Gliederung:
1. Einleitung 2
2. Das kulturelle Gedächtnis 3
2.1 Maurice Halbwachs´ Theorie zur sozialen Konstruktion der Vergangenheit 3
2.2 Ein Definitionsversuch 5
2.3 Der Gegenpol des kulturellen Gedächtnisses 6
3. Erinnerungsorte 8
3.1 Begriffsklärung 8
3.2 Unterscheidungen 9
3.3 Gesellschaftliche Bedeutung am Beispiel des Brandenburger Tors 13
4. Schluss: Steckt das kulturelle Gedächtnis in der Krise? 16
5. Literatur 17
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1. Einleitung
In den letzten Jahren zeigte sich in der Gesellschaft ein verstärktes Interesse an allem, was mit Vergangenheit und deren Bewältigung zu tun hat. Die mediale Verarbeitung von Vergangenheit und Erinnerung wurde vielseitig angelegt.
Zeitzeugenberichte bzw. Dokumentationen über diverse Abschnitte der jüngeren deutschen Geschichte und Autobiographien, die für sich sowohl Seriosität beanspruchen als auch die Sensationslust der Massen bedienen, erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit wie Verfilmungen zu wahren Begebenheiten, wie die Beispiele „Sophie Scholl“ oder „Der Untergang“ deutlich belegen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, woraus sich das Interesse an Vergangenheit speist, und wie diese Manie zu erklären ist.
Es scheint sich eine kulturelle bzw. soziale Notwendigkeit dahinter zu verberge n. Eine Art Strategie des Individuums, sich in der Welt zu verorten und eine Identität anhand kollektiver Erfahrungsräume und Erinnerungen zu bilden .
Der Begriff der „konnektiven Struktur“, die Jan Assmann in seinem Buch „Das kulturelle Gedächtnis - Schrift, Erinnerung und politische Identität in früheren Hochkulturen“ aufgreift, eignet sich hierbei besonders gut, um diesen Gedanken zu erweitern. Nach Assmann wird die Verbindung von Erinnerung, Identität und Tradition durch diese Struktur gewährleistet. Sie beinhaltet sowohl einen sozialen als auch einen zeitlichen Aspekt. Auf der sozialen Ebene entwickelt sie einen „gemeinsamen Erfahrungs-, Erwartungs- und Handlungsraum“ 1 mit der Gemeinschaft, der dem Individuum Vertrauen schenkt und Orientierung bietet.
Auf der zeitlichen Ebene verknüpft die konnektive Struktur die Vergangenheit mit der Gegenwart, „indem sie die prägenden Erfahrungen und Erinnerungen formt und gegenwärtig hält, indem sie in einem fortschreitenden Gegenwartshorizont Bilder und Geschichten einer anderen Zeit einschließt und dadurch Hoffnung und Erinnerung stiftet.“ 2 Hauptsächlich zielt diese Arbeit darauf ab, zu klären, wie Gesellschaften mit Erinnerung umgehen und welche Bedeutung den so genannten Erinnerungsorten zukommt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf zwei wesentlichen Aspekten kollektiver Erinnerung. Zum einen wird versucht, das kulturelle Gedächtnis von seiner Abstraktheit zu lösen und seine Besonderheit begrifflich darzustellen.
1 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis - Schrift, Erinnerung u. politische Identität in früheren Hochkulturen
4. Auflage. Verlag C.H. Beck. München 2002. S. 16
2 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Verlag C.H. Beck. S. 16
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Zum anderen wird das kommunikative Gedächtnis als Gegenpol zum kulturellen Gedächtnis aufgegriffen, dessen Charakter und gesellschaftliche Bedeutung anhand des Brandenburger Tors als typischer, deutscher Erinnerungsort erläutert werden soll.
Im Laufe der Recherche zu dieser Arbeit trat die Frage, inwieweit das kulturelle Gedächtnis in der modernen Gesellschaft noch greift und woran es sichtbar wird, immer manifester zutage. Es hat den Anschein, als hätte das kulturelle Gedächtnis seine Rolle in der Moderne eingebüßt und eher dem kommunikativen Gedächtnis Raum gegeben.
Ob sich das kulturelle Gedächtnis wirklich in der Krise befindet und welche Faktoren dies ausgelöst haben könnten, soll nach dem Hauptteil der Arbeit im Anschluss geklärt werden.
2. Das kulturelle Gedächtnis
2.1. Maurice Halbwachs´ Theorie zur sozialen Konstruktion der Vergangenheit Maurice Halbwachs, der bei Durkheim studierte und stark von dessen Begriff des Kollektivbewusstseins beeinflusst war, begreift das Gedächtnis prinzipiell als ein soziales Phänomen und schließt somit die physiologischen Aspekte gänzlich aus. Das Gedächtnis bildet sich im Individuum erst durch Interaktion und Kommunikation in der Gruppe aus. Im Laufe des Sozialisationsprozesses wird das gemeinschaftliche Identitäts - und Selbstbild auf das Individuum übertragen, sodass die Erinnerungen der Gruppe zur eigenen Erinnerung transformiert werden.
Das gemeinschaftliche Gedächtnis, bestehend aus Personen, Erfahrungen und historischen Fakten, wird verfestigt, indem ihm ein Symbolcharakter zugeschrieben und ein Sinn verliehen wird. Praktisch bedeutet das, dass die kollektive bzw. kulturell geprägte Erinnerung der Gemeinschaft durch konkrete Ereignisse, Orte oder Personen am Leben erhalten werden. Aus dieser Verbindung zwischen Erfahrung und Symbolik entwickeln sich nach Halbwachs so genannte Erinnerungsbilder, die sich durch drei wesentliche Elemente auszeichnen.
a) Raum - und Zeitbezug
Auf die räumliche und zeitliche Einbettung der Erinnerungsbilder ist das kollektive Gedächtnis angewiesen. Die Erinnerung wird zeitlich manifestiert, indem zum Beispiel periodische Festtage fixiert werden. Dadurch wird die kulturelle Erinnerung zur kollektiv erlebbaren Zeit. Gleiches geschieht beim räumlichen Bezug.
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„Jede Gruppe, die sich als solche konsolidieren will, ist bestrebt, sich Orte zu schaffen und zu sichern, die nicht nur Schauplätze ihrer Interaktionsformen abgeben, sondern Symbole ihrer Identität und Anhaltspunkte ihrer Erinnerung“ 3
b) Gruppenbezug
Das kollektive Gedächtnis bezieht sich allein auf die Gruppe und ist nicht variabel. Es ist streng mit der Identität der Gruppe verbunden, es stiftet Sinn und Wert des gesamten Lebens. Die Erinnerungsbilder bilden nicht nur die Vergangenheit nach, sondern spiegeln gleichzeitig die kollektive Wesensart, ihre Eigenschaften und Schwächen 4 wieder. Das Gedächtnis einer sozialen Gemeinschaft wird vor allem durch zwei Aspekte erhalten. Zum einen liegt ihre Besonderheit in ihrem Wesen als Gruppe, was sie nach außen von anderen unterscheidet und was sie selbst hervorhebt.
Zum anderen bezieht sie ihre Identität durch das kontinuierliche Bewahren und Kultivieren ihres Charakters. Die Gruppe braucht Konstanz, um nicht auseinander zu brechen. Somit liegt ihr Ziel in dauerhaftem, unwandelbarem Fortbestehen.
c) Rekonstruktivität
„Damit ist gemeint, dass sich in keinem Gedächtnis die Vergangenheit als solche zu bewahren vermag, sondern dass nur das von ihr bleibt, was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihrem jeweiligen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“ 5 Sie wird in einen neuen Bezug zur wandelnden Gesellschaft gestellt und richtet die Gegenwart und Zukunft auf diese Weise neu aus. Neue Ideen sind letztlich nichts weiter als die Wiederbelebung vergangener Werte und Vorstellungen.
An Maurice Halbwachs´ Theorie zur sozialen Konstruktion der Verga ngenheit lässt sich deutlich erkennen, wie sehr die kulturelle Identität einer Gemeinschaft mit deren gemeinschaftlicher Erinnerung zusammenhängt und welchen Einfluss die gemeinschaftliche Erhaltung der Erinnerung auf das Individuum ausübt.
Die kulturelle Vergegenwärtigung von Vergangenheit stärkt das Selbstbild jeder sozialen Gruppe ebenso wie das eines Individuums und bewahrt es gleichwohl.
3 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Verlag C.H. Beck. S.39
4 vgl. Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Verlag C.H. Beck. S. 40
5 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Verlag C.H. Beck. S.40
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Arbeit zitieren:
Heidi Fischer, 2005, Das kulturelle Gedächtnis und die gesellschaftliche Bedeutung von Erinnerungsorten am Beispiel Brandenburger Tor, München, GRIN Verlag GmbH
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