterstrichen werden, dass Sprache ein gewachsenes System mit einer gewissen Konstanz darstellt. Jedoch ist die Sprachgemeinschaft durch die Vielzahl verschiedener Sprachkollektive mit ihren unterschiedlichen Dialekten, Soziolekten 6 etc. keineswegs homogen, weil „das Individuum vielen dieser Gruppen [bzw. Sprachkollektiven] gleichzeitig angehört und zwischen ihnen
6
Eine besondere Form der Soziolekte ist das Gemischt sprechen von Migrantenjugendlichen. Hinnekamp grenzt Sprachmischung und Hybridität von in der Regel vorübergehenden lernersprachlichen Varietäten, so genannten Interlanguages, beim Erlernen von Fremd- und Zweitsprachen ab. Aufbauend auf einem Forschungsprojekt zu Zweisprachigkeitsmustern von Migrantenjugendlichen postuliert Hinnekamp, dass Gemischt sprechen nicht einfach nur eine Option zur Sprachverwendung, sondern Ausdruck einer ganz spezifischen Identität der Jugendlichen ist. Es ist die Ausdrucksweise einer transitionalen sozialen Identität, die nicht sprachliche Elemente nebeneinander stellt, sondern sie aufmischt, sie neu komponiert, hybride Formen entwickelt und damit einen bislang semantisch unbestimmten Raum füllt. (Vgl. Hinnekamp 2000: 96-107)
14
wechseln kann“ (Hansen, K.P. 2000: 73). Innerhalb jedes Sprachkollektives kann das Verhältnis von Zeichen und der Wirklichkeit variieren. Der Grund dafür liegt darin, dass sich Zeichen nicht auf reale Objekte, sondern auf von Menschen geschaffenen Vorstellungen beziehen und somit willkürliche Bild- nisse darstellen, die nicht neutral sind (Hansen, K.P. 2000: 76). Zeichen ermöglichen folglich mit Hilfe von Vorstellungen Kommunikation, die wiederum Kollektivität schafft (vgl. Hansen, K.P. 2000: 83).
Über die Sprache wird also die reale Wirklichkeit benannt und gedeutet. Sie stellt somit das ‚Rohmaterial’ für das Verwandeln der realen Wirklichkeit in eine Lebenswirklichkeit dar. Der Zusammenhang zwischen Sprache und Handeln ist dabei offensichtlich: „Jedes Wissen ist Tun und alles Tun spielt sich als soziales Geschehen im ‚In-der-Sprache-sein’ ab.“ (Schmidt 1996: 7. Zitiert in: Drechsel/ Schmidt/Gölz 2000: 84) Die Standardisierungen werden dabei durch Kommu- nikation, Sozialisation und Tradition verbreitet und stabilisiert. Hansen betrachtet dabei Tradition anders als Assmann. Der Unterschied bestehe darin, dass sich das kulturelle Gedächtnis einerseits auf größere Kollektive im Sinne von Nationen bezieht (vgl. Hansen, K.P. 2000: 87) und andererseits weitaus enger benutzt wird als der Begriff der Tradition. Enger bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Zeichen, die neben den ritualisierten Handlungen das kulturelle Gedächtnis bilden, zwei Funktionen erfüllen müssen: Erstens müssen sie die Zeit überdauern und zweitens „eine Art identifikatorische Besetztheit im positiven (das sind wir) oder im negativen Sinne (das ist unser Gegenteil) besitzen“ (Assmann: 13. Zitiert in Hansen, K.P. 2000: 87). Für Hansen bleibt jedoch fraglich, ob das daraus geschaffene Selbstbild einer Nation als Grundvoraussetzung für Kollektivität gehandelt werden kann.
Erst durch das Denken werden die durch die Kommunikation geschaffenen Einzelvorstellungen miteinander verknüpft und zu Ideen verbunden, die dann zu größeren Einheiten einer Auffassung zusammengefasst werden können (vgl. Hansen, K.P. 2000: 89). Der daraus entstehende Gesamtbestand an Ideen und Ideenkombinationen kann kollektives Wissen genannt werden, wenn er der Mehrheit des Kollektives verfügbar ist (vgl. Hansen, K.P. 2000: 103). Kollektives Wissen ist dann mit standardisiertem Denken gleichzusetzen und somit als
15
kulturell vorgeprägte Wirklichkeitsdeutung zu verstehen, deren Grenzen der Normalität das Kollektiv festgelegt hat (vgl. Hansen, K.P. 2000: 105f.).
In diesem Sinne erscheint es sinnvoll, auch von Standardisierungen des Wahrnehmens zu sprechen. Genauso wenig wie Zeichen als Bestandteile der Standardisierung der Kommunikation realen Objekten entsprechen, sondern deren Vorstellungen von ihnen, existiert bei der Wahrnehmung eine objektive Realität. Wahrnehmung erfolgt individuell auf der Grundlage bestimmter Wissensvorräte und auf Erfahrungen, die für eine bestimmte Lebenswelt von Bedeutung sind (vgl. Bolten 2001a: 28f.). In diesem Sinne kann Wahrnehmung als standardisiert bezeichnet werden. Sie bleibt aber immer interpretatorisch und subjektiv, da sie sich „auf der Grundlage von individuellen Erfahrungen und Erwartungen als Suchvorgang [vollzieht], in dessen Verlauf die Realität [...] konstruiert wird“ (Bolten 2001a: 30). Diese Suchvorgänge werden durch Schemata geleitet, welche sich ebenfalls in einem Wechselspiel von Er- fahrungen und Erwartungen in unserem Gehirn herausgebildet haben und somit gleichfalls in erster Linie individuell sind. In zweiter Linie sind sie kulturabhängig durch den rekursiven Rückgriff auf den Wissensvorrat, welcher ein Reservoir an Erfahrungen bereithält, „von dem aus die Mitglieder eines Kollektivs alle künftigen Erwartungen an Sinnhaftigkeit, Normalität, Plausibilität etc. formulieren werden“ (Bolten 2001a: 34).
Diese Schemata lassen sich aber nicht nur in Denk- und Wahrnehmungs- konzepten identifizieren, sondern auch in Handlungskonzepten, in welchen sie Normalität, Plausibilität und Routinehandeln als Bedingung von Alltagshandeln erst möglich machen (vgl. Bolten 2001a: 32). Hansen unterscheidet innerhalb des standardisierten Verhaltens und Handelns ganz konkret zwischen ritualisierten und situationsgebundenen Interaktionen, die durch ihre völlige Kulturabhängigkeit den Höhepunkt kultureller Standardisierung darstellen (Verhalten) und Interaktionen, deren Voraussetzung ein Problembewusstsein sein muss, welches über die Wahl bestimmter Ziele und Wege Phasen der Überlegung und des Entschlusses beinhaltet (Handeln) (vgl. Hansen, K.P. 2000: 123). Verhalten und Handeln lassen sich dann als standardisiert bezeichnen, wenn sie ganz oder teilweise durch Kultur motiviert, auf geistige
16
Inhalte wie Werte, Weltanschauungen und somit auf standardisierte Denkprozesse zurückzuführen sind (vgl. Hansen, K.P. 2000: 127). Von besonderem Interesse ist darüber hinaus das kulturspezifische ‚tool kit’ als ein Werkzeugkasten aus Symbolen, Geschichten, Ritualen, Weltanschauungen, aber auch Handlungsstrategien: „Culture influences actions through the shape and organisation of those links, not determining the ends to which they are put.“ (Swidler 1986: 277. Zitiert in: Hansen, K.P. 2000: 130f.) Diese Handlungs- strategien und die dazugehörige Handlungskompetenz sind ebenfalls kulturell geprägt und lassen sich somit als eigenständigen Bereich der Standardisierung des Handelns auffassen.
Eben genannte Arten von Standardisierungen existieren nur, weil Einzelne sie praktizieren, doch gehen sie über deren Lebensspanne hinaus und überleben das Individuum auf direkte Weise durch Kommunikation und Nachahmung und auf indirekte Weise durch das kulturelle Gedächtnis bzw. die Traditionen. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 158) Die kulturelle Prägung eines Individuums kann demzufolge als eine Internalisierung von kulturellen Standardisierungen be- zeichnet werden. Diese Internalisierung beginnt damit, dass jedes Individuum in eine sinnhaft konstruierte Umwelt hineingeboren und auf sie hin sozialisiert wird. D.h. Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Handeln und Kommunizieren sind von Mustern und Möglichkeiten geprägt, über die Menschen als Angehörige von Kollektiven verfügen: „Die Kenntnisse zum Funktionsrepertoire einer sozialen Gruppe oder Gesellschaft gehören zum kollektiven Wissen der Kommuni- kationsteilnehmer [und sind somit] Teil der symbolischen Ordnung, die Kognition und Kommunikation sozial koordinieren.“ (Drechsel/Schmidt/Gölz 2000: 87) Die Internalisierung vollzieht sich also nicht im direkten Kontakt zwischen Individuen und Kultur, sondern über Kollektive, wobei die Mehrfach- zugehörigkeit eines Individuums zu verschiedenen Kollektiven und deren Standardisierungen als Zwischenglieder berücksichtigt werden muss. 7
7
In Habermas’ strukturelle Komponenten der Lebenswelt, welche aus der Kultur, der Gesellschaft und der Persönlichkeit bestehen, schaltet Hansen als Zwischenglied zwischen Kultur und Persönlichkeit das Kollektiv bzw. die Kollektive, wobei er betont, dass die Kollektive sowie die Kultur vom Individuum auch unabhängig existieren, da sie eine spezifische Eigendynamik besitzen, die sich nicht aus dem Rekurs auf das Einzelindividuum ableiten lässt. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 157)
17
Zwischen Individuum und Kultur besteht ein dialektisches Wechselverhältnis. Bei der Internalisierung der kulturellen Standardisierungen hat das Individuum die Möglichkeit, aus der Vielzahl der Standardisierungen eines Kollektives auszuwählen, was bedeutet dass die Standardisierungsangebote nicht völlig angenommen werden müssen. „Auf Seiten der Kultur oder Gesellschaft haben wir eine Sanktionsskala, die vom Zwang bis zum Angebot reicht; auf Seiten des Individuums haben wir eine Skala der Internalisierungstiefe, die sich von der Ablehnung bis zur Verinnerlichung erstreckt.“ (Hansen, K.P. 2000: 171) Jedes Individuum reagiert und entscheidet im Rahmen dieser Skalen eigenständig und präsentiert sich somit als ein partiell entstelltes Abbild der Kultur. 8 Diese Spannung von Individualität und kultureller Standardisierung begründet die kulturelle Dynamik. „Sie lässt sich [...] bestimmen als das Verhältnis von Rahmen im Sinne des auf dem Wege der Sozialisation vermittelten Wissens- vorrates [mit seinen kulturellen Standardisierungen] und Realisierung im Sinne der individuellen Nutzung.“ (Bolten 2001a: 38) Eine Kultur, die in diesem Sinne verschiedene Angebote an Standardisierungen für die Individuen bereithält, ist somit nicht nur durch Vielfalt, sondern auch durch Diversität, Heterogenität, Divergenzen, Widersprüche und Inkompatibilitäten gekennzeichnet. Diese kulturelle Divergenz 9 , das Individuum, in dem sich individuell kulturelle Standardisierungen mischen, aufeinander einwirken und im besten Fall Neues bilden sowie die großen Spielräume der kulturellen Standardisierungen bilden die Dialektik zwischen Kultur und Individuum, wobei das Individuum durchaus auch vorherrschenden Standardisierungen in Widerspruch entgegentreten und somit zu einem Kulturwandel führen kann. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 182ff.)
Diese Konflikte führen jedoch nicht zwangsläufig zur Auflösung der Kollektive. Denn innerhalb von Kollektiven, also Gruppierungen, die gemeinsame Gewohn-
8
Die Frage nach der Möglichkeit eigener Entscheidungen pointiert Hansen aber folgendermaßen: „Zu einer eigenen Entscheidung ist der Mensch erst fähig, wenn sie schon gefallen ist“ (Hansen, K.P. 2000: 176). Durch das kulturelle Schicksal der Geburt kann dies exemplifiziert werden: Der Zufall der Geburt wirkt nicht nur im biologischen, sondern auch im sozialen und kulturellem Sinne als äußere Bedingung des Lebens weitaus nachhaltiger als die weiteren im Verlauf des Lebens sozial und kulturell auferlegten, im Willen der Gesellschaft begründeten Normen und Werte. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 172f.) Das kulturelle Schicksal der Geburt und dessen stark determinierender Charakter sind somit ein Paradebeispiel für die Unfähigkeit zur offenen und absolut freien Entscheidung eines Individuums.
9
Unterhalb streng sanktionierter Normen.
18
heiten zu erkennen geben, wirken Kohäsionskräfte 10 , die bewirken, dass „die Mitglieder ihre Identitätsübereinstimmungen aktualisieren und die Identitäts- differenzen nicht virulent werden lassen. In dieser Virulenzkontrolle besteht der kleine Preis, den man für die Kohäsion zahlen muss.“ (Hansen, K.P. 2000: 195)
Ein Individuum ist aber nicht nur Teil eines Kollektives, wie z.B. dem National- kollektiv, wie vornehmlich von vielen interkulturellen Trainings als Ausgangs- punkt der Trainingskonzeption angenommen wird, sondern Teil unzähliger Kollektive unterhalb der Ebene des Nationalkollektives 11 . In diesem Zusammen- hang kann man von einer Multikollektivität im zweifachen Sinne sprechen: „Zum einem gibt es unzählige Kollektive und zum anderen kann das Individuum in vielen Kollektiven verortet sein.“ (Hansen, K.P. 2000: 197) Kontakt zwischen Individuen kann somit über jede noch so kleine Teilmenge der Identität entstehen.
Eine Vielzahl interkultureller Trainings fokussiert die Homogenität von National- kulturen und ignoriert somit die eben beschriebene kulturelle Divergenz und Multikollektivität innerhalb dieser. Die bisherigen Ausführungen haben jedoch gezeigt, dass weder in Nationalkulturen, noch in kleineren Kollektiven aus- schließlich die Homogenität als bedeutendste Charakteristik kennzeichnend ist, sondern die Diversität und Divergenz, die allerdings durch den Rahmen eines Normalitätsgefühls zusammengehalten werden. Im folgenden Abschnitt wird deshalb der Frage nachgegangen, was denn dann den besonderen ‚Kitt’ der Nationalkultur bildet.
Für Nationen gilt, dass sie in dem Spannungsfeld von Homogenität auf der einen und Diversität und Divergenz auf der anderen Seite existieren. „Einerseits [müssen sie] Gleichverhalten oder zumindest Verhaltensähnlichkeiten hervor- treten lassen, wobei andererseits aber Raum bleiben muss sowohl für Untergruppierungen als auch Individualität.“ (Hansen, K.P. 2000: 208) Darüber
10
Kohäsionskräfte entstehen einerseits durch ein Mehr an der lediglichen Summe der Merkmale der Mitglieder eines Kollektives, aus dem sich ein Gemeinschafts- bzw. ein Kollektivgefühl entwickelt und andererseits durch Solidarität untereinander. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 194)
11
In Kapitel 2.2 wird gezeigt werden, dass Individuen durch Globalisierung auch oberhalb der Nationalebene Kollektive bilden können.
19
hinaus bilden sie als Superkollektive eine politische und juristische Einheit, wobei die Mehrzahl der in der Einheit versammelten Kollektive gänzlich einverleibt sind. Somit besteht Nationalität weder „in der Einheitlichkeit ihrer Staatsbürger [...], [noch in der] Zusammenrottung ohne jedes kollektive Element“ (Hansen, K.P. 2000: 207). Hansen spricht von drei verschiedenen Kohäsionsfaktoren, welche eine Nationalkultur zusammenhalten: die Sprache, die Geschichte und übliche Standardisierungen.
Die gemeinsame Sprache innerhalb einer Kultur auf Nationalebene, die in ihr gespeicherten Vorstellungen inklusive deren deutender Charakter fungiert als der herausragende Kohäsionsfaktor, da sie die Grundlage, d.h. die kleinste Einheit der Weltauffassung bereitstellt. 12 Die in der Sprache gespeicherten Standardisierungen des Denkens steuern den Umgang mit der Realität und die Interpretation des Alltags und wirken somit als wichtigster Konstitutionsfaktor der Lebenswirklichkeit. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 209)
Einen weiteren, eine Nationalkultur bindenden Faktor stellt die Geschichte dar. Obwohl verschiedene Individuen einer Nationalkultur unterschiedliche Ansich- ten über ihre gemeinsame Geschichte haben können, bleibt der Ausgangspunkt ihrer Ansichten doch derselbe: „Die verschiedenen Ansichten sind als indivi- duelle Reaktion zu verstehen, die ihren Ausgang von einer identischen Reaktionsgrundlage nehmen.“ (Hansen, K.P. 2000: 210) Das kulturelle Gedächtnis dient in diesem Fall als Argumentationspool, als eine Art Interpretationsvorrat, aus welchem die Mitglieder einer Nationalkultur auf vielfältige Weise schöpfen können, um zu unterschiedlichen Ansichten zu gelangen.
Letztendlich existieren auch innerhalb des kulturellen Wissensvorrates auf Nationalebene Standardisierungen der Kommunikation, des Denkens, des Empfinden, Verhaltens und Handelns. Wie bereits beschrieben sind diese für
12
Es sei darauf hinzuweisen, dass nicht jede Nationalkultur in allen lebensweltlichen Bereichen eine gemeinsame Sprache besitzt. Als Beispiel dient die Situation von Immigranten der zweiten Generation in Deutschland, die hybride kulturelle Muster, u.a. in Form einer Trennung zwischen der Kultur und Sprache aufweisen. So ist bekannt, dass sie im privaten Bereich die Sprache benutzen, die der Herkunftskultur und in der Öffentlichkeit die Sprache, die der Kultur des Wohnortes entspricht. (Vgl. Pieterse 1998: 106)
20
die Individuen nicht zwingend bindend, sondern können in unterschiedlichem Maße internalisiert werden. Dieser Aspekt wird von Assmann fast nicht berücksichtigt. In Bezug auf die Identitätskonkretheit postuliert Assmann, dass „das kulturelle Gedächtnis den Wissensvorrat einer Gruppe [bewahrt], [...] aus [welchem diese] ein Bewusstsein ihrer Einheit und Eigenart zieht“ (Assmann/ Hölscher 1988: 13). Hansen zeigt aber, dass es eben kein einheitliches Bewusstsein, keine stringente Homogenität ist, die Nationalkulturen, auf die sich Assmann vornehmlich bezieht, auszeichnet, sondern Diversität. Im gleichen Sinne muss auch gegen Assmanns Kriterium der Verbindlichkeit argumentiert werden: „Durch den Bezug auf ein normatives Selbstbild der Gruppe ergibt sich eine klare Wertperspektive und ein Relevanzgefälle, das den kulturellen Wissensvorrat und Symbolhaushalt strukturiert.“ (Assmann/Hölscher 1988: 13) Die Verbindlichkeit des Wissens als handlungsleitender Funktion wird ebenfalls außer Kraft gesetzt, weil sich Individuen einer Nationalkultur der gesamten Übernahme der Standardisierungspalette einer Nationalkultur verweigern können und nur das auswählen, was in ihrer Lebenswelt, welche sich aus vielen miteinander vernetzten Kollektiven zusammensetzt, sinnvoll erscheint.
Dennoch sind innerhalb eines Superkollektives wie der Nationalkultur empirisch sichtbare Verschiedenheiten individuellen Verhaltens auf teilweise unsichtbare Gemeinsamkeiten zurückzuführen. Erklärt werden kann dies dadurch, dass „die zunächst auffallenden Verschiedenartigkeiten zu Reaktionen erklärt [werden], die sich auf einen identischen Reaktionsgrund zurückführen lassen“ (Hansen, K.P. 2000: 212f.). Dieser identische Reaktionspunkt bildet einen gemeinsamen Bezugspunkt, ein Fundament an Gemeinsamkeiten und somit den Kitt innerhalb des Kollektives. Er ist das überindividuelle Verhaltensangebot, was der individuellen Umsetzung voraus liegt. Von besonderem Interesse erscheint hier wieder der Angebotscharakter der Standardisierungen: „Man ist nicht nur mit dem persönlich zusammengestellten [Sortiment] vertraut, sondern auch mit dem, was man nicht wählt.“ (Hansen, K.P. 2000: 231) Die Kohäsion wird somit über die Bekanntheit des Ungleichverhaltens erreicht oder mit anderen Worten ausgedrückt, die Vertrautheit der Verschiedenheit bildet den Kitt, welcher Nationalkulturen zusammenhält. Dies alles geschieht im Rahmen der von der
21
Nationalkultur gesetzten Rahmen der Normalität. In dieser Normalität ist die Diversität nicht aufgehoben, sondern zu einem festen Paket geschnürt (vgl. Hansen, K.P. 2000: 233). 13
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass ein Individuum in einer Vielzahl von verschiedenen Kollektiven netzwerkartig verankert ist. Die Kollektive konstituieren sich sowohl durch gemeinsame Standardisierungen der Kommunikation, des Denkens und Wahrnehmens, des Verhaltens und Handelns als auch durch kommunikative Kontakte. Diese Standardisierungen fungieren als ein Angebot und können innerhalb verschiedener Skalen unterschiedlich internalisiert werden, was dazu führt, dass innerhalb von Kollektiven Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen den Individuen bestehen. Die verschiedenen Kollektive und ihre Standardisierungen legen sich wie konzentrische Kreise um das Individuum, wobei das Nationalkollektiv zu einer bestimmten historischen Zeit den größten dieser Kreise bildet. 14 (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 173) Ebenso wie der Nationalkultur untergeordnete Kollektive sind Nationen durch kulturelle Diversität gekennzeichnet, finden aber eine gemeinsame Basis in der gemeinsamen Sprache als kleinste Einheit der Welt- auffassung, der gemeinsamen Geschichte als Ausgangspunkt von verschie- denen Ansichten und in gemeinsamen Standardisierungen, die nicht von jedem Individuum übernommen werden müssen, aber dennoch jedem Individuum bekannt sind. Das Kollektiv eines Volkes ist somit innerhalb eines durch das Kollektiv gegebenen Rahmens der Normalität durch die Vertrautheit von Verschiedenheit fest miteinander verbunden.
Nun bleibt zu fragen, wo dieser Auffassung nach Interkulturalität beginnt. Interkulturalität betrachtet Hansen als ein Kommunikationsprozess, als das „handelnde oder geistige Miteinander-Umgehen“ (Hansen, K.P. 2000: 317)
13
Dennoch lässt sich kritisch anmerken, dass Handlungskonzepte, die auf nationalkulturellen Standardisierungen aufbauen, die Wirklichkeit nicht völlig beschreiben können. Die Begrifflichkeiten haben ihre Grenzen, wo sie nur noch zum Teil Gesellschaften erklären können. Es ist z.B. anhand von Migrationskontexten ersichtlich, dass differenziertere Handlungskonzepte, die ebenfalls die Realitäten von Migranten einbeziehen, sinnvoller wären.
14
Das Bild der konzentrischen Kreise ist aber so nicht einwandfrei haltbar, da sich die ver- schiedenen Kollektive nicht wie Schalen um das Individuum legen, sondern sich überschneiden und auch im Widerspruch zueinander liegen können. Auch wird in Kapitel 2.2 noch gezeigt werden, dass das Nationalkollektiv nicht den größten dieser Kreise bildet.
22
zwischen Mitgliedern kulturell unterschiedlicher Lebenswelten, wobei Lebenswelt auf Superkollektive wie Nationalkulturen aber auch auf deren Unterkollektive bezogen werden kann. Sind nun Kontakte zwischen Individuen, die unterschiedlichen Unterkollektiven einer Nationalkultur angehören, anders als Kontakte, die über die Grenzen einer Nationalkultur hinaus reichen? Zur Beantwortung dieser Frage muss wieder darauf verwiesen werden, dass Nationalkulturen durch Diversität und Kohäsion zusammen gehalten werden. Obwohl die unter dem Dach einer Nationalkultur vereinten Kollektive meist in einer nationalspezifischen Form vorliegen 15 , grenzen sie sich voneinander ab, so dass innerhalb einer Nationalkultur bereits interkulturelle Unterschiede auftreten können. Dennoch garantiert eine Nationalkultur eine Vertrautheit der Phänomene und schafft somit Normalität, so dass die Bekanntheit der Diversität gleich die Realität einer Nationalkultur darstellt. (Vgl. Hansen, K.P. 2000: 339f.)
Erleichtert aber die Vertrautheit von unterschiedlichen Phänomenen das Verstehen, so dass Kontakte innerhalb eines Superkollektives einfacher sind? Diese Frage verneint Hansen (vgl. Hansen, K.P. 2000: 340), da sich die Vertrautheit und Normalität innerhalb eines Superkollektives mithin auf das bloße Wissen um die Existenz von Diversität, Divergenzen und Antagonismen bezieht, jedoch ohne intellektuellen Nachvollzug, ohne Verständnis, noch Verstehen. „So gesehen, verhindert die Vertrautheit das Fremdverstehen, und sie entscheidet auch nicht über seinen Erfolg, der vom Umfang möglicher Übereinstimmungen abhängt.“ (Hansen, K.P. 2000: 340) In diesem Sinne ist
15
Diese nationalspezifischen Formen sind auch für den Migrantenkontext zutreffend. In diesem Zusammenhang spricht man von hybriden Kulturen, als Kulturen, deren Bestandteile aus einer Mischung verschiedener kultureller Kontexte stammen. Das Maß der jeweiligen Zugehörigkeit zu einem Nationalkollektiv kann ganz unterschiedlich in den verschiedenen Kollektiven, denen ein Migrant zugehörig ist, von einer assimilatorischen Hybridbildung, die sich am Zentrum ausrichtet, den Wertekanon übernimmt und das Herrschende nachahmt, bis zu einer destabilisierenden Hybridbildung, die den Kanon verwischt, das Gewohnte umpolt und das Zentrum untergräbt, reichen. Mit unterschiedlicher Intensität werden somit soziale Räume umgestaltet und es entstehen neue, translokale Ausdrucksformen. Pieterse beschreibt sehr eindrücklich den generellen, allmählichen Übergang von bisher ortsgebunden Kulturen zu translokalen Kulturen und postuliert, dass ehemals Beständiges, wie die Grenzen der Nation, der Gemeinschaft, der Ethnizität und der Klassen, zerbricht, weil durch den allmählichen Übergang von ortsgebundenen zu translokalen Kulturen das Kaleidoskop der kollektiven Praktiken in Bewegung gerät. Hybridbildungen sind somit Zeichen eines Zeitalters der Grenzüberschreitungen, nicht jedoch eines Zeitalters, in dem die Grenzen verschwinden. Der Staat bleibt daher weiterhin von immanenter Bedeutung, aber er ist nicht mehr der einzige Akteur auf diesem Feld. (Vgl. Pieterse 1998). Vergleiche ebenfalls zur Theorie transnationaler sozialer Räume: Pries (1998).
23
jeder interkollektive Kontakt ein interkultureller und per se nicht weniger störungsanfällig als ein interkultureller Kontakt über Superkollektive hinaus. Paradoxerweise lassen sich sogar Erklärungen finden, warum Kontakte über Superkollektive hinaus weniger problematisch sein könnten: „Gerade weil interkulturelles [also über Superkollektive hinausreichendes, D.F.] Handeln bis zu einem bestimmten Intensitätsgrad eher durch Andersartigkeit- als durch Normalitätserwartungen geprägt ist, zeichnet es sich durch eine größere Interaktionsbewusstheit aus“ (Bolten 1995: 35).
Meiner Arbeit lege ich einen erweiterten Kulturbegriff zugrunde, welcher Kulturen als dynamische Systeme, als Netzwerke vieler Kollektiven, die sich durch Diversität und Divergenzen auszeichnen, fasst. Kultur wird dabei definiert als die Standardisierungen, die in einem Kollektiv gelten. Diese betreffen Standardisierungen des Kommunizierens, Denkens, Wahrnehmens, Verhaltens und Handelns. Weitergegeben werden diese durch Kommunikation und das kulturelle Gedächtnis, müssen aber nicht zwingend von den Individuen internalisiert werden, da ihre Verbindlichkeit innerhalb eines vorgegebenen Sanktionsrahmens eingeschränkt ist. Jedes Individuum ist in eine Vielzahl von Kollektiven eingebunden, welche sich überlappen, aber auch im Widerspruch zueinander stehen können. Durch individuenspezifische Mischungen, gegenseitige Beeinflussung und Neubildungen von kulturellen Standar- disierungen ist eine Nationalkultur, definitorisch ein Superkollektiv politischer und juristischer Einheit, nicht nur durch Multikollektivität ihrer Individuen, sondern auch durch Diversität charakterisiert. Interkulturalität, bisher definiert als das Handeln und geistige Miteinander-Umgehen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Kollektive, existiert somit schon innerhalb von National- kulturen. Diese werden allerdings mit Einschränkung durch die Kohäsionskräfte der gemeinsamen Sprache, der gemeinsamen Geschichte und üblicher St- andardisierungen und einen sich daraus ergebenden Rahmen eines Normalitätsgefühles zusammengehalten.
24
2.2 Globalisierung
Die Globalisierungsdebatte wirft nun die Frage auf, ob die nach den bisherigen Ausführungen verbliebenen Kohäsionsfaktoren innerhalb einer Nationalkultur durch die exponentiell steigende Vernetzung von Individuen und Kollektiven weltweit außer Kraft gesetzt werden oder wenigstens stark an Bedeutung verlieren. Stellt die Globalisierung die Relevanz des hier vorgestellten Kulturbegriffes in Frage?
Becks Analysen zur kulturellen Globalisierung basiert auf der Unterscheidung zwischen einer ersten und zweiten Moderne. Die erste Moderne sei dabei durch die so genannte ‚Container’-Theorie charakterisiert, welche besagt, dass Gesellschaften definitorisch Staaten untergeordnet werden. „Gesellschaften sind Staatsgesellschaften, Gesellschaftsordnung meint Staatsordnung. So spricht man in Alltag und Wissenschaft von der ‚französischen’, ‚amerika- nischen’ und ‚deutschen’ Gesellschaft.“ (Beck 1997: 49) Die Gesellschaften sind somit im Machtraum der Nationalstaaten wie in einem Container aufgehoben, welcher sich von anderen Containern abgrenzt. Darüber hinaus gilt dieses Ordnungsschema nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: So wird eine innere Homogenität von kollektiven Identitäten und sozialen Systemen genauso angenommen wie ein einheitliches Selbstbild und Selbstbewusstsein. (Vgl. Beck 1997: 50f.) Drechsel et al. sprechen in diesem Zusammenhang von Gesellschafts-Containern, die wie „radikal nur auf sich selbst bezogene fensterlose autopoietische Monaden“ (Drechsel/Schmidt/Gölz 2000: 12) nebeneinander existieren. „Heute, im Zeitalter der Globalisierung, bildet sich gegenüber dieser Phase der monadischen Modernisierung etwas Neues heraus. Die systemidentisch ihre Differenzen organisierenden Nationalgebilde lösen sich auf, d.h. die ehemals nur internen Differenzen der ‚Ausdifferenzierungen’ beginnen frei zu ‚floaten’. Die Differenzen zwischen den Nationalgebilden [...] beginnen nun die systematischen Gesellschafts- formationen zu durchdringen, ohne deren Trennungen oder Differenzen völlig aufzulösen.“ (Drechsel/Schmidt/Gölz 2000: 12) Beck bezeichnet diese Phase als zweite Moderne, in welcher durch die Globalisierung die Einheit von Nationalstaaten- und Gesellschaften zerbricht. Sie unterscheidet sich somit im
25
Wesentlichen durch die grundlegende Tendenz zur Öffnung des allgemeinen Handlungsfeldes von der ersten Moderne.
Doch was genau ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen? Eine umgangssprachliche Sichtweise von Globalisierung bezieht sich auf die zu- nehmende Verflechtung von Nationen und Menschen auf der ganzen Welt, die aus Handel, Investitionen, Reisen, kulturellen Kontakten und anderen Formen der Interaktion resultiert. Aber wie der Begriff Kultur wird der Begriff der Globalisierung im wissenschaftlichen Diskurs sehr variabel definiert. Je nach Forschungsrichtung und Forschungsgegenstand werden verschiedene Bezugs- punkte gewählt. Einstimmigkeit besteht in der hochgradigen Komplexität dieses Prozesses. Ackermann (2004: 139) spricht daher von Globalisierungen, da es sich nicht um einen einzigen, genau zu umreißenden Vorgang handelt. Er beschreibt Globalisierungen als mehrdimensionale Prozesse, die sich in mehreren Lebensbereichen gleichzeitig entfalten. Zu diesen Lebensbereichen gehören vor allem weltwirtschaftliche Verflechtungen, Formen internationaler Migration, die Herausbildung von so genannten ‚Global Cities’, die Schöpfung kosmopolitischer und lokaler Kulturen, und die Enträumlichung sozialer Identität, die nationalstaatliche Ansprüche in Frage stellt, zugunsten über- lappender, durchdringender und multipler Formen der Identifizierung. Die verschiedenen Bereiche sind sicherlich nicht scharf voneinander trennbar, dennoch soll sich des Weiteren hauptsächlich auf die kulturelle Globalisierung konzentriert werden.
Eine offenere Definition als die von Ackermann bietet Giddens, der in der Globalisierung nicht weniger als „die Verwandlung von Raum und Zeit“ (Giddens 1997: 23. Zitiert in: Nassehi 1998: 191) sieht. In seinem Buch ‚Konsequenzen der Moderne’ heißt es: „Definieren lässt sich der Begriff der Globalisierung im Sinne einer Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen, durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt“ (Giddens 1997: 23. Zitiert in: Nassehi 1998: 191). Globalisierung betrifft demnach die Über- schneidung von Anwesenheit und Abwesenheit, die Verflechtung von sozialen
26
Ereignissen und Beziehungen ‚in der Ferne’ mit lokalen Zusammenhängen. (Giddens 1991: 21 Zitiert in: Robertson 1998: 194) Auch Beck beschreibt Globalisierung als das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in verschiedenen Dimensionen. Durch die Globalisierung wird die Entfernung aufgehoben, so dass die Raummatrix der Welt keinen weißen Fleck mehr enthält und somit für jeden, gleichgültig von seiner Lokalisation, Orientierungs- möglichkeiten bereitstellt (vgl. Beck 1997: 44f.). 16 Nassehi formuliert dies in vereinfachter Weise: „In der globalisierten Moderne hängt alles irgendwie mit allem zusammen“ (Nassehi 1998: 191).
Es muss sehr wohl darauf hingewiesen werden, dass es heute wie auch schon vor der neueren Diskussion um Globalisierung kaum völlig isolierte Gruppen gegeben hat. Kulturelle Kontakte mit Nachbargruppen waren immer vorhanden, genauso wie räumliche Veränderungen durch Migration, Völkerwanderungen oder Eroberungsfeldzüge (vgl. dazu Breidenbach/Zukrigl 2000: 30ff.). Ackermann fasst dies folgendermaßen zusammen: „Die so entstandene Koexistenz von Angehörigen ethnisch, kulturell oder religiös unterschiedlicher Gruppen stellt sowohl historische als auch kulturvergleichend eher die Regel als die Ausnahme dar.“ (Ackermann 2004: 142) Wenn man also davon ausgeht, dass Kultur von der globalen Zirkulation von Menschen, Dingen, Zeichen und Informationen berührt wird, ist Kultur generell hybrid (gemischt) „und wird zum Ort des Widerstreits zwischen Repräsentationen von Identität und Differenz“ (Ackermann 2004: 147). Ackermann beschreibt ein ganz grundlegendes Konzept von Kultur: Kultur ist seit jeher ein Produkt von interkulturellen Interaktionen. Im selben Maße, wie Individuen schon immer mehrere kollektive Identitäten hatten/haben, versperrt die Annahme kultureller Homogenität und Kontinuität den Blick auf Variationen und Transformationen innerhalb einer Kultur und ignoriert darüber hinaus die Rolle menschlicher Kreativität im kulturellen Prozess (vgl. Ackermann 2004: 144). Dennoch lassen sich Besonderheiten ausmachen, welche die Globalisierungen des 20. Jahrhunderts von den vorherigen unterscheiden. „Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts,
16
Es bleibt aber festzuhalten, dass genauso wenig wie die gesamte Welt als globalisiert bezeichnet werden darf, davon ausgegangen werden kann, dass alle Gesellschaften nun ihre Nationalstaatlichkeit überwunden haben, da dies voraussetzt, dass der Nationalstaat die bis dato einzige Gesellschaftsform auf politischer Ebene darstellt (siehe Gesellschaften in Süd- und Mittelafrika).
27
befinden wir uns in einer neuen Phase, die durch die exponentielle Zunahme der systematischen Kontakte, Vermischungen vieler Kulturen und weltweite Abhängigkeitsverhältnisse charakterisiert ist. Durch neue Transport- und Kommunikationstechnologien scheint die Welt zu schrumpfen.“ (Breidenbach/ Zukrigl 2000: 33) Neu ist dabei nach Beck ebenfalls die Alltäglichkeit eines Lebens und Handelns in dichten Netzwerken über nationalstaatliche Grenzen hinweg, die Selbstwahrnehmung der dadurch entstanden Transnationalität, die Ortslosigkeit von Individuen und Gemeinschaft, die unausgrenzbare Wahr- nehmung transkultureller Anderer im eigenen Leben mit all den sich wider- sprechenden Gewissheiten und die Zirkulationsebene globaler Kulturindustrien (vgl. Beck 1997: 31).
Globalisierung schafft aber nicht nur transnationale soziale Bindungen und Räume, sie wertet auch lokale Kulturen auf. Robertson stellt fest, dass der anwachsende Diskurs des Lokalen, der Gemeinschaft, der Heimat usw. und der damit verbundene kommunikative und interaktive Zusammenschluss der Kulturen nicht mit der Vorstellung einer Homogenisierung aller Kulturen gleichzusetzen ist. (Robertson 1998: 202) Das Homogenisierungsszenarium geht davon aus, dass die weltweite Verbreitung von Strukturen, Gütern und Ideen vereinheitlichend wirkt, so dass sich Menschen weltweit von Fremdeinflüssen überrollen lassen und unreflektiert fremde Lebensweisen übernehmen. Es lassen sich aber viele Anzeichen dafür finden, die nicht für eine Homogenisierung der Kultur, sondern im Gegenteil für eine Globalisierung von Differenzen sprechen.
Robertson führt in diesem Zusammenhang den Begriff der Glokalisierung ein. Er postuliert, dass die Globalisierung die Wiederherstellung, in bestimmter Hinsicht sogar die Produktion von Heimat, Gemeinschaft und Lokalität mit sich gebracht habe und dass aus diesem Grund das Lokale (als Behauptung von Identität, Kollektiven und Kultur) nicht als Gegenspieler des Globalen, sondern vielmehr als ein Aspekt, als konstitutiver Bestandteil von Globalisierung angesehen werden sollte. (Vgl. Robertson 1998: 200) Lokalisierung als Bedeu- tungszuwachs der regionalen und lokalen Kultur im quantitativen Sinne kann aber mit einem qualitativen Bedeutungsverlust einhergehen, wenn die
28
Quote paper:
Doreen Frank, 2005, Culture-Assimilator-Training - Zum Aufbau interkultureller Kompetenz für Fach- und Führungskräfte, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Geert Hofstedes Kulturdimensionen - Analyse seiner Studien und Auswirk...
Business economics - Personnel and Organisation
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Lösungsansätze für interkulturelle Spannungs- und Konfliktsituationen ...
Business economics - Personnel and Organisation
Diploma Thesis, 97 Pages
Interkulturelle Kommunikation in der internationalen Unternehmung - Ak...
Communications - Intercultural Communication
Thesis (M.A.), 140 Pages
Mentoring - Ursprünge, Aufgaben und Formen des Mentoring
Business economics - Personnel and Organisation
Scholarly Research Paper, 25 Pages
Mentoring - bedeutendes Instrument der Personalentwicklung
Business economics - Personnel and Organisation
Scholarly Research Paper, 21 Pages
Interkulturelle Kommunikation aus kulturwissenschaftlicher Sicht
Cultural Studies - Basics and Definitions
Intermediate Examination Paper, 30 Pages
Doreen Frank has published the text Culture-Assimilator-Training - Zum Aufbau interkultureller Kompetenz für Fach- und Führungskräfte
Doreen Frank has uploaded a new text
The Temple of Culture: Assimilation and Anti-Semitism in Literary Angl...
Jonathan Freedman
Curriculum for Culturally Responsive Health Care: The Step-By-Step Gui...
Jeffrey M. Ring, Suzanne Mitchell, Luis Samaniego
Interkulturelle Kompetenz als Prozess
Modell und Konzept für das Ger...
Yaling Pan, Jürgen Bolten, Peter Oberender
0 comments