Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die mongolische Kultur und die Person des Dschingis Khan. 2
2.1. Die Kultur und Lebensweise der Mongolen im späten 12. und frühen 13. Jh. 3
2.1.1. Gesellschaftsstruktur. 3
2.1.2. Religion und Glaube. 4
2.1.3. Leben und Überleben 5
2.1.4. Heeresaufbau und Kampftaktik. 7
2.1.5. Zivilisationselemente. 10
2.2. Dschingis Khan - Die Geschichte des Aufstiegs eines Klanführers zum Großkhan des
mongolischen Weltreiches 12
3. Gräueltaten, Massaker und Terror während der mongolischen Expansion -
Wahrheit oder Verklärung? Zum Stand der mediävistischen Forschung. 18
4. Die Perzeption der Mongolen in Quellen. 21
4.1. Die Geheime Geschichte der Mongolen (ca. 1227-1264) 21
4.2. Die Mongolen in abendländischer Sicht 25
4.2.1. Höllenvölker oder Gottessöhne im fernen Osten? (1221-1240) 25
4.2.2. Ende der Zeiten? Der Mongolensturm (1240-1245) 28
4.2.3. Mission am Ende der Welt (1245-1255) 33
4.2.4. Der 2. Mongolensturm - Renaissance des Tartarenbildes (1256-1264) 39
4.3. Chinesische Gesandtenberichte. 42
4.3.1. Chao Hung (1221): Ausführliche Aufzeichnungen über die Mongolischen Tatan
(Meng-Ta pei-lu) 43
4.3.2. P’eng Ta-ya und Sü T’ing (1237): Kurzer Bericht über die Schwarzen Tatan (Hei-
Ta shih-lüeh) 44
4.4. Die Perzeption der Mongolen in der Gegenwart. 46
5. Die Expansion der Mongolen - Versuch einer Erklärung 48
6. Ergebnisse und Schluss 51
7. Anhang 54
8. Zeitleiste 58
9. Quellen 60
10. Literatur 61
1. Einleitung
‚Dschingis Khan’ oder ‚Die Mongolen’. Beides sind Bezeichnungen für eine Epoche des Mittelalters, die von Eroberungen und Kriegen gekennzeichnet war. Auf der einen Seite die ruchlosen, brutalen und Bestien gleichen Horden des Mongolenfürsten Dschingis Khan und auf der anderen Seite der Rest der Welt, ständig in der Hoffnung, dass der Kelch noch einmal an ihm vorbeigehen und der Mongolensturm vor den Grenzen abflauen möge. So einfach stellt es die Geschichte dar - doch war dem wirklich so? Wie wurden eigentlich die Mongolen damals wirklich wahrgenommen, nur als die mordenden, unzivilisierten Barbaren der Steppe, oder gab es auch andere Geschichtsbilder?
In einem perzeptionsgeschichtlichen Ansatz soll dieser Frage nachgegangen werden. Im Fokus liegt dabei die Wahrnehmung der Mongolen in den Quellen der Zeit - in der Geheimen Geschichte der Mongolen (Eigenwahrnehmung), in westlichen (abendländischen) Reiseberichten und chinesischen Gesandtschaftsberichten. Dabei kommt sowohl die Perspektive der Sieger, als auch der bedrohten und der scheinbar neutralen Völker zum Vorschein. Letzteres bezieht auch die Analyse gegenwärtiger Geschichtsbilder ein. Verzichtet werden musste in dieser Arbeit auf die Bearbeitung muslimischer und russischer Quellen, die ebenfalls zu der Thematik gehören. Auch wurde der Zeitraum dieser Darstellung auf den Beginn der mongolischen Expansion und die unmittelbaren Nachfolger Dschingis Khans begrenzt. Dies bezieht sich mit Ausnahme der Analyse gegenwärtiger Überreste, nämlich Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, auch auf die Untersuchung der Perzeption mongolischer Expansion. Die ursprünglich geplante zusätzliche Untersuchung der Wahrnehmung während des Imperialismus im 19./20. Jahrhundert erwies sich ebenso als zu aufwendig, als die der Wahrnehmung während der Zeit des historisch deutschen Faschismus und des Kommunismus in der ehemaligen Sowjetunion, von der einige Erkenntnisse erhofft wurden. Dies bleibt nun anderen Forschungsvorhaben vorbehalten.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die logisch aufeinander aufbauen. Kapitel 2 und 3 dienen der Einführung in Geschichte und Lebensweise der Mongolen. Dies wird vor allem deshalb als wichtig erachtet, da es sich hier um eine Kultur handelt, die sich vollständig von der uns bekannten und gewohnten abendländischen Kultur des christlichen Mittelalters unterschied. Diese Tatsache muss dem Leser von Anfang an bewusst sein, damit nicht (ungewollt) der Fehler gemacht wird, abendländische Denkmustern, Werte und Sinnbildungen auf diese fremde Kultur anzuwenden. Kapitel 3 gibt zudem einen Überblick über die Gräuel und Massaker der Mongolen während ihrer Eroberungsfeldzüge. In Kapitel 4 werden oben genannte Quellen kritisch beleuchtet und auf ihre Aussagefähigkeit über die Perzeption der mongolischen Existenz untersucht. In Kapitel 5 wird versucht, zunächst mit Hilfe der Forschung, dann
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eigenständig auf der Grundlage bisheriger Ergebnisse, zu Erklärungen zu kommen, um die Unfassbarkeit mongolischer Gewalttaten rational zu deuten. Kapitel 6 setzt schließlich die gesammelten Erkenntnisse in Bezug zur ausgehenden Fragestellung und hält die Ergebnisse fest. Der Arbeit ist mit Kapitel 7 ein Anhang mit Abbildungen und Geschichtskarten angeschlossen und die Zeitleiste in Kapitel 8 soll dem Leser den Überblick erleichtern und für eine zeitliche Orientierung sorgen. Den Schluss bilden Verzeichnisse über verwandte Quellen und Literatur.
Die Kapitel 2, 3, 4.3 und 4.4 hat Björn Böhling verfasst, die Kapitel 4.1, 4.2 und 5 Simon Hollendung. Kapitel 1 und 6 wurden gemeinsam angefertigt. Die Verantwortung für das Ganze tragen beide Autoren.
2. Die mongolische Kultur und die Person des Dschingis Khan
Über die Mongolen des späten Mittelalters zu schreiben ist zunächst ein Wagnis. Der Leser mag sich prüfen, doch wird er wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, nicht allzu viel über Menschen und Kultur der Mongolei zu wissen. Wer kennt heute schon das mit immerhin
mehr als 1,5 Mio. km 2 große und mit ca. 2,1 Mio. Menschen besiedelte Land zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China? 2 Und wer weiß, dass die meisten Mongolen aber in der Inneren Mongolei innerhalb der Grenzen Chinas wohnen? Wenn man nach der Geschichte fragt, dann wird wohl noch weniger davon bekannt sein. Der Name Dschingis Khan ist wahrscheinlich vielen Menschen ein Begriff, doch ob sie ihn auch zeitlich und thematisch einordnen können? Das ist eher zu bezweifeln. Die Geschichtswissenschaft ist darin nicht ganz unschuldig, bekommt man doch anhand von Publikationen, universitären Seminaren und Diskussionen oft den Eindruck, das Mittelalter sei in erster Linie eine abendländische ‚Veranstaltung’ und habe in außereuropäischen Gegenden gar nicht statt-gefunden.
Aus dem Grund wird zunächst in die fremde (außereuropäische) Kultur und die mongolische Lebensweise eingeführt und im zweiten Teil das Leben Dschingis Khans bis zu seiner Wahl zum Großkhan skizziert, um dem Leser den historischen Gesamtzusammenhang nicht zu verschweigen.
2 Vgl. Neumann-Hoditz, Reinhold: Dschingis Khan, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2000, S. 8. Die Äußere Mongolei ist somit fast fünfmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland (Vgl. Statistisches Jahrbuch 2002 für das Ausland, hrsg. vom Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 2002, S. 178).
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2.1. Die Kultur und Lebensweise der Mongolen im späten 12. und frühen 13. Jh.
2.1.1. Gesellschaftsstruktur
Die Mongolei war im 12. Jh. ein von mehreren Völkern besiedeltes Gebiet. Die Bezeichnung ‚Mongolen’ übertrug sich aber erst im Laufe der Zeit auf alle Völker. Zuerst wurde da-mit lediglich eines unter vielen beschrieben. Neben dem Volk der ‚eigentlichen Mongolen’ 3 existierten im Kerngebiet der späteren Expansion z.B. noch die Kirgisen, Keräiten, Tataren
u.a. 4 Erst unter dem späteren Großkhan 5 Dschingis Khan wurden diese Völker zu den heute bekannten Mongolen zusammengefasst. Bis dahin war es ein weiter Weg und oft mussten die Mongolen in ihrem Gebiet eine Fremdherrschaft hinnehmen, nachdem andere Völker (z.B.
die Uighuren oder Tataren 6 ) die Oberhand gewonnen hatten.
Auch die eigentlichen Mongolen waren keine homogene Ethnie, sondern in eine große An-zahl von ‚Ulussen’ eingeteilt, was soviel wie ‚Stamm’ oder ‚kleine Nation’ bedeutete. 7 Von einer Eintracht zwischen diesen Stämmen, geschweige denn von einer gemeinsamen Politik,
konnte man nicht sprechen. Die Stämme wurden zwar früher schon unter einem Khan 8 zu einem Volk zusammengefasst, das musste aber nicht bedeuten, dass es auch als eine Einheit
handelte. 9 Bündnisse zwischen den Stämmen wechselten ebenso häufig, wie es Kriege unter ihnen und gegen die Nachbarvölker gab. Die Stammesführer waren zwar Vasallen des Khans, aber ihre Unabhängigkeit mussten sie dadurch nicht zwangsläufig vollständig verlieren. Grousset führt die Gesellschaftsstruktur weiter aus und beschreibt in der Hierarchie unter
Volk und Stamm auch noch Klane und Unterklane. 10
Nach der Lebensweise konnten die Mongolen in Hirtenstämme der Steppe und in Jäger-und Fischerstämme der Wälder eingeteilt werden. Dies ergab sich daraus, dass die Waldgren-
ze quer durch das Gebiet verlief. 11
3 Die Bezeichnung eigentliche Mongolen für die Mongolen des Ursprungsgebietes der Expansion taucht bei mehreren Autoren auf. Vgl. auch Neumann-Hoditz, der zusätzlich die Bezeichnung Altmongolen einführt (Neumann-Hoditz, S. 18).
4 Zur Verdeutlichung der Stämme und zur geographischen Lage siehe die Karte in Anlage I im Anhang.
5 Der Titel entsprach in etwa dem eines europäischen Kaisers.
6 Wichtig ist die Unterscheidung von Mongolen und Tataren als ursprünglich verschiedene Völker. Lediglich die Europäer haben diese Unterscheidung nicht gemacht, sondern Mongolenjoch gleich Tatarenjoch gesetzt.
7 Vgl. Grousset, René: Die Steppenvölker, Attila, Dschingis Khan, Tamerlan, Essen 1975, S. 269f.
8 Vergleichbar mit einem europäischen König.
9 Außerdem wurde diese Einheit schon bald wieder durch die Tataren, dem mächtigsten Stammesver-band der Gegend, beendet, die den mongolischen Khan zusammen mit dem benachbarten Reich der Chin besiegten (s.u.).
10 Vgl. Grousset, S. 270.
11 Aufgrund des langsamen Übergangs von Waldzonen zu Steppen und dann zu Wüsten kam es aber vor allem im Grenzgebiet auch zu vermischten Lebensweisen. Die Menschen passten sich an die Umweltbedingungen an und nutzten die Gegebenheiten aus.
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Die Struktur der Stämme war hierarchisch gegliedert. 12 Wie in anderen Feudalgesellschaften waren die Stufen durch vererbbare Treuebänder verbunden. 13 Ein gutes Beispiel für diese Verbindung ist Dschingis Khan selber, der, bevor er Khan der eigentlichen Mongolen wurde,
treu als Vasall dem Karäiten-König Toghril 14 diente. Trotz eigener Machtbestrebungen wurden diese Dienstverhältnisse im Prinzip eingehalten. Der Anspruch des Lehnsherren wurden von seinem Vasallen erst dann in Frage gestellt, wenn es zu persönlichen Konflikten kam. Die Begriffe Ehre und Treue waren in der mongolischen Gesellschaft tief verwurzelt und wurden weitgehend respektiert.
An der Spitze der Hirtenstämme (ke’er-un irgen) stand eine einflussreiche Aristokratie mit den Titeln Ritter (ba’aatur), Häuptling (noyan), Weiser (setchen/setsen) oder dem chinesischen Titel für Fürst (t’ai-tsi/taitchi). Dieser Adel hatte die Aufgabe, Weideland zu finden und die eigene Herde samt Schutzbefohlenen und Sklaven zu schützen. Außerdem hatte er den Oberbefehl über die niederen Klassen. In der Rangordnung folgten die Krieger oder Getreuen, wirkliche freie Männer, die Gemeinen oder die Klasse der Bürgerlichen und schließ-
lich die Sklaven, zu denen auch die Menschen der besiegten Stämme gehörten. 15 Bei den Waldstämmen (hoyin-irgen) schien die Aristokratie im Gegensatz zu den Hirtenstämmen keine so wichtige Stellung eingenommen zu haben. Einen besonderen Einfluss sollen dort die Schamanen besessen haben.
Über den Stämmen, quasi als verbindendes Glied, nachdem Dschingis Khan die eigentlichen Mongolen geeint hatte, stand die Dschingiskhaniden Familie, deren Oberhaupt der Khan bzw. Großkhan war. Zusammen mit den Prinzen bildete er die höchste Schicht der Mongolen. Sie waren die Besitzer der eroberten Landmassen. Jedem Prinzen wurden zur Verwaltung Weiden anvertraut. Dies war der Grundstein für die später entstehenden Dschingiskhaniden-Khanate.
2.1.2. Religion und Glaube
Religion und Glaube hatten einen starken Einfluss auf das Denken und Handeln der Mongolen. Der Khan (und natürlich auch der Großkhan) wurde als Stellvertreter des Himmels auf
Erden verstanden. „Als göttliches Wesen vollstreckt der König die himmlischen Befehle.“ 16 Daraus schöpfte der Herrscher Kraft, bewahrte sich aber auch die Furcht, den Zorn der Götter
12 Vgl. Grousset, S. 271f.
13 Vgl. Grousset, S. 310.
14 An dieser Stelle soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass es bei den hier vorgestellten Personen und Begriffen durchaus von Autor zu Autor verschiedene Schreibweisen gibt. Es wurde versucht, eine Schreibweise beizubehalten.
15 Vgl. Neumann-Hoditz, S. 21.
16 Neumann-Hoditz, S. 109.
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herauszufordern, die das Schicksal der Menschen bestimmten. Rituale und Opfergaben sollten die Götter milde stimmen und deren Unterstützung für Kriegszüge sichern. Doch nicht nur zum Himmel wurde mit Ehrfurcht aufgeblickt. Wie andere Naturvölker auch, waren die Mongolen der Meinung, ebenfalls alltägliche Objekte, Pflanzen oder Wasserquellen seien von den Göttern beseelt (Animismus). Deswegen war es z.B. verboten, sich in Quellen oder Wasserläufen zu waschen, um die Wassergeister nicht zu stören oder zu verletzen. Wegen dieser Allgegenwärtigkeit des Himmels schien es den Mongolen ratsam, sich mit den irdischen Vertretern, gleich welcher Religion auch immer sie zugehörten (buddhistische Mönche, Schamane, nestorianische Priester, taoistische Magier, tibetische Lamas, Franziskanermissionare, islami-
sche Mullahs), gut zu stellen. 17
So kam es zu der bedeutsamen Stellung der Schamanen in der mongolischen Gesellschaft,
„die an Ansehen und Einfluß dem Stammesfürsten nicht“ nachstanden, 18 denn zwischen „Göttern und Geistern und den Mongolen vermittelten die Schamanen.“ 19 Der Stand war erblich, oder jemand, der sich dafür berufen fühlte, nahm ihn individuell an. 20 Sie waren die Ansprechpartner zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen. Sie wanderten von Stamm zu Stamm und konnten durch ihren Rat und durch Weissagungen die Tagespolitik beträchtlich beeinflussen, denn ihre Anordnungen wurden als göttliche Entscheidungen akzeptiert. Vor allem Dschingis Khan konnte von den Weissagungen des Schamanen Kökötschü profitieren, der verkündete, Gott habe den jungen Temudschin (später Dschingis Khan) zum Khan über die
Mongolen erkoren 21 - wer sollte ihm den Titel da noch streitig machen?
2.1.3. Leben und Überleben
Die Stämme der Steppe lebten als Nomaden und zogen von Ort zu Ort, um für die Viehhaltung (meist Pferde und Schafe ) geeignetes Weideland zu finden. Sie bewohnten Filzzelte.
17 Deswegen war die später in den eroberten Gebieten verkündete Glaubensfreiheit nicht nur ein politischer Schachzug, um die Massen zu beruhigen. Der Ursprung der Glaubenfreiheit lag in der Verschiedenartigkeit der mongolischen Stämme. Die eigentlichen Mongolen huldigten uneingeschränkt dem Schamanismus, während sich z.B. die Naiman oder Karäiten zum Christentum der Nestorianer bekannten. Die direkten Nachbarn boten die Chance, die eigene Religion als eine unter vielen anzusehen. Es gab also Alternativen. Natürlich ist es trotzdem, besonders im Vergleich zu heute, wo noch immer religiöse Kontroversen Anlässe zu heiligen Kriegen oder Kreuzzügen bieten, als außerordentlich zu bewerten, dass die Mongolen wirkliche Glaubensfreiheit auch praktizierten.
18 Ratchnevsky, Paul: ýinggis-Khan, Sein Leben und Wirken, Wiesbaden 1983, S. 87.
19 Neumann-Hoditz, S. 115.
20 Vgl. Brent, Peter: Das Weltreich der Mongolen, Dschingis Khans Triumph und Vermächtnis, Bergisch Gladbach 1977, S. 30.
21 „Gott habe mit ihm [Kökötschü] gesprochen und ihm gesagt: ‚Die ganze Oberfläche der Erde habe ich Temüµin und seinen Söhnen gegeben’“. (Zitiert nach Ratchnevsky 1983, S. 38)
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Die Waldstämme lebten in Hütten aus Birkenrinde, von der Jagd 22 und vom Fischfang. 23 Mit Ochsenkarren zogen die Stämme turnusmäßig von Weidegebiet zu Weidegebiet:
„Manche dieser Wagen waren sechs Meter breit, mit übermannshohen Rädern versehen; sie wurden von zwei Reihen zu je elf Zugtieren befördert. [...] Bei der Ankunft am Ziel setzte man das Zelt ab und richtete sich sofort häuslich ein: Eine Hälfte diente als Raum für die Frauen und für den Küchenbetrieb, während die Männer in der anderen Hälfte ihre Besucher empfingen. Von der Feuerstelle inmitten des Zeltes erhob sich der Rauch und stieg durch die Dachöffnung nach draußen.“ 24
Das Leben der mongolischen Völker muss ein ständiger Kampf ums Überleben gewesen sein. Neumann-Hoditz beschreibt die Lebensbedingungen eindrücklich mit den Worten:
„Die unwirtliche Natur der Steppe mit ihren rauhen Winden, schneidender Kälte und sengender Hitze, die harten Bedingungen des Hirtenlebens ihrer nomadisierenden Bewohner, formten [...] widerstandsfähige Menschen [...] Im Norden liegen die undurchdringlichen sibirischen Wälder. Im Süden geht das Weideland in Sand- und Steinwüste über. Dazwischen erstreckt sich die Grassteppe, die im Frühling zu einem freundlichen, aber kurzen Leben erwacht, mit einer Vegetation, die nur entlang der Flüsse üppig genannt werden kann, die im Sommer verdorrt und in den langen Wintermonaten in einer Schneewüste erstarrt.“ 25
Das Gebiet der Mongolen hatte also von den kältesten Regionen, wie sie nur in der Arktis vorkommen, bis zu den heißesten Zonen alles zu bieten, was das Leben erschweren konnte. Lange, kalte und dunkle Winter brachten alle Aktivitäten zum Erliegen. Heiße Sommer trockneten den Erdboden aus und vernichteten die Vegetation bis auf die kümmerlichen Reste einer Steppe. An Landwirtschaft, die in China schon seit 7500 v.Chr. betrieben wurde, war un-
ter diesen Umständen gar nicht zu denken. 26
In dieser voragrarischen Gesellschaft bestimmte die Umwelt das Leben, und damit hatten sich die Mongolen frühzeitig abgefunden. So war es selbstverständlich, dass zur Not auch am Wegesrand gefundene tote Mäuse und Kleintiere oder die eigenen Hunde und Katzen die Speisekarte ergänzten. Dies brachte im Gegensatz zu heute keine Empfindlichkeiten hervor,
sondern war Bestandteil des täglichen Überlebenskampfes. 27
22 Allerdings jagten auch die Hirtenstämme Wild, wie z.B. die Antilope. Dies waren nur andere Tierarten und andere Jagdweisen, nämlich mit dem Pferd, dem Lasso und mit Pfeil und Bogen, während die Waldstämme aufgrund der Umgebung auch Fallen einsetzten.
23 Ratchnevsky unterscheidet in Waldvölker und Hirtenvölker (vgl. Ratchnevsky 1983, S. 5).
24 Brent, S. 29f. Als Beispiel dazu siehe die Abbildung in Anlage II im Anhang.
25 Neumann-Hoditz, S. 108.
26 Dies war der Grund für das Nomadenleben. Denn die z.T. riesigen Viehherden mussten ernährt werden und vernichteten innerhalb kürzester Zeit die ohnehin kümmerliche Vegetation.
27 Vgl. Brent, S. 30. Brent gibt zusätzlich das Beispiel eines im Schnee vom Erfrieren bedrohten Mannes an, der die Adern seines Pferdes öffnete, um das warme Blut zu trinken. Allerdings waren die Mongolen so wissend, dass sie die Wunden ihrer Pferde, immerhin ihr wertvollster Besitz, nach so einer Aktion auch wieder sicher verschlossen und ihre Tiere nicht über Gebühr als Zapfstelle gebrauchten.
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Das Pferd stellte den Mittelpunkt der mongolischen Gesellschaft dar. Die Pferde waren kaum größer als Ponys, aber von starkem Knochenbau und verfügten über ausgebildete Muskeln und eine beachtliche Ausdauer. Von Vorteil war die Bescheidenheit der Tiere bei der Futterwahl. Die oft spärlichen Erträge der Natur im Winter und Sommer waren ausreichend, um sie zu versorgen. Schon bevor die jungen Mongolen stehen konnten, wurden sie auf die Pferde gesetzt, was die Verbindung von Tier und Mensch zu einer Selbstverständlichkeit machte. Reiten, essen, trinken und schlafen waren die Tätigkeiten, die auf dem Rücken der Pferde ausgeführt wurden.
Der Reichtum der mongolischen Völker war, wenn man nur die materiellen Dinge betrachtet, äußerst bescheiden. Wolle, Pelze und Häute dienten als Kleidung und für die Herstellung der Ausrüstung. Aus der Stutenmilch wurde Quark, Käse und koumiss, das streng schmeckende, mongolische Getränk, gewonnen. Verfügten sie über Getreide, kam auch mal Schleimsuppe oder Brot auf den Tisch. Fleisch war Hauptbestandteil der Nahrung, und was nicht gleich aufgegessen werden konnte, wurde getrocknet oder geräuchert. Waffen, Waren und Schmuck stammten meist aus dem Handel mit weiter entwickelten Gesellschaften. Die Mongolen waren zwar soweit es ging an die natürlichen Umweltbedingungen angepasst, doch der Überlebenskampf stellte sich jeden Tag aufs Neue, sei es nun wegen der Natur oder der unzähligen Feinde, die die Stämme bedrohten.
2.1.4. Heeresaufbau und Kampftaktik
Das mongolische Heer war wie die zivile Gesellschaft nach dem Feudalprinzip organisiert,
das Bündnisse auf der Basis von Treue zwischen den Rangstufen vorsah. 28 Auf diese Weise waren die Befehlshaber der Zehntschaften (arban), Hundertschaften (djaghun), Tausendschaften (minggan) und Zehntausendschaften (tümen) verbunden. Der Hochadel (noyan) stellte die Führer der einzelnen Gruppierungen, und die unteren Klassen das Gros der Armeen. Der niedere Adel und die freien Männer besaßen das Privileg, persönliche Kriegsbeute und erlegte Tiere für sich zu behalten. Ein sozialer Aufstieg in die höchste Gesellschaftsklasse war für diese Kämpfer möglich, wenn sie sich im Kampf und auf der Jagd tapfer und erfolgreich zeigten. Das Gesellschaftssystem war also durchlässig, um die besten Männer für Führungsaufgaben im Heer zu gewinnen, oder aber um die schlechtesten
28 Vgl. Grousset, S. 310. Dschingis Khan hatte schon nach seiner Ernennung zum Khan damit begonnen, neue Strukturen bei Verwaltung und Militär aufzubauen. Die großen Reformen, Umstrukturierungen und Einschnitte in die traditionelle mongolische Lebensweise führte er allerdings erst nach seiner Ernennung zum Großkhan 1206 durch.
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von Führungsaufgaben abzulösen. 29 Neumann-Hoditz gibt allerdings an, im neuen Militärstaat der Mongolen sei die alte Stammesorganisation praktisch zerschlagen worden, denn die Tausendschaften setzten sich nun in der Regel aus den Angehörigen verschiedener Stämme
und Völker zusammen. 30 An dem strukturellen Aufbau der Gesellschaft änderte dies freilich nichts. Die Positionen wurden jetzt lediglich von anderen Personen besetzt. Die Klasseneinteilung blieb.
Wehrpflichtig waren zeitweise alle Männer im Alter von 15 bis 70 Jahren, die schärfster
Disziplin unterstanden. 31 Auf Ungehorsam oder Feigheit vor dem Feind stand die Todesstrafe. Beim Tod Dschingis Khans im Jahr 1227 hatte sich die Armee zu einer Stärke von 129.000 Mann entwickelt. Sie war in drei Flügel zu 62.000, 38.000 und 29.000 Soldaten eingeteilt und beinhaltete auch eine 10.000 Mann starke persönliche Elitewache des Großkhans. „Sie umgab
ihn wie eine Mauer und gab ihm Sicherheit und Stärke.“ 32 Sie bewachte den Herrscher Tag und Nacht, war nur dem Hoch- und Kleinadel zugänglich und Rekrutierungsbecken für die Generäle der Armee. Die Leibgarde ermöglichte auch, dass Dschingis Khan die jungen, aufstrebenden Kommandeure, die meistens Söhne alter Gefolgsleute waren, hier besonders gut im Blick und unter seiner Aufsicht halten konnte. Das neue Feudalsystem konnte sich so nicht selbständig machen, was seine innere Macht zu sichern verhalf. Grousset zitiert den Historiker Grenard, der den mongolischen Soldaten, dessen Auftauchen in feindlichen Gebieten allein schon für Angst und Schrecken sorgte, mit folgenden Worten beschreibt:
„‚Im Lager [...] trägt der Soldat eine Pelzmütze mit Ohrenklappen, Filzstrümpfe und Filzstiefel, einen bis unter die Knie reichenden Pelzmantel. In der Schlacht setzt er einen den Nacken bedeckenden Lederhelm auf und legt einen festen, geschmeidigen Harnisch aus schwarz lackierten Lederstreifen an. Die Angriffswaffen bestehen aus zwei Bogen und zwei Köchern pro Mann, einem Krummsäbel, einem Beil, einer am Sattel hängenden Eisenkeule, einer Lanze mit einem Haken, um den gegnerischen Rei- 29 So konnten z.B. auch Hirten, Zimmerleute oder Schmiede aufsteigen und die Autorität stammesfürstlicher Gewalt verdrängen. Neumann-Hoditz nennt diese neu entstandene Schicht eine Kaste einer erblichen Militäraristokratie (vgl. Neumann-Hoditz, S. 52).
30 Vgl. Neumann-Hoditz, S. 51. Da die Krieger, wie alle mongolischen Männer, mit ihren Frauen und Kindern zusammenlebten, veränderte sich durch die Zusammenfassung zu militärischen Gruppen auch die Zusammensetzung der Bevölkerung. Familien, die sich vorher überhaupt nicht kannten, lebten nun in einer Gemeinschaft, weil die Männer den gleichen Einheiten angehörten. Unterstützt wird diese These bei Ratchnevsky, S. 85.
31 Vgl. Ratchnevsky, S. 84.
32 Brent, S. 41. Dafür genossen die Gardisten besondere Privilegien. „’Wenn die auswärtigen Tausendschaftsführer sich meinen Leibwachen gleichstellen wollen und mit ihnen darüber in Streit geraten, werde ich den Betreffenden von den Tausenschaftsführern bestrafen’, verkündete ýinggis“ (Taube, Geheime Geschichte § 228, S. 160). Die Elitewachen standen also dem Rang nach über den gemeinen Soldaten.
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ter aus dem Sattel heben zu können, und einem Strick aus Pferdehaar mit einer Schlinge.’“ 33
folge erringen? 35 Die Antwort darin liegt in der besonderen Art der Kriegführung, die aus dem Nomadenleben resultierte und nun auch gegen zahlenmäßig starke Gegner eingesetzt wurde. Kurz zusammengefasst verlief ein Angriff in mehreren Stufen: Zunächst wurde auf den Feind gewartet, bzw. er wurde durch Späher verdeckt ausgekundschaftet. Hatte man ihn aufgespürt, konnte man ihn frontal angreifen und gleichzeitig durch die bewegliche Reiterei, mit der jahrhundertelangen Erfahrung von Treibjagden, mit einer Zangenbewegung von den Flügeln her einkreisen. Der so überraschte Gegner sah sich von feindlichen Reitern eingeschlossen, wodurch ihm nur noch der Überlebenskampf anstelle eines planmäßig organisierten Angriffs blieb. Hielt der Gegner trotzdem stand, zogen sich die Mongolen zurück, sammelten sich neu und griffen den unvorbereiteten, vielleicht schon von einem Sieg aufgrund der Flucht der mongolischen Reiter überzeugten Feind erneut an. Es kam auch vor, dass die ‚Flucht’ der Mongolen soweit fehlinterpretiert wurde, dass er ihnen unorganisiert in festem Siegesglauben folgte. Nun war er natürlich eine noch leichtere Beute. Noch bevor es zum eigentlichen Kontakt kam, konnten die Bogenschützen ihre Feinde auf eine Entfernung von ca. 200 bis 400 Meter treffen und für erste Verwundungen sorgen. Erst wenn sie genügend dezimiert und aus der Deckung gelockt worden waren, wurden sie von der mongolischen Haupt-
streitmacht mit Säbeln und anderen Kurzhandwaffen angegriffen und zumeist besiegt. 36
33 Zitiert nach Grousset, S. 312. Die Reiterei war in schwere, mit Lanzen bewaffnete und leichte, mit Pfeil und Bogen, Kavallerie eingeteilt. Außerdem konnten die schwerer Berittenen über eine vollständige, mit Metall verstärkte Lederrüstung verfügen (vgl. Brent, S. 31).
34 Vgl. Grousset, S. 312.
35 Zu der Beschreibung eines mongolischen Bogenschützen siehe Abbildung 2 (aus: Martyniouk, Aleksey: Die Mongolen im Bild, Orientalische, westeuropäische und russische Bildquellen zur Geschichte des Mongolischen Weltreiches und seiner Nachfolgestaaten im 13.-16. Jahrhundert, Hamburg 2002, S. 235 mit Bildanalyse, S. 63ff).
36 Vgl. Neumann-Hoditz, S. 72ff. Hinzu kamen noch Kriegslisten, von denen in Kapitel 3 noch die Rede sein wird.
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Grousset stellt einen möglichen Angriff dar. Durch solche Beschreibungen lässt sich wahrscheinlich am ehesten nachvollziehen, warum schon der Name Mongole ausreichte, um bedrohte Völker in Furcht zu versetzen. Natürlich darf auch der Mythos von der Unbesiegbarkeit der mongolischen Armee, die sich ja zu Zeiten Dschingis Khans und auch lange noch unter seinen Nachfolgern wirklich als unbesiegbar gezeigt hatte, nicht übersehen werden:
„Bei all diesen Operationen bringen die Mongolen das Entsetzen, das ihre Erscheinung, ihre Häßlichkeit und ihr Gestank einflößt, bewußt zur Geltung. Sie tauchen plötzlich und unerwartet auf, entfalten sich, verteilen sich auf breiter Front, nähern sich im verhaltenen Trab und in eindrucksvollem Schweigen, ohne laute Kommandos, gelenkt durch die Zeichen der Standartenträger. Und dann prescht plötzlich, im Augenblick des Angriffs, der ganze Haufen mit höllischem Geschrei los.“ 37
Allerdings muss die mongolische Kriegskunst wenigstens zu Beginn der Expansion auch kritisch gesehen werden. Sie war gänzlich ungeeignet, befestigte Plätze und Städte einzuneh-
men. 38 „Langwierige Belagerungskünste lagen den ungeduldigen Reitern nicht“. 39 Sie konnten zwar das Land verwüsten und fremde Heere schlagen, doch die Städte nicht zur Aufgabe zwingen. Das war zum Einen darin begründet, dass, wahrscheinlich weil die Mongolen selber keine Städte kannten und so nicht wussten, wo sie am verwundbarsten waren, sie über keine Techniken zur Belagerung von Städten verfügten und zweitens, dass sie ihre Kampftaktik beibehielten. Sie griffen wie gewohnt an und zogen sich dann wieder zurück. In der Zwischenzeit konnten die Städte die entstandenen Beschädigungen an den Befestigungsanlagen wieder instand setzen. Erst mit den Kriegserfahrungen, die durch die Expansion entstanden, passten sich die Mongolen an und lernten, Städte anzugreifen. Hauptsächlich durch die Erfahrungen aus den Kriegen gegen die Chinesen gewannen sie viele Erkenntnisse und Materialien, die sie in der Zukunft anwenden konnten. So schleuderten die Mongolen Feuer und Felsblöcke von ihren riesigen Katapulten und verwendeten Flammenwerfer und Sprengstoffe. Sie
bauten Türme, schütteten Gräben zu und rückten unter Schilddächern vor. 40 Von da an waren auch die Städte keine schützenden Zufluchtsorte mehr.
2.1.5. Zivilisationselemente
Obwohl die Mongolen im Vergleich zum Leben im christlichen Teil der Mittelalterwelt in von der Natur und durch äußere Bedingungen bedrohten und eingeschränkten Verhältnissen lebten, besaßen sie doch einige uns bekannte Zivilisationselemente. Auch wenn sie sie nicht immer selber entwickelten, sondern von anderen Völkern übernahmen, weist die Integration
37 Grousset, S. 314.
38 Vgl. Grousset, S. 316f und 319, sowie Brent 1977, S. 48.
39 Neumann-Hoditz, S. 75.
40 Vgl. Brent, S. 62.
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dieser Elemente in die eigene Kultur auf Offenheit und Aufgeschlossenheit hin. Ermöglicht wurde dies allerdings erst, nachdem Dschingis Khan die eigentlichen Mongolen und später die mongolischen Völker unter seine Herrschaft gebracht und vereinheitlicht hatte. Zu nennen ist hier in erster Linie die Schrift und die Amtssprache. Nach dem Zusammenbruch des Naiman-Reiches hatte Dschingis Khan den Uighuren T’at’-t’ung, den ehemaligen Siegelbewahrer, in seine Dienste genommen und ihm aufgetragen,
seine Söhne zu unterrichten. 41 Sie sollten lernen, das Mongolische in uighurischer Schrift zu schreiben und die offiziellen Akten durch Aufdrücken des kaiserlichen Siegels gegenzuzeich-
nen. Das war der Beginn einer Kanzlei. 42 Dies ist besonders unter dem Hinblick bedeutsam, da Dschingis Khan selber nicht lesen und schreiben konnte und deswegen über keinen persön-
lichen Bezug zur Schrift verfügte. 43 Trotz seiner kriegerischen Eigenschaften ließ er sich die naimanischen Verwaltungsmethoden erklären und erkannte sie als vorteilhafter als die eigene
Organisation. 44
Dem Tataren Šiggi-Quduqu übertrug er das Amt eines Großrichters und die Aufgabe, „gerichtliche Entscheidungen und Urteile sowie die Verteilung der Völkerschaften unter die mongolischen Adligen in die ‚Blauen Hefte’ (kökö däbtär) einzutragen“. Dadurch entstand der mongolische Rechtskodex (yassaq). „Durch den yassaq legt[e] der Großkhan der zivilen Gesellschaft wie der Armee (sie vermischten sich übrigens) eine strenge, vom Himmel ge-wollte Disziplin auf.“ 45 Der Kodex sah mit Tod für Mord, schweren Diebstahl, verabredete Lüge, Ehebruch, Sodomie, Hexerei, Unterschlagung allerdings auch recht drakonische Maß-nahmen vor. 46 Der zivile und militärische Ungehorsam wurde den allgemeinen Rechtsverletzungen gleichgestellt. Ergänzt wurde er durch Dschingis Khans Edikte. Offenbar hat die Androhung von harten Strafen nicht seine Absicht verfehlt, wenn man dem Franziskaner Johann von Carpini Glauben schenkt, der vermerkte:
„Die Tartaren [d.h. die Mongolen] sind das gehorsamste Volk der Erde gegenüber ihren Führern [...] sie verehren sie unendlich und sagen ihnen niemals eine Lüge. Es gibt bei ihnen keinen Streit, keine Meinungsverschiedenheiten, keine Morde [...]“. 47
Grousset folgt dieser Beschreibung und betont, „welch tiefe Wandlung der yassaq Dschin-
gis Khans in der mongolischen Gesellschaft herbeigeführt hat.“ 48 Doch nicht nur das Leben
41 Vgl. Grousset, S. 308.
42 Dass diese Kanzlei wirklich die ihr zugetragenen Aufgaben ausführte, bezeugen mehrere Schriftdokumente, u.a. auch das Zeugnis für einen verdienten Bogenschützen, das auf einen Stein geschrieben wurde (vgl. Neumann-Hoditz, S. 56).
43 Vgl. Brent, S. 43.
44 Vgl. Ratchnevsky, S. 86.
45 Grousset, S. 308f.
46 Vgl. Neumann-Hoditz, S. 58.
47 Zitiert nach Grousset, S. 309.
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Arbeit zitieren:
Simon Hollendung, Björn Böhling, 2003, Die "Schreckensherrschaft" der Mongolen unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern im 12./13. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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