Inhaltsverzeichnis
1. E i n l e i t u n g 1
2. Formale und stilistische Untersuchung der Ode Die Sprache 2
2.1. Versmaß und metrische Besonderheiten 2
2.2. Stilistische Auffälligkeiten 4
2.3. Gedankengang 8
3. Die Bedeutung der Ode Die Sprache für das Gesamtwerk Klopstocks 10
3.1. Metrik und metrische Erfindungen 10
3.2. Stilistik und sprachliche Gestaltung 12
3.3. Abschließende Interpretation der Ode Die Sprache 13
4. Schlussbetrachtung 16
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 1 7
II
1. Einleitung
Klopstock - was verbindet man in der heutigen Zeit mit diesem Namen? Wenn man ihn überhaupt kennt, dann sind es wahrscheinlich die schwerverständlichen und ‚knarrenden’ Gedichte, die eher abschreckend wirken und daher weniger zur Lektüre einladen. Kaum wird vermutet, dass dieser Dichter zu seinen Lebzeiten (und durch seine Erneuerungen und Erfindungen, besonders der freien Rhythmen, auch nach seinem Tode) ein bedeutender Lyriker war und sich zeitweilig großer Beliebtheit erfreute. Die Verehrung Klopstocks, wie sie auf der Höhe seines Schaffens stattfand, beschränkte sich jedoch auf einen ausgewählten Kreis, denn so wie er begeisterte, so wirkte er auch polarisierend auf seine Zeitgenossen. Die Kritik, die Klopstock gegenüber erhoben wurde, bezog sich hauptsächlich auf die Sprache seiner Dichtung (besonders auf die inhaltliche und stilistische Dunkelheit seiner Verse), sowie auf seine „religiöse Schwärmerei“. 1 Es kam zu einer regelrechten Spaltung der Gelehrten und Dichter in Bezug auf die Frage, wie ‚richtige’ Poesie auszusehen habe 2 . Doch diese Vorwürfe können nur von einem Unverständnis herrühren, das nicht die Intention begreift, die besonders hinter der Erneuerung der poetischen Sprache steht und ebenso die Dichtung Klopstocks einzig auf das religiöse Moment reduziert. Klopstock verstand sich zwar selbst vornehmlich als religiösen Dichter, doch besonders die zahlreichen Oden, die er geschaffen hat, sind ein Beweis dafür, dass sein poetisches Schaffen in Hinblick auf die Thematik viel weitreichender ist. Neben religiösen Inhalten befasste sich Klopstock in seinen Oden hauptsächlich mit den Themenbereichen Freundschaft, Liebe (besonders in den Oden an Fanny und Cidli) und der Französischen Revolution, aber auch die griechische Mythologie (in seinem Spätwerk die germanische Mythologie) findet sich in fast allen Oden wieder. In der späten Phase der poetischen Entwicklung Klopstocks waren unter anderem auch Betrachtungen über Dichtung und Sprache, sowie Erinnerungen Inhalt seiner Dichtung, wenngleich sie auch nicht den Hauptbestandteil ausmachten. So wie zum Beispiel die Liebesoden, die Freundschaftsoden oder die Oden an die Französische Revolution zu bestimmten Phasen einer poetischen Entwicklung Klopstocks gezählt werden können, so gehören seine Oden über die Sprache eigentlich nicht zu einer Schaffensphase in seinem Gesamtwerk. Sie sind vielmehr eine Randerscheinung, was jedoch nicht ihre Bedeutung schmälert. Denn genau genommen sind diese Oden poetisierte Theorie, die sich in irgendeiner Form in allen anderen Oden, generell in allen seinen Werken findet. Trotzdem wurde diesen Oden in der Forschung bisher nur sehr wenig Beachtung geschenkt,
1 Kemper, Hans Georg: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 6.1.: Empfindsamkeit. Tübingen. 2002. S.417
2 Hierzu ausführlich: Schneider, Karl Ludwig: Klopstock und die Erneuerung der Dichtersprache im 18. Jahrhundert. Heidelberg. 1960. Auf eine eingehende Betrachtung der Vorwürfe gegen Klopstock, die von Gottsched und seinen Anhängern vorgebracht wurden, muss hier aus Platzgründen verzichtet werden.
1
was ihrer eigentlichen Bedeutung nicht gerecht wird, denn es ist nicht zu leugnen, dass gerade die Sprache das Besondere an Klopstocks Dichtung ausmacht. Hinzu kommt, dass Klopstock sich im Alter besonders theoretisch mit Fragen über Sprache und Dichtung beschäftigt hat und diese Probleme unter anderem in Oden thematisierte. Kemper urteilt hierzu sehr treffend: „Es ist ein eigentümlicher Zug von Klopstocks Entwicklung, daß er in seiner Jugend eine große sprachschöpferische Leistung vollbrachte, dann aber in späteren Jahren immer mehr versuchte, das von ihm selbst intuitiv Geschaffene reflektierend zu durchdringen und zu rechtfertigen.“ 3 Zu den Oden, die hauptsächlich den Fragen und Problemen der deutschen Dichtersprache gewidmet sind, gehört auch die Ode Die Sprache aus dem Jahre 1782. Sie spiegelt am besten und prägnantesten die Ansichten Klopstocks in Bezug auf Dichtung und Sprache wider. Um dem Verständnis und der allgemeinen Bedeutung dieser Ode näher zu kommen, werde ich zunächst auf die einzelnen formalen und stilistischen Aspekte der Ode selbst eingehen, dies sind Metrik, Stilistik und Gedankengang, um dann anhand der gewonnenen Erkenntnisse einen Bezug zum Gesamtwerk und den allgemeinen Auffassungen über Sprache und Dichtkunst Klopstocks herzustellen und so den universalen Charakter der Ode zu skizzieren. Dabei gehe ich von der Grundannahme aus, dass die Ode Die Sprache, wie oben bereits angesprochen wurde, sowohl eine Rechtfertigung der praktizierten Dichtung Klopstocks, aber auch die praktisch demonstrierte Theorie seiner Auffassungen über die Poesie darstellt und dementsprechend indirekt in allen Werken seiner Dichtung mehr oder weniger wieder zu finden ist, bzw. deren Grundlage ausmacht. Damit wäre diese Ode ein durchaus repräsentatives und exemplarisches Muster, das die Grundzüge der Lyrik Klopstocks auf einen Punkt bringt. Dies zu zeigen wird, neben der Analyse und Interpretation der Ode selbst, das Ziel dieser Abhandlung sein 4 .
2. Formale und stilistische Untersuchung der Ode Die Sprache
2.1. Versmaß und metrische Besonderheiten
Wie bereits erwähnt, zählten zu den maßgeblichen Erneuerungen der Dichtung im 18. Jahrhundert durch Klopstock, die sich auch nach seinem Tod durchsetzten, zu einem großen Teil seine metrischen Erfindungen, wozu vor allem die „Eindeutschung des Hexameters“, die „Erneuerung [aber auch Abwandlung] der antiken Odenformen“ und die „Einführung freirhythmische[r] Gedichte“ 5 zählt. Der Begriff des ‚freirhythmischen’ Versmaßes darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht falsch verstanden werden, denn eigentlich sind selbst
3 Kemper, Hans Georg: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 6.1.: Empfindsamkeit. Tübingen. 2002. S.436
4 Dabei muss jedoch auf einen expliziten Vergleich mit anderen Werken Klopstock weitestgehend verzichtet werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Vielmehr wird hierbei auf theoretische Auffassungen und Äußerungen Klopstocks verwiesen werden, die diese These bestätigen.
5 Klopstock, F.G. Oden: Herausgegeben von Karl-Ludwig Schneider. Stuttgart 1999. S. 176
2
diese freien Rhythmen nach einem bestimmten Konzept konstruiert worden und keineswegs zufällige Gebilde. Da Klopstock jeder Ode ein bestimmtes Versmaß zu Grunde legte, wurde der jeweiligen Ode gleich das entsprechende metrische Schema vorangestellt, da das Versmaß nicht unbedingt aus dem Text erschlossen werden kann. 6 Der Ode Die Sprache wird folgendes Versmaß zu geordnet: 7
Auf den ersten Blick besteht dieses Metrum aus einem Wechsel von drei-, vier-, fünf- und sechshebigen Versen mit unterschiedlicher Füllung und umschließender Kadenz (die weibliche umschließt die männliche Kadenz). Wie es für Klopstock üblich war, wird auch in dieser Ode ganz auf einen Reim verzichtet. Des Weiteren steht im ersten Vers nach acht Silben, im zweiten und vierten Vers nach vier Silben eine Zäsur. Die gesamte Ode setzt sich aus 12 Strophen zusammen, wobei jede Strophe aus vier Versen besteht und diesem Versschema mit leichter Varianz folgt (das Symbol
Hebung o d e r eine Senkung realisiert wird). Bei genauer Betrachtung kann dieses scheinbare Durcheinander ein wenig systematisiert werden, indem man die Verse in einzelne zwei- und dreisilbige Versfüße teilt. Dabei ergibt sich, dass am häufigsten der Versfuß Choriambus 8 (vv-) und der 3. Päon (vv-v) verwendet (drei Mal) wurde, es finden sich aber auch die Versfüße Anapästus (vv-), Kretikus (-v-), 2. Päon (v-vv) und Amphibrachys (v-v) (jeweils ein Mal), sehr marginal sind hingegen die Versfüße Antibacchius (--v), und Molossus (---) und steigender Jonikus (vv--) vertreten, da sie nur gelegentlich verwendet werden. 9 Schematisch dargestellt würde dies folgendermaßen aussehen:
Diese Einteilung in einzelne Versfüße scheint momentan ziemlich willkürlich und sinnlos, sie kann jedoch überaus nützlich sein, wenn man verstehen möchte, weshalb Klopstock einer Ode ein bestimmtes Versschema zugeordnet, bzw. explizit für diese Ode konstruiert hat.
6 Diese metrischen Schemata werden bedauerlicherweise in neueren Odenausgaben nicht mehr berücksichtigt
7 Klopstock, F.G. Oden: Herausgegeben von Karl-Ludwig Schneider. Stuttgart 1999. S. 160
8 Die terminologische Bezeichnung folgt den Angaben Wagenknechts in: Wagenknecht, Christian: Deutsche Metrik. Eine historische Einführung. München 1993
9 Eine andere Einteilung wäre durchaus denkbar, es wird sich jedoch zeigen, dass diese ganz vorteilhaft ist.
3
Man darf sich keineswegs vorstellen, dass Klopstock wahllos ein Versmaß als Matrize verwendet hat, um dann irgendwelche Worte einzufügen, die von der Anzahl der Hebungen und Senkungen der Silben passend sind. Vielmehr ging es ihm darum, den Ausdruck der Worte durch das Silbenmaß zu verstärken, daher sind Versfuß und Wort genau aufeinander abgestimmt. Wie genau sich Klopstock das vorgestellt hat, darauf soll später noch eingegangen werden. Zunächst steht ja die Ode Die Sprache im Mittelpunkt der Betrachtung. Da Klopstock mit dieser Ode diese grundlegende Überzeugung von der Bedeutung der „Bewegung des Verses [=Versmaß]“ als „Mitausdruck der Gedanken des Liedes“ 10 in exemplarischer Form realisiert, aber auch allein aufgrund der Verwendung eines eigenen Versmaßes, was kennzeichnend für Klopstocks Lyrik ist, kann behauptet werden, dass die Ode Die Sprache in Bezug auf die Metrik repräsentativen Charakter hat.
2.2. Stilistische Auffälligkeiten
So wie Klopstock in Hinsicht auf die Metrik als innovativ galt, kann dies generell auch von seiner Stilistik, das heißt von seiner Ausdrucksweise und seinem Sprachgebrauch behauptet werden. Zwar steht Klopstock eindeutig in der Tradition Bodmers und Breitingers 11 , die schon vor ihm ein bestimmtes Stilkonzept für die Dichtung forderten, welches von Klopstock aufgenommen und praktisch verwirklicht wurde, aber entscheidend ist, dass die theoretischen Forderungen seiner Vorgänger von Klopstock weiterentwickelt und radikalisiert wurden. Um dieses Stilideal zu charakterisieren, genügt meistens ein Blick in ein Werk Klopstocks, da die markantesten stilistischen Auffälligkeiten in fast jeder Ode zu finden sind, wenn auch nicht alle stilistischen Merkmale, die Klopstocks Lyrik ausmachen, in gleicher Weise präsent sind. Im Folgenden soll das Anliegen nicht sein, alle rhetorischen Mittel der vorliegenden Ode Die Sprache aufzuzählen, sondern nur die prägnantesten Merkmale aufzuzeigen. Am häufigsten und augenscheinlichsten wird in dieser Ode von der Inversion Gebrauch gemacht. Sie findet in fast jeder Strophe in mehr oder weniger starker Ausprägung Verwendung. Alleine in den ersten vier Versen wird die Inversion angewendet, das heißt dass die normale Satzgliedstellung leicht bis stark verändert wird. „Des Gedankens Zwilling, das Wort scheint Hall nur,“, „[...]heiliges Band / Des Sterblichen ist es,“ und „[...]erhebt / Die Vernunft ihm [...]“ 12 werden syntaktisch so umgestellt, dass sich eine Nominalgruppe, ein Pronomen oder ein Verb an einer anderen Stelle befindet. Das macht in diesem Fall die Strophe jedoch nicht zwangsläufig unverständlich, denn sobald man eine Inversion erkennt,
10 Kemper, Hans Georg: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 6.1.: Empfindsamkeit. Tübingen. 2002. S.458
11 Hierzu ausführlich: Schneider, Karl Ludwig: Klopstock und die Erneuerung der Dichtersprache im 18. Jahrhundert. Heidelberg. 1960
12 Klopstock, F.G. Oden: Herausgegeben von Karl-Ludwig Schneider. Stuttgart 1999. S. 106
4
Arbeit zitieren:
Christine Porath, 2005, Zu: Friedrich Gottlieb Klopstock - "Die Sprache", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Bertolt Brechts Lesebuch für Städtebewohner
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Elemente des Erhabenen und Empfindsamen sowie deren Wirkung in der Ode...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 38 Seiten
Drei Konzepte von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter - eine Gegenüber...
Soziologie - Kinder und Jugend
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
F. G. Klopstocks Leben und Wirken
Der Messias-Dichter als Verkün...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 15 Seiten
'Der Zauberberg' von Thomas Mann - Analyse des Romaneingangs i...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Vitalienbrüder und die Hanse
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 18 Seiten
Kooperatives Lernen im Schulunterricht
Grundelemente, Ziele, Methoden...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Examensarbeit, 77 Seiten
Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funkt...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 30 Seiten
Die Lieder Neidharts - Werke eines Einzelautors?
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Hamburg in der Hansezeit zwisc...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 16 Seiten
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 16 Seiten
Kooperatives Lernen. Theoretische Ansätze, empirische Befunde, praktis...
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 15 Seiten
Christine Porath's Text Zu: Friedrich Gottlieb Klopstock - "Die Sprache" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christine Porath hat den Text Zu: Friedrich Gottlieb Klopstock - "Die Sprache" veröffentlicht
Christine Porath hat einen neuen Text hochgeladen
WOLK 1: Der LASAREWSKI-REPORT zum Wolf in Rußland. Über die Vernichtu...
Die Wolfsansiedlung und ihr Pr...
Alexander Brückner, Walter Rathgeber, Wasilij Matwejewitsch Lasarewski, Narcisse Seppey, Domenico Laffi, Alexander Theodor von Middendorf, Jürg Steiner, F. I. Walewskij, Knut Bengelmann, Giordano Cayetano Brunelli, Valentino Bonvicini, Claus Taaks, Claus Gampe, Irina Mironova
0 Kommentare