2
Vorwort
Überall in unserer Gesellschaft stößt man auf Drogen, vor allem auf die Alltagsdrogen Tabak und Alkohol. Die Anzahl der jugendlichen Drogenkonsumenten steigt immer weiter an. Deshalb ist es wichtig präventive Maßnahmen frühzeitig zu ergreifen. Dies ist Aufgabe der Eltern, der Schule, der Drogenberatungsstellen, der Polizei etc.. Drogenkonsum soll durch Aufklärung, Informationsvermittlung und vor allem durch Erziehung der Jugendlichen zu selbstbewussten, eigenverantwortlichen Menschen verhindert werden. Voraussetzung für die Suchtprävention in der Schule ist ein fundiertes Wissen des Lehrers über Drogen, ihre Wirkungsweisen und Gefahren und über die Ursachen von Sucht.
Im ersten Teil meiner Arbeit wird zunächst der Begriff „Jugend“ näher beschrieben. Der zweite Teil meiner Arbeit gibt einen Überblick über die bekanntesten legalen und illegalen Drogen, ihre Wirkungsweisen und Gefahren.
Im dritten Teil wird der Drogenkonsum von Jugendlichen anhand von Fachbüchern und einer eigenen Umfrage zum Drogenkonsum bei Jugendlichen dargestellt. Der vierte Teil behandelt dann die Suchtproblematik. Hier werden die Ursachen von Sucht beschrieben, denn dieses Wissen ist für die Suchtprävention von entscheidender Bedeutung.
Im fünften Teil werden Möglichkeiten der Prävention, vor allem die Möglichkeiten der Schule, aufgezeigt. Auch auf die Grenzen schulischer Suchtprävention und auf die Zusammenarbeit der Schule mit anderen Institutionen wird eingegangen. An dieser Stelle möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die mir bei dieser Arbeit durch die Wetergabe ihrer Informationen und Erfahrungen geholfen haben. Mein Dank gilt Frau Keite, Mitarbeiterin der Jugend- und Drogenberatungsstelle Karlsruhe und Herrn Schieker, Jugendsachbearbeiter der Polizeidienststelle Karlsruhe-Waldstadt. In den folgenden Ausführungen verwende ich für die Bezeichnung von Gruppen ausschließlich die maskuline Form, die auch die femininen Mitglieder dieser Gruppe mit einschließen soll.
3
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 2
Abk ürzungsverzeichnis. 6
1. Jugendkultur und abweichendes Verhalten im Jugendalter 7
1.1 Die Jugendphase im menschlichen Lebenslauf 7
1.1.1 Demographische Entwicklung. 7
1.1.2 Ausdifferenzierung von Lebensphasen 7
1.1.3 Historische Entwicklung 8
1.1.4 Psychologische Kriterien zur Abgrenzung der Lebensphase Jugend. 9
1.1.5 Soziologische Kriterien zur Abgrenzung der Lebensphase Jugend 11
1.1.6 Jugend als eigenständige Lebensphase. 15
1.1.7 Freundschaft, Freizeit, Konsum 16
1.1.8 Problemverhalten Jugendlicher 19
1.2 Abweichendes Verhalten 21
1.2.1 Definition des Begriffs „Abweichendes Verhalten“ 21
2. Drogen 22
2.1 Definition des Begriffs „Droge“ 22
2.2 Drogenarten 23
2.2.1 Die bekanntesten legalen Drogenarten. 25
2.2.1.1 Alkohol. 25
2.2.1.2 Tabak. 26
2.2.1.3 Medikamente. 27
2.2.2 Die bekanntesten illegalen Drogenarten. 29
2.2.2.1 Cannabis. 29
2.2.2.2 Kokain 32
2.2.2.3 Opiate: Heroin, Opium und Morphin. 35
2.2.2.4 Designerdrogen 38
2.2.2.5 Halluzinogene 41
3. Drogenkonsum als Form abweichenden Verhaltens im Jugendalter. 44
3.1 Arzneimittelkonsum 45
4
3.2 Tabak und Alkohol 46
3.3 Illegale Drogen 49
3.2 Auswertung der Umfrage zum Drogenkonsum bei Jugendlichen 50
4. Sucht 56
4.1 Definition der Begriffe „Sucht“ und „Abhängigkeit“ 56
4.2 Stoffgebundene und nicht stoffgebundene Sucht 58
4.3 Entstehung von Sucht 59
4.4 Merkmale von Sucht. 61
4.5 Ursachen von Sucht 62
4.5.1 Die Psychoanalytische Theorie 63
4.5.2 Die Lerntheorie. 63
4.5.3 Die Neurobiologische Theorie 64
4.5.4 Die Sozialpsychologische Theorie 65
4.5.5 Das Drei-Faktoren-Modell 65
4.5.6 Ursachen von Sucht nach Siegfried Bäuerle 70
4.6 Verhaltensmerkmale suchtgefährdeter Menschen 73
5. Suchtprävention 76
5.1 Definition des Begriffs „Prävention“ 76
5.2 Dreistufenmodell der Prävention 76
5.2.1 Primärprävention 76
5.2.2 Sekundärprävention. 77
5.2.3 Tertiärprävention 77
5.3 Methoden der Suchtprävention. 78
5.3.1 Methodenvielfalt in der Primärprävention 78
5.3.1.1 Veraltete Präventionsmethoden 78
5.3.1.2 Neuere Präventionsmethoden. 79
5.3.2 Methoden der Sekundärprävention. 81
5.3.2.1 Safer-Use-Programme. 81
5.3.2.2 Initiativgruppen in der Partyszene 83
5.3.2.3 Drug-Checking. 83
5.3.3 Methoden der Tertiärprävention. 84
5.4 Wer betreibt Suchtprävention? 85
5
5.5 Suchtprävention in der Schule 85
5.5.1 Lübecker Resolution zur Suchtprävention in Schulen in Europa. 85
5.5.2 Rahmenbedingungen 86
5.5.2.1 Suchtprävention als Teil des Erziehungsauftrags 86
5.5.2.2 Inhalt und Grenzen schulischer Hilfen. 87
5.5.2.3 Vorbild des Lehrers. 88
5.5.2.4 Schweigepflichten des Lehrers 88
5.5.2.5 Informationsrechte und- pflichten des Lehrers 88
5.5.2.6 Rolle des Suchtpräventionslehrers 89
5.5.2.7 Bildungs- und Erziehungsziele 90
5.5.2.8 Das Thema Suchtprävention im Lehrplan. 90
5.5.3 Methoden suchtpräventiven Unterrichts. 92
5.5.3.1 Ebene der Lehrkräfte. 92
5.5.3.2 Ebene des Unterrichts 93
5.5.3.3 Ebene der Schule. 95
5.5.5 Zusammenarbeit der Schule mit anderen Institutionen am Beispiel der Stadt
Karlsruhe 97
5.5.5.1 Drogenberatungsstellen. 98
5.5.5.2 Krankenkassen 114
5.5.5.3 Polizei. 115
6. Abschließende Stellungnahme 117
Abbildungsverzeichnis. 118
Literaturverzeichnis. 120
Anhang 124
6
Abkürzungsverzeichnis
• AOK Allgemeine Ortskrankenkasse
• AWO Arbeiterwohlfahrt
• BtMG Betäubungsmittelgesetz
• DAK Deutsche Angestelltenkrankenkasse
• ICD Internationale Klassifikation von Krankheiten
• IKK Innungskrankenkasse
• LPE Lehrplaneinheit
• StGB Strafgesetzbuch
• WHO Weltgesundheitsorganisation
7
1. Jugendkultur und abweichendes Verhalten im Jugendalter
1.1 Die Jugendphase im menschlichen Lebenslauf
Die Jugendphase ist, was Verhaltensprägungen betrifft, die wichtigste und somit „gefährdetste“ Lebensphase innerhalb der Entwicklung eines Menschen. Im Folgenden soll daher diese Phase näher definiert und der Versuch gemacht werden, sie von anderen Lebensphasen abzugrenzen.
1.1.1 Demographische Entwicklung 1
Die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Altersgruppen hat sich in den letzten Jahrzehnten zu Ungunsten der Kinder und Jugendlichen verändert. Früher waren sie in der Bevölkerungszusammensetzung von allen Altersgruppen am stärksten vertreten, während sie heute zu den schwächer vertretenen zählen. Ein Grund dafür ist die Verlängerung der Lebenszeit der Menschen aufgrund der erfolgreichen medizinischen Bekämpfung der vielen früher vorherrschenden, lebensverkürzenden Krankheiten. Weiterer Grund ist die abnehmende Geburtenzahl. Die Anzahl der Familien mit Kindern und auch die Zahl der Kinder pro Familie wird immer kleiner.
1.1.2 Ausdifferenzierung von Lebensphasen 2
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 65 Jahren, während sie heute schon bei etwa 75 Jahren liegt. Durch diese Verlängerung der Lebensspanne kommt es zu „neuen“ Lebensphasen.
Zusätzlich kommt es aufgrund kultureller und ökonomischer Faktoren zu einer immer stärkeren Unterteilung der Lebensspanne in einzelne Lebensphasen. Im Jahre 1910 beispielsweise hatte der typische Lebenslauf im Vergleich zu heute eine recht einfache
1 Vgl. Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche
Jugendforschung. [ 1 1985] Überarbeitete Neuausgabe, Weinheim und München: Juventa, 5 1997,
S.15-17
2 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.22-24
8
Strukturiertheit, die aus einer Kindheitsphase und einer Erwachsenenphase bestand. Erst um das Jahr 1950 kam die Lebensphase „Jugend“ dazu, welche zu Beginn der 90er Jahre durch die Phase des so genannten „Nachjugendalters“ ergänzt und dadurch ausgedehnt wurde.
Abbildung 1: Lebensphasen während der Lebensspannen im historischen Vergleich 3
Verbunden mit dieser Ausdifferenzierung der Lebensphasen ist eine Unklarheit der Definitionen und Bedeutungen der einzelnen Lebensphasen.
1.1.3 Historische Entwicklung 4
Erst ab 1950 gibt es in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema die eigenständige Phase der „Jugend“. Jugend als eine Phase des biologischen bzw. körperlichen Wachstums hat es natürlich immer schon gegeben; wie jedoch die verschiedenen Persönlichkeitsveränderungen in dieser Phase eingeschätzt werden,
3 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.23
4 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.26-30
9
unterliegt den jeweils aktuellen historischen Gegebenheiten. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts war die Jugendphase eine sehr kurze Phase im Lebenslauf, die zwischen dem Eintreten der Geschlechtsreife und dem damals frühen Austritt aus dem allgemeinen und beruflichen Bildungssystem lag. Diese Phase umfasste durchschnittlich 4 bis 5 Jahre. Heute dagegen umfasst die Lebensphase „Jugend“ etwa 10 Jahre und die nachgelagerte Phase der „Nachjugend“ nochmals etwa 5 Jahre. Diese Verlängerung der Lebensphase „Jugend“ hängt einerseits mit der Ausweitung der allgemeinen Schulpflicht auf eine in der Regel zehnjährige Pflichtschulzeit, andererseits mit einer längeren Ausbildungszeit der Jugendlichen zusammen.
1.1.4 Psychologische Kriterien zur Abgrenzung der Lebensphase Jugend 5
Aus entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischer Sicht gibt es mehrere Gründe, zwischen der Lebensphase Kindheit und der Lebensphase Jugend zu unterscheiden. Ein Grund ist das Eintreten der Geschlechtsreife, der so genannten Pubertät. Dadurch kommt es zu völlig neuartigen Anforderungen an das persönliche Verhalten. Charakteristisch für das frühe Kindesalter ist der Aufbau des seelischen Vertrauens, des sozialen Bindungsverhaltens, der Entwicklung der sensomotorischen Intelligenz und des vorbegrifflichen Denkens sowie die Entwicklung grundlegender motorischer Fertigkeiten und symbolischer und sprachlicher Ausdrucksfähigkeiten. Charakteristisch für die späte Kindheit sind die Entwicklung von Wissen, Moral und Wertorientierungen, der Aufbau von Konzepten und Denkschemata und erste Schritte zur sozialen Kooperation mit Gleichaltrigen.
In der Jugendphase müssen dagegen folgende Entwicklungsaufgaben bewältigt werden: 6
1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz [ad hoc], um selbstverantwort-
lich schulischen und anschließend beruflichen Qualifikationen nachzukommen, mit dem
Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch die eigene, ökonomische und
materielle Basis für die selbständige Existenz als Erwachsene zu sichern. 2. Entwicklung der eigenen Geschlechtsrolle [ad hoc] und des sozialen Bindungsverhaltens
[ad hoc] zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer
5 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.31-38
6 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.33-34
10
heterosexuellen [!] 7 Partnerbeziehung, die langfristig die Basis für eine Familiengründung
und die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
3. Entwicklung eigener Handlungsmuster [ad hoc] für die Nutzung des Konsumwaren-
marktes und des Freizeitmarktes einschließlich der Medien mit dem Ziel, einen eigenen
Lebensstil [ad hoc] zu entwickeln und zu einem gesteuerten und bedürfnisorientierten
Umgang [ad hoc] mit den entsprechenden Angeboten zu kommen.
4. Entwicklung eines Werte- und Normsystems [ad hoc] und eines ethischen und politischen
Bewusstseins [ad hoc], das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung
steht, so dass die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen [ad
hoc] im kulturellen und politischen Raum möglich wird.
Sind diese Entwicklungsaufgaben des Jugendalters bewältigt, kann man aus psychologischer Sicht vom Übergang des Jugendalters zum Erwachsenenalter sprechen. Diese Entwicklungsaufgaben sind also dann abgeschlossen, wenn der Aufbau der Selbständigkeit abgeschlossen ist und die Übernahme von selbstverantwortlichen Leistungstätigkeiten erfolgt ist. Der Status des Erwachsenen wird vor allem durch das Persönlichkeitsmerkmal der Selbständigkeit charakterisiert. Ein besonderes Merkmal dafür ist die psychische und soziale Ablösung von den eigenen Eltern. Die Grenze zwischen der Jugendphase und der Erwachsenenphase verläuft fließend und kann nicht auf ein bestimmtes Alter festgelegt werden.
Nach den traditionell verbreiteten Vorstellungen in unserem Kulturkreis sollte der Übergang
zwischen 18 und 21 Jahren liegen, doch immer größere Anteile der Jugendlichenpopulation
benötigen heute erheblich mehr Zeit, um die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abzu-schließen und sich den psychischen Herausforderungen zu stellen, die typisch für das
Erwachsenenleben sind. 8
Für die Jugendphase ist die Suche nach Orientierung und Sinngebung charakteristisch wie für keine andere Lebensphase davor und danach. Widersprüche im Weltbild der Erwachsenengesellschaft können Auslöser für heftige Orientierungs- und Selbstwertkrisen sein.
7 heute offener auch Eingehen homosexueller Beziehungen möglich und Legalisierung als „Familie“ oder
Familienform durch Heiratsmöglichkeit und Adaptionsmöglichkeit von Kindern in
gleichgeschlechtlichen Partnerschaften
8 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.35-36
Abbildung 2: Entwicklungsaufgaben in drei Lebensphasen und dazwischenliegenden 9 Statuspassagen
1.1.5 Soziologische Kriterien zur Abgrenzung der Lebensphase Jugend 10
Die soziologischen Kriterien für den Eintritt in die Jugendphase sind weniger eindeutig als die psychologischen.
Die soziologische Betrachtung konzentriert sich auf die Frage, ob Veränderungen der
sozialen Verhaltensanforderungen ein solches Ausmaß erreichen, dass vom Übergang von
einer sozialen Position in eine andere gesprochen werden kann. Ist dieser Sachverhalt erfüllt,
dann lässt sich von einem Positions- oder Statusübergang („Statuspassage“) sprechen. Der
Übergang vom Kind zum Jugendlichen ist eine solche Statuspassage, ebenso wie der
Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. 11
Mit jedem Status im Lebenslauf eines Menschen werden bestimmte Vorstellungen ver-bunden, wie man sich diesem Status angemessen verhält und welche Rechte und Pflichten man besitzt. Die Statusübergänge sind allerdings nicht eindeutig auf ein bestimmtes Lebensalter festgelegt. Der Übergang vom Status „Kindheit“ in den Status „Jugend“ ist mit zunehmenden sozialen Erwartungen und Verpflichtungen verbunden.
9 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.47
10 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.38-45
11 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.39
12
Im Leistungsbereich der Schule beispielsweise laufen Lernleistungen schrittweise auf immer komplexerem Niveau ab.
Im Bereich der sozialen Kontakte kommt es zu einer zunehmenden Selbstbestimmung von Freundeskontakten. Die stärkere Orientierung an Gleichaltrigen ist typisch für den Übergang vom Status Kindheit zum Status Jugend und auch die damit zunehmende Ablösung von der Familie. Der Übergang zwischen diesen beiden Lebensphasen kann aus soziologischer Sicht auf kein bestimmtes Alter festgelegt werden. Von einem Übergang in den Erwachsenenstatus kann dann gesprochen werden, wenn in den zentralen gesellschaftlichen Positionen die volle Selbständigkeit erreicht ist. Dazu gehören: 12
- die berufliche Rolle (einschließlich der Rolle als ökonomisch selbständig Handelnder)
- die interaktiv-partnerschaftliche Rolle (einschließlich der Rolle als verantwortlicher
Familiengründer)
- die Rolle als Kulturbürger (einschließlich der selbständigen Teilnahme am
Konsumbereich)
- die Rolle als politischer Bürger
Die meisten Gesellschaften versuchen, den Übergangsprozess vom Status „Jugend“ zum Status des Erwachsenen sozial zu strukturieren und an Altersvorgaben zu binden (z.B. Schuleintritt oder Wahlfähigkeit). Jeder Lebensphase werden bestimmte altersbezogene Rechte und Pflichten zugeordnet.
12 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.42
14
Abbildung 3: Rechtliche Bedeutung der Altersstufen des Kindes bis zur Volljährigkeit 13
13 Hurrelmann: Lebensphase Jugend , S 44-45
15
1.1.6 Jugend als eigenständige Lebensphase 14
Charakteristisch für die Lebensphase Jugend sind aus psychologischer Sicht die erheblichen Veränderungen im körperlichen und seelisch-psychischen Bereich des Jugendlichen. Während aus soziologischer Sicht strukturelle soziale Spannungen und Widersprüche typisch für die Lebensphase Jugend sind.
Typisch für heutige Jugendliche ist, dass sie im Bereich der wirtschaftlich- konsumistischen Partzipation früh die Rolle eines Erwachsenen einnehmen, allerdings erst sehr spät im Bereich der Familienrolle und der Erwerbstätigenrolle den Status eines Erwachsenen erreichen.
Eine altersgemäße Festlegung der Jugendphase ist also nicht möglich und auch nicht sinnvoll, da sie von gesellschaftlich bedingten Lebenslagen und Chancenstrukturen abhängig ist. Die Alterspanne vom Übergang der Jugendphase zur Erwachsenenphase kann heute zwischen 18 Jahren (Zeitpunkt der Volljährigkeit) und 30 Jahren (z.B. endgültiger Zeitpunkt des Studienabschlusses) liegen. Viele Autorinnen und Autoren haben vorgeschlagen, die Phase bis 18 Jahren als
Jugendphase und die bis 21 Jahren als Adoleszenten- oder Heranwachsendenphase zu
definieren und die anschließende Phase als Nach-Jugendphase (Postadoleszenz) zu
bezeichnen.
Damit ergeben sich folgende Unterteilungen der Lebensphase Jugend:
- die 13-18jährigen [!] („pubertäre Phase“): Jugendliche im engeren Sinne;
- die 18-21jährigen [!] („nachpubertäre Phase“): die jugendlichen Heranwachsenden;
- die 21-25jährigen [!] und gegebenenfalls älteren („Nachjugendphase“): die jungen
Erwachsenen, die aber ihrem sozialen Status und ihrem Verhalten nach noch als Jugendliche
anzusehen sind. 15
Jugend ist eine Lebensphase, wobei es nicht „die Jugend“ als einheitliche soziale Gruppe gibt. Jugend existiert in vielen verschiedenen sozialen Differenzierungen. Dazu hat Schäfers folgende Typologie vorgeschlagen: 16
- klassen- und schichtspezifische Einteilungen; z.B. Arbeiterjugend, Landarbeiterjugend,
bürgerliche Jugend, bäuerliche Jugend. Jugend der Ober-, Mittel- und Unterschicht;
- Einteilungen nach dem jeweiligen Sozialstatus des Jugendlichen: Schüler der Hauptschule,
Realschule, Sonderschule; Gymnasialjugend; Auszubildende/Berufsschüler und
Fachschüler; Studenten und Bundeswehrangehörige. Hinzu kommt die Kategorie der
arbeitslosen Jugend bzw. der Jugend ohne Ausbildungsvertrag;
14 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.46-52
15 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.50
16 Schäfers, Bernhard: Soziologie des Jugendalters. Opladen: Leske & Budrich, 1985, S.51-52
16
- Einteilungen nach besonderen sozialen Problemgruppen; hierunter fallen:
Ausländerjugend; Jugend der Spätaussiedler; Jugend in Obdachlosengebieten; Jugend in
städtischen Problemgebieten;
- siedlungstypologische Einteilungen. Hierunter fallen: großstädtische Jugend; ländliche
Jugend; Jugend der Klein- und Mittelstädte; Jugend in Ballungsgebieten und Randzonen
des Bundesgebietes;
- Einteilungen nach Organisationsformen der Jugend. Hierzu gehört das breite Spektrum der
sog. Vereins- und Verbandsjugend, also der Sportjugend wie der Gewerkschaftsjugend, der
organisierten Jugend in kirchlichen und anderen Jugendgruppen; auch die politisch und
parteilich organisierte Jugend rechnet hierzu;
- Einteilung der Jugend nach subkulturellen Merkmalen, z.B. Punker, Popper, Rocker;
- Einteilungen nach dominanten Verhaltensbereichen, z.B. Freizeit, Konsum,
Alternativkultur, Peer-groups, abweichendes Verhalten.
1.1.7 Freundschaft, Freizeit, Konsum 17
Im Jugendalter hat die Beziehung zu Gleichaltrigen eine große Bedeutung. Die Jugendlichen lösen sich vom Elternhaus und konzentrieren sich zunehmend auf freundschaftliche Beziehungen zu Gleichaltrigen. Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter haben meistens Gruppencharakter. Etwa ab dem 14.Lebensjahr gewinnt die Gleichaltrigengruppe an Bedeutung, welche auch oft als „Cliquen“ bezeichnet wird. Für Cliquen ist charakteristisch, dass sie aus mehreren Mitgliedern bestehen, die gemeinsame Aktivitäten unternehmen.
Untersuchungen zur Struktur der Freundeskreise zeigen bei den 14-17jährigen bei 31% eine
vernetzte soziale Verbindung, die sich als „fest gefügte Clique“ bezeichnen lässt. 18 Im Gegensatz dazu erleben 17% der Jugendlichen eine relative Isolation von der Clique. Dies kann zu einer erheblichen psychischen Belastung werden. Gleichaltrigengruppen sind dadurch charakterisiert, dass sie ihren Mitgliedern vollwertige Teilnahmechancen gewähren, die ihnen in anderen gesellschaftlichen Bereichen verwehrt bleiben. Sie verstehen sich ausdrücklich als nicht von Erwachsenen geleitet und kontrolliert. In der Gleichaltrigengruppe kann eine intensive Gruppendynamik mit festen Zugehörigkeitsmerkmalen entstehen. In einem solchen Fall kann die Gruppe zum dominierenden Orientierungs- und Handlungsfeld im Jugendalter werden. Dies gilt insbesondere in subkulturellen Milieus, in denen eine intensive räumliche, soziale
und zeitliche Einbindung von Jugendlichen besteht. Genau in dieser Prägekraft kann auch
17 vgl. Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.150-164
18 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.152
17
ein ungünstiger Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Mitglieder
bestehen und der Einstieg in abweichende soziale Verhaltensweisen (Aggressivität, Gewalt,
Kriminalität, Konsum illegaler Drogen) erfolgen. 19
Krappmann beschreibt die sozialen und psychischen Funktionen der Gleichaltrigengruppen folgendermaßen: 20
- Die Gruppen können aus situationsspezifischen Bedürfnissen der Jugendlichen heraus
entstehen und richten sich dementsprechend in ihrer inneren Struktur und Lebensdauer
danach aus.
- Sie können zu bestimmten Anlässen gebildet werden und wieder zerfallen, wenn diese
Anlässe nicht mehr bestehen.
- Die Gruppen bilden interne Gefühls- und Handlungsstrukturen aus und üben soziale
Spieregeln ein: Es müssen Gemeinsamkeiten festgestellt und anerkannt sein, die
gegenseitigen Bedürfnisse respektiert werden und auch Spannungen ausgehalten und
gelöst werden, um dauerhafte Beziehungen als Freundschaften entwickeln zu können.
- In der Gruppe wird es möglich, gemeinsame Handlungsorientierungen und Sinnbezüge zu
entwickeln, mit denen sich die Cliquenmitglieder von anderen Jugendlichen und der
übrigen sozialen Umwelt abgrenzen und so ihre Identität stabilisieren.
- Gleichaltrigengruppen bieten den Jugendlichen die Chance, Handlungskompetenzen zu
entwickeln, die ihnen andernorts altersphasenspezifisch vorenthalten werden. Die
Jugendlichen können hier Teilrollen spielen, die in Familie und Schule so nicht ausgeübt
werden können oder dürfen. Dabei wird die Einzigartigkeit der eigenen Gefühlswelt und
die Besonderheit der Ich-Erfahrung gegenüber den oft kritisierten Verhaltensmustern der
Erwachsenen betont.
- Die Jugendlichen erfahren in der Gleichaltrigengruppe Möglichkeiten zur
Selbstverwirklichung, Alternativen zur Routine des familialen und schulischen Alltags
sowie soziale Anerkennung, Sicherheit und Solidarität vor allem über befriedigende
soziale Kontakte.
Jugendliche orientieren sich im Jugendalter an den Eltern und der Gleichaltrigengruppe. Während die Norm- und Wertorientierung und die Bildungs- und Berufsorientierung eher von den Eltern beeinflusst wird, übernehmen die Gleichaltrigen eher die Rolle von alltäglichen Verhaltensvorbildern im Freizeit- und Unterhaltungsbereich. Bei einem Teil der Jugendlichen gibt es allerdings Spannungen in der Beziehung zu ihren Eltern, weshalb sich innerhalb der Gruppe der Jugendlichen Unterschiede entwickeln. Sie unterscheiden sich in familienzentrierte und jugendzentrierte Jugendliche. Die familienzentrierten identifizieren sich mit den Ansichten und dem Leben ihrer Familie, während die jugendzentrierten sich von Erwachsenen und deren Ansichten distanzieren.
19 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.152
20 Krappmann, L.: Sozialisation in der Gruppe der Gleichaltrigen. In: Hurrelmann, Klaus ; Ulich, D.
(Hgg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim und Basel: Beltz, 1991, S.355-375
(S.152-153)
18
Sie lehnen intensiven Umgang mit Erwachsenen ab und ziehen fast völlig Gruppenkontakte vor.
Im Jugendzentrismus dieser Teilgruppen drückt sich eine offene oder versteckte
Verweigerungshaltung gegenüber der Eltern- und Erwachsenenwelt aus. Die
Jugendzentrierten orientieren sich nicht nur, wie die Mehrzahl der Jugendlichen, in ihren
freizeitbezogenen Verhaltensmustern an der Clique, sondern auch in ihren Einstellungen und
Lebensorientierungen. Die Ursache liegt meist - wie Untersuchungen zeigen - in einem
gestörten Verhältnis zu den Eltern, zumindest zu einem Elternteil. 21 Wenn Jugendliche sich also nicht mit den Eltern verständigen können, wenden sie sich demonstrativ stark zu den Gleichaltrigengruppen hin. Hier besteht die Gefahr von gruppengestütztem abweichenden Verhalten, denn jugendzentrierte Gruppen können eigene Subkulturen bilden.
Mit einer Subkultur wird das von der vorherrschenden Kultur abweichende Muster von
Werten, Normen und Verhaltensweisen bezeichnet, das deutlich als Modifikation oder sogar
Gegenposition zur Gesamtkultur erkennbar ist. 22
In Jugendkulturen schaffen sich die Mitglieder eine soziale Umwelt, die sich der Kontrolle der Erwachsenen entzieht und in der sich ritualisierte Verhaltensformen, z.B. bestimmte Kleidungsstile und eigene Auffassungen, als identitätsstiftende Merkmale entwickeln. Eine Subkultur entsteht, wenn Jugendliche eigene von der Erwachsenenwelt unabhängige Wertmuster und Normen entwickeln und sich eine eigene „Lebenswelt“ schaffen.
Gleichaltrigengruppen erfüllen das Bedürfnis der Jugendlichen nach einer Definition der Jugendzeit als eigenständiger Lebensphase. Sie sind dabei nicht unbedingt gegen die Erwachsenen gerichtet aber eindeutig auf die symbolische Betonung des eigenen Alterstatus. Diesen eigenen Lebensstil drücken sie durch verschiedene Symbole aus, die meist mit dem Konsum- und Unterhaltungsbereich zusammenhängen. Beispiele hierfür sind bestimmte Muster von Kleidungsgeschmack und Musik und der Nutzung von Medien und von Drogen, welche sie oft demonstrativ zur Schau stellen. Gerade im Konsumbereich spielen die Gleichaltrigen eine große Rolle für den Jugendlichen. Sie vermitteln Anregungen und Standards zum Verhalten im Konsumbereich. Jugendliche folgen oft Markt- und Modetrends. Auch in ihrer Freizeitgestaltung zeigt sich die starke Kosumorientierung der Jugendlichen. An erster Stelle liegen Musikhören und Ins-Kino-Gehen. Die meisten Jugendlichen verfügen über Taschengeld von den Eltern, sodass sie als Konsumenten auftreten können und die kostenrelevante Freizeit-
21 Hurrelmann:Lebensphase Jugend…, S.155
22 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.155
19
gestaltung finanzieren können. Dieses „demonstrative Konsumverhalten“ Jugendlicher führt zu vielen Problemen. Ob ein Jugendlicher sich in seiner Clique behaupten kann, hängt oft von sichtbaren Zeichen des Konsum- und Lebensstils ab, die von den Gruppenmitgliedern beobachtet werden können, z.B. bestimmte Kleidung oder Schmuck. Nicht jeder Jugendliche ist finanziell in der Lage, diesen Trends zu folgen. Deshalb kann sich in der Gleichaltrigengruppe ein System von sozialen Rängen bilden. Jugendliche, die finanziell nicht in der Lage sind, dem Konsumverhalten ihrer Gruppe zu folgen, fühlen sich oft minderwertig. Dieses niedrige Selbstwertempfinden kann zu aggressivem und delinquentem Verhalten führen.
1.1.8 Problemverhalten Jugendlicher
Für die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und Handlungsanforderungen im Jugendalter sind personale und soziale Ausgangsbedingungen der Jugendlichen ausschlaggebend: 23
- Die sozialen Bedingungen sind maßgeblich durch die sozio-ökonomische Platzierung der
Herkunftsfamilie beeinflusst, die die Lebenslage bestimmt. Instabile und gestörte
Familienbeziehungen sind der wohl größte Risikofaktor in diesem Bereich.
- Die personalen Bedingungen sind durch Geschlechtszugehörigkeit, psychophysische
Konstitution, kognitive und motivationale Disposition und überdauernde soziale
Persönlichkeitsmerkmale gekennzeichnet.
Als Voraussetzung für den Eintritt ins Erwachsenenalter müssen Jugendliche, wie bereits beschrieben, psychische und soziale Kompetenzen erwerben, die die Basis der Individuation bilden. Sie müssen Kompetenzen erwerben für: 24
a) schulische und berufliche Qualifikationen,
b) Geschlechtsrollenübernahme und soziales Bindungsverhalten zu Gleichaltrigen,
c) Nutzung des Konsumwarenmarktes und des kulturellen Freizeitmarktes
d) Aufbau eines eigenen Wert- und Normsystems und eines ethischen und politischen
Bewusstseins.
Probleme ergeben sich, wenn in einem oder mehreren dieser Bereiche unangemessene und unzureichende Kompetenzen erworben werden, weil dann die von der sozialen Umwelt erwarteten Fähigkeiten nicht erbracht werden können. Die Handlungskompetenzen entsprechen dann nicht dem Standard. Dies kann zu erheblichen Belastungen der
23 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.193-194
24 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.194
20
Jugendlichen führen. Jugendliche entwickeln jedoch feste Muster der Problembewältigung im Verlauf der Jugendphase. Ob ein Problem zu einer dauerhaften Belastung wird oder nicht hängt von der Problembewältigungskompetenz des Jugendlichen ab: 25
- Hohe Problembewältigungskompetenz kann dazu führen, dass ein Jugendlicher trotz
objektiv ungünstiger Lebenslage mit schwierigen Problemkonstellationen keine
Beeinträchtigung der psychosozialen Befindlichkeit und keine Symptome von
Problembelastung zeigt. Die Chancen, günstige Kompetenzen für die Problembewältigung
aufzubauen, sind bei denjenigen Jugendlichen hoch, die von früher Kindheit ein aktives
und aufgeschlossenes Temperament haben, gute Vorbilder in ihren Eltern finden und ganz
allgemein günstige Anregungen und Herausforderungen für die Stärkung und
Stabilisierung ihrer Persönlichkeit vorfinden.
- Fehlen solche Anregungen, dann kommt es häufiger zu solchen motivationalen und
kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen, die nur eine defensive, passive oder ausweichende
Reaktion auf problematische Lebenslagen und Krisen möglich machen. Die Strategien der
Problemanalyse, Informationssuche, Beeinflussung der belastenden Bedingungen,
Veränderung des eigenen Verhaltens und Einstimmung der eigenen Gefühle und
Erwartungen sind bei diesen Jugendlichen weniger gut entwickelt; sie starten deshalb in
verschiedenen Lebensbereichen mit erheblich ungünstigeren „personalen Ressourcen“ als
die anderen Jugendlichen.
Zusätzlich zu den persönlichen Bewältigungskompetenzen der Jugendlichen sind auch die Unterstützungen der sozialen Umwelt bei der Bewältigung von Problemen wichtig. Besonders bei Problemen, die nicht unmittelbar durch das eigene Handeln verändert werden können, z.B. Schulversagen oder Arbeitslosigkeit, ist die Unterstützung der sozialen Umwelt von Bedeutung. Zusätzlich ist auch die soziale Unterstützung durch Bezugspersonen und Institutionen in diesem Zusammenhang wichtig. Symptome der Problembelastung treten im Jugendalter häufiger auf, als in anderen Bevölkerungsgruppen. Der größte Teil jugendlicher Problemverarbeitung kann jedoch als „konform“ bezeichnet werden. „Nonkonformes“ und „deviantes“ Verhalten Jugendlicher weist auf erhebliche Schwierigkeiten im Jugendalter hin. Die Problemverarbeitung von Jugendlichen kann nach „außen“, z.B. an Institutionen, gerichtet sein oder nach „innen“, als Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Die Arten der Problembewältigung unterscheiden sich dadurch, ob sie von der Gesellschaft gegenüber vorherrschenden Normen als konform oder als deviant eingeschätzt werden.
25 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.195-196
Abbildung 4: Formen der Problemverarbeitung: Beispiele für einzelne Verhaltensweisen 26
1.2 Abweichendes Verhalten
1.2.1 Definition des Begriffs „Abweichendes Verhalten“
Als abweichend oder deviant wird jedes individuelle oder kollektive Verhalten definiert
(a.V., engl. Deviant behavior), das gegen institutionalisierte Erwartungen verstößt und/oder
kollektive soziale Normen (also Normen im engeren Sinne oder Regeln, Vorschriften,
Direktiven) verletzt und/oder im Zuge der sozialen Kontrolle negative Sanktionen nach sich
zieht oder ziehen kann.
Konformes und a.V. markieren die beiden Enden eines Verhaltenskontinuums, in dessen
Breite das alltägliche Verhalten abläuft. 27
Es gibt viele Formen abweichenden Verhaltens. Dazu gehören beispielsweise Aggressionen, Suizid, Verbrechen, diverse soziale Bewegungen und Drogenkonsum. Die verbreitetste Form devianter Problemverarbeitung speziell im Jugendalter ist die Kriminalität.
Da es eine Vielzahl von Formen abweichenden Verhaltens gibt, soll es genügen, diese Beispiele genannt zu haben, wobei ich im späteren Verlauf meiner Arbeit ausschließlich näher auf den Drogenkonsum als Form abweichenden Verhaltens im Jugendalter eingehen werde.
26 Hurrelmann: Lebensphase Jugend…, S.198
27 Endruweit, Günter ; Trommsdorff, Gisela (Hgg.): Wörterbuch der Soziologie. [ 1 1989] Neubearbeitete
und erweiterte Ausgabe, Stuttgart: Lucius & Lucius, 2 2002, S.661
22
2. Drogen
2.1 Definition des Begriffs „Droge“
Es ist hilfreich, Begriffe, die häufig benutzt werden, erst einmal genauer zu definieren. Grundsätzlich ist der Begriff Droge wörtlich als „Erzeugnis aus dem Pflanzen- und Tierreich, das arzneilich oder technisch verwendet wird“ 28 , definiert. Derartige Erzeugnisse dienten früher hauptsächlich als Heilmittel oder Gewürze. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Drogenbegriff jedoch stark verändert. Heute versteht man unter Drogen auch Rauschmittel. Deren Herkunft ist nicht mehr ausschließlich pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, sondern sie werden zum Teil auch synthetisch hergestellt. Hubert Homann definiert Drogen folgendermaßen: 29
Drogen sind pflanzliche oder synthetisch hergestellte Stoffe, die die Reaktionen des Körpers
verändern und vor allem Stimmungen, Gefühle und Wahrnehmungen beeinflussen.
Gemeinsamkeit aller Drogen: die ausgeprägte Eignung, den Benutzer in einen Zustand zu
versetzen, den er als erstrebenswerter als seinen Normalzustand ansieht. Einige dieser Stoffe
sind als heilende Arzneimittel anzusehen, wenn sie unter ärztlicher Kontrolle und
vorschriftsmäßig verwendet werden.
Werden Drogen nicht bestimmungsgemäß eingenommen, zu häufig benutzt, zu hoch dosiert,
ohne medizinischen Grund verwendet, so stellt dies einen Missbrauch dar. Missbrauch führt
- je nach Drogenart und Dauer - zur Drogenabhängigkeit.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff Droge wie folgt: 30 Drogen sind Stoffe, die eine direkte Einwirkung auf das zentrale Nervensystem besitzen und
bei Zuführung einen als mangelhaft empfundenen Zustand mindern oder zum verschwinden
bringen oder die einen subjektiv als angenehm empfundenen Zustand herbeiführen.
Nach diesen beiden Definitionen des Drogenbegriffs gelten die legalen Genuss- und Arzneimittel wie Alkohol, Nikotin und Medikamente in gleicher Weise als Drogen wie z.B. die illegalen Drogen Heroin und Kokain.
28 Brockhaus (Hrsg.): Der kleine Brockhaus. 2Bde., Wiesbaden: Brockhaus, 1961 sqq. - Bd.1: A-K,
S.283
29 Homann, Hubert: „Lexikon“. Begriffe - Gebrauchsmuster - Szenejargon. In: Bastian, Johannes
(Hrsg.): Drogenprävention und Schule. Grundlagen - Erfahrungsberichte - Unterrichtsbeispiele.
Hamburg: Bergmann und Helbig, 1992, S.47-55 (S.48)
30 Hedewig, Roland: Drogenwirkungen. In: Praxis Grundschule. Materialien für den Unterricht.
Braunschweig: Westermann, 1994, S.4
23
2.2 Drogenarten
Drogen werden in der Literatur nach verschiedenen Gesichtspunkten in Gruppen eingeteilt. Sie lassen sich beispielsweise nach der gesetzlichen Regelung, nach ihrer pharmakologischen Wirkungsweise oder nach ihrem Konsummuster unterscheiden. 31 Drogen werden häufig eingeteilt in legale Drogen, auch Alltagsdrogen genannt, und in illegale Drogen.
Zu den legalen Drogen zählen Nikotin, Alkohol und Medikamente. Der Verkauf und Gebrauch von legalen Drogen ist in unserer Gesellschaft erlaubt und akzeptiert. Zu den illegalen Drogen zählen z.B. Cannabis, Opium, Heroin, Kokain und Ecstasy. Laut Betäubungsmittelgesetz, kurz BtMG, ist der Besitz, Erwerb und die Weitergabe dieser illegalen Drogen strafbar.
Illegale Drogen stehen oft im Vordergrund des Interesses, da sie strafrechtliche Relevanz haben und durch Beschaffungskriminalität starke soziale Veränderungen mit sich bringen können.
Diese Unterscheidung der Drogen in legale und illegale Drogen sagt nur wenig über deren Schädlichkeit aus, sondern stellt allein den rechtlichen Aspekt in den Vorder-grund, ohne die jeweiligen Folgen oder das Abhängigkeitspotential einzelner Drogen näher zu berücksichtigen. 32
Nach der pharmakologischen Wirkungsweise der Drogen lassen sich Drogen wie folgt einteilen: 33
- beruhigende und betäubende Drogen (z. B. Schlafmittel, Opiate, Branntwein),
- anregende, stimulierende Drogen (z. B. Aufputschmittel, Kokain),
- bewusstseinsverändernde Drogen (Halluzinogene) (z. B. Cannabis, LSD, Meskalin).
Nach dem Konsummuster werden Drogen auch oft eingeteilt in „weiche Drogen“ und in „harte Drogen“. Diese Unterscheidung sagt nichts darüber aus, ob die Droge gefährlich ist oder nicht, sondern bezieht sich darauf, welches Konsummuster angenommen wird. Bei den „weichen Drogen“ wird der Konsum als Probier- und Gelegenheitskonsum eingestuft. Als Beispiel wäre hier der Cannabiskonsum zu nennen. Der Konsum hat hier
31 vgl. Homann: „Lexikon“…, S.47
32 vgl. Bäuerle, Dietrich: Sucht- und Drogenprävention in der Schule. München: Kösel, 1996, S.52
33 Homann: „Lexikon“…, S.47
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meist keinen zentralen Stellenwert im Alltag des Konsumenten, sondern wird als „Freizeitkonsum“ zu bestimmten Anlässen gesehen. Der Konsum von „weichen Drogen“ hat meist keine körperliche Abhängigkeit zur Folge. Es kann aber zu einer psychischen Abhängigkeit kommen.
Im Gegensatz dazu wird bei den „harten Drogen“ angenommen, dass diese dauerhaft, gewohnheitsmäßig und über einen längeren Zeitraum konsumiert werden. Hier hat der Konsum also einen festen Stellenwert im Alltag des Konsumenten. Zu den „harten Drogen“ zählen z.B. Opium und Heroin. Der Konsum führt hier zu einer starken psychischen und körperlichen Abhängigkeit.
Diese Unterscheidung von Drogen nach ihrem Konsummuster kann dazu führen, dass die sogenannten „weichen Drogen“ verharmlost werden. Obwohl diese keine körperliche Abhängigkeit zur Folge haben, sollten sie dennoch nicht unterschätzt werden. In der Drogentherapie zeigt sich nämlich, dass eine psychische Abhängigkeit schwieriger zu behandeln ist als eine rein körperliche. 34
Die im Folgenden beschriebenen Wirkungen und Gefahren der einzelnen Drogen müssen nicht zwangsläufig eintreten. Sie können durch den gleichzeitigen Konsum anderer Drogen verstärkt oder verändert werden. Bei der Wirkungsweise der einzelnen Drogen spielen viele Faktoren eine Rolle, wie z.B.:
- die Verfassung und Stimmungslage des Konsumenten,
- die Menge und Qualität der konsumierten Droge.
Sowohl der Konsum illegaler als auch der legaler Drogen bedeutet stets eine Gefährdung der eigenen Gesundheit, unabhängig vom rechtlichen Gesichtspunkt (siehe oben).
34 vgl. Homann: „Lexikon“…, S.47
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2.2.1 Die bekanntesten legalen Drogenarten
2.2.1.1 Alkohol
Substanz
Alkohol wird aus pflanzlichen Substanzen wie Obst oder Getreide hergestellt. Der Zucker bzw. die Stärke dieser pflanzlichen Substanzen wird durch Gärung zu Alkohol umgewandelt.
Konsumformen
Alkohol ist ein weit verbreitetes Genussmittel, das gesellschaftlich allgemein anerkannt ist und sogar als „geselligkeitsfördernd“ propagiert wird.
Wirkung
Alkohol wirkt anregend und stimmungssteigernd. Hemmungen werden vermindert und das Reaktionsvermögen lässt nach. Außerdem kann es zu Desorientierung und Kontrollverlust von Bewegungen kommen. Im Rauschzustand sind heitere, gereizte, aggressive oder auch traurig-depressive Stimmungen möglich. Bei übermäßigem Alkoholkonsum kann es zu Bewusstlosigkeit, Lähmungen und Vergiftungen kommen, die sogar tödlich enden können.
Akute Gefahren
Bei der Bedienung von Maschinen und im Straßenverkehr besteht eine erhöhte Unfallgefährdung. Außerdem können Herz- Kreislaufstörungen auftreten. Bei schwangeren Frauen besteht die Gefahr einer Alkohol- Embryopathie. Letztlich kann es natürlich auch zum Tod durch Alkoholüberdosierung kommen.
Langzeitfolgen
Mögliche Langzeitfolgen von Alkoholkonsum sind Magen- und Leberschäden, Zunahme des Krebsrisikos an Speiseröhre, Magen und Darm. Außerdem Herz- Kreislaufschäden, Abbau von Gehirnzellen, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und anderer Gehirnfunktionen. Vor allem bei Männern kann übermäßiger Alkoholkonsum auch zu Potenzverlust führen. Zusätzlich gibt es aber auch noch soziale Langzeitfolgen, wie z.B. den Verlust von Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, Verelendung, Belastungen der Familie,
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vor allem psychosoziale Schädigungen von Kindern und Jugendlichen und dauerhafter Verlust von sozialen Beziehungen.
Suchtpotenzial
Je nach Veranlagung eines Menschen kann es schnell zu einer psychischen Abhängigkeit kommen. Bei längerer Gewöhnung des Körpers an Alkoholkonsum tritt auch eine schwere körperliche Abhängigkeit ein. Personen, die einmal schwer körperlich von Alkohol abhängig waren, sind meistens lebenslang rückfallgefährdet. Eine mögliche Abhängigkeit von Alkohol kann außerdem durch zusätzliche Einnahme von anderen Drogen gesteigert werden. 35
2.2.1.2 Tabak
Substanz
„Tabak kam mit Kolumbus etwa im Jahre 1500 nach Europa.“ 36 Die Tabakblätter werden zuerst getrocknet, dann gelagert und fermentiert. Das Endprodukt wird dann z.B. zu Zigaretten verarbeitet. Hauptalkaloid des Tabaks ist das Nikotin, jedoch sind in Tabak noch mehrere 100 weitere Inhaltsstoffe zu finden.
Konsumformen
Tabak wird meistens geraucht oder geschnupft.
In Zusammenhang mit Rauchentwöhnungen wird Nikotin auch oral in Form von Kaugummis oder in Form von Pflastern im Körper aufgenommen.
Wirkung
Die Konzentration von Nikotin im Blut steigt während des Rauchens sehr schnell an, fällt dann aber auch sehr schnell wieder ab. Innerhalb kürzester Zeit ist Nikotin dann auch im Gehirn nachweisbar. Außerdem wird der Blutdruck kurzfristig erhöht. Psychologisch wirkt Nikotin sehr unterschiedlich. Manche Raucher empfinden es als erregend, andere als entspannend und beruhigend.
35 vgl. Bäuerle, D.: Sucht- und Drogenprävention…, S.54-55
36 Simon, Roland et al.: Suchtbericht Deutschland 1999. Hohengehren: Schneider, 1999, S.70
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Akute Gefahren
Bei Personen, die das erste Mal eine Zigarette rauchen, kommt es meist zu unangenehmen Körpergefühlen wie Übelkeit, Schweißausbrüchen und zu einem unregelmäßigen Puls.
Langzeitfolgen
Langfristig gibt es beim Rauchen eine Vielzahl von Risiken. Möglich sind kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs und Erkrankungen der Atmungsorgane. Weiterhin kann es zu ateriosklerotischen Gefäßerkrankungen, chronischer Bronchitis und zu einem Lungenemphysem kommen.
19% aller Todesfälle in den USA sind auf das Rauchen zurückzuführen, während nur 1% aller Todesfälle auf den Konsum von illegalen Drogen zurückzuführen sind. 37
Suchtpotenzial
„Nikotin wird von der Weltgesundheitsorganisation in ihrem neuesten Klassifikationsschema von Krankheiten (ICD10) zu den Substanzen gezählt, die schädlichen Konsum oder Abhängigkeit hervorrufen können. Sowohl die Entwicklung von Toleranzen, die größere Konsummengen für die gleichen Wirkungen benötigt, als auch Probleme, den Konsum zu beendigen, sind den meisten Rauchern bekannt.“ 38
2.2.1.3 Medikamente
Substanz
Medikamente sind natürliche oder (halb)synthetische Stoffe, mit denen man in die körperlichen und seelischen Prozesse des Menschen eingreifen kann. In erster Linie dienen sie der Heilung von Krankheiten. Sie werden aber auch gesundheitsschädigend missbraucht.
37 vgl. Simon: Suchtbericht…, S.70-71
38 Simon: Suchtbericht…, S.71
Arbeit zitieren:
Stefanie Stocker, 2003, Drogenkonsum als Erscheinungsform abweichenden Verhaltens von Jugendlichen - Bestandsaufnahme und Möglichkeiten der Prävention in der Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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