Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Was ist Interaktion 4
2.1 Wie funktioniert Interaktion? 5
2.2 „Materialien“ der Interaktion 10
2.2.1 Verbale Kommunikation 10
2.2.2 Sprache und Macht 13
2.2.3 Nonverbale Kommunikation 14
2.3 Was bedeutet Interaktion für den Menschen oder
„Mensch sein ohne Interaktion“? 18
2.4 Interaktion und Gesellschaft 19
2.5 Interaktion und Kultur 21
3. Wie frei interagieren wir? 26
3.1 Grundelemente der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft 26
3.1.1 Der Warenbegriff und Warenfetischismus 26
3.1.2 Charaktermaske 30
3.1.3 Entfremdung 33
3.2 Der Sozialcharakter der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft 34
3.2.1 Leistungs- und Konkurrenzprinzip 35
3.2.2 Arbeits- und Eigentumsethik 37
3.3 Interaktion in den Reproduktionssphären 42
3.3.1 Interaktion in der Produktionssphäre 42
3.3.2 Interaktion in der Zirkulationssphäre 44
3.3.3 Interaktion in der Konsumtionssphäre 45
4. Fazit 48
Bibliographie 50
2
1. Einleitung
Das soziale Leben und damit das Interaktionsmilieu unterlagen im Laufe der Menschwerdung einer drastischen Transformation. Von einer Ansammlung kleiner Gemeinschaften, deren Mittelpunkt die Interaktion bildete, wandelte sich die Gesellschaft in eine Massengesellschaft, mit eklatanten Folgen für unsere Interaktionsgewohnheiten. Von einem regen Austausch innerhalb familiärer Gemeinschaften sind wir zu einer von Widersprüchen geprägten oberflächlich verlogenen Form der Interaktion gelangt. Zwar ist Interaktion noch immer Mittelpunkt des menschlichen Zusammenlebens, allein schon weil man sich mittlerweile gar nicht mehr aus dem Wege gehen kann, jedoch sind die Regeln der Interaktion mittlerweile so zahlreich und komplex, dass das Individuum überfordert zu sein scheint. Interaktion ist zu einer gewaltigen Aufgabe und teilweise sogar Last geworden, da das differenzierte kapitalistische Sozialleben eine Vielzahl widersprüchlicher Ansprüche an die Individuen stellt.
Die Grundlage des heutigen Soziallebens bildet die kapitalistische Produktion. Die Ökonomie ist die Basis für alle weiteren Sphären menschlichen Zusammenlebens. Wie also funktioniert in dieser von der Produktion dominierten Gesellschaftsstruktur die Kommunikation der Individuen untereinander, welchen Zwängen oder Gesetzen gehorcht sie und welche Auswirkungen hat das auf zwischenmenschliche Beziehungen? Um diese Frage adäquat beantworten zu können, sollen vorerst die Grundlagen der Kommunikation/Interaktion vermittelt werden. Als Einstieg hierzu sollen kurz grundlegende Interaktionstheorien erläutert werden, um dann die praktischen „Materialien“ der Interaktion genauer zu beschreiben. Abschließen soll der erste Teil mit einem Resümee, welche Bedeutung Interaktion für den Menschen hat und welchen Stellenwert Interaktion im gesellschaftlichen Zusammenhang einnimmt.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage wie frei wir überhaupt interagieren, d.h. welchen Einfluss die Struktur der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft auf die Interaktion hat. Bedeutend ist hierfür die Betrachtung der Produktions- und Gesellschaftsstrukturen. Anhand der von Marx geprägten Begriffe des Warencharakters, der Entfremdung und der Charaktermaske soll aufgezeigt werden, welche die Interaktion beeinflussenden Verhaltensregeln bestehen. Des Weiteren soll betrachtet werden, inwiefern die ökonomische Basis und die Sphären des Reproduktionsprozesses das Rollenverhalten prägen und Verhaltensmuster vorschreiben.
3
2. Was ist Interaktion?
Die sprachliche Herkunft des Begriffs Interaktion liegt im Lateinischen, und bereits aus den beiden Bestandteilen des Wortes inter und agito lassen sich erste Schlussfolgerungen bezüglich der Bedeutung des Wortes ziehen. Die Vorsilbe `inter´ bedeutet im Wesentlichen `zwischen´ und impliziert vor allem mit den Übersetzungen `untereinander´, `einander´, `gegenseitig´ eine wechselseitige Beeinflussung. Das Wort agito hingegen bedeutet `wiederholt oder eifrig besprechen´, `verhandeln´, aber auch `überlegen´, `bedenken´, `erwägen´, `beabsichtigen´, `planen´. Es stellen sich also die Fragen, was wird untereinander verhandelt oder miteinander besprochen, welche Mechanismen liegen dem zugrunde und wie läuft der Prozess „des Verhandelns“ oder „des Besprechens“ ab? 1 Eine ähnliche Bedeutung hat das Wort Kommunikation. Die Übersetzung des lateinischen Wortes communicatio lautet Mitteilung, und unter anderem bezeichnet das Wort eine besondere Redefigur, mit der der Redner die Zuhörer gleichsam mit zu Rate zieht. Das Verb communico bedeutet außerdem `jemandem eine Mittelung machen´ oder `sich mit jemandem beraten oder verständigen´ 2 .
Die lexikalen Definitionen dieser beiden Begriffe unterstreichen und ergänzen die vorangegangenen Betrachtungen. Demnach ist Interaktion „[…] die Wechselbeziehung zwischen Handlungen; […]. Voraussetzung ist ein minimaler Konsens bezüglich der Verhaltensmuster und kommunikativen Techniken und Symbole“ 3 . Über Kommunikation heißt es: „Austausch, Verständigung; Übermittlung und Vermittlung von Wissen; [im weitesten Sinne] alle Prozesse der Übertragung von Nachrichten oder Informationen durch Zeichen aller Art unter Lebewesen […]“ 4 . Auch wenn Interaktion eine Folge von Mitteilungen, also Kommunikationen darstellt 5 , sollen im Folgenden beide Begriffe synonym verwendet werden. Menschliche Interaktion/Kommunikation geht also über das reine Reiz-Reaktions-Schema hinaus, denn es handelt sich nicht mehr nur um instinktregulierte Reaktionen auf bestimmte Handlungen, sondern um durch Bewusstseinsakte mitbestimmte Reaktionen 6 . Das passive Reagieren wird durch ein reflexives, selbstgesteuertes Reagieren abgelöst. Basis für den „reibungslosen“ Ablauf von Interaktion ist das so genannte gemeinsame Weltwissen, dass verstanden wird als eine Vorstellung über bestimmte Abläufe, Prozesse und Sachverhalte in der umgebenden Umwelt. Selbstverständlich ist diese Weltwissen bei jeder Person
1 LANGENSCHEIDTS GROßES SCHULWÖRTERBUCH. LATEINISCH-DEUTSCH, 1990, S.66 und S.630
2 ebenda, S.223
3 DER GROSSE BROCKHAUS, Bd.5, 1981, S.564
4 DER GROSSE BROCKHAUS, Bd.6, 1981, S.389
5 WATZLAWICK/BEAVIN/JACKSON, 1974, S.50
6 OTTOMEYER, 1976, S.10
4
unterschiedlich, vor allem wenn zwei Personen aus verschiedenen Kulturen miteinander interagieren, allerdings bestehen kulturelle Universalien, die bei allen bestehenden Unterschieden interkulturelle Interaktion ermöglichen 7 . Im folgenden Kapitel soll anhand grundlegender Theorien die Funktionsweise und später die verschiedenen Elemente der Interaktion näher beleuchtet werden.
2.1 Wie funktioniert Interaktion?
Interaktion basiert grundlegend auf einer Sender-Empfänger Beziehung. Der Sender entwickelt eine Idee, Gedanken oder Gefühle, verschlüsselt diese in Symbolen (Sprache, Gestik, Mimik), die er anschließend an den Empfänger sendet, der diese aufnimmt, decodiert und anschließend interpretiert, um dem Sender zu bestätigen, dass er die Botschaft empfangen und verstanden hat. Vertieft wird diese vereinfachte Darstellung der Interaktion durch das Modell der sozialen Fertigkeiten nach ARGYLE. Nach diesem Modell liegen der Interaktion fünf wesentliche Komponenten zugrunde:
1. Soziale Tätigkeiten werden mit bestimmten unmittelbaren oder entfernteren Zielen durchgeführt. Diesen Zielen liegen Motivationen zugrunde, welche die Tätigkeit steuern. 2. Die selektive Wahrnehmung von Schlüsselreizen muss gelernt sein (stereotype Beschreibungsdimensionen erleichtern die Einschätzung anderer Personen). 3. Die eingegangenen Informationen müssen für den Handlungsvollzug einem Übersetzungsprozess unterzogen werden (Übersetzungsprozesse im sozialen Bereich sind die Wirkweisen sozialer Verhaltensakte, d.h. das Individuum weiß, welche Verhaltensweisen welche Reaktion hervorrufen).
4. Soziale Fertigkeiten bestehen aus Reaktionssequenzen, d.h. soziale Fertigkeiten wie die Kontaktaufnahme, das Verhalten in bestimmten Rollen, müssen in ihren einzelnen Aspekten trainiert werden, um den gesamten Prozess zu beherrschen. 5. Soziale Fertigkeiten werden durch Rückkopplung und Korrekturhandlungen gesteuert, wobei die Rückkopplung erneut durch Schlüsselreize ausgelöst wird 8 . (s. Abb. 1)
7 PAYER, 2000, http://www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm
8 PIONTOWSKI, 1976, S.115f.
5
Die Abbildung 2 verdeutlicht den Zusammenhang der 5 „Interaktionskomponenten“ ARGYLES. Person A hat eine bestimmte Wahrnehmung von Person B, d.h. versucht sein gegenüber einzuschätzen (2.). Auf der Grundlage dieses Bildes erfolgte eine zielgerichtete „Kontaktaufnahme“ (1.), bei der erlernte Verhaltensweisen (soziale Techniken) angewendet werden (3.). B reagiert auf diese Kontaktaufnahme und beide Personen kommunizieren bzw. interagieren. Die Rückmeldungen von B beeinflussen wiederum A bezüglich seiner Wahrnehmung und seinen Zielen hinsichtlich B, was zu Korrekturhandlungen führen kann (4./5.).
Das Modell verdeutlicht, dass Interaktion als Element des Alltagsverhaltens nicht einer rationalen Erkenntnis- und Entscheidungsfindung folgt, sondern vielmehr auf Vorverständnissen und eingeübten Verhaltensakten basiert. „Die meisten Menschen handeln die meiste Zeit unter Normalitätsannahmen, die bewusster Überlegung entzogen sind. […] [V]ielmehr werden Deutungen den Ereignissen retrospektiv, etwa in Form praktischer Erklärungen zugeschrieben“ 9 .
9 THORLINDSSON, 1984, S.23
6
Einen Schritt weiter bei der theoretischen Erklärung der Dimensionen von Interaktion geht das pragmatische Kommunikationsmodell von Watzlawick, Beavin und Jackson. Dieser Theorie liegen fünf Axiome zugrunde, die versuchen sollen die einfachsten Eigenschaften der Kommunikation darzustellen.
1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren oder die Unmöglichkeit nicht zu kommunizieren. Nicht nur Sprache, sondern Verhalten jeder Art ist das grundlegende „Material“ für Kommunikation. Da Verhalten generell aber kein Gegenteil besitzt, ist es unmöglich sich nicht zu verhalten. Jede Form interpersonalen Verhaltens hat also Mitteilungscharakter. Selbst Schweigen oder Nichthandeln haben Mitteilungscharakter. Sie drücken je nach Interaktionskontext etwas bestimmtes aus und andere können nicht nicht auf diese Botschaften reagieren. Selbst wenn man sich abwendet und geht, beinhaltet dieses Verhalten eine Botschaft. 10
2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersten bestimmt und daher eine Metakommunikation ist. Jede Botschaft oder Mitteilung beinhaltet Informationen, die weitergegeben werden sollen. Diese eigentliche Motivation für Kommunikation bezeichnet man als den Inhaltsaspekt. Neben der reinen Weitergabe oder Vermittlung von Information beinhaltet Interaktion aber noch die Mitteilung, wie ebendiese verstanden werden sollen. Es wird somit also die Natur der Beziehung zwischen Sender und Empfänger definiert. Dies nennt man den Beziehungsaspekt. Da der Beziehungsaspekt Informationen über den Inhaltsaspekt, also den Mitteilungsinhalt enthält, handelt es sich bei ersteren um Metainformationen. „Der Inhaltsaspekt vermittelt die Daten [und] der Beziehungsaspekt weist an, wie diese aufzufassen sind“ 11 . Der Beziehungsaspekt stellt somit eine Kommunikation über eine Kommunikation dar und ist somit Metakommunikation. Diese Metakommunikation fördert das Verständnis. Fehlen z.B. eindeutige metakommunikative Zuweisungen bezüglich der gesprochenen Mitteilungen, kann dies zu Missverständnissen führen 12 .
3. Axiom: Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt. Im Sinne dieses Axioms ist jede Kommunikation gleichzeitig Reiz, Reaktion und Verstärkung. Jede Kommunikation wird also durch die vorherige ausgelöst und ist Auslöser für die nächste. Im Zuge einer solchen Kommunikation oder Interaktion versuchen die Kommunizierenden den Verlauf in der Art und Weise zu interpunktieren, dass sich bestimmte Beziehungsstrukturen zwischen ihnen bilden, d.h. einer
10 WATZLAWICK/BEAVIN/JACKSON, 1974, S.50ff
11 ebenda, S.55
12 ebenda, S.53ff
7
übernimmt die Initiative, ist also dominant, der andere dagegen steht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Über die etablierte Struktur versucht man eine Übereinstimmung zu erreichen oder nicht. Diese so genannte Interpunktion der Ereignisfolgen einer Kommunikation kann auch als Wahrnehmung und Bewertung der Kommunikation betrachtet werden, „[…] was wiederum zu Rollenzuweisungen und Rollenannahmen im jeweiligen Handlungskontext führt“ 13 . Interpunktion organisiert also Verhalten und ist damit Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Jede Kultur besitzt ihre individuellen Interpunktionen, die regeln welches Verhalten als richtig eingestuft wird. 14 4. Axiom: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Im Bereich der Interaktion gibt es zwei Formen der Kommunikation, digitale und analoge Kommunikation. Erstere dient im Wesentlichen der Übermittlung von Informationen durch Schrift oder Sprache und somit der Übermittlung des Inhaltaspekts, wohingegen letztere eher der Übermittlungen von Beziehungsaspekten dient. In allen Bereichen wo Beziehungen das zentrale Thema darstellen, ist digitale Kommunikation fast bedeutungslos. Analoge Kommunikation kanalisiert sich in erster Linie über nonverbale Kommunikation. Sie ist von der Natur her wesentlich älter als digitale Kommunikation und besitzt daher auch zwischen den Kulturen eine allgemeinere Gültigkeit. Zwar bestehen sprachliche Unterschiede, aber die Deutung von Mimik oder Gestik lassen die Vermittlung wesentlicher Informationen auch auf interkultureller Ebene zu. 15 Wie groß die Beutung analoger Kommunikation ist zeigt das Beispiel der Aphatiker. Menschen die an dieser „Krankheit“ leiden, haben die Fähigkeit Sprache zu verstehen verloren. Aber obwohl Aphatiker nicht in der Lage sind, die Bedeutung von Wörtern zu begreifen, verstehen sie doch das meiste von dem was Kommunikationspartner ihnen erzählen. Was Aphatiker deuten oder verstehen ist der Tonfall der Wörter, der oft mehr sagt als die Worte selbst und der körperliche Ausdruck des anderen. Solche Verhaltensweisen können nur sehr schwer verfälscht oder simuliert werden, wohingegen die auf Sprache fixierten Menschen durch Rhetorik leichter getäuscht werden können 16 . Aber auch digitale Kommunikation hat trotz allem ihren Stellenwert im Gesamtprozess der Interaktion. Mit ihrer Hilfe ist der Mensch in der Lage komplexe, vielseitige und abstrakte Inhalte unmissverständlich zu vermitteln. Und der wichtigste Vorteil der digitalen Kommunikation im Gegensatz zur analogen, ist die Möglichkeit negative Größen darzustellen, wohingegen die Analogie einen Ausdruck für „nicht“ nicht zulässt, ebensowenig
13 WEINHOLD, 2001, http://amor.rz.hu-berlin.de/~h0444c55/arbeiten/mollenhauer/node11.html
14 WATZLAWICK/BEAVIN/JACKSON, 1974, S. 57ff
15 ebenda, S.61ff
16 PAYER, 2000, http://www.payer.de/kommkulturen/kulutr04.htm
8
eine eindeutige Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Intuition spielt eine wesentliche Rolle bei der Deutung analog vermittelter Botschaften und verhindert oft eine eindeutige Interpretation 17 . Watzlawick et al. führen daher weiter aus: „Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax“ 18 . Beide Formen der Kommunikation sind also von großer Wichtigkeit und ergänzen einander.
5. Axiom: Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht. Dieses Axiom befasst sich vor allem mit der sozialen Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Beziehungen beruhen entweder auf Gleichheit (Symmetrie) oder Ungleichheit (Komplementarität). In der ersten Konstellation ist das Verhalten der Interaktionspartner symmetrisch. Ist z.B. Prahlen ein kulturbedingtes Verhalten einer Gruppe, so wird die andere Gruppe mit Prahlerei darauf antworten. Man strebt also nach Gleichheit und der Verminderung von Unterschieden. Bei komplementären Situationen dagegen wird das Verhalten des einen ergänzt durch das des anderen, und sie basieren auf sich gegenseitig ergänzenden Unterschiedlichkeiten. Es gibt zwei mögliche Positionen die Partner während der Interaktion einnehmen können, der eine eine primäre bzw. superiore und der andere eine sekundäre bzw. interfiore Stellung. Es wäre jedoch zu einfach hier von gut und schlecht oder stark und schwach zu sprechen. Beziehungen mit komplementärem Charakter beruhen zum großen Teil auf gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten, wobei aber die jeweils existierenden hierarchischen Systeme durchaus die Komplementarität von Beziehungen vorbestimmen. 19
Diese fünf Axiome geben ein differenzierteres und pragmatischeres Bild von Kommunikation als ARGYLES Ansatz der sozialen Fertigkeiten, bleiben aber durchaus noch an der Oberfläche, da die gesellschaftlichen Dimensionen weitestgehend außer Acht gelassen werden. Diese sollen durch eine differenzierte Betrachtung der Materialien menschlicher Interaktion und deren Stellenwert innerhalb der Interaktion und einer anschließenden Einordnung des Interaktionsprozesses in den gesellschaftlichen Kontext erarbeitet werden.
17 Natürlich bietet auch die digitale Kommunikation, deren wesentliches Übermittlungsmedium die Sprache ist,
die Möglichkeit der Fehlinterpretation, aber auch nur wenn sie vom gegenüber provoziert wurde durch
wissentliche Fehlinformation oder die Anwendung sprachlicher Doppeldeutigkeiten (Anm. des Verf.)
18 WATZLAWICK/BEAVIN/JACKSON, 1974, S.68
19 ebenda, S.68ff
9
2.2 „Materialien“ der Interaktion
Bei jeder Interaktion spielen eine Vielzahl von sichtbaren und hörbaren, intentionalen bis unbewussten Signalen eine wesentliche Rolle, die den Verlauf der Kommunikation entscheidend mitbestimmt. Das bekannteste Medium der Kommunikation ist mit Sicherheit die Sprache, die im Wesentlichen zur digitalen Kommunikation dient. Nicht weniger wichtig sind hingegen die versteckten bzw. weniger offensichtlichen und deutbaren Formen der Kommunikation wie Blicke, Gestik, Mimik oder auch die Betonung des Gesprochenen. Diese Vielfalt an „Kommunikationsmaterialien“ unterstreicht auch das 1. Axiom des pragmatischen Kommunikationsmodells, demnach es unmöglich ist nicht zu kommunizieren. Im Folgenden sollen kurz die wichtigsten Elemente der Interaktion dargestellt werden.
2.2.1 Verbale Kommunikation
Die Sprache ist das wichtigste Mittel zur Kommunikation und das Element, das tierische und menschliche Interaktion voneinander unterscheidet. Die Sprache bietet die Möglichkeit Gefühle, Ideen, Interessen, über reine Lautsprache, Töne oder Körpersignale hinaus zu artikulieren und zu präzisieren, Herrschaftsverhältnisse zu manifestieren bis hin zur Möglichkeit der Beeinflussung bzw. Manipulation anderer durch Sprache 20 . Die menschliche Sprache ist das einzige Kommunikationssystem, das alle „Konstruktionsmerkmale“ (nach HOCKETT) von Kommunikation vereint. Sprache ist charakterisiert durch Versetzung, d.h. die Fähigkeit sich auf Dinge zu beziehen, die nicht unmittelbar anwesend sind, Offenheit bzw. die Möglichkeit neue Bedeutungen zu schaffen und zu kommunizieren, Tradition, d.h. die Fähigkeit zu lernen und neue Symbole oder Botschaften weiterzugeben und letztlich eine Dualität der Strukturierung, die Menschen in die Lage versetzt Wörter und Symbole zu einer unendlichen Zahl möglicher Botschaften zu kombinieren 21 . Zwar gibt es Tiere, die einzelne Konstruktionsmerkmale beherrschen oder erlernen können, doch ist keines dieser Systeme so umfassend wie die menschliche Sprache 22 .
20 In Orwells Roman „1984“ sollte eine neu entwickelte Sprache das Denken der Menschen und ihr Vermögen,
die sie umgebende Wirklichkeit zu verstehen und zu artikulieren manipulieren (FORGAS, 1987, S.112).
21 FORGAS, 1987, S.108
22 So wurde u. a. erfolgreich versucht Schimpansen einen Sprachkode beizubringen, der sowohl Tradition und
Strukturierungsdualität beinhaltet, wobei Kritiker anmerken, dass es sich hier möglicherweise nur um eine
Imitation durch die Tiere handeln könnte. Honigbienen z.B. können durch „Tänze“ Vorhandensein und Ort einer
Futterquelle vermitteln, was dem Element der Versetzung entspräche (FORGAS, 1987, S.108).
10
Arbeit zitieren:
Dipl.-Geograph/European Master in International Humanitarian Action Chris Hartmann, 2002, Was ist Interaktion und wie "frei" interagieren wir? Über die Begriffe "Charaktermaske" und "Sozialcharakter", München, GRIN Verlag GmbH
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