Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 1
1.1 Hinleitung zum Thema 1
1.2 Forschungsstand und Literatur 4
1.3 Zielsetzung und Fragestellungen 6
1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit 8
II Modelle zur Entwicklung der städtischen Siedlungsstruktur in den Niederlanden
unter Einbeziehung deutscher Theorien 11
2.1 Kompakte Stadt 11
2.2 Zwischenstadt und Tussenland 14
2.3 Regionale Netzwerkstadt 18
III Raumordnung in den Niederlanden seit den 60er Jahren 22
3.1 Dezentrale Konzentration: Wachstumskerne im Zweiten und Dritten
Raumordnungsprogramm 22
3.2 Internationale Ausrichtung und Bündelung im Vierten Raumordnungsprogramm 24
3.3 Vinex-Gebiete im Vierten Raumordnungsprogramm Extra 26
3.3.1 Aktualisierung des Vierten Raumordnungsprogramms und neue Inhalte 26
3.3.2 Leitidee und Zielsetzung der Vinex-Gebiete 27
IV Die Region Amsterdam als Untersuchungsregion 32
4.1 Lage und historische Entwicklung der Stadt Amsterdam 32
4.2 Phasen der (Sub-)Urbanisierung in Amsterdam und der Region 34
4.2.1 Wachstumskerne in den 70er Jahren 34
4.2.2 Politik der Kompakten Stadt in den 80er Jahren 36
4.3. Regionalisierung und neue städtische Strukturen in den 90er Jahren 37
4.3.1 Einfluss der Bevölkerungsstrukturentwicklung auf die Wohnraumsituation 37
4.3.1.1 Entwicklung und Zusammensetzung der Bevölkerungsstruktur 37
4.3.1.2 Problematik der Wohnraumsituation 40
4.3.1.3 Regionalisierung des Wohnungsmarktes am Beispiel Haarlemmermeer 45
4.3.2 Einfluss der Wirtschaftsstruktur auf die Arbeitsplatzstandorte 47
4.3.2.1 Moderne Wirtschaftsstruktur im Raum Amsterdam 47
4.3.2.2 Regionalisierung des Arbeitsmarktes am Beispiel Haarlemmermeer 49
4.3.3 Regionale Verkehrsinfrastruktur 51
4.3.4 Schiphol: Städtische Entwicklung am Flughafen 53
4.3.5 Zuidas: Siedlungsachse und Verkehrsknotenpunkt 54
V Analyse von zwei Vinex-Gebieten in der Region Amsterdam 57
5.1 IJburg bei Amsterdam: Inseln im IJmeer 57
5.1.1 Lage Entstehung und Bedeutung des Gebietes 57
5.1.2 Aktuelle Bevölkerungszusammensetzung 59
5.1.3 Stadtentwicklung in IJburg 59
5.1.3.1 Pläne Leitideen und Konzepte 59
5.1.3.2 Wohnungsbau auf den Teilinseln 61
5.1.3.3 Versorgungseinrichtungen 63
II
5.1.3.4 Verkehrsinfrastruktur 64
5.2 Floriande bei Hoofddorp: Wohnraum im Haarlemmermeerpolder 65
5.2.1 Lage und räumlicher Entwurf des Gebietes 65
5.2.2 Aktuelle Bevölkerungszusammensetzung 66
5.2.3 Stadtentwicklung in Floriande 67
5.2.3.1 Wohnungsbau auf den Teilinseln 67
5.2.3.2 Versorgungseinrichtungen 70
5.2.3.3 Verkehrsinfrastruktur 71
VI Vergleich Diskussion und kritische Beurteilung von IJburg und Floriande 72
6.1 Bevölkerungszusammensetzung und Haushalte 72
6.2 Wohnungsangebot und Wohnmilieu 73
6.3 Arbeitsplatzangebot 77
6.4 Versorgungseinrichtungen 80
6.5 Verkehrsinfrastruktur 81
6.6 Städtebauliche Identität durch räumliche Qualitätsaspekte und Urbanität 85
VII Fazit und Ausblick 91
Abbildungsanhang 100
Tabellenanhang .................................................................................................................... 134 134
Literaturverzeichnis 147
III
Abbildungsverzeichnis
Abb 1: Grundriss der Stadt Amsterdam 100
Abb 2: Grundriss der Gemeinde Haarlemmermeer 101
Abb 3: Vinex-Gebiete in der Gemeinde Haarlemmermmer 102
Abb 4: Agglomeration Amsterdam 103
Abb 5: Die kompakte Stadtstruktur Amsterdams um 1642 104
Abb 6: Allgemeiner Erweiterungsplan Amsterdams aus dem Jahr 1934 105
Abb 7: Zwei Typen von Wachstumskernen in der Region Amsterdam 106
Abb 8a: Entwicklung der Migration in Amsterdam 1985-1999 107
Abb 8b: Entwicklung der Binnenwanderung in Amsterdam 1985-1999 107
Abb 8c: Entwicklung der Außenwanderung in Amsterdam 1985-1999 107
Abb 9: Zusammensetzung der Haushalte in Amsterdam 2000-2030 108
Abb 10: Wohnungen nach Eigentumsverhältnissen in der Region Amsterdam
in 109
Abb 11: Postleitzahlengebiete nach Wohnmilieu in der Region Amsterdam 110
Abb 12: Verteilung von Neubaustandorten und Beschäftigungskonzentrationen
in der Region Amsterdam 111
Abb 13: Schiphol und Hoofddorp in der Gemeinde Haarlemmermeer 112
Abb 14: Autodichte in den 25 größten Gemeinden der Niederlande 113
Abb 15: Anzahl Reisende pro Strecke an einem durchschnittlichen
Wochentag im Jahr 2000 114
Abb 16: Gesamte Strecke der Zuidtangent im Jahr 2008 mit einer Länge
von 60 Kilometern 115
Abb 17: Noord Zuidlijn in Amsterdam 116
Abb 18: Randstad Holland mit Schiphol und Zuidas in der Region
Amsterdam 117
Abb 19: Flughafen Schiphol mit Grenze des Lärmpegels 118
IV
Abb 20: Standort Zuidas: Blick von der Haltestelle Zuid WTC auf den Ringweg A 10 und
Bürogebäude 119
Abb 21: Standort Projektbüro Zuidas: Städtebauliche Modell Zuidas 119
Abb 22: Entwurf von IJburg im IJmeer 120
Abb 23: Standort Projektbüro IJburg: Modell Haveneilanden und Rieteilanden 121
Abb 24: Rasterförmige Struktur als raumaufteilendes Merkmal auf dem
Haveneiland West 121
Abb 25: Standort IJburg: Beispiel für erste bewohnte Wohnungen auf dem
Haveneiland West an der IJburglaan 122
Abb 26: Standort IJburg: Wohnungen mit Garten und Bootsanleger auf dem
Haveneiland West 122
Abb 27: Standort IJburg: Wohnungen mit Garten und Bootsanleger auf dem Haveneiland
West 123
Abb 28: Standort IJburg: Wohnungen auf dem Haveneiland West 123
Abb 29: Standort IJburg: Haveneiland West in Bauphase 124
Abb 30: Standort IJburg: Groene Tunnel zwischen Haveneiland West und Rieteiland
West 124
Abb 31: Verteilung der Versorgungseinrichtungen auf dem Haveneiland West 125
Abb 32: Geographische Lage des Vinex-Gebietes Floriande im Haarlemmermeerpolder
126
Abb 33: Städtebaulicher Entwurf für Eiland 1 in Floriande 127
Abb 34: Städtebaulicher Entwurf für Eiland 2 in Floriande 127
Abb 35: Ausschnitt von Eiland 3 in Floriande 128
Abb 36: Ausschnitt von Eiland 8 in Floriande 128
Abb 37: Verteilung der Versorgungseinrichtungen in Floriande 129
Abb 38: Ausschnitte von Eiland 10 in Floriande 130
Abb 39: Standort Hoofddorp: Gewerbegebiet am Stadteingang 130
Abb 40: Amsterdam Fingerstadt im Jahr 2003 131
Abb 41: Haarlemmermeer im Jahr 2003 132
V
Abb. 42: Die Stadtregion Amsterdam als Regionale Netzwerkstadt................. 133
VI
Tabellenverzeichnis
Tab 1: Tabellarische Auflistung der Vinex-Kriterien und Bewertung
der Umsetzung 134
Tab 2: VINEX in Zahlen 135
Tab 3: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung Amsterdam und
Haarlemmermeer 2003 bis 2004 136
Tab 4: Veränderung des Wohnungsangebots 2001 bis 2003 in 136
Tab 5: Wohnungsangebot und Veränderungen des Wohnungsangebots in Amsterdam und
Haarlemmermeer 2003 bis 2004 137
Tab 6: Entwicklung der Wohnungswünsche in Amsterdam aufgeteilt nach
Eigentumswohnungen und günstigen Mietwohnungen 1990-1998 137
Tab 7: Sektorale Spezialisierung in Amsterdam und Haarlemmermeer 1997
(in Konzentrationszahlen der Arbeitsplätze) 138
Tab 8: Strukturdaten 139
Tab 9: Bevölkerungszusammenstellung nach Altersklassen in IJburg,
2004 und 2005 140
Tab 10: Zusammensetzung der Haushalte in Floriande und IJburg
Stand: 1 1 2005 141
Tab 11: Wohnungs- und Bauplanung in IJburg pro Teilinsel 141
Tab 12: Verteilung der Arbeitsplätze nach wirtschaftlichen Sektoren in IJburg
(nach kompletter Fertigstellung) 142
Tab 13: Anzahl der Haushalte in Floriande nach Alter Stand: 1 1 2005 142
Tab 14: Wohnungsangebot nach Anzahl der Zimmer in Floriande
Stand: 1 1 2005 143
Tab 15: Undifferenzierte Gebäudetypologie in Floriande 2005 und 2004 143
Tab 16a: Tabellarischer Vergleich der Vinex-Gebiete zum Zeitpunkt der
Planung 144
Tab 16b: Tabellarischer Vergleich der Vinex-Gebiete während der
Realisierung Stand: Juni 2005 145
Tab 17: Gebäudetypologie und Eigentumsverhältnisse in IJburg und Floriande 146
VII
Abkürzungsverzeichnis
AUP Algemeen Uitbreidingsplan (Allgemeiner Erweiterungsplan)
CPB Centraal Planbureau (Zentrales Planungsbüro)
G4 Die vier großen Städte der Niederlande:
Amsterdam, Den Haag, Rotterdam, Utrecht
GSB Grotestedenbeleid (Politik der großen Städte)
GR Geographische Rundschau
HSL Hogesnelheidslijn (Hochgeschwindigkeitszug)
IuK-Technologien Information- und Kommunikationstechnologien
IzR Informationen zur Raumentwicklung
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr
PCIJ Projectbureau Consortia IJburg
PKB Planologische Kernbeslissing (Raumplanerisches Programm)
ROA Regionaal Overleg/ Orgaan Amsterdam
RPB Ruimtelijk Planbureau
(Niederländisches Institut für Raumforschung)
RPD Rijksplanologische Dienst
(Niederländische nationale Raumplanungsbehörde)
RSA Regionale Samenwerking Amsterdam
RuR Raumforschung und Raumordnung
TESG Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie
VINAC Actualisering van de Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening
VINEX Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening Extra
VINO Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening
VROM (Ministerie van) Volkshuisvesting, Ruimtelijke Ordening en
Milieubeheer (Ministerium für Wohnungswesen, Raumordnung und
Umweltschutz)
VIII
Literaturverzeichnis 159
Online unter: Links aus dem Internet 168
Anhang (e-mail Kurzinterview und e-mail Beilage (unverändert)) 173
IX
I Einleitung
1.1 Hinleitung zum Thema
„The city is becoming an unstable system through the process of globalization (…). What used to be an infrastructure plus buildings in a network of roads in a landscape is becoming an urban cloud – not just because of the sprawls around cities, but also in the sense that wherever you use your cell phone, you’re in a city.” Arjen Mulder (in einem Interview mit Edward Soja 1 )
Die räumliche Ausdehnung der Stadt und die Auslagerung von städtischen Funktionen bestimmt die neuere Entwicklung der Siedlungsstruktur. Siedlungsfragmente fügen sich zu neuen Kernen zusammen und überwinden die früher deutlichen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Es erfolgt eine Transformation von ländlich geprägten Gebieten, die sich in Form einer zunehmenden Verstädterung bemerkbar macht. Der Terminus ‚transurban’ suggeriert eine Bewegung, die, mit Blick auf die Vorsilbe ‚trans’, über etwas hinaus oder hinüber geht. Das über etwas hinaus schreitende Subjekt ist urban, also städtisch bzw. im eigentlichen Sinne zur Stadt gehörend. Der Begriff bedeutet demnach, dass das Städtische die städtischen Grenzen überschreitet und dadurch eine Verwandlung des Umlandes hervorruft. „Transurbanism is (…) urbanism plus transformation. Transformation is the multiplication of information. Transurbanism is a theory of cities as they are now, towards a design process in which the highly informed character of every built environment is used as a design resource by that environment itself.“ 2
Der Begriff stadsgewest bezeichnet eine Region, die durch eine Anzahl zusammenarbeitender Gemeinden geformt wird. Es handelt sich um einen Komplex von nah beieinander liegenden Agglomerationen. Demzufolge kann das transurbane stadsgewest als eine Region verstanden werden, in der die Urbanität über die städtischen Grenzen hinaus fortschreitet und außerhalb des städtischen Kerns neue, d. h. den städtischen Lebensstilen entsprechende Siedlungselemente formt bzw. alte ländliche Siedlungselemente transformiert. Das transurbane stadsgewest ist eine Stadtregion, die durch die Umformung von ländlichen in urbane Siedlungselemente geprägt ist.
1 SOJA, E. (2002), S. 89.
2 MULDER, A. (2002), S. 7.
1
Diese Umformung geht mit einer zunehmenden Verstädterung und allen daraus folgenden Problemen für die Siedlungsstruktur einher. Daher sind entsprechend den Veränderungen regelmäßig neue raumordnungspolitische Konzepte und Maßnahmen erforderlich. In einem
Land wie den Niederlanden, das mit 482 Einwohnern/ km 2 die höchste Bevölkerungsdichte 3 Europas besitzt und enormen Transformationsprozessen ausgesetzt ist, ist eine Raumplanung, die gezielt die nachhaltige Entwicklung der Siedlungsstruktur zum Ziel hat, von äußerster
Notwendigkeit. Sie spielt insbesondere für den am meisten verstädterten westlichen Teil des
Landes, die Randstad 4 , eine wichtige Rolle. Für den Transformationsprozess im Umland der Städte sind mehrere gleichzeitig ablaufende Entwicklungen ausschlaggebend, die eng miteinander verknüpft sind, aber gleichwohl in mehrere Teilphänomene zerlegt werden können.
Die Siedlungsstruktur im Umland der Städte ist v. a. seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch den Trend der Suburbanisierung, die Verlagerung von Bevölkerung, Dienstleistungen und Gewerbe von der Stadt ins Umland geprägt. In der Wohlstandsperiode nach dem zweiten Weltkrieg nahm die Mobilität durch den Autoverkehr stark zu und ermöglichte großen Teilen der Bevölkerung die Stadt als dauerhaften Wohnsitz zu verlassen und sich im suburbanen, grünen Umland niederzulassen. Um den Abwanderungstrend zu kanalisieren, wies die Regierung im Rahmen der nationalen Raumordnung neue Wohngebiete außerhalb der Städte als Wachstumskerne aus und stattete diese mit der notwendigen Infrastruktur aus. Obwohl diese Entwicklung in vorgegebenen Zonen stattfinden sollte, war die Dynamik der sich verselbstständigenden Vergrößerung der Wachstumskerne schon nach wenigen Jahren nicht mehr aufzuhalten. Es entstanden starke Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen und Leitideen des nationalen Raumordnungsprogramms und der tatsächlichen räumlichen Verteilung von Bevölkerung und Wirtschaft. Eine Ursache dieser Diskrepanzen ist der rasche mit der Globalisierung einhergehende Strukturwandel, der sich auf alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens auswirkt. Schlagworte wie Tertiarisierung, Individualisierung und Differenzierung charakterisieren die Veränderungen nur annähernd. Die konkreten Probleme der Städte lassen sich aber insbesondere aus diesen Schlagworten ableiten. Die Tertiarisierung der Wirtschaft führt zu zahlreichen neuen Dienstleistungszweigen in der Arbeitswelt, die wiederum neue Formen der Arbeitsweise beinhalten. Weitgehende Ortsunabhängigkeit ermöglicht es Unternehmen, sich außerhalb städtischer Strukturen niederzulassen und zu entwickeln. Dienstleistungskomplexe können in
3 Vgl. Online unter: CENTRAAL BUREAU VOOR DE STATISTIEK (o. J.).
4 Die Randstad umfasst die vier großen Städte Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Utrecht, die sich
ringförmig um das vorwiegend agrarisch genutzte Mittelgebiet, das ‚Grüne Herz’ legen.
2
die Peripherie verlagert werden. Die Individualisierung der Gesellschaft verändert die soziale Struktur und die Art des Zusammenlebens. Die traditionelle Familie verliert zunehmend an Bedeutung. An ihre Stelle treten wachsende Anteile an Alleinstehenden sowie ehelose Partnerschaften ohne Kinder. Auf diese Weise verändert sich seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Zusammensetzung und die Größe der Haushalte und führt zu neuen Anforderungen an den Wohnungsmarkt. Hinzu kommt eine Differenzierung der Lebensstile in der Wohlstandsgesellschaft. Höhere Ansprüche der Bevölkerung an den Wohnraum und an die Qualität der täglichen Wohnumgebung stellen die Raum- und Städtebauplaner vor neue Herausforderungen. Wirtschaft und Bevölkerung beanspruchen zunehmend mehr Raum, fordern aber gleichzeitig mehr Freiraum. Da der Raum in den Niederlanden, besonders in der Randstad, zunehmende Verstädterungstendenzen aufweist, sind die Wohnwünsche der Bevölkerung weitgehend unbefriedigt und beklagen sich sowohl Raum-, Stadt- als auch Landschaftsplaner über unkontrollierte Tendenzen und ungeordnete Strukturen in der Siedlungsflächenentwicklung.
Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit den in der Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening Extra (VINEX, Aktualisierung des Vierten Raumordnungsprogramms) eingeführten Vinex-Gebieten, die eine Reaktion auf die städtebauliche und wohnungsbaupolitische Entwicklung des Landes sind. Bei den Vinex- Gebieten handelt es sich um räumlich begrenzte Wohngebiete im nahen Umland der Städte. Sie werden seit den 90er Jahren im gesamten Land, schwerpunktmäßig in der Randstad, gebaut.
3
1.2 Forschungsstand und Literatur
In den Niederlanden gibt es eine Vielzahl an Debatten und Diskussionen über die derzeitige und zukünftige Nutzung des Raumes. Dabei sind folgende inhaltliche Schwerpunkte zu erkennen: Faktoren der demographischen Entwicklung, Verstädterung, Umwelt, Wohnraumproblematik, mögliche Stadtentwicklungen sowie Mobilität und Infrastruktur. Seit den 90er Jahren nimmt die Debatte über die im Jahr 1990 von der Regierung ausgewiesenen
Vinex-Gebiete einen besonderen Platz ein, da es sich um eine sehr umfangreiche Aufgabe der Wohnungsbestandsentwicklung handelt: Rund 1 Millionen Wohnungen sollen zwischen 1995 und 2015 gebaut werden.
Es gibt drei Hauptinstitute, die sich mit der Raum-, Siedlungs- und Stadtplanung beschäftigen: Das Ministerie van Volkshuisvesting, Ruimtelijke Ordening en Milieubeheer (VROM, Ministerium für öffentliches Wohnungswesen, Raumordnung und Umweltschutz) das Ruimtelijk Planbureau (RPB, Niederländisches Institut für Raumforschung) und den
Rijksplanologischen Dienst (RPD, Niederländische nationale Raumplanungsbehörde). 5 Diese und andere Institute publizieren eine Fülle an Nota’s, die Zielvorstellungen und Konzepte liefern. In der Literatur gibt es verschiedene Übersetzungen für den Begriff Nota: Plan, Programm, Note oder Bericht. Im Folgenden wird von Raumordnungsprogrammen
gesprochen. 6 Die für diese Arbeit wichtigsten Dokumente der Ministerien sind die Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening (VINO, 1988, Viertes Raumordnungsprogramm), deren Aktualisierung (VINEX, 1990) und mit etwas geringerer Bedeutung die Derde Nota over de Ruimtelijke Ordening (1973-1983, Drittes Raumordnungsprogramm). Darüber hinaus gibt es Reporte, Berichte und Diskussionspapiere des RPB, die sich mit den oben genannten Themen
befassen, z. B. das Werk Tussenland, 7 in welchem die Annäherung von Stadt und Land
diskutiert wird. Alle laufenden Projekte des RPB, z. B. Stedelijkheid in de netwerkstad 8
5 Der RPB besteht seit dem Jahr 2002 und untersteht dem VROM. Er bearbeitet jedoch verschiedene Projekte und erstellt Gutachten
6 Die Auswahl erfolgte nach dem Ausschlussverfahren: Es handelt sich bei den Nota’s nicht um Berichte, da der Inhalt vielmehr zukünftige Vorstellungen vermittelt. Diese sind nur teilweise konkretisiert, so dass es sich auch nicht um einen genauen Plan handelt. Der Begriff Note wird im Deutschen kaum verwendet. Am ehesten trifft noch der Begriff Programm zu, der auch in deutschen Zusammenfassungen von niederländischen Raumordnungsdokumenten verwendet wird. Derartige Zusammenfassungen sind online abrufbar unter: VROM (o. J. c).
7 Vgl. FRIJTERS, E., D. HAMERS, R. JOHANN, J. KÜRSCHNER, H. LÖRZING, K. NABIELEK, R, RUTTE, P. van VEELEN u. M. van der WAGT (2003).
8 Dieses Projekt geht der Frage nach, in welchen anderen Zentren der Netzwerkstadt außer der Innenstadt sich Urbanität konzentriert und welcher Art diese Urbanität ist. Auch in dieser Arbeit spielt der Urbanitätsaspekt für die neuen städtischen Konzentrationen (im Umland) und für die Vinex-Gebiete eine Rolle.
4
(Urbanität in der Netzwerkstadt) oder Megaland, 9 sind online abrufbar. 10 In diesen Projekten spielt VINEX erwartungsgemäß eine bedeutende Rolle. Zu Beginn der 90er Jahre gab es
vorwiegend Befürworter von VINEX, z. B. TAUTE. 11 Die Vinex-Gebiete seien den wohnungsbautechnischen Anforderungen der Bevölkerung entsprechend angepasst und gleichzeitig den nationalen Raumordnungsleitlinien für eine kompakte Stadtentwicklung untergeordnet. Doch schon nach kurzer Zeit häuften sich die kritischen Stimmen, zu denen z.
B. auch der Politiker DUIVESTIJN 12 zählte. Kritiker argumentieren, die Vinex-Gebiete seien zu eintönig und würden über kein passendes Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) verfügen. Die Diskussion über die Vinex-Gebiete geht einher mit der anhaltenden Debatte über die Wohnungsnot und die veränderten Ansprüche der Bevölkerung an den Wohnraum. Letztere bilden die Basis für die Nota Volkshuisvesting (Programm für das öffentliche Wohnungswesen) und die Nota Mensen, Wensen, Wonen (Programm Menschen, Wünschen, Wohnen).
Neben den öffentlichen Diskussionen in den Niederlanden stehen wissenschaftliche
Untersuchungen zur Entwicklung der Stadt. DIELEMAN und MUSTERD, 13 untersuchen, ob sich die Kompakte Stadt, das wichtigste Konzept der Stadtplanung in den Niederlanden seit den 80er Jahren, am Ende des 20. Jahrhunderts auflöst oder ob diese Vorstellung noch tragbar
ist. In der deutschen Diskussion hat SIEVERTS 14 im Jahr 1997 die Diskussion über die Thematik der Zwischenstadt entfacht. Er stellt eine neue Sichtweise vor, in der der Begriff der Zwischenstadt an die Stelle von undefinierten suburbanen Siedlungsstrukturen tritt.
Befürworter dieser Hypothese, z. B. SIEBEL, 15 DERKSEN 16 und FRIJTERS 17 et al. meinen, dass wir es mit einer Auflösung des Städtischen und einer Verstädterung der Landschaft zu tun haben. Die früheren Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen. Vormals städtische Funktionen finden sich zunehmend außerhalb der Städte, ländliche Elemente werden zunehmend in die Städte integriert. Die Stadt wandert ins Land, das Ländliche hält
Einzug in den Städten. Kritiker, z. B. SCHLÖGEL, 18 halten die Diskussion für ideologisiert
9 Hier geht es um den Prozess der Auslagerung von Einkaufszentren ins Umland, der sich seit der Abschaffung der Restriktionen für periphere Einzelhandelsniederlassungen in den 90er Jahren zeigt. Da es über dieses Phänomen noch kaum Literatur gibt, wurde er in der Arbeit ausgegrenzt.
10 Vgl. Online unter: RUIMTELIJK PLANBUREAU (o. J.).
11 Vgl. jedoch nicht ausschließlich positiv TAUTE, I. (2004), S. 465f.
12 Er war früher Direktor des niederländischen Architekturinstituts.
13 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999).
14 Vgl. SIEVERTS, W. (1997).
15 Vgl. mit Bezug auf die Europäische Stadt SIEBEL, W. (2001) und SIEBEL, W. (2003).
16 Vgl. Online unter: DERKSEN, W. (2004).
17 Vgl. FRIJTERS, E., D. HAMERS, R. JOHANN, J. KÜRSCHNER, H. LÖRZING, K. NABIELEK, R, RUTTE, P. van VEELEN u. M. van der WAGT (2003).
18 Vgl. mit Bezug auf die Europäische Stadt SCHLÖGEL, K. (2001), S. 23-29.
5
und vertreten eine pragmatischere Auffassung von der Entwicklung der Stadt. Die Tatsache, dass diese nicht mehr aussieht wie vor hundert Jahren, sei die logische Folge der rasanten Entwicklung der Globalisierung und des Strukturwandels. Deshalb hätten wir es dennoch mit Stadtstrukturen zu tun, die deutlich vom ländlichen Umland abgrenzbar seien. In den Niederlanden wird die Diskussion über Themen der Stadtentwicklung allerdings nicht so heftig wie in Deutschland geführt, was wohl auch an der kompromiss- und
konsensorientierten Einstellung der Niederländer liegt.
Zu den einzelnen Themenaspekten dieser Arbeit, v. a. zu VINEX, gibt es einige
Publikationen. 19 Im Rahmen einer umfassenden Literaturrecherche war jedoch zur konkreten Siedlungsstruktur keine Arbeit auffindbar, die einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den aktuellen Diskussionen über die Entwicklung des Städtischen und neueren Maßnahmen in der Wohnungsbestandsentwicklung im Rahmen von VINEX sowie dem daraus resultierenden Erscheinungsbild der Siedlungsstruktur schafft. Dieser Bedeutungszusammenhang wird daher in der vorliegenden Magisterarbeit hergestellt.
1.3 Zielsetzung und Fragestellungen
Ziel ist es, Strukturen der Siedlungsentwicklung im Stadt-Umland-Kontext vor dem Hintergrund der aktuellen demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungen am Beispiel von zwei Vinex-Gebieten aufzuzeigen. Dabei werden Zielsetzungen der Raumordnungspolitik und deren Umsetzung betrachtet, insbesondere mit Blick auf das daraus resultierende siedlungsstrukturelle Erscheinungsbild und ausgewählte Modelle der Stadt- und Regionalentwicklung.
Unter Siedlungsstruktur wird in der vorliegenden Arbeit das Gefüge von städtischen und ländlichen Elementen im Siedlungsraum – hier im Stadt-Umland-Bereich –verstanden. Die Siedlungsstruktur kann als das Ergebnis gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen und Entwicklungen aufgefasst werden, welche wiederum die städtischen Nutzungsfunktionen Wohnen, Arbeiten und Verkehr prägen. Die Siedlungsstruktur ist des
Weiteren auch geprägt durch die historische Stadt- und Siedlungsentwicklung, 20 wobei in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf der Stadtentwicklung in der neueren Zeit liegt. Es soll ein Beitrag zur Veränderung der aktuellen räumlichen Strukturen in einem ausgewählten Gebiet der Niederlande mit Blick auf die Vinex-Gebiete geliefert werden.
19 Vgl. die Untersuchung von 14 Vinex-Gebieten von ROSSUM, H. van, F. van WIJK, L. BALJON en B.
HULSMAN (2001); zur Umsetzung von VINEX vgl. BALJON, L. u. M. A. VISSER (1998) sowie zum
Mobilitätsaspekt SNELLEN, D., H. HILBERS u. A. HENDRIKS (2005).
20 Vgl. LESER (2001), S. 779.
6
Hervorzuheben ist hierbei der zweidimensionale Charakter im Hinblick auf die Betrachtung der Siedlungsstruktur. Diese ist einerseits gekennzeichnet von den raumordnungspolitischen Planungen der Niederlande in den 90er Jahren (VINEX). Andererseits spielen aktuelle Modelle der Stadtentwicklung für die konzeptionelle Gestaltung der Siedlungsstruktur eine Rolle. Beide Blickwinkel haben sozioökonomische Veränderungen des späten 20. Jahrhunderts zum Hintergrund.
Als Untersuchungsregion wurde die Stadt Amsterdam mit dem Vinex-Gebiet IJburg und deren Umlandgemeinde Haarlemmermeer mit dem Vinex-Gebiet Floriande ausgewählt. Der Grundriss der Stadt Amsterdam ist im Abbildungsverzeichnis in Abb. 1 zu sehen, der Grundriss Haarlemmermeers in Abb. 2. Die Auswahl dieser Untersuchungsregion hat mehrere Gründe: Die Stadt Amsterdam ist schon immer eine flächenmäßig stark wachsende Stadt gewesen, was auf die stetig wachsende Bevölkerung und die Zuströme von Immigranten sowie den damit verbundenen Bedarf an Wohnraum zurückzuführen ist. Die Wohnraumproblematik ist in keiner Stadt der Niederlande von so großer Bedeutung wie in Amsterdam. Grund dafür ist deren historische Wohnungsbestandsentwicklung und die räumlich begrenzte Fläche der Stadt, die dennoch neuen, veränderten Anforderungen an den Wohnraum gerecht werden muss. Das ausgewählte Fallbeispiel IJburg bei Amsterdam ist eines der bekanntesten und umstrittensten Vinex-Projekte des Landes. Zudem ist es eines der neuesten Neubaugebiete und gilt derzeit als Prestigeprojekt der Stadt Amsterdam. Im Rahmen der positiven regionalen wirtschaftlichen Entwicklung verzeichnet die Stadt darüber hinaus einen erhöhten Flächenbedarf für Unternehmen, der innerhalb der Kernstadt nicht befriedigt werden kann. Infolgedessen kommt es zu Suburbanisierungstendenzen z. B. nach Haarlemmermeer, dem aufgrund der ökonomischen Dynamik des Flughafens Schiphol
florierendsten Wirtschaftsraum in den Niederlanden. Der Haarlemmermeerpolder, 21 der bis zu seiner Trockenlegung im Jahr 1850 noch ein Meer war, ist durch den Flughafen eng mit Amsterdam verbunden. Haarlemmermeer spielt in der Region eine bedeutende Rolle hinsichtlich Wohnraum (Ausbreitungsmöglichkeiten), Arbeitsplätzen (Schiphol), Verkehr (Verbindungszone von Amsterdam zur Randstad) und Naturraum (attraktive Kulturlandschaft). In Haarlemmermeer werden derzeit vier Vinex-Gebiete gebaut (vgl. Abb. 3), die aufgrund der Attraktivität der Region Menschen aus dem ganzen Land anziehen (werden). Das größte von ihnen ist Floriande, zweites ausgewähltes Fallbeispiel. Die Wohnraumproblematik in Amsterdam und die durch Regionalisierungstendenzen wachsenden
21 Ein Polder ist ein dem Meer durch Landgewinnung abgerungenes Stück Marschland.
7
sozioökonomischen Verknüpfungen eignen sich als Basis für die Untersuchung von neuen Wohngebieten einerseits und städtischen Entwicklungstendenzen andererseits.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Fragestellungen im Bereich der aktuellen Entwicklung der Siedlungsstruktur, zum einen mit Blick auf die Bedeutung der Vinex-Gebiete und zum anderen unter Berücksichtigung der Modelle zur Entwicklung der Stadt. Die Leitfragen der Arbeit verdeutlichen die zweifache Perspektive (Raumordnungsprogramm, Stadtentwicklungsmodelle) auf die Siedlungsstruktur und betonen dabei das Hauptelement der Betrachtung, die Vinex-Gebiete:
- Welche Rolle spielen die Vinex-Gebiete IJburg und Floriande in der Siedlungsstruktur der Stadtregion Amsterdam?
- Werden die Vinex-Gebiete IJburg und Floriande den Auflagen in VINEX gerecht?
- Welche städtischen bzw. stadtregionalen Entwicklungsmodelle werden durch die Vinex-Gebiete unterstützt?
Es war von Bedeutung, dass die niederländischen Internetseiten im Vergleich zu deutschen Seiten ein sehr viel größeres Angebot an Downloads im Bereich der Stadt-, Regional- und Landesplanung zur Verfügung stellen. Dies erklärt die vielen im Literaturverzeichnis unter Links aufgeführten Online-Dokumente. Darüber hinaus konnten im Rahmen einer Exkursion im April 2005 vor Ort städtische Entwicklungen (Zuidas) und das Vinex-Gebiet IJburg untersucht werden. Die in Gesprächen, Bibliotheken und Projektbüros erhaltenen Informationen (Graue Literatur, Statistiken, städtebauliche Pläne, spezielle Sekundärliteratur) erweiterten das zur Verfügung stehende Material um ein Vielfaches.
1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Magisterarbeit ist in sechs Kapitel aufgeteilt. Nach der Einleitung befasst sich das zweite Kapitel mit drei aktuellen Modellen zur Entwicklung der städtischen Siedlungsstruktur: Dem Konzept der Kompakten Stadt, der Diskussion um die postmoderne Zwischenstadt bzw. Tussenland und dem räumlich geographisch weiter gefassten Stadtmodell der Zukunft am Beispiel der Netzwerkstadt. Die Auswahl der Begriffe resultiert im Fall der Kompakten Stadt und der Netzwerkstadt aus ihrer Relevanz in der niederländischen Raumordnungs- bzw. Stadtentwicklungspolitik. Das Phänomen der Zwischenstadt ist eine deutsche Theorie, die allerdings auch auf niederländischer Seite unter dem Begriff Tussenland diskutiert wird. Sie hat bislang in Raumordnungs- und Stadtentwicklungsberichten keine Beachtung gefunden, da die Zwischenstadt kein städteplanerisches Leitbild ist, sondern die
8
begriffliche Darstellung des Produktes eines Suburbanisierungsprozesses. Die beiden Modelle
der kompakten Stadt und der Netzwerkstadt haben europaweite Relevanz 22 und zeigen durch ihre Polarität, dass eine Auseinandersetzung mit Stadtmodellen notwendig ist. Um später eine Problemdiskussion über die Umsetzung der beiden Vinex-Gebiete führen zu können, ist es
wichtig, bestehende und zukünftige städtische Konzepte, 23 potentielle Raumaufteilungen in einem regionalen Gebiet und die Auswirkungen auf den siedlungsstrukturell geprägten
Lebensraum der Bevölkerung zu berücksichtigen. Die Modelle bilden den ersten Teil des theoretischen Rahmens der Arbeit.
Kapitel III führt in die eigentliche Thematik der Vinex-Gebiete ein und bildet den zweiten Teil des theoretischen Rahmens. In Abschnitt 3.1 wird das Vorgängerkonzept von VINEX, die Dezentrale Konzentration, vorgestellt. Es folgt eine kurze Vorstellung von VINO. Danach wird herausgearbeitet, welche Umstände zur Aktualisierung des Vierten Raumordnungsprogramms führten und wie sich die Regierung die Umsetzung der wohnungsbaupolitischen Ideen vorstellt. Leitidee, Zielsetzungen und inhaltliche Anforderungen von VINEX werden als Kriterien tabellarisch zusammengefasst. In Kapitel IV wird detailliert auf die Untersuchungsregion eingegangen. Es werden Entwicklungen und Probleme in Stadt und Umland aufgezeigt, die durch VINEX kanalisiert bzw. gelöst werden sollen. Zunächst wird kurz die historische Entwicklung der Stadt Amsterdam geschildert. Danach werden zwei Phasen der (Sub-)Urbanisierung der 70er und 80er Jahre in Amsterdam erläutert. In den folgenden Abschnitten 4.3 bis 4.6 erfolgt eine Bestandsaufnahme von ausgewählten Einflussfaktoren auf die städtische Siedlungsstruktur der Untersuchungsregion in den 90er Jahren. Diese Einflussfaktoren sind die Funktionen Wohnen, Arbeiten und Verkehr. Dabei wird zunächst untersucht, welche Auswirkungen die sich verändernde Bevölkerungs- und Sozialstruktur auf den Wohnungsmarkt hat und welche Diskrepanzen dadurch entstehen. Danach wird die wirtschaftliche Entwicklung mit Blick auf das Arbeitsplatzpotential in der Untersuchungsregion betrachtet. Das Verkehrsnetz dient der regionalen Vernetzung der Funktionen Wohnen und Arbeiten. Der Flughafen Schiphol und die Amsterdamer Zuidas werden gesondert erwähnt, da sie erstens wichtige Verkehrsknotenpunkte sind und zweitens aufgrund ihrer Multifunktionalität für die gesamte Bewertung der Siedlungsstruktur der Stadtregion eine besondere Bedeutung haben.
22 Vgl. JESSEN, J. (1998), S. 489.
23 An dieser Stelle wurde bewusst nicht der in Deutschland oft verwendete Begriff ‚Leitbild’ verwendet, da
dieser in gleicher oder ähnlicher Weise in den Niederlanden nicht gebräuchlich ist. Man verwendet dort „eher
Begriffe wie städtebauliche Konzepte, städtebauliche Strategien oder Stadtentwürfe“. Vgl. dazu ROSEMANN,
J. (1998), S. 350 und JESSEN, J. (1998), S. 497.
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Schließlich werden in Kapitel V als Fallbeispiele die beiden Vinex-Gebiete IJburg und Floriande betrachtet. Dabei werden im Einzelnen folgende aktuelle Gegebenheiten analysiert:
1. Die geographische Lage und im Fall IJburg die lange Entstehungsgeschichte des Gebietes,
2. Die Zusammensetzung der Bevölkerung, wobei es sich im Fall IJburg um prognostizierte
Angaben handelt, im Fall Floriande um aktuelle Daten, 3. Die Stadtentwicklung und Wohnraumsituation in den Gebieten anhand von Plänen, Wohnungsbauentwürfen und Statistiken. Dabei wird gesondert auf die Versorgungseinrichtungen und das potentielle Arbeitsplatzangebot eingegangen. Darüber hinaus wird die Verkehrsinfrastruktur untersucht. In Kapitel VI wird die Umsetzung der beiden Vinex-Fallbeispiele verglichen und anhand von in Kapitel III erarbeiteten Vinex-Kriterien (Zielsetzungen und inhaltliche Anforderungen in Tabelle) und anhand der in Kapitel VI aufgezeigten Entwicklungen kritisch beurteilt und mithilfe von Sekundärliteratur diskutiert und bewertet. Es sei vorweg genommen, dass in dieser Arbeit mit Blick auf die Umsetzung von IJburg und Floriande keine vollkommen abschließenden Schlussfolgerungen möglich sind, da sich die beiden Vinex-Gebiete noch in der Realisierungsphase befinden und derzeit mehrere Untersuchungen des niederländischen Raumplanungsinstituts hinsichtlich der Erfolge der Vinex-Politik noch nicht abgeschlossen sind. In IJburg wohnen zudem erst wenige Menschen. Demnach sind für die meisten untersuchten Aspekte von den Gemeinden Amsterdam und Haarlemmermeer noch keine statistischen oder deskriptiven Daten vorhanden. Dennoch kann in Kapitel VI auf der Basis kritischer Literatur und erster Erfahrungsberichte von Bewohnern eine vorläufige Bewertung erfolgen.
Die Kapitel III bis VI werden durchgehend mit den Modellen aus Kapitel II in Beziehung gesetzt. Es wird untersucht, welches Modell die in III bis VI aufgezeigten Siedlungsstrukturen charakterisiert bzw. in welcher Form sie in der niederländischen Raum- Regional- und Stadtplanung Verwendung finden.
Im abschließenden Teil der Arbeit wird das gesamte Erscheinungsbild der Siedlungsstruktur im Amsterdamer Umland interpretiert und bewertet. Die Schlussfolgerungen betreffen zum einen die Lage der Vinex-Gebiete in der Siedlungsstruktur der Stadtregion, insbesondere mit Blick auf das Kriterium der Funktionsmischung und das Ziel einer verminderten Automobilität. Zum anderen wird der theoretische Rahmen geschlossen, indem die gesamte Untersuchungsregion, insbesondere die beiden Vinex-Gebiete, mit Blick auf die in Kapitel II erläuterten Modelle bewertet wird. Am Ende erfolgt ein Ausblick.
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II Modelle zur Entwicklung der städtischen Siedlungsstruktur in den
Niederlanden, unter Einbeziehung deutscher Theorien
2.1 Kompakte Stadt
Die Kompakte Stadt ist ein stadtplanerisches Konzept, das in der niederländischen Raumplanungspolitik seit den 70er Jahren von Bedeutung ist. Ziel der kompakten Stadt (=
Stadt der kurzen, ungeteilten Wege 24 ) ist es, Funktionen innerhalb der Stadt zu konzentrieren und einer weiteren Ausdehnung von städtischen Elementen in das Umland entgegen zu
wirken. Mit dem Konzept der kompakten Stadt soll einerseits die Stadt gestärkt und andererseits eine ungeordnete Siedlungsstruktur (im Umland der Städte) vermieden werden. Erneuerung bestehender städtische Gebiete und Neubau in unmittelbarer Nähe der Stadt sind grundlegende Elemente der kompakten Stadt. Das Konzept ist vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verstädterung des Landes durch suburbane Zersiedlung, v. a. in der Randstad, zu betrachten. Die Zersiedlung schwächt einerseits die Tragfähigkeit der Städte und übt andererseits Druck auf offene ländliche Räume, insbesondere das ‚Grüne Herz’ aus. Vor Einführung dieses Konzeptes dominierte die im Zweiten Raumordnungsprogramm eingeführte und im Verstädterungsbericht des Dritten Raumordnungsprogramms ausgearbeitete Wachstumskernpolitik bzw. das Konzept der Gebündelten Konzentration. Hierbei sollte das suburbane Wachstum in vom Staat ausgewiesenen Stadtumlandgemeinden konzentriert werden. Obwohl diese Politik erfolgreich war, taten sich im Laufe der Entwicklung Probleme auf, die einen neuen Lösungsweg forderten. Auf die Schwierigkeiten der Wachstumskernpolitik wird in Kapitel III, Abschnitt 3.1 näher eingegangen. In der VINO wurde von der ‚gebündelten Dekonzentration’ zugunsten der ‚kompakten Stadt` Abstand genommen.
Das Konzept der Kompakten Stadt hat über die oben genannten Punkte hinaus das Ziel, den Autoverkehr einzudämmen, um damit einhergehende Umweltbelastungen durch Emissionen zu verringern. Nutzungsmischung aller wichtigen städtischen Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Versorgungseinrichtungen) in hoher Dichte sollen Funktionsnähe schaffen, die es der Bevölkerung ermöglicht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad in kurzer Zeit von Funktion zu Funktion (z. B. vom Wohn- zum Arbeitsplatz) zu gelangen und weitgehend auf das Auto zu verzichten. Darüber hinaus wird mit der kompakten Stadt eine intensivere Nutzung des städtischen Raumes angestrebt. Nicht verwendete, oft veraltete
24 Vgl. HEINEBERG, H. (2001), S. 130.
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Betriebsbrachen sollen restrukturiert und wieder genutzt werden, während bestehende Stadtstrukturen an neue sozio-ökonomische Entwicklungen, also an Veränderungen des gesellschaftlichen Bedarfs, angepasst werden sollen. Insgesamt sollte dadurch verhindert werden, dass sich städtische Funktionen weiter ins Umland ausbreiten (Entwicklung ohne
Flächenexpansion 25 ), sondern dass sie vielmehr auf einer begrenzten Fläche gebündelt werden, um räumliche und funktionale Zusammenhänge in der Stadt zu verstärken. Das
Bündelungsprinzip ist Ausgangspunkt der Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening (VINO) und später der Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening Extra (VINEX), die im nächsten Kapitel näher erläutert werden.
Durch die intensive Nutzung des städtischen Gebietes kommt es trotz ökologischer Zielsetzungen im Rahmen der Politik der Kompakten Stadt vielfach zu Raumnutzungs- und Umweltproblemen, z. B. durch alte Brachen mit verunreinigten Böden oder durch eine innerstädtische Konzentration des Verkehrs, der immer noch einen hohen Automobilanteil besaß. Der Autoverkehr geht einher mit einem zunehmenden Flächenverbrauch durch Straßeninfrastruktur sowie mit Lärmproblemen und schlechterer Luftqualität. Darüber hinaus sind offene Räume in der Stadt durch die intensive Raumnutzung einem enormen Druck ausgesetzt, während städtische Grünflächen teure Instandhaltungskosten aufweisen und daher oft - obwohl sie die ökologische Komponente begründen sollen - verschwinden. Die Folgen sind einerseits, dass viele Betriebe entgegen den Zielen der Kompakten Stadt ins Umland ausweichen, da die innerstädtischen Brachflächen nicht schnell genug restrukturiert werden können. Andererseits werden weniger städtische Grünflächen in der nahen Wohnumgebung
realisiert, da diese Flächen intensiver genutzt werden können. 26 Die Wohnqualität wird somit stark beeinträchtigt. Darüber hinaus haben sich in den letzten zehn Jahren gesellschaftliche Veränderungen aufgetan, die schwierig in einer kompakten Stadt zu realisieren sind. So sind in der Bevölkerung die Bedürfnisse nach größeren Wohnungen und einer attraktiveren Wohnumgebung gestiegen, die in der kompakten Stadt kaum erfüllt werden können. Die Niederlassung von Betrieben an Schnellwegen und der Wachstum des Individualverkehrs sind
ebenfalls Entwicklungen, auf die die kompakte Stadt keine Antwort gibt. 27 Darüber hinaus nimmt der städtische Grundgebrauch zu, während gleichzeitig die Intensität des Raumes abnimmt, d. h. die Stadt breitet sich einerseits ins Umland aus und verliert andererseits an städtischer Nutzungsintensität. Wie oben aufgezeigt, ist mit kompakter städtischer
25 Vgl. JESSEN, J. (1998), S. 498.
26 Vgl. BARTELDS, H. J. u. G. de ROO (1995), S. 64.
27 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999), S. 9.
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Entwicklung sowohl die erneute Nutzung bestehender städtischer Gebiete und als auch ein
relativ kompaktes suburbanes Wachstum gemeint. 28 Die Dekonzentrationstendenzen in der heutigen Zeit sind allerdings aufgrund höherer Nutzungsansprüche so stark, dass die kompakte Stadt kaum dagegen ankommt.
Sowohl in der Stadterneuerung der 80er Jahre als auch im VINEX liegt der Akzent der
kompakten Stadt auf der Wohnfunktion. Da es jedoch schwierig ist, die Bevölkerung in dafür vorgesehenen Gebieten zu konzentrieren, kann eine negative Folge der Politik der kompakte Stadt sein, dass sich Menschen aufgrund ihrer Vorliebe für eine grüne suburbane Umgebung
eine Zweitwohnung suchen, die an anderer Stelle im Land Raum in Anspruch nimmt. 29 Dieser Trend zeigt, dass kompakte Verstädterung zunehmend in den Konflikt mit den suburbanen Vorlieben der Bewohner gerät. Zudem siedeln sich Betriebe nicht unbedingt an den vorgesehenen innerstädtischen Standorten an, sondern lassen sich an (verkehrs)günstigeren Standorten im Umland nieder, was es wiederum schwierig macht, den Wohnungsbau kompakt anzugliedern und eine umweltfreundliche Verkehrsweise in Form von ÖPNV zu
etablieren. 30 Das Konzept der kompakten Stadt macht aufgrund der Diskrepanz zwischen Planung und Realität eine schwere Entwicklung 31 durch und ruft die Frage hervor, ob auf diese Weise eine nachhaltige 32 Stadtentwicklung gesichert werden kann oder ob die Zeit der kompakten Stadt vorbei ist. 33 Die folgenden Aussagen basieren auf der Grundlage des Werkes von DIELEMAN und MUSTERD (1999): Voorbij de compacte stad?’ 34 Sie stellen das Korridorprinzip 35 und die Netzwerkstadt als Alternativen vor. Aus der jüngst vorgestellten Vijfde Nota over de Ruimtelijke Ordening (2001; Fünftes Raumordnungsprogramm) geht hervor, dass sich die Raumplanungspolitik in erster Linie an der Netzwerkstadt orientiert hat und die Korridore als Mittel zum Zweck genutzt werden. Auf dieses Modell der Stadtentwicklung wird in Abschnitt 2.3 intensiver eingegangen. Zunächst wird jedoch die Struktur von Siedlungselementen im suburbanen Umland, die sich im Rahmen der fortschreitenden Suburbanisierung von Bevölkerung und Arbeitsplätzen entwickelt hat,
28 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999), S. 26.
29 Vgl. den Bericht über ländliches Wohnen von DAM, F. van, M. JÓKOVI, A. van HOORN u. S. HEINS (2003), S. 6f.
30 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999), S. 31.
31 Vgl. BARTELDS, H. J. u. G. de ROO (1995), S. 44.
32 Vgl. BARTELDS, H. J. u. G. de ROO (1995), S. 45.
33 In Deutschland wird derzeit die Frage diskutiert, ob sich die Europäische Stadt auflöst und wie die aktuellen Stadtentwicklungstrend zu bewerten sind. Eine kontroverse Debatte über dieses Thema wird im Werk von W. RIETDORF (2001) geführt. Auch SIEBEL, W. (2003) nimmt mit Blick auf die Charakteristika der Europäischen Stadt Stellung zum Thema
34 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999).
35 Zur raumplanerischen Geschichte des Korridorkonzepts vgl. auch DUINEN, L. van (2002), S. 35f.
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genauer betrachtet. Bis zum Ende der 90er Jahre sind die siedlungsstrukturellen Folgen der Suburbanisierung unter Begriffen wie ‚Suburbia’ oder ‚suburbane Zersiedlung’ zusammengefasst worden, die jedoch nur eine vage Beschreibung der Strukturen bzw. deren Ausbildung andeuten. Im Jahr 1997 sorgte der deutsche Geograph Thomas SIEVERTS mit seinem Werk ‚Zwischenstadt’, in welchem er die suburbanen Strukturen aus einem neuen Blickwinkel heraus betrachtet und ihnen eine neue Bezeichnung verleiht, in Deutschland für
Aufmerksamkeit. Die Theorie der Zwischenstadt versteht sich als eine allgemeine Kritik 36 am Konzept der Kompakten Stadt und diskutiert nicht die Frage, ob es ein Zurück zur Kompakten Stadt gibt, sondern wie die Entwicklung von der Kompakten Stadt ins Umland aussieht und wie mit den bereits vorhandenen Siedlungsstrukturen umgegangen werden kann
und soll. Darüber hinaus erschien 2004 auch ein niederländisches Werk 37 über zwischenstädtische Siedlungsstrukturen, welches im Folgenden Abschnitt ebenfalls Beachtung findet.
2.2 Zwischenstadt und Tussenland
Unter dem in wissenschaftlichen Kreisen umstrittenen Begriff Zwischenstadt versteht man die im Raum zwischen Stadt und Land liegenden Siedlungselemente, die durch ihre Gestalt und Struktur ein neues Konglomerat formen, das sowohl ländliche als auch städtische Charakteristika besitzt und demnach weder als Stadt noch als Land bezeichnet werden kann,
also eine neue Siedlungsstruktur nicht in der, sondern der Region. 38 Die Zwischenstadt lässt sich am besten anhand bestimmter Merkmale beschreiben. Zunächst besitzt sie keine Ähnlichkeit mehr mit den städtischen kompakten Strukturen. Die Zwischenstadt weist eine „auf den ersten Blick diffuse, ungeordnete Struktur ganz unterschiedlicher Stadtfelder (…) mit
vielen mehr oder weniger stark funktional spezialisierten Bereichen, Netzen und Knoten“ 39 auf. Eine Vielzahl an Entscheidungen, die von der Bevölkerung, Betrieben, Stadtplanern, Bauherren und öffentlichen Akteuren getroffen worden sind, führen zu neuen Siedlungselementen, die die Zwischenstadt ausmachen. Diese Elemente sind Ergebnisse des Suburbanisierungsprozesses und haben sich im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte im Umland
36 In der wissenschaftlichen Diskussion in Deutschland wird sie in erster Linie als Kritik an der europäischen Stadt verstanden. In der Thematik dieser Arbeit wird das Werk SIEVERTS dennoch im Zusammenhang mit den niederländischen Stadtentwicklungen betrachtet, da die Suburbanisierung ein Phänomen aller westlichen Industrieländer ist und sich demnach in allen diesen Ländern vergleichbare Strukturen im suburbanen Raum ausbilden.
37 Vgl. FRIJTERS, E., D. HAMERS, R. JOHANN, J. KÜRSCHNER, H. LÖRZING, K. NABIELEK, R, RUTTE, P. van VEELEN u. M. van der WAGT (2003).
38 Es handelt sich bei dieser Beschreibung nicht um eine gängige Definition. Eine solche existiert nicht. Man muss sich dem Begriff und seiner Bedeutung daher annähern, was im Folgenden getan wird.
39 SIEVERTS, T. (1997), S. 15.
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angesammelt. Die Zwischenstadt ist nicht abhängig von der Kernstadt, sondern entwickelt mit der Zeit einen (teil)autonomen Status hinsichtlich Wohn-, Arbeits- und Versorgungseinrichtungen. Die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikations- Technologien (IuK-Technologien) im Rahmen von Computerisierung, Technologisierung und Vernetzung ermöglichen die Unabhängigkeit von Zeit und Raum und sind von zunehmender Bedeutung für die Unabhängigkeit des zwischenstädtischen Siedlungsarchipels.
„Zwischenstadt ist das Produkt des seit der Industriellen Revolution mit der Entfaltung der Produktionskräfte gewachsenen Reichtums im Zusammenwirken mit Transporttechniken,
Telematik und Systemdifferenzierungen.“ 40 Diese Aussage untermauert nicht nur die zuvor getroffene Feststellung hinsichtlich eines unabhängigen Siedlungsgefüges; sie verdeutlicht auch, dass die Zwischenstadt nicht von heute auf morgen entstanden ist, sondern sich über einen längeren Zeitraum entwickelt hat und zwar zunächst - und teilweise bis heute - ohne bewusst wahrgenommen zu werden. Zwischenstädtische Gebiete besitzen ausgefranste Ränder und setzen sich aus verschiedenartigsten sog. ‚Patches’ - Wohnraum, Gewerbegebiete, Freizeit- und Konsumeinrichtungen, Verkehrswege, Parks, offene Landschaft - zusammen. Diese beiden Charakteristika (Art der Ränder und ‚Patches’) sind Ergebnisse der oben erwähnten Einzelentscheidungen und verdeutlichen, dass die Zwischenstadt kein vollständig geplantes Konstrukt ist. Einzelne Elemente hingegen können durchaus geplant sein. Funktionsmischung tritt durch die patchworkartige Gestalt in erster Linie großräumig auf.
Dem zwischenstädtischen Phänomen fehlt eine eigenständige Identität, was die Problematik einer allgemein fehlenden Wahrnehmung dieses Phänomens von Seiten der Stadt- und Landschaftsplaner aufwirft. „Die einseitige Liebe zur historischen Stadt ist ein Hauptgrund
dafür, das ungeliebte Suburbia als Aufgabe zu verdrängen.“ 41 Die außerhalb der Stadt liegenden Strukturen werden negativ mit Begriffen wie ‚Zersiedlung’, ‚Siedlungsbrei’ oder ‚Umlandzone’ besetzt. Umso wichtiger ist die intensive Auseinandersetzung mit den vorhandenen Strukturen. SIEVERTS wünscht sich, dass die Strukturen akzeptiert und als gegeben genommen werden. Dieser Wunsch verdeutlicht, dass es kein Zurück mehr zur Kompaktheit gibt, sondern dass die bestehenden Siedlungselemente Teil der Zukunft der Stadt(region) sind. Nur mit dieser Erkenntnis kann man den nächsten Schritt machen:
40 SIEVERTS, T. u. B. SIEVERTS (2003), S. 37.
41 SIEVERTS, T. u. B. SIEVERTS (2003), S. 30.
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Maßnahmen zur Qualifizierung und Gestaltung der Zwischenstadt ergreifen. 42 Auf diese Problematik wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter eingegangen.
Das grundlegend Neue an SIEVERTS Ansätzen ist die neue Sichtweise auf den Raum um die Stadt herum sowie auf das Verhältnis von Stadt und Umland. Kein Wissenschaftler zuvor hat derart deutlich zu einer alternativen Umgangsweise mit suburbanen Strukturen aufgerufen.
Das Werk kann als Plädoyer für einen Perspektivenwechsel weg von der Kompakten Stadt hin zu neuen Stadt-Land-Strukturen aufgefasst werden. Allerdings gilt diese Aussage nur für die Befürworter seiner Hypothesen und Vorgehensweisen. Die Kritik von Stadtplanern und Geographen an der Zwischenstadt ließ nicht lange auf sich warten. „Im Hinblick auf das Ziel einer flächensparenden Siedlungsentwicklung wird der Ansatz der Zwischenstadt als
Legitimation des Flächenverbrauchs kritisiert und abgelehnt.“ 43 HOFFMANN-AXTHELM sagt deutlich, entweder man solle ein städtisches Gebiet als ‚Stadt’ bezeichnen oder es befinde
sich ‚zwischen Städten’. 44 Übernommen wird die Auffassung SIEVERTS in einem gemeinsamen Aufsatz von BORMANN et al., die ihren Titel einem Wortspiel gleichsetzen:
„Zwischenstadt: Inzwischen Stadt“ 45 . Auf diese Weise untermauern sie nicht nur SIEVERTS These, sondern gehen einen Schritt weiter und betiteln die vorhandenen Siedlungsstrukturen als werdende Stadt. Die grundlegende Frage, die sich bei diesen gegenteiligen Meinungen auftut, ist, ob der gesamte siedlungsstrukturelle Entwicklungsprozess von der Sub- oder
Periurbanisierung zur Des- oder Counterurbanisierung 46 übergeht, also ob sich der gesamte Prozess hin zu einer Bedeutungszunahme des peripheren Raumes entwickelt. Diese Frage kann in der wissenschaftlichen Diskussion aufgrund kaum vorhandener empirischer Materialien noch nicht beantwortet werden.
Ein Blick auf den wissenschaftlichen Forschungsstand in den Niederlanden lohnt, da hier der Entwicklungsprozess anhand konkreter Beispiele thematisiert wird. FRIJTJERS et al. widmen sich diesem Thema, nennen ihr 2004 erschienenes Werk jedoch nicht ‚Tussenstad’ (Zwischenstadt), sondern Tussenland. Tussenland meint das Gebiet zwischen siedlungsstrukturellen Elementen, das, so wird in der Einleitung des Buches betont, verborgen
42 Ausführlich über die Qualifizierungsmaßnahmen siehe SIEVERTS, T. (2002); SIEVERTS, T. (2002a); VOLMAN, R. u. M. SANDTNER (2002) sowie BODENSCHATZ, H. (2002). Zum Beispiel der Stadt Frankfurt vgl. auch BÖLLING, L. (2003).
43 KÜHN, M. (2001), S. 407.
44 Vgl. HOFFMANN-AXTHELM, D. (2001), S. 214.
45 Eine ‚DNA-Analyse’ der Siedlungsstruktur nach BORMANN, O., M. KOCH, M. SCHRÖDER u. M. SCHUMACHER (2003), S. 32f.
46 Vgl. HEINEBERG, H. (2001), S. 40-46.
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ist, 47 also ein Gebiet, das, wie auch SIEVERTS bemerkt, gerne von Planern außer Acht gelassen wird. Tussenland ist das Gebiet zwischen den sich im Rahmen der Suburbanisierung entwickelnden Siedlungselementen oder anders formuliert: Es sind die Elemente zwischen den zwischenstädtischen Elementen. Sinngemäß besitzt Tussenland eine ähnliche Intention wie die Zwischenstadt bei SIEVERTS, insgesamt handelt es sich bei dem niederländischen Terminus jedoch um ein Gebiet, das durch neue Stadtstrukturen verdrängt wird und nicht um
ein Gebiet, das wie die Zwischenstadt aus neuen Stadtstrukturen besteht. Eine Gleichsetzung der Begriffe Zwischenstadt und Tussenland muss also vermieden werden. Dennoch können zahlreiche Parallelen gezogen werden, die den gleichen städtischen Entwicklungskontext als Basis haben. Tussenland liegt ebenso wie die Zwischenstadt zwischen Stadt und Land und besitzt von beiden Charakteristika, ist aber letztendlich weder Stadt noch Land. Das Tussenland taucht z. B. an Orten, die einer ökonomischen Transformation unterliegen, entlang infrastruktureller Knotenpunkte oder auch peripher gelegener Infrastrukturverbindungen auf. Tussenland entsteht an Orten, deren Planung noch offen ist oder die nicht explizit in Raumordnungsplänen vorgeschrieben ist. Insgesamt verstehen
FRIJTERS et al. ihr Werk ebenso wie SIEVERTS als Plädoyer für eine neue räumliche
Kategorie. Er fordert ebenso eine bewusste Wahrnehmung der bestehenden und sich weiter entwickelnden zwischenstädtischen Strukturen. Insbesondere die Raumplanung und Raumordnung sollte im bestehenden System Raum für das Phänomen schaffen.
DERKSEN, Leiter des Raumplanungsinstituts in den Niederlanden, erwähnt das Tussenland
in einer seiner Kolumnen. 48 Obwohl ‚Tussenland’ das einzige Gesamtwerk über das Thema ist, befassen sich einige Texte mit der in Tussenland dargestellten Thematik der zunehmenden
Verstädterung und der Auflösung des Unterschiedes zwischen Stadt und Land. 49 RUIJTER stellt beispielsweise fest, dass Verstädterung immerhin schon seit 150 Jahren Leitthema der Raumplanungspolitik ist. Die Thematik von Tussenland liefert aus einer neuen Betrachtungsweise einen Beitrag zur Problematik der zunehmenden Verstädterung und der verschwindenden ländlichen Strukturen in städtischen Agglomerationsräumen.
47 Vgl. FRIJTERS, E., D. HAMERS, R. JOHANN, J. KÜRSCHNER, H. LÖRZING, K. NABIELEK, R,
RUTTE, P. van VEELEN u. M. van der WAGT (2003), S. 12f.; siehe dazu auch HAMERS, D. u. RUTTE, R.
(2003).
48 Vgl. Online unter: DERKSEN, W. (2004). Kurz zu Tussenland auch online unter: RPB (2004), S. 4 und S. 8.
49 Vgl. Über die Einführung von roten und grünen Konturen im Fünften Raumordnungsprogramm als Trennung
zwischen Stadt und Land diskutiert RUIJTER, G. de (2002). Über ‚verborgenes’ Land HAMERS, D. u. M.
van der WAGT (2005).
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In dieser Arbeit wird die Hypothese aufgestellt, dass sich mit der Zeit die zwischenstädtischen ‚Patches’ untereinander verbinden bzw. sich zu einem neuen Ganzen zusammenfügen, das durch netzwerkartige Strukturen gekennzeichnet ist. Das Produkt aus zwischenstädtischen Elementen an verschiedenen Orten und anhaltender Transformation wird daher in seiner Gesamtheit als regionale Netzwerkstadt bezeichnet.
2.3 Regionale Netzwerkstadt
In dieser Arbeit wird die Netzwerkstadt als Netzwerk zwischen der Stadt und (teil)städtischen Siedlungselementen im Umland verstanden, die jeweils eigene Profile besitzen und durch gegenseitige funktionale Ergänzung die Stadtregion stärken. Die Verbindung durch Verkehrswege ist essentiell für das Funktionieren der Netzwerkstadt.
Die Idee der Netzwerkstadt ist nicht neu. Bereits in den 60er Jahren bezeichneten Raumplaner die niederländische Randstad als polyzentrische städtische Agglomeration, die netzwerkartige Strukturen besitzt. In größeren städtischen Agglomerationen spielt aufgrund der zunehmenden funktionalen Verflechtung zwischen den Städten und den Gemeinden im Umland der gesamte Raum eine wichtige Rolle. Dieser Raum ist eine städtische Region mit ländlichen Elementen. Das Ruhrgebiet und die Randstad sind Beispiele für einen solchen regionalisierten (polyzentrischen) Agglomerationsraum, der sich netzwerkartig, aber regional konzentriert, über einen großen, aber dennoch mithilfe mehrerer Kriterien (z. B. Bevölkerungsdichte, Pendlerverflechtung) abgrenzbaren, funktional verflochtenen Siedlungsraum erstreckt. Kritiker der Regionalisierung sehen in den Visionen und Ideen über die Netzwerkstadt eine Legitimierung für die Auflösung der Kompakten Stadt. HOFFMANN-AXTHELM gehört zu den Kritikern der regionalen Stadt und behauptet: „Die Stadtregion ist, (…) das trojanische
Pferd, über welches die Raumordnung sich endlich der Stadt von innen her bemächtigt.“ 50 Doch das anhaltende Wachstumspotential von Bevölkerung, Ökonomie und Mobilität sowie eine fortschreitende, nicht aufzuhaltende Suburbanisierung („Kontinuität der
Dezentralisierung“ 51 ) und die Entstehung zahlreicher Knotenpunkte schüren die Vorstellung einer polyzentrischen Stadtregion. Zudem sieht die Realität der Siedlungsformen in weiten Teilen von z. B. Ruhrgebiet und Randstad eher einem städtischen Netzwerk als einer von Stadtmauern umgebenen Stadt ähnlich. Strukturwandel, Wohnraumansprüche und siedlungsstrukturelle Eigendynamik erschweren eine Entwicklung der städtischen Strukturen innerhalb vorgegebener Räume. Städtebauliche Verdichtung und Ausdehnung der Stadt an
50 HOFFMANN-AXTHELM (1996), S. 37, zitiert in: KÜHN, M. (2001), S. 409.
51 JESSEN, J. (1998), S. 499.
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den Rändern kostet Geld und benötigt offenen Raum. Raumordnungspolitische Probleme können oft nicht mehr innerhalb vorgegebener Gebietskörperschaften gelöst werden, sondern
verlangen kooperative Zusammenschlüsse auf regionaler Ebene 52 . Durch das Zusammenwachsen der Städte und sich auf mehrere Gebietseinheiten erstreckende Raumnutzungspläne kann innerhalb einer großstädtischen Region nicht kompakt geplant
werden. 53 In den Niederlanden hat man daher beschlossen, die Grundlage der Raumordnungspolitik zu verändern und das städtebauliche Konzept der Kompakten Stadt zu
erweitern. Als Basis des Wechsels zu einem neuen Leitmotiv 54 wählen die niederländischen Stadt- und Raumplaner das Werk ‚Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft’ von Manuel
CASTELLS. 55 In diesem Werk wird ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem globalen Strukturwandel und den daraus resultierenden Veränderungen für die städtischen Formen der Postmoderne hergestellt. Die Vernetzung von Strukturen erfolgt nicht nur auf virtueller Ebene, sondern manifestiert sich in der Netzwerkstadt in den alltäglichen Strukturen und Strömen. Die Netzwerkstadt besitzt regionale oder überregionale Bedeutung. „Netzwerkstädte entstehen, wenn komplementäre Städte miteinander zusammenarbeiten und auf diese Weise
ihre gemeinsame ökonomische Basis vergrößern.“ 56 (aus dem niederländischen Originaltext von der Verfasserin übersetzt; im Folgenden: Übersetzung d. Verf.). In den Niederlanden wurde daher im Jahr 1999 in der Nota Ruimtelijk Economisch Beleid (Bericht über raumökonomische Politik) der Ausbau eines ökonomischen Netzwerks forciert. Ströme von Gütern, Personen und Informationen zwischen den Betrieben und die patchworkförmige Anlage von Betrieben bilden die Basis der Netzwerkidee in diesem Bericht. Auch in der im gleichen Jahr erschienen Nota De Ruimte van Nederland (Bericht über Raum in den Niederlanden) wird der Netzwerkgedanke aufgefasst. Eine genaue Definition der Netzwerkstadt fehlt dem Bericht allerdings, er besagt lediglich, dass „auf regionalem Niveau
Netzwerkstädte entstehen, die aus städtischen Zentren und Knotenpunkten bestehen.“ 57 (Übersetzung d. Verf.). ATZEMA stellt in seinem Aufsatz ‚Netwerken: net van werksteden’(Netzwerke: Netz von Arbeitsstädten) den Zusammenhang zwischen der Intensivierung der Informationstechnologie und der funktional-räumlichen Struktur der Netzwerkstädte her. Die Idee der Netzwerkstadt im Aufsatz von ATZEMA stellt
52 Ausführlich zu regionalen Verwaltungsformen, siehe SALET, W. u. M. de JONG (2003), S. 274f. 53 Vgl. DROOGLEVER FORTUIJN, J. (2000), S. 21.
54 Vgl. BURG, A. J. van der u. F. M. DIELEMAN (2003), S. 113.
55 Vgl. das soziologische Werk CASTELLS, M. (2001).
56 ATZEMA, O. (1999), S. 124. Originaltext: (...) netwerksteden ontstaan wanneer complementaire steden intensief met elkaar samenwerken en zodoende hun gezamenlijke economische basis verbreden.
57 ATZEMA, O. (1998), S. 124. Originaltext: “(...)op regionaal niveau netwerksteden ontstaan, die bestaan uit stedelijke centra en knoppunten.”
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ausschließlich ökonomische Netzwerke dar und wird nicht als Raumeinheit an sich betrachtet. Der Aspekt der gegenseitigen Ergänzung unter den Städten und Regionen wird dennoch deutlich und kann als eine mögliche Orientierung für die raumordnungspolitischen Ausführungen in späteren Jahren betrachtet werden. In der Vijfde Nota over de Ruimtelijke Ordening (2001; Fünftes Raumordnungsprogramm) wird das komplementäre Verhältnis zwischen ökonomischen, sozial-räumlichen, kulturellen und verkehrstechnischen Aspekten
betont. Darüber hinaus werden in diesem Bericht auch Kooperationsmöglichkeiten zwischen Städten im Bereich Erholung, Freizeit und Landschaft thematisiert. Das Fünfte Raumordnungsprogramm weist sechs nationale städtische Gebiete als solche Netzwerke aus, wobei die Randstad die Deltametropole formt und das größte städtische Netzwerk mit
internationaler Bedeutung ist. 58 Die für diese Arbeit bedeutenden Netzwerkstrukturen – wenn sie sich im Folgenden nachweisen lassen - spielen sich auf kleinerer regionaler Ebene ab, nämlich auf der Ebene der Stadtregion Amsterdam, bzw. dem niederländischen stadsgewest. Die Region Amsterdam ist Teil des städtischen Netzwerkes Randstad. Die zunehmende
Verstädterung in der Region Amsterdam ist Kennzeichen einer metropolitanen Verdichtung 59 , welche wiederum kennzeichnend für die Idee der Netzwerkstadt ist.
Die Verkehrsknotenpunkte sind von essentieller Bedeutung für die Ausformung einer
Netzwerkstadt, da sich die neuen Zentren an Kulminationskernen 60 , welche an diesen Verkehrsknotenpunkten entstehen, herausbilden. „Es entstehen regionale Netzwerke, deren Verbindungskapazität größer ist als die Anbindung an die bisherigen Stadtzentren, mit der Folge, daß (sic! Y. M.) sich ehemalige Stadtränder in Zwischengebiete und weiter in neue Entwicklungsgebiete umwandeln und daß (sic! Y. M.) sich neue, größere städtische Einheiten herausbilden, deren planerische Koordination ebenfalls neue und größere
Verwaltungseinheiten auf regionaler Ebene erforderlich macht.“ 61
Die drei dargestellten städtischen Entwicklungstrends im Stadt-Umland-Kontext können in einzelne, gleichwohl zusammenwirkende Phänomene zerlegt werden. In dieser Arbeit werden sie als zeitliche Abfolge betrachtet, doch Grundstrukturen einer jeden Richtung bleiben in dem darauf folgenden Verlauf erhalten. Die Kompakte Stadt wandelt sich nicht in ihrer gesamten Form in eine Zwischenstadt um, sondern bleibt weiterhin als Kernstadt bestehen.
58 Detailliert zur Deltametropole siehe REGT, A. de u. A. van der BURG (2000), S. 691-671.
59 Vgl. JOLLES, A., E. KLUSMAN u. B. TEUNISSEN (2003), S. 170.
60 Vgl. ROSEMANN, J. (1998), S. 362.
61 ROSEMANN, J. (1998), S. 362.
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Allerdings werden zuvor der Kernstadt zugehörige Funktionen in zwischenstädtische Bereiche ausgelagert und die Ränder der Kompakten Stadt sind weniger deutlich erkennbar. Die entstandenen zwischenstädtischen Bereiche formen in ihrer Gesamtheit keine regionale Netzwerkstadt, doch Teilbereiche verbinden sich zu einem neuen Netzwerk. Die Zwischenstadt und die Netzwerkstadt sind das Ergebnis eines anhaltenden Suburbanisierungstrends, der im engen Zusammenhang mit dem globalen Strukturwandel
steht. Ausgangspunkt des folgenden Kapitels ist die sozialräumliche Situation vor rund 40 Jahren, als die Gesellschaft von starkem Bevölkerungswachstum geprägt war, der
Suburbanisierungstrend begann 62 und vom Staat erste Maßnahmen gegen die Abwanderung getroffen wurden.
62 Es handelt sich hier nicht um die erste überhaupt auftretende Suburbanisierung in den Niederlanden. Bereits um 1900 sprach man von Abwanderungstendenzen. In der Literatur wird jedoch der Beginn der 60er Jahre als der Startpunkt der Suburbanisierung bezeichnet, die die heutigen Siedlungsstrukturen heraus gebildet hat.
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III Raumordnung in den Niederlanden seit den 60er Jahren
3.1 Dezentrale Konzentration: Wachstumskerne im Zweiten und Dritten
Raumordnungsprogramm
Das raumplanerische Konzept der Dezentralen Konzentration wurde in den Niederlanden erstmals in der Tweede Nota over de Ruimtelijke Ordening (1966, Zweites Raumordnungsprogramm), später in der Derde Nota over de Ruimtelijke Ordening (1973- 1983) als Reaktion auf das rasche Bevölkerungswachstum und die Frage nach passendem
Wohnraum fundiert. Das Konzept der Dezentralen Konzentration sah eine Reihe von städtischen Wachstumskernen (Dörfer, Kleinstädte, unbebaute Gebiete) im Umland der großen Städte vor, in denen eine große Anzahl an neuen Wohnungen gebaut werden sollte. Sie dienten einerseits als Auffangbecken für den Suburbanisierungsstrom der Bevölkerung aus den Städten – andernfalls wäre es zu einer ungeplanten Streuung der Bevölkerung im Umland gekommen – und andererseits für Bevölkerungsteile, die in den großen Städten keine
Wohnung finden konnten. 63 Durch den starken Bevölkerungszuwachs, der ökonomisches Potential im Sinne des Bildungsstands mitbrachte, sollten mithilfe staatlicher Finanzierungen neben Wohnungen auch Betriebe entstehen. Die Wachstumskernpolitik wurde mit dem
Konzept von Pufferzonen 64
kombiniert, welche zwischen den Städten und den Wachstumskernen den offenen Raum schützen und so das Aneinanderwachsen von Städten und Wachstumskernen verhindern sollten.
In den späten 60er Jahren waren die Niederlande vom Wohlstand geprägt und es kam v. a.
durch den zunehmenden Autobesitz zu einer verstärkten Suburbanisierung. 65 Die großen Städte verloren durch das Konzept der Wachstumskerne rund ein Viertel ihrer Bevölkerung, und zwar in erster Linie aus einkommensstarken Schichten. In der Folge hatten die Städte mit
innerstädtischen Verelendungstendenzen zu kämpfen. 66 Die sozialen Kontraste zwischen Stadt und Umland verstärkten sich. In den 70er Jahren nahmen sowohl Bevölkerung als auch das Wohnungsangebot in den Wachstumsgemeinden weiterhin stark zu, trotz Maßnahmen zur Stadterneuerung, die im Dritten Raumordnungsprogramm eingeführt worden waren. Der erste Erfolg der Wachstumskerne ging demnach einher mit zunehmenden Problemen in den Kernstädten: Anhaltender Verlust von Bevölkerung und Arbeitsplätzen sowie selektive
63 Vgl. BRUIJNE, D u. F. KNOL (2001), S. 113.
64 Vgl. Online unter: VROM (o. J. a).
65 Vgl. BRUIJNE, D u. F. KNOL (2001), S. 14.
66 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999), S. 27.
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Migration der besser verdienenden Mittelschicht und Familien mit Kindern. 67 DIELEMAN und MUSTERD sehen im Gegensatz zu BRUIJNE und KNOL jedoch auch grundlegende Probleme innerhalb der Wachstumskerne: Diese fingen zwar die Bevölkerungssuburbanisierung auf, die Betriebe ließen sich jedoch an anderen Orten im Umland, und zwar in erster Linie an bestehenden Autobahnen und regionalen
Verkehrskorridoren, nieder, 68 wodurch der Abstand vom Wohn- zum Arbeitsplatz zunahm. In der Tat waren dies Probleme der Wachstumskerne, die von BRUIJNE und KNOL nicht erläutert werden. Da diese Abstände überbrückt werden mussten und hierfür keine geeigneten öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung standen, kam es zu einer Zunahme des motorisierten Individualverkehrs und die Umweltbelastung stieg. Zudem wurde die Qualität des ländlichen Gebietes stark durch die betrieblichen Niederlassungen beeinträchtigt.
Seit den 80er Jahren haben die Suburbanisierungstendenzen abgenommen, was hauptsächlich daran lag, dass der Staat aufgrund o.g. Probleme die Subventionen für eine weitere
Ausbreitung der Wachstumskerne kürzte. 69 Die Wachstumskerne hatten deshalb zunehmend mit finanziellen Problemen zu kämpfen und konnten auf Dauer keine attraktive Wohnumgebung bieten. Abgesehen davon war der Bau von Wohnungen in den Städten nicht teuerer als in den Wachstumsgemeinden, so dass der Entschluss reifte, die Städte durch
Sanierung, Verdichtung und Ausbreitung zu stärken. 70 Der Suburbanisierungstrend verringerte sich fernerhin unter dem Einfluss ökonomischer Stagnation und Einkommensunsicherheiten, die durch die beiden Ölkrisen verursacht wurden. Demzufolge versuchten die Stadtplaner durch o.g. städtische Erneuerungsmaßnahmen die Attraktivität der Stadt als Standort für Betriebe zu steigern. Um die europäische Konkurrenzfähigkeit im Rahmen der Globalisierung zu stärken, beschloss die Regierung insbesondere ökonomisch gewinnbringende Regionen zu fördern. Die veränderten Anforderungen an den Raum führten im Jahr 1988 zur Entwicklung der Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening, die im Vergleich zu ihren Vorgängern sehr viel stärker marktwirtschaftlich orientiert war und in dem die Raumnutzung zum ersten Mal an die internationalen Entwicklungen angepasst wurde.
67 Vgl. BRUIJNE, D u. F. KNOL (2001),. S. 16.
68 Vgl. DIELEMAN, F. M. u. S. MUSTERD (Hrsg.) (1999), S. 8.
69 Vgl. BONTJE, M. (2002), S. 47f.
70 Vgl. BRUIJNE, D u. F. KNOL (2001), S. 16.
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3.2 Internationale Ausrichtung und Bündelung im Vierten Raumordnungsprogramm
Mit VINO wurde eine neue Phase der Raumordnungspolitik eingeleitet. Internationale und globale wirtschaftliche Entwicklungen wie der Strukturwandel und die Globalisierung werden
ab diesem Zeitpunkt als Grundlage für die zukünftige Raumordnungspolitik betrachtet. 71 Im Vierten Raumordnungsprogramm wird auf dieser Basis die Förderung der folgenden Elemente unterstrichen: Ein verbessertes Angebot bezüglich neuer Niederlassungen von
bedeutenden Unternehmen (Gründungsklima) sowie internationalen Instituten und Schulen, optimale verkehrstechnische Anschlüsse, ein hochwertiger, nachhaltiger und flexibler
Wohnungsbau und nicht zuletzt der Schutz von offenen Räumen (‚Grünes Herz’ 72 ). Um international konkurrenzfähig zu sein, sollten ökonomisch gewinnbringende Regionen
gestärkt werden („Regio’s op eigen kracht“ 73 ). Da dafür v. a. die Randstad von Bedeutungist, enthält VINO das Konzept „Stedenring Centraal Nederland“ 74 (Zentraler Städtering der Niederlande) mit dem Ziel der Intensivierung ökonomischer und städtischer Qualitäten innerhalb des Randstadrings. Besonders hervorgehoben wurde die Stärkung der wirtschaftlichen Hauptzentren (Mainports) Schiphol (Airport) und Rotterdam (Seaport), deren Verbindungen und Standorte optimiert werden sollten. In der Randstad mit Amsterdam und Utrecht im Nordflügel und Rotterdam und Den Haag im Südflügel wurde eine
Unterscheidung zwischen A-, B- und C – Orten eingeführt. 75 Die A-Orte sind öffentliche Verkehrsorte innerhalb der Stadtzentren, die nah an Knotenpunkten von öffentlichen Verkehrsmitteln liegen und weniger gut mit dem Auto erreichbar sind. Die B-Orte sind eine Mischung aus öffentlichen Verkehrsorten und Autoorten, die nah bei Bahnhöfen der Vorstädte oder bei anderen Verkehrsknotenpunkten liegen. C-Orte sind reine Autoorte, die am Stadtrand liegen, eine direkte Verbindung an Autobahnen besitzen und weniger gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Darüber hinaus ist im Vierten Raumordnungsprogramm zum ersten Mal die Rede von städtischen Knotenpunkten. Ein städtischer Knotenpunkt ist nach der Umschreibung von VROM ein städtisches Gebiet mit einem hochwertigen städtischen Zentrum, das ein gutes Gründungsklima für wirtschaftliche Aktivitäten bietet und eine dynamische städtische Entwicklung aufweist. Mit der Verbindung der Knotenpunkte mithilfe wirtschaftlicher Entwicklungsachsen – so genannte Korridore –
71 Vgl. VROM (1988), S. 12f.
72 Das ‚Grüne Herz’ ist ein vorwiegend landwirtschaftlich genutzter offener Zwischenraum, der innerhalb des städtischen Gebietes der Randstad liegt und wichtige Naherholungsfunktionen für die städtische Bevölkerung bietet.
73 Vgl. VROM (1988), S. 99f.
74 Vgl. VROM (1988), S. 105f und BROUWER, J. (1996), S. 29.
75 Vgl. VROM (1988), S. 57f.
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will man die Entstehung ökonomischer Netzwerke erreichen, um bessere wirtschaftliche Impulse geben zu können. Die Korridore betonen nachdrücklich die Rolle der Infrastruktur als physischer Träger der Verstädterung und unterstreichen das Ziel der Erreichbarkeit. Bei diesem Konzept fällt allerdings auf, dass die Nutzung von Korridoren erste netzwerkartige Strukturen zur Folge hat, was letztendlich dem Ziel der Bündelung in VINO nicht vollständig entspricht.
Die Städte sollen bewusst gestärkt werden. 76 Durch das Prinzip der Bündelung will die Regierung Funktionen wie Wohnen, Arbeiten und Versorgung innerhalb der Stadtgebiete konzentrieren und eine nachhaltige und angenehme Lebensumwelt schaffen. Die Funktionen sollen sich in unmittelbarer Nähe zueinander befinden. Auch wenn der Begriff ‚Kompakte
Stadt’ in diesem Bericht nicht erwähnt wird 77 , entsprechen die genannten Maßnahmen bis auf o.g. Korridore dem in Abschnitt 2.1 dargestellten Konzept, da sowohl die Knotenpunkte, die Konzentration auf die Stadtregion und auf den Randstadring und die Stärkung bestimmter
Regionen auf dem Prinzip der kompakten Bündelung 78 fußt. Demnach findet eine Einordnung des Stadtentwicklungsmodells der Kompakten Stadt in das Raumordnungsgefüge statt.
76 Vgl. VROM (1988), S. 45f.
77 Vgl. VRIESMAN, K. J. (1998), S. 21.
78 Vgl. VROM (1988), S. 180f. und VROM (1999), S. 28.
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3.3 Vinex-Gebiete im Vierten Raumordnungsprogramm Extra
3.3.1 Aktualisierung des Vierten Raumordnungsprogramms und neue Inhalte
Kurz vor der Einführung des Vierten Raumordnungsprogramms kam es in den Niederlanden zu einem Regierungswechsel. Die neue Regierung übernahm das Vierte Raumordnungsprogramm, sah sich jedoch in erster Linie aufgrund zunehmender Umweltprobleme, später auch wegen neuer gesellschaftlicher und räumlicher Entwicklungen, auf die ausführlich in Kapitel IV eingegangen wird, dazu veranlasst, das Vierte
Raumordnungsprogramm zu aktualisieren. 79 Im Jahr 1990 wurde die Aktualisierung des Vierten Raumordnungsprogramms, die Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening Extra (VINEX), veröffentlicht, die bis zum Jahr 2005 Gültigkeit hat. In einer weiteren Aktualisierung, genannt Vinac ( Actualisering van de Vierde Nota over de Ruimtelijke
Ordening Extra), wird das raumordnungspolitische Programm bis zum Jahr 2010 festgelegt. 80 Im Folgenden wird weiterhin von VINEX gesprochen, wie es bei den niederländischen Planern üblich ist. VINEX ist der Nachfolger der Wachstumskernpolitik und kann zuallererst als Reaktion auf die Zersiedlung von Neubauten im Umland betrachtet werden, die sich trotz der Wachstumskernpolitik abzeichnete. Stadtumlandgemeinden sind durch den Bau von neuen Vierteln gewachsen, ohne dass ein echter Zusammenhang zwischen diesen Neubauten entstanden ist.
Oberstes Ziel von VINEX ist es daher, Raum für Betriebe und Wohnungen im bestehenden bzw. angrenzenden Gebiet der Stadt zu schaffen und durch die Bündelung von Funktionen – eine Fortsetzung von VINO – die städtische Raumnutzung zu intensivieren. Um den quantitativen Mangel an Wohnungen zu beheben, sind jedoch auch groß angelegte Neubauprojekte notwendig. Diese sollen in unmittelbarer Nähe der Stadt realisiert werden und erhalten den Namen VINEX-Lokatie (Vinex-Gebiet). Dabei hat der kompakte Anschluss von Wohn- und Arbeitsraum an bestehende städtische Strukturen Priorität. Durch gezielt angelegten ÖPNV zwischen Wohn- und Arbeitsgebieten und der bestehenden Stadt soll zudem die Automobilität verringert werden. VINEX ist „dedicated to the compact city and
seek to control the increase of car mobility.” 81
79 Vgl. VROM (1990), S. 6f.
80 Vgl. VROM (1997), S. 7.
81 PRIEMUS, H. (1998), S. 447.
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Yvonne Metzger, 2005, „Het transurbane stadsgewest“ - Siedlungsstruktur im Stadt-Umland-Kontext Amsterdams, aufgezeigt an Vinex-Gebieten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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