Das anselmianische Argument für die Existenz Gottes 1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Zur Scholastik und der anselmianischen Methode 3
1.1. Zum Proslogion 3
2. Rekonstruktion des Gottesbeweises 4
2.1. Gaunilos Antwort 6
2.2. Anselms Antwort auf Gaunilos Einwände 8
3. Die Kommentare Mackies und Stegmüllers und eigene Stellungnahme 9
Schlußbemerkung 13
Literaturverzeichnis 15
Mit grosser Selbstverständlichkeit wird der Gottesbeweis von Anselm von Canterbury als ontologischer Gottesbeweis bezeichnet. Dabei hat erst Immanuel Kant dem Argument diesen Namen verliehen. 1 Nun stellt sich die Frage, ob Kant diese begriffliche Bestimmung mit Berechtigung vollzogen hat. In dem Begriff ontologisch ist das griechische Wort on (seiend) enthalten. Da Anselm das Seien von Gott als unwiderlegbar zu beweisen versucht und nach seiner Überzeugung auch geschafft hat, ist die Bezeichnung ontologischer Gottesbeweis meiner Meinung nach durchaus verständlich. Das Seien von Gott ist wohl der zentrale Gedanke des Beweises, wobei z.B. der Ursprung des Universums, der für andere Gottesbeweise von Bedeutung ist, für Anselm überhaupt keine Rolle spielt. Auch wenn man bei der aristotelischen Vorstellung vom “unbewegten Beweger” 2 vielleicht von einem Gottesbeweis sprechen kann, so gilt das anselmianische Argument als erster historischer Beweis. Er wurde seit seiner Erscheinung im 11. Jahrhundert sehr oft diskutiert, erörtert aber auch widerlegt. Angefangen hat die Diskussion mit der sogenannten Anselm-Gaunilo Kontroverse: Der Mönch Gaunilo von Marmoutiers versuchte kurz nach der Veröffentlichung des Beweises, diesen zu widerlegen, woraufhin Anselm prompt Stellung nahm und seinerseits versuchte, den Einwand Gaunilos zu widerlegen. 3
Die historische Debatte ging dann weiter über Thomas von Aquin, Rene Descartes, Immanuel Kant, G. F. Hegel bis ins 20. Jahrhundert, wo der Beweis von Alvin Platinga, J. L. Mackie oder Wolfgang Stegmüller wiederaufgenommen wurde. 4
Ich möchte mich bei der Besprechung des Beweises allerdings vorwiegend auf die Stellungnahmen Mackies und Stegmüllers konzentrieren, denn eine ausführliche Beachtung der Kommentare Hegels oder Kants würde den Rahmen einer Proseminar-Arbeit sprengen. Zunächst einmal möchte ich den Beweishergang festhalten und sodann die Argumente für und gegen ihn darstellen. Am Ende werde ich mich dann mithilfe einer eigenen Stellungnahme für oder gegen den Beweis entscheiden. Rein rationale bzw. logische Gründe sollen für meine Annahme oder Ablehnung des Beweises entscheidend sein.
1 Vgl. F.S. Schmitt: Einführung. In: Anselm von Canterbury: Proslogion. Stuttgart-Bad Cannstat 1962, S. 13.
2 Vgl. Aristoteles, Met. XII7, 1072b14- b31.
3 Hierbei ist zu beachten, daß Anselm anordnete, die Gaunilo- Debatte unbedingt seinem Proslogion beizufügen. Er schien also seine Argumente für stärker gehalten zu haben als die des Gaunilo (Vgl. hierzu Kurt Flasch: Einleitung. In: Kann Gottes Nicht-Sein gedacht werden? Hrsg. von Burkhard Mojsisch. Kempten/Allgäu, 1989, S. 10.
4 Vgl. J. L. Mackie: Das Wunder des Theismus (The miracle of theism. Oxford, 1982.) übers. von R. Ginters. Stuttgart, 1985. S. 68
1. Zur Scholastik und der anselmianischen Methode
Bevor ich näher auf den Gottesbeweis von Anselm eingehen werde, möchte ich noch kurz den philosophischen Hintergrund skizzieren, der für Anselms Vorgehensweise von einiger Bedeutung sein dürfte.
Die Philosophie des Mittelalters hatte ihren Ursprung in den Klosterschulen des Klerus,war also nicht unbedingt eine öffentliche Angelegenheit. Daher wird sie auch mit dem Terminus Scholastik bezeichnet, was nichts anderes als Schullehre bedeutet.
Die scholastische Methode will durch den Gebrauch von Vernunft und Logik Einsicht gewinnen in Offenbahrungswahrheiten und Glaubensinhalte. 5 Der berühmte, von Augustin eingeführte Satz “credo ut intelligam” ist charakteristisch für Anselms Philosophie: Als Basis dient immer der Glaube, welcher aber mithilfe der Vernunft erklärt werden soll. 6 Anselm,der diese Methode perfektionierte, wird heutzutage auch gerne als der Vater der Scholastik bezeichnet. 7
Anselm beruft sich bewußt nicht auf die Bibel oder christliche Autoritäten, er möchte vielmehr alleine mit der Vernunft beweisen, daß Gott existiert und daß das Nicht-Sein Gottes nicht gedacht werden kann. Die Tatsache, daß Anselm also nicht nur einen Beweis für die Existenz Gottes erbringen möchte, sondern auch die Denkunmöglichkeit des Atheismus aufzeigen will, ist erstaunlich. Ziel ist demnach nicht nur eine Begründung des eigenen Glaubens, sondern auch eine Widerlegung der Ungläubigen.
1.1. Zum Proslogion
Der anselmianische Gottesbeweis befindet sich in den Kapiteln II-IV des Proslogion, welches Anselm im Jahre 1078 veröffentlichte. 8 Das Proslogion ist das berühmteste Werk von Anselm und verhalf ihm dazu, in allen Geschichten der Philosophie Erwähnung zu finden. 9 Man könnte sogar behaupten, daß keine andere philosophische Schrift des Mittelalters eine derart große Aufmerksamkeit erhalten hat. 10
5 Vgl. Ernst von Aster: Die Geschichte der Philosophie. Stuttgart, 1980, S. 136f..
6 Vgl. ders. S. 140.
7 Anselm is “considered the father of scholasticism.” In: The Software Toolworks Multimedia Encyclopedia(CD-Rom) 1992 Edition
8 Es ist bemerkenswert, daß Anselm seine Schrift zunächst “Der Glaube auf der Suche nach Verständnis” nannte, und ohne Verfassernamen veröffentlichte. Erst später, veranlaßt vor allem durch den Erzbischof Lyon Hugo, fügte Anselm der Schrift seinen Namen hinzu und nannte sie schliesslich “Proslogion”. Vgl. Anselm von Canterbury: Leben, Lehre, Werke. Hrsg von Rudolf Allers. Wien, 1936. S. 353f.
9 Vgl. Kommentar von R. Allers. In: ders. S. 351.
10 “Perhaps no other medieval writing has received as much philosophical attention as Anselm`s Proslogion.” In: The Software Toolworks Multimedia Encyclopedia-1992 Edition.
Das anselmianische Argument für die Existenz Gottes 4
“Proslogion” bedeutet soviel wie “Anrede” oder “Ansprache”. Zweifellos handelt es sich um eine Anrede an Gott, denn das gesamte Proslogion enthält unzählige direkte Ansprachen Anselms an Gott, wie z.B. : “Dein Antlitz suche ich, Dein Antlitz, Herr, begehre ich.” Oder etwa : “So gib mir nun, o Herr, der Du dem Glauben auch die Einsicht verleihst, gib mir, so weit Du es als zuträglich weißt, die Erkenntnis des Verstandes, daß Du bist, wie wir glauben, und daß Du das bist, was wir glauben.” 11 Dennoch sollte man aufgrund des Gebetscharackters einiger Passagen des Proslogions , vor allem des
1. Kapitels, nicht darauf schließen, daß man es vorwiegend mit einer mysthischen Gottesanbetung zu tun hat. Die Gottesansprache Anselms darf nur als Hintergrundaspekt seines Werkes, als eine Art Stilmittel; angesehen werden und muß wegen der scholastischen Prägung Anselms im Kontext ihrer Zeit gesehen werden. Wenn man nämlich genauer die Kernstellen des Proslogion, die Kapitel 2-4, betrachtet, dann bemerkt man, daß die Vernunft bei Anselm absolute Priorität hat. Gerade die Aussprache “gib mir (...) die Erkenntnis des Verstandes” 12 verdeutlicht meiner Meinung nach den hohen Anspruch an die Vernunft, den Anselm sich selbst als Grundlage für seine Argumentation schafft. Anselm möchte seinem Beweis sozusagen einen rationalen Charakter verleihen, denn die Einsicht steht für Anselm deutlich höher als der Glaube. 13
2. Rekonstruktion des Gottesbeweises
Der Titel für das 2. Kapitel des Proslogion verweist auf den Inhalt des Kapitels: “Gott ist wirklich”. Dieser Satz ist als Hinweis darauf zu verstehen, daß nun der Gottesbeweis geleistet wird. Als Basis für seinen Beweishergang definiert Anselm Gott als “etwas, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.” 14 Diese Definition ist überhaupt schon die zentrale Stelle von Anselms Beweis. Sie dient als Ausgangspunkt für die gesamte folgende Argumentation. Da Anselm die Intention hat, Atheisten von der Existenz Gottes zu überzeugen, fingiert er einen atheistischen Gegner. Dieser Gegner ist der Tor, der nach Psalm 13 “in seinem Herzen spricht : es ist kein Gott.” 15
Anselm behauptet nun, daß auch der Tor den Ausdruck “etwas, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann” versteht, und zwar im Sinne von sprachlichem Verstehen. 16 Daraus folgt nach
11 Proslogion, c.1, S. 353 und c.2, S. 356.
12 Proslogion, c.2, S.356
13 Vgl. Kurt Flasch, S. 11.
14 Anselms Wechsel von einer unbestimmten Beschreibung(etwas, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann”) zu einer bestimmten Beschreibung(“das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann”) ist für den Beweis von keiner tiefergehenden Bedeutung. Ich werde mich bei der Rekonstruktion des Beweises auf die erste Variante beschränken.Auch Mackie und Stegmüller sehen in diesem Wechsel keinen gravierenden Fehler. Vgl. Mackie, S. 83 und Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Band IV.Stuttgart, 1989. S. 357.
15 Proslogion, S.356
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Elmar Korte, 1997, Das Anselmianische Argument für die Existenz Gottes, Munich, GRIN Publishing GmbH
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