Vorwort
Bei der Suche nach einem adäquaten Thema für die anzufertigende Hausarbeit, in der sowohl sozialwissenschaftlich als auch polizeilich relevante Aspekte berücksichtigt werden sollten, fiel die Entscheidung auf das Thema Suizid. Die Auswirkungen dieses von Endgültigkeit geprägten und weitenteils totgeschwiegenen Phänomens sind enorm. Zwar bezieht sich dies primär auf den Kreis der regelmäßig hilf- und ratlosen Hinterbliebenen aus der engeren sozialen Umgebung. Aber auch für die polizeiliche Arbeit ist die Kenntis von Ursachen und Motiven sowie erfolgversprechender Präventions- und Bewältigungsstrategien vorteilhaft. Sei dies zum einen in der Situation, in der ein Mensch seine suizidalen Gedanken noch nicht in die Tat umgesetzt hat, und die Polizei vor Ort ihrem Auftrag, Leben zu erhalten, nachkommen will. Umso bedeutender ist in solch einem Fall, daß die Ankündigung eines Suizids oft genau das Gegenteil dessen bewirken soll, was sie vordergründig zum Ausdruck bringt, nämlich weiterzuleben, was oft an der Banalität der Motive dem objektiven Betrachter klar erscheint. Derjenige hingegen, der inhaltlich mit seinem säkularen (irdischen) Leben abgeschlossen hat, hat dies beim Eintreffen der Beamten am Ort des Geschehens in den meisten Fällen auch schon physisch getan.
Zum anderen dient dieses Hintergrundwissen als eine Art Schutz vor Selbstvorwürfen, sofern der gesetzliche Auftrag einmal fehlschlägt. In letzterem Fall kann dieses angeeignete Hintergrundwissen aber auch für Dritte von essentieller Bedeutung sein. Denn nicht selten fühlen sich dem Suizidenten nahestehende geschockte Personen kurzentschlossen animiert, es ihm gleich zu tun. Entsprechend wichtig ist das taktische richtige Vorgehen beim Überbringen von Todesnachrichten im allgemeinen wie im speziellen.
Der Definition im Zusammenhang mit dem Suizid stehender Begrifflichkeiten sowie modi operandi folgt ein kurzer Einblick in die demographische Verteilung. Im Anschluß werden diverse theoretische Ansätze, die das Phänomen des Suizids in seinen kausalen Faktoren zu beschreiben versuchen, dargestellt und diskutiert. Es sei vorab erwähnt, daß die Darstellung aus Gründen der Vielfalt und, dem entgegenstehend, des vorgegebenen Umfang der Arbeit, nicht abschließend erfolgen kann. Abschließend werden praktische Hinweise gegeben sowohl für die Situation, in der Polizeibeamte mit Suizidären verhandeln müssen, als auch für die Verarbeitung des unvermeidbaren Suizids. Aus Gewohnheit nimmt der Autor sein gutes Recht wahr, sich noch der alten deutschen Rechtschreibung zu bedienen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Begriffsbestimmungen 2
3 Die demographische Verteilung 4
4 Erklärungstheorien des Suizids 5
4.1 Ursachen, Motive, Phänomene 7
4.2 Soziologische Aspekte suizidalen Handelns 8
4.3 Das präsuizidale Syndrom nach Erwin Ringel 11
4.4 Gemeinsamkeiten / Folgerungen 12
5 Polizeilicher Nutzen aus den wiss. Erkenntnissen 13
5.1 Für die Verhandlung mit dem Suizidalen 14
5.2 Für die Be- und Verarbeitung im Fall des vollendeten Suizids 16
6 Nachwort 17
Literaturverzeichnis 18
1. Einleitung 1
1 Einleitung
Im Jahr 2002 setzten in der Bundesrepublik Deutschland 11163 1 Menschen ihrem eignem eigenen Leben absichtlich ein Ende. Dies entspricht einer Rate von 12 aus 100.000 Personen. Damit starben im selben Zeitraum rund 64% mehr Menschen durch Selbsttötung als durch (unbeabsichtigte) Straßenverkehrsunfälle (6842). Von 1982 bis 2002 ist sowohl die Zahl der fatal geendeten Verkehrunfälle als auch die der Suizide stark zurückgegangen. Kritisch anzumerken bleibt, daß es sich bei diesen Daten nur um die tatsächlich bekanntgewordenen und dementsprechend eingestuften Fälle handelt. Demzufolge spiegeln sie so auch nur das Hellfeld wider. Keine Berücksichtigung finden aus systematischen Gründen die Fälle nicht erkannter Suizide. Da Suizidversuche in Deutschland straffrei sind und keiner Meldepflicht unterliegen, kann die entsprechende Zahl nur geschätzt werden. Expertenschätzungen zufolge beträgt das Dunkelfeld der Suizidversuche das zehn- bis zwanzigfache der als solche erkannten vollendeten Suizide. 2 Da es sich bei dem Phänomen des Suizids ohnehin um ein totgeschwiegenes Tabuthema handelt, ist regelmäßig niemand aus dem Kreis naher Angehöriger von Betroffenen daran interessiert, sich unbequemen Nachfragen anderer zu stellen. Aus Scham wird, soweit irgendwie möglich versucht, den Schleier der Verschwiegenheit über die Angelegenheit zu werfen, mit dem Ziel, den Vorfall schnellstmöglich wieder zu vergessen. Denn immernoch werden suizidales Verhalten bzw. suizidale Erwägungen vom Großteil der Gesellschaft pauschal als geisteskrank angesehen. Selbst der in seiner Antizipation erfolgreiche Suizidant trifft in vielen Fällen Vorkehrungen, die dazu beitragen sollen, den eigenen Tod als natürlichen oder als schicksalhaften Unfall erscheinen zu lassen. So werden, wie zum Beispiel jüngst im Fall des Jürgen W. Möllemann, erst bei auffälligen Abweichungen, Ungereimtheiten und ungeklärter Todesursache langwierige Untersuchungen und Ermittlungen angestellt, um die tatsächliche Todesursache festzustellen. Der Versuch, die tatsächliche Todesursache zu vertuschen kann vom Suizidanten durchaus als ”fürsorglicher Trostbeschleuniger” für Angehörige eingesetzt werden, um sie keinenewig unbeantworteten Fragen und Selbst-vorwürfen auszusetzen und ihnen wenigstens die Lebensversicherungsprämie hinterlassen zu können. Auf der anderen Seite können aber auch die Angehörigen von sich aus ein Interesse daran haben, den Suizid aus zuvor genanntem Grunde zu verdunkeln, indem sie beispielswei-
1 Vgl. Statistisches Bundesamt, http://www.destatis.de
2 Vgl. Gestrich, J.: Suizid., in: Hermanutz, M., Ludwig, C., Schmalzl, H.P. (Hg.): Moderne Polizeipsychologie
in Schlüsselbegriffen. 2. Auflage, Boorberg Verlag, Stuttgart, 2001, S.233
2. Begriffsbestimmungen 2
se die geleerte Verpackung der Barbiturate und das Wasserglas aus der unmittelbaren Nähe des im Bett liegenden Entschlafenen entfernen.
Letztendlich sollen obige Betrachtungen kurz und einleitend herausstellen, daß die vom Statistischen Bundesamt erfaßten Zahlen die Thematik quantitativ nur zu einem Bruchteil erfassen, worin auch sich auch qualitativ die gesellschaftliche Akzeptanz des Phänomens und seine Ausformungen widerspiegeln. Die Polizei hat sich in vielen Fällen mit dem Tod anderer Menschen auseinanderzusetzen. Sei es, daß der jemand Opfer seiner selbst werden soll, oder daß der Tod bereits festgestellt wurde. In beiden Fällen besteht die Pflicht, tätig zu werden. Im ersten Szenario, in dem grundsätzlich davon auszugehen ist, daß sich der Suizidant in einer den freien Willen ausschließenden Lage befindet, und die Polizei ermessensreduziert gefahrenabwehrend tätig werden muß. Im zweiten stellt sich für die ersten Beamten vor Ort immer die Frage, ob es sich beim vorliegenden um einen natürlichen Tod handelt oder nicht, woraus sich je nach Lage entsprechende Ermittlungsverpflichtungen ableiten.
2 Begriffsbestimmungen
Im Zusammenhang mit dem Thema Suizid werden oftmals verwandte Begriffe gleichgesetzt. Der Begriff Suizid (lat. sui caedere = sich töten) wird oft synonym verwandt mit den Begriffen Selbstmord, Freitod und Selbsttötung. Die Gleichsetzung ist jedoch nicht gerechtfertigt, da jeder Ausdruck eine differierende Wertung enthält. Während die Bezeichnungen Suizid und Selbsttötung "den gelungenen Versuch, aus dem Leben zu scheiden" 3 , neutral bewerten, bringt das Element -mord eine ächtende Einstellung zur Tat zum Ausdruck. Auch aus juristischer Sicht ist die Bezeichnung -mord nicht korrekt, da es an der Tatbestandsmäßigkeit eines Mordes mangelt. Dem gegenüber steht der Freitod, welcher, wenn auch durch äußere Widrigkeiten induziert, in letzter Konsequenz doch aus liberaler Entscheidung durch die eigene Hand herbeigeführt wird. 4 Die Liberalität des Begrif”|fs suggeriert zugleich die Freiheit, sich vor anderen als einem selbst für den persönlich eingeleiteten eigenen Tod rechtfertigen zu müssen. Diese Ansicht ist jedoch aus moralischen, religiösen und ethischen Gründen fragwürdig. Zwar ist im Freitod das Resultat einer Willensentscheidung zu sehen; diese ist aber in
3 Biet, P., Pohlmeier, H. (Hg.) : Suizidalität als Problem christlicher Ethik. S. Roderer Verlag, Regensburg,
1990, S. I
4 Vgl. Amery, J.: Hand an sich legen - Diskurs über den Freitod. Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1976, S. 11
2. Begriffsbestimmungen 3
den seltensten Fällen eine wirklich freie Entscheidung, sondern eher das Ergebnis einer psychischen Störung. 5 Damit wäre fälschlicherweise unterstellt, daß jeder, der den Freitod stirbt, psychisch krank ist.
Als Suizidaler wird die Person bezeichnet, die suizidgefährdet ist, sich also mit Suizidgedanken trägt. Der Suizidant hingegen ist derjenige, welcher den Suizidversuch unternimmt bzw. erfolgreich unternommen hat. 6
Für den Leichensachbearbeiter ist von krimialistischer Relevanz, ob ein Mord, ein Suizid oder ein Unglücksfall vorliegt. 7 Desweiteren werden folgende Arten von Suiziden beziehungsweise Suizidversuchen unterschieden: 8
• Verschleierungssuizid liegt vor, wenn der Suizident oder andere den Suizid verschleiern, um der Angst vor Schmach vorzubeugen oder wirtschaftlichen Interessen zuliebe, zum Beispiel durch Betrug des Lebensversicherers.
• Kurzschlußsuizid bezeichnet die spontane Selbsttötung, die durch plötzliche, schockierende, verhängnisvolle und auswegslos erscheinende Situationen ausgelöst werden kann, zum Beispiel durch die Mitteilung, daß die eigene Familie bei einem Autounfall ausgelöscht wurde.
• Selbsttötung bei psychischer Erkrankung beschreibt die Suizidhandlung, aufgrund psychischer Krankheiten, beispielsweise Schizophrenie, endogenen Depressionen, Neurosen, etc.
• Bilanz-Suizid begeht derjenige, der in vollem nüchternen Bewußtsein nach ausgiebiger Abwägung zu dem Schluß kommt, daß sein eigenes Leben nicht mehr lebenswert ist. Beispiele dafür sind hoffnungslose Schwerkranke und Schmerzpatienten.
• Demonstations-Suizid beschreibt einen Suizid, dessen Vollendung nicht geplant war. Eigentlich sollte der Versuch die Mitmenschen des Betroffenen auf dessen scheinbar nicht allein lösbaren Probleme hinweisen.
5 Vgl. Gestrich, J.: a.a.O., S. 231
6 Vgl. Biet, P.: a.a.O., S. II f
7 Vgl. Herok, P.: Phänomenologie des Suizids. Versuch einer Ursachenforschung anhand von Selbstmordfäl-
len im Bereich einer Flächendirektion, in: Polizeinachrichten - Berufskundliche Hefte der Polizei, 36.Jg, Heft 5
/ September 96, S.2-4
8 Vgl. Herok, P.: a.a.O., S. 2
Arbeit zitieren:
Markus Meier, 2005, Suizid - Eine Betrachtung sozialer und polizeilicher Aspekte, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
You'll never walk alone, aber wohin? Gewalt um und durch den Sport...
Hausarbeit, 26 Seiten
Emile Durkheims Werk "Der Selbstmord" vor dem Hintergrund vo...
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Suizid - Gesellschaftlicher Umgang mit Selbsttötung
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 47 Seiten
Markus Meier's Text Suizid - Eine Betrachtung sozialer und polizeilicher Aspekte ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Markus Meier hat den Text Suizid - Eine Betrachtung sozialer und polizeilicher Aspekte veröffentlicht
Markus Meier hat einen neuen Text hochgeladen
Der polizeiliche Umgang mit suizidgefährdeten Personen und Suicide by...
Handlungs- und Verhandlungsvor...
Dietmar Heubrock
Kunst statt Strafe. Eine dialogische Betrachtung der ästhetischen Arbe...
Susanne M. Hüser-Granzow
A Ambuhl
Interdisziplinäre Aspekte des Übersetzens und Dolmetschens. Interdisci...
Judith Muráth, Agnes Oláh-Hubai
Ethische Aspekte der Forschung und Verwendung menschlicher Stammzellen
Der Text von der Stellungnahme
. Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien, Europäische Kommission
Soziale Netzwerke und soziales Vertrauen in den Transformationsländern
Social Networks and Social Tru...
Klaus Roth
0 Kommentare